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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-03-01 · 3 (3.1931) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
3 (3.1931)
Date
1931-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Von der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des Deutschen Reiches. Nach einer etwa halbjährigen Pause trat die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände des Deutscher, Reiches an: 1. Februar 193t in Berlin zu einer Sitzung zusammen. Den Vorsitz führte der Präsident des Preußischen Landesverbandes, Kammergerichtsrat Leo Wolfs. Die Verhandlungen hatten zum Teil vertraulichen Charakter und betrafen, entsprechend dem Geschäftskreis der Arbeitsgemeinschaft, solche Angelegenheiten, die für alle deutschen Juden von Bedeutung sind. Wie der Vorsitzende einleitend mit dem Ausdruck des Bedauerns feststellte, konrrte eine Aussprache über die Schaffung eines Reichsverbandes nicht auf die Tagesordrrung gesetzt werden, weil mit Rücksicht auf die im Preußischen Landesverband inzwischen erfolgten Neuwahlen es irr der verflossenen Zeit nicht möglich war, die von diesem Verbände zu leistenden Vorarbeiten genügend zu fördern. Eine eingehende Besprechung, an der sich die Vertreter aller Landesverbände beteiligterr, wurde dem gegenwärtigen Stande der Schächtfrage gewidinet. Mit den von dem Rat des Preußtschcn Landesverbände am 1t. Januar 1981 gefaßten Beschlüssen erklärte sich die Reichsarbeitsgeineinschaft einverstanden. In dein zusammen mit dem Büro für Schächtangelegenheiten und dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu bildenden Komitee wird sich der Preußische Landesverband, zugleich als Geschäftsführer der Reichsarbeitsgemeinschaft, an den Beratungen und Entschließungen über die zu treffenden Maßnahmen beteiligen. Der Preußische Laiidesverbaiid hat beschlossen, die von mehreren Stellen eingeleiteteii Schritte, um den durch die geplante Reform des Kalenders für die Erhaltung des Sabbaths drohenden Gefahren zu begegnen, zu unterstützen. Dieser Beschluß wurde gutgeheißen und zugleich ein besonderer Ausschuß eingesetzt, der sich mit den einschlägigen Fragen beschäftigen soll. Sehr eingehend wurde die Ausgestaltung und Neuordnung des Religionsunterrichlswesens und die Schaffung von geeigneten Lehrbüchern behandelt. Es wurde allseitig anerkannt, daß aus diesem Gebiet grundlegende Aenderungen nötig sind. Der früher von der Arbeitsgemeinschaft eingesetzte Ausschuß wurde beauftragt, feine Arbeit unter Zuziehung von Fachgelehrten fortzusetzen, und vor allem auch die allgemeinen Bedingungen und Richtlinien für die Ausarbeitung der Lehrbücher festzulegen. Anschließend an frühere Beratungen wurden die bisherigen Ergebnisfe der von dem Preußischen Landesverband zur Linderung der jüdischen Wirtschaftsnot getroffenen Maßnahmen besprochen. Die Erhaltung des in Marburg bestehenden Heilerziehungsheims, welche aus Mangel an Mitteln gefährdet ist, soll dadurch gewährleistet werden, daß die in der Reichsarbeitsgcmeinschaft vereinigten Landesverbände sich gemäß den vor einiger Zeit an Ort und Stelle getroffenen Vereinbarungen mit angemessenen Beiträgen beteiligen. Abgesehen von der Behandlung einiger besonderer Augelegenheiten wurde endlich noch über die schwierigen Verhältnisse in den kleinen Landesverbänden, insbesondere in Oldenburg beraten. Der Preußische Landesverband wurde mit den Vorarbeiten für die Errichtung eines Hilfsfonds für notleidende Landesverbände beauftragt und ersucht, die erforderlichen Schritte sofort einzuleiten. Die Versammlung, welcher ein außerordentlich reiches Material zur Beschlußfassung unterbreitet war, wurde nach zehnstündiger Dauer erst in den Abendstunden geschlossen. Zum Kapitel Schächtfrage geht uns folgender, in der Beilage zum Hessischen Volksfreund vom 5. 2. 1931 (25. Jahrg. Nr. 30) enthaltener Bericht zu. Der wahre Tierfreund mag aus diesem Berichte ersehen, daß seine Tierliebe noch manches Betätigungsgebiet findet, ohne daß sie sich im Kampfe gegen das „Schächten" völlig aufzureiben braucht. Die Schriftleitung. Gießen, 3. Febr. (E i n e s e l t e n e Jagdbeute.) In den Waldungen der benachbarten Gemeinde Wißmar konnten Arbeiter beim Holzsammeln einen Hirsch ergreifen der nur auf drei Läufen herumspazierte. Die Leute banden den seltenen Wildfang an einen Baum und holten den Förster herbei, der dem Tier durch einen Gnadenschuß ein rasches Ende bereitete. Wie sich herausstellte, war dem Hirsch schon vor längerer Zeit durch einen Schutz der eine Vorderlaus nahezu völlig weggeschossen worden, so daß sich das Tier nur noch mühsam bewegen konnte. Durch die Verstümmelung war auch die Bildung des Geweihes außerordentlich kümmerlich geblieben. 4 Israelitische Religionsgemeinde Worms. Bekanntmachung. Betrifft: Synagogenplätze. In der Hauptsynagoge sind einige Männer- und Frauenplätze verfügbar geworden. Bewerber werden gebeten, schriftliche Anträge auf Zuweisung von Plätzen bei uns einzureichen. Ter Borstand. Ein stiller Gedenktag: Der siebente Adar Provinzialrabbiner Tr. Sander, Gießen. Keiner der gebräuchlichen Kalender hebt den siebenten Adar aus der Reihe des Alltags heraus, der Gottesdienst zeichnet ihn in keiner Weise aus, weder durch Weglassung des Tachanun, des ernstesten Bußpsalmens, noch durch irgend eine für' den Tag charakteristische Einschaltung; jedoch in unserer Zeit, die so lebhaftes Interesse der geschichtlichen Vergangenheit entgegenbringt, darf dieses Tages wohl pietätsvoll gedacht werden. Nach Ansicht des Talmud ist der siebente Adar sowohl Geburtsals auch Todestag unseres Lehrers Mose, ein Trauer- und Freudentag zugleich. In Osteuropa, schon in manchen Gemeinden der Provinz Posen hat die Chewra kadischa, die heilige Bruderschaft, der Beerdigungsverein diesen „Sajin Adar" zu ihrem Stiftungsfeste gemacht, zeichnet ihn aus in ihren: engen Kreise durch „Lernen" am Vorabend, Fasten bis zum Mittag und Gebet von Psalmen vor dem Minchagottesdienst und ein Festmahl an: Abend, llebereinstimmung in der Feier besteht nicht; in manchen Gemeinden feiert man in angegebener Weise den Montag der Woche, in der die Sidra Schemas verlesen wird, der Abschnitt, der von der Geburt Moses erzählt, oder kurz darauf, am Tage vor Rausch chaudesch Schcwat; für solche freiwillige Fasttage wird der Montag bevorzugt, weil er, wie auch der Donnerstag, in alter Zeit der Markt- und Gerichtstag war, an denen die Landbevölkerung >:ach der Stadt kam und bei::: Gottesdienst Torahvorlesung stattfand. Die Erinnerung an den Tod Moses wirft auf den Si:nchas-Thora, das eigentliche Freudenfest in Israel, durch Verlesung des letzten Abschnitts der Thora, der das Verscheiden des Gottesmannes schildert, einen ernsten Schleier. An den: Kalendertage hat eine allgemeine Feier des Geburts- und Todestages seines unvergleichlichen Lehrers Israel niemals begangen. Tie Absichtlichkeit, die weit entfernt ist von Geringschätzung oder Undank, kann nicht verkannt werden; es offenbart sich hierin, die dem Judentum innewohnende Abneigung gegen Verehrung eines Menschen, die tiefwurzelnde Befürchtung, es könnte der Diener Gottes auf die gleiche Stufe mit Gott selbst erhoben werden. In freier Anwendung eines Midraschwortes kann man ausrufen: „Dank sei Dir Israel, daß Du hier scheinbaren Undank gezeigt hast." Die gleiche Erscheinung kann man auch in unserer Pessachhaggadah beobachten: ein einziges mal nur koiumt, aus dem gleichen Grunde in diesem Büchlein und nur in einem fast unbeachtlichen Zitat der Name Moses vor. Der Lehrer des Gotteswortes erscheint iu: Pentateuch nicht als allwissend und nicht als sündenfrei, ihn: wird niemals das Attribut des „Heiligen" beigelegt. Zu wiederholten Malen wird auf die Versündigung des' Propheten hingewiesen, wahrlich nicht, un: sein Andenken zu schmähen, sondern um ihn als Menschen zu zeichnen, dessen Bedeutung als Verkünder der Gotteslehre durch sein gewiß geringfügiges Vergehen nicht geschmälert werden kann. Sein Grab kennt niemand — Gott hat ihn begraben — kani: nicht zum Heiligtum, zur Verehrungsstätte, zum Wallfahrtsorte, seine Pflege nicht zur Pflicht gemacht werden. Aber das Wort des letzten Propheten: Gedenket der Lehre meines Knechtes Mose, die ich ihm am Horeb befohlen habe, hat Israel mit aller Hingebung erfüllt und damit dem Andenken seines Lehrers die höchste Ehrung erwiesen. Anknüpsend an das Prophetenwort des Jeremias: „Weshalb ist das Land zugrunde gegangen, verödet der Wüste gleich, die niemand durchwandert? Da sprach Gott: „Weil sie mein Gesetz verlassen haben", läßt der Talruud Gott also sprechen: „Hätten sie doch mich verlassen, aber meine Thora beobachtet!" Kenntnis der Lehre, so wollen unsere alten Lehrer sagen, führt auch den Abtrünnigen wieder zu Gott zurück. So können auch in unserer Zeit die Lehrer des Judentums auch heute noch beanspruchen, was in: Hinblick a:ck Vorgänge der neusten Zeit ausgesprochen werden soll: Ihre personl:che Ehrenhaftigkeit sollte nicht angetastet werden, auch wem: :hre Auffassung vom Judentum nicht in allen Punkten die Anerkennung fmdet. Schmähungen und Spott und kränkende Herabsetzung müssen :m Streck der Meinungen auf allen Seiten unrerble:ben, und e:ne persönliche Ehrung darf und muß auch der?lnbersger:chtete erfahren. Dies zu Ehren unserer Lehre, der Lehre Moses.

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