Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 3 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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des Dienstes liegt? Die Gesiuuuug, die wir in den Dienst legen, die Erkenntnis unserer Bedeutung für die Gesamtausgabe, die Demut, mit der wir uns einordneu, zeichnet jeden wahrhaft menschenwürdigen Dienst aus. Den Heimgerufenen zierte diese Demut, die eine Frömmigkeit der Gesinnung, eine Pietät war. Man brauchte ihn nur von seinem Elternhaus sprechen zu hören und insbesondere von seiner Anhänglichkeit an seiner Mutter, da empfand man, was Demut und Treue des Gedenkens ist. Ein talmudisches Wort sagt: N'L'^ rrxttö nra „Erinnerung führt zum Tun" (Talmud Babli, menachoth Seite 43b). Wer gedenken kann in Treue, wer demütig die Erinnerung wahrt, der baut und schasst und wirkt, um aus Dankbarkeit und inneren: Berus heraus das überkommene Werk fortzuführen. Er war ein Mensch mit unübertroffenem Gedächtnis, mit treuem Gedenken begnadet. So viel auch die Ereignisse, so viel auch die Menschen waren, mit denen das Leben ihn zusammengesührt hatte, er wußte von Allem und von Jedem zu erzählen und zu berichten. Diese Treue des Gedenkens, dieses untrügliche Gedächtnis wurde ihm täglich neu Ansporn zur Tätigkeit. Was er in unserer israelitischen Religionsgemeinde geleistet hat, es wird von anderer Seite zum Ausdruck gebracht werden. Wie er im Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens vom Tage seiner Gründung an verantwortungsbewußt mitgenrbeitet hat, wir können es in Worten nicht erschöpfen: Er stand mit an der Führung und fehlte nie, wenn es galt, Opfer zu bringe::. Er hatte williges Verständnis für die Ausgaben des hessischen Rabbiuerverbandes und für den Stand und Verband jüdischer Lehrer Hessens. Er stand mit demütigem Stolz und mit gerechten: Sinn als Jude inmitten des deutschen Judentums; er stand kampfbereit aus dem Vorposten für das Recht des deutschen Juden, weil er, der wie aus dem deutschen Boden herausgewachsen schien, in seiner Liebe zum Vaterland, in der ihn keiner übertras, nicht verstehen konnte, daß es Menschen geben solle, die den deutschen Juden, weil er Jude ist, zurückstoßen, für minderwertig halten, ihn um seine verbrieften Rechte bringen wollen. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens — es ist mir Pflicht, dies ausdrücklich hier kundzutun — trauert um diesen aufrechten Juden, um diesen aufrechten Deutschen. Meine Andächtigen, als der Heimgerusene vor zwei Jahren die Berufsarbeit, wie wir meinten, aus den Händen gab, glaubte er — und wir hatten es mit ihm gehofft und gewünscht — daß er nun zur Erfüllung und zum Genuß seiner vielseitigen Interessen noch viele Jahre der Ruhe und Schonung erleben dürfe. Es war ihn: nicht vergönnt. Auch hierüber lesen wir, als ob es für das Leben des Heimgerufenen gesagt wäre, am kommenden Sabbat aus dem Wochenabschnitt: Wenn ein Knecht einem Herrn zu dienen hatte, dann sollte er nur sechs Jahre diesem Dienste unterworfen sein; im siebenten Jahre, im Sabbatjahr, sollte er zu seiner Freiheit zurückkehren dürfen. Da heißt es nun weiter: wenn der Sklave am Ende seiner sechs Jahre erklärt: XSX X1? *03 PX1 1PE>X PX 1J“TX px ipiix „Ich liebe meinen Herrn, mein Weib und meine Kinder, ich mag nicht zur Freiheit ausziehen" (2. B. M. Kap. 21, V. 5), dann sollte er weiter dienen für immer. Wir wissen zwar, daß dieser ewige Dienst sich nur bis zum Jobeljahr, dem fünfzigsten Jahre erstrecken sollte, aber erst im Jahre, in welchem die große allgemeine Freiheit ausgerufen wurde, ward der Diener von seinem Dienste frei. Scheint es nicht auch im Leben des Heimgerufenen so gewesen zu sein? Er wird erst frei in der Stunde der großen und letzten Freiheit, in der Befreiung für die Ewigkeit. Auch ihm hatte das Bibelwort im Herzen gelegen: „Ich liebe meinen Herrn, mein Weib und meine Kinder, ich kann nicht zur Freiheit ausziehen". Er konnte, solange er lebte, von seinem Dienst nicht loskommen; er diente, in Gläubigkeit verbunden, seinem Herrn und Gott; er meinte, niemals ausgesorgt zu haben für Weib und Kinder. Erlassen wir es uns, von der liebenden Sorgfalt zu sprechen und von den Gedanken, die ihn noch auf dem Krankenlager durchzitterten. Erkannte nicht fort von seiner Lebensaufgabe, weil sein Engel ihn noch nicht freigegeben hatte: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, dich zu behüten auf den: Wege und dich zu bringen an den Ort, den ich dir bereitet habe". Bei der Erzählung von dem Engel, den Gott den Kindern Israel voranschickte, ergeht an Israel die Aufforderung: „Hüte dich vor ihn: und höre auf feine Stimme, sei nicht widerspenstig gegen ihn" (2. B. M. Kap. 23, V. 21)' und ein alter Bibelerklärer meint zu dieser Stelle: „Wer auf die Stimme des Engels hört, der hört auf die Stimme des hochgeehrten Gottes selber". Der Heimgerufene hörte auf die Stimme seines Engels vom Anfang bis zum Ende und hörte so auf die Stimme seines Gottes, dem er sein Leben in Demut dienend geweiht hatte. Der Herr hat ihn belohnt, er brachte ihn an die Stätte in Frieden, die er ihm bereitet hat. Und wenn 'wir auch alle trauern mit der Gattin, den Kindern, Schwiegerkindern, Enkeln und Verwandten: Sein Leben lief die Bahn, die sein Engel ihn führte. Ludwig Kronenberger, lieber Freund, wirst uns fehlen; aber wir danken dir, dein Leben war wie ein Guß, verlief in starker Linie wie ein einziger Gottesdienst. Mögen die Deinen Trost finden im Hinblick auf den kraftvollen Sinn, der dir eigen war. Ziehe hin in Frieden, ' üftvi -p Deine Rechtlichkeit, sie gehe vor dir her, Gottes Herrlichkeit nehme dich auf ins p££Xi “ Reich des ewigen Friedens. (Jes. 58, 3.) Im Namen des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde Mainz sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Paul Simon, an der Bahre des Herrn Kommerzienrat Ludwig Kronenberger folgende Worte: Wenn ich jetzt vor der Bahre Ludwig Kronenbergers stehe, so wird die Erinnerung an das erschütternde Erlebnis wach, das wir so oft im Weltkriege erleben mußten, wenn wir an dem Grab von lieben Kameraden standen. So wie damals stehe ich auch hier an der Bahre eines treuen und tapferen Freundes, eines Führers und Kameraden, eines Mitstreiters und Mitkämpfers. Denn Ludwig Kronenberger war ein Kämpfer, eine Kampfnatur im besten und sittlichem Sinne des Wortes, eine Persönlichkeit, die sich stets mit ihrer ganzen Kraft und restlos für dasjenige einsetzte, was sie als Recht erkannte, eines Kämpfers, der, so sehr sein letztes Ziel der Friede war, doch für das Gute, das Wahre, das Gerechte zu kämpfen für seine Pflicht hielt. Ludwig Kronenberger hat diesen sittlichen Kamps bis zuletzt geführt mit der ganzen Kraft und Stärke seiner Jugendlichkeit, mit seiner Begeisterung für alles Gute und Schöne, mit der Unbedingtheit, mit der er alles Schlechte und Ungerechte voller Entrüstung zurückwies. Die Jugendlichkeit, die wir an ihm bis zuletzt bewunderten, zeigte sich gerade auch in der Unbedingtheit seines Gerechtigkeitsgefühls. Tenn Niemand hat dieses Gerechtigkeitsgefühl stärker, lauterer und unbedingter als die Jugend. Wenn Herr Kommerzienrat Kranenberger auf allen möglichen Lebensgebieten und für alle möglichen Gemeinschaften seine Kraft einsetzte, so war es doch in erster Linie die israelitische Religionsgemeinde Mainz, deren Aufgaben er seine Persönlichkeit, seine Kampfnatur widmete. Herr Kommerzienrat Kranenberger hat dem Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde nahezu 2 Jahrzehnte angehört, auch hier führend, kämpfend, streitend, Hindernisse überwindend und Anteil nehmend an den Zielen dieser jahrtausendalten Gemeinschaft, wie nur ein ganzer Mensch dies tut. Dieser Gemeinschaft fühlte er sich in erster Linie zugehörig. Dieser Gemeinschaft und ihrer tausendjährigen Traditwn fühlte er sich am engsten verbunden. Darum ist sein Lebensbild nicht loszulösen von seiner Tätigkeit innerhalb des Vorstandes der israeltischen Religionsgemeinde Mainz. Was Ludwig Kranenberger als Führer der israelitischen Religionsgemeinde Mainz für die Mainzer Judenschaft geleistet hat, was er in den 2 Jahrzehnten seiner Mitgliedschaft zum Vorstand erreicht hat, wird nicht allein für uns unvergessen bleiben, sondern mit ehernen Lettern in der Geschichte dieser tausendjährigen Gemeinde eingegraben sein. Sein Andenken wird fortleben als dasjenige eines großen Führers, nicht nur bei unserem, sondern auch bei dem künftigen Geschlechter Wenn ich nunmehr, gleichzeitig auch im Namen der durch - Abwesenheit und Erkrankung verhinderten Mitglieder unseres Vorstandes, also all' der Freunde, die mit ihm in den: Kollegium des^ Vorstandes vereint sein durften, von Ludwig Kranenberger Abschied nehme, so tue ich dies mit dem Ausdruck innigster Dankbarkeit und in treuestem Gedenken. Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens. Die Mitglieder des Oberrats und deren Stellvertreter werden hierdurch unter Hinweis auf die übersandte Tagesordnung zu einer Oberratssihung auf Sonntag, den 15. März d. I., vormittags 10.30 Uhr, in das Verbandsbüro, Hindenburgstraße 44, Mainz, berufen und werden gebeten, unserem Büro baldigst mitzuteilen, ob sie zu dem Termine erscheinen werden. Mainz, den 26. Februar 1931. Collegialiter: gz. B. A. M a y e r. e 3