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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-03-01 · 3 (3.1931) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
3 (3.1931)
Date
1931-03-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Trauerrede an der Bahre des Herrn Kommerzienrat Ludwig Kronenberger, Mainz, am 11. Februar 1931 Gehalten von Rabbiner Dr. S. L e v i, Mainz. :-inn nx ps>n cr'i nnn nr» %">' „Als Mose emporstieg zum Berge, da bedeckte die Wolke den Berg", so lesen wir am kommenden Sabbat aus unserer heiligen Schrift. (2. B. M. Kap. 24, V. 15). Als Mose ausstieg, jener große Führer in Israel, legte sich eine Wolke über den Berg. Wann immer ein Mensch aufsteigt zur Höhe der Ewigkeit, zum Berge der Gottesnähe, dann legt sich eine Wolke düster über uns, das Licht wird verhüllt und die Nacht bricht herein. Eine solche Wolke liegt auch über uns in dieser Stunde; denn ein Führer stieg auf zu den Gefilden des Ewigen, zur Gottesnähe, ins Reich des Gewesenseins. Eine der einprägsamsten Persönlichkeiten unserer Stadt und unseres Kreises wurde uns genommen. Wir wissen's, daß Ludwig Kronenberger eine Persönlichkeit war, die Verkörperung einer Idee, und daß mit dem Hinschwinden dieser Verkörperung ein Stück Geschichte fortzieht; daß eine Epoche schließt in unserem Kreis. Und wir wissen's auch und brauchen nicht Worte darüber zu machen, was seinem engsten Kreise genommen wurde: der Gattin, die durch Jahrzehnte mit ihm verbunden war, den Kindern, den Schwiegerkindern, den Enkelchen und den Verwandten allen. Es ist ein gewaltiger Riß, der in unser aller Sein gerissen wurde. Darum fühlen wir mit bangem Weh das Düster, das über uns sich legt. Aber, verehrte Leidtragende und andächtige Trauerversammlung, beim Abschied von Ludwig Kronenberger dürfen wir uns von der Trauer nicht niederschmettern lassen, wenn wir dem Leben dieses Mannes Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen. Nein! Ein Barde müßte aufstehen wie in alter Zeit, müßte in die Saiten seines Instrumentes greifen und müßte das Heldenlied des Lebens singen: Das Heldenlied, das zeigt, wie ein Mensch zur Geltung kam, wie ein Mensch sich selbst durchsetzte, wie ein Mensch aus seinem Leben einen Wert gestaltet hat. Der Kehrreim dieses Heldenliedes, er könnte lauten nach dem Worte unseres deutschen Dichters: Was gelten soll, muß wirken und muß dienen." (Goethe, Torquato Tasso) Meine Andächtigen, wir lesen am kommenden Sabbat m unserer heiligen Schrift, wie einst Gott zu den Kindern Israel nach ihrem Auszug aus Aegypten und beim beginnenden Wege durch die Wüste die Worte sprach: *it?x Clpön "psir1? „Siehe, ich will vor dir hersenden einen Engel, dich zu hüten auf deinem Wege und dich zu bringen an den Ort, den ich bereitet habe." (2. B. M. Kap. 23, V. 20). So sprach Gott zu Israel und so scheint Gott einst beim Eintritt dieses Mannes in das Leben gesprochen zu haben: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, auf daß er dich führe und bringe an den Ort, den ich bereitet habe." Eine alte Lehrdeutung sagt, daß jedem Engel nur e i n Dienst, nur eine Botschaft zufallen könne; niemals wird ein Engel zweimal zur Erde geschickt. Der Engel, der einem Bileam erschien, war ein anderer, wie der, der dem Abraham Botschaft brachte; der dem Abraham Botschaft brachte, ein anderer wie der für Sodom und Amora bestimmte. Der Engel, der Abraham Botschaft brachte, er kehrte heim nach vollbrachtem Dienst. Jeder Engel hat seine Sendung und jeder Mensch hat seinen Engel. Ein Engel wird ihm beigesellt als Bote durch sein Leben. Und fragen wir in dieser Stunde des Abschiedes nach dem Wesen des Engels, der dem Heimgerufenen beigegeben ward: ich glaube, meine Andächtigen, es ist der Gottes-Bote der Natur gewesen. Und der Barde, der singen sollte, er müßte davon erzählen, wie vor fast sieben Jahrzehnten ein Kind dort in dem kleinen Städtchen geboren ward, in Hoppstädten, wo die Häuser und die Menschen sich näher sind, wo einer den anderen kennt, wo Fluren und Gärten eingestreut sind zwischen die Menschen und die Bauten, wo einer dem anderen nahe ist nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und wo der Mensch zugleich in Gottesnähe ist. Diese natürliche Verbundenheit mit den Dingen, den Menschen und mit Gott gab dem Heimgerufenen Sinn für alle Erscheinungen des Lebens. Und als er dann, als Knabe noch, vor einem halber! Jahrhundert hierher kam: Sein Auge war offen, nichts ging an ihm unbeachtet vorüber, er stand im Leben und er verstand das Leben und er suchte es zu erfassen. Auf diesem Wege der Naturnähe blieb er alle seine Tage. Noch im letzten Sommer, dies zeichnet den Grundzug seines Wesens, wunderte er hinüber über den Rhein zu seinem Garten, dem er jede freie Nachmittagsstunde widmete in pfleglicher Arbeit; eine Blume konnte ihn begeistern und Blumen zum bunten Strauß binden, war ihm wie ein Gedicht. Aus dieser Naturverbundenheit wuchs auch seine Liebe zur Heimat, seine Liebe zum deutschen Rhein, auf den er von feinem 2 Heim aus morgens und abends blickte. Jede Welle, die voruberzog, erzählte ihm von Geschichte, in die er sich mrt Lrebe und Verständnis versenkte. Aus seinem Sinn für die Natur erwuchs ferne eigene Natürlichkeit. Wir haben, glaube ich, kaum emen Menschen kennen gelernt, der gleich dem Heimgerufenen naturlrch blieb bis in sein Alter. Er hatte doch hineingeblrckt rn alle Vorgänge des Wirtschaftslebens, er verkehrte mit den größten Wirtschaftsführern, er war anerkannt und von Organisationen, Stadt und Regierung ausgezeichnet. Es gab aber nichts, was nicht mrt Leichtigkeit den Weg zu ihm gefunden hätte. Alles und jeder durfte an ihn herankommen und selbst in ihn hinein. Aus dieser Natürlichkeit rnit elementarer Kraft, entsprossen aus Naturnahe, ist ferne Gesamtwesenheit zu erklären. Daß er ein fortschrittlich gesinnter Mann, nicht nur in seiner politischen Einstellung, sondern in seiner ganzen Lebensauffassung war, bewies wiederum seine naturgerichtete Einstellung: Die Natur verjüngt sich ja auch mit jedem Frühling, warum sollte das Leben der Menschen nicht Fortschrrtt und Neuformung erfahren dürfen? Natürlichkeit war auch seine Liebe zu Kindern, denn Kinder waren ihm wie Blumen. In seltener Weise verstand er es, mit Kindern zu spielen und zu plaudern. Ungezwungen fröhlich, gegen alle Menschen verbindlich und mit frohem Herzen aufmerksam, stand er mit guten Worten und heiterer Miene in jedem Kreise. Ihn aber in die Dinge und den Kreis der Menschen nur in natürlicher Verbundenheit stellen und aus dieser Natürlichkeit erklären, das wäre so, als wollten wir das weite Ackerfeld der Gottesschöpfung auf der einen Seite zeichnen und losgelöst davon auf der anderen Seite den Ackerbauer hinstellen: In seiner schaffenden Verbundenheit, in der Gestaltung des Stoffes erst wird seine Persönlichkeit ausgeprägt. Und die Verbundenheit mit Dingen und Menschen rief den Verewigten zum Schaffen, zum schöpferischen Wirken, zum Gestalten. Es gab nichts, an das er sich nicht wirkend herangewagt hätte. Wo andere achtlos vorübergingen, griff er zu, kein Auftrag schien ihm zu mühevoll oder zu schwierig. Wie sollte man untätig an einer Aufgabe vorübergehen, die einem Menschen gestellt ist? Gestalten aber, schöpferisch bilden, wo zeigt es sich mehr, als in der Tätigkeit des Künstlers? Dieser Mann, der, für heutige Verhältnisse, mit einer schlichten Schulbildung ins Leben trat, hat sein Leben lang gelernt, hat niemals aufgehört, das Material des Lebens zu erfassen und zu gestalten. Er wußte Bücher auszuwählen, nicht um sie zu haben, sondern um sie innerlich zu besitzen. Er las und lernte und ließ sich gern belehren. Er hatte Verständnis für Kunst und wußte auch da zu gewinnen und zu fördern, was schön und wertvoll ist. Seine Gestaltungskraft tritt vor uns hin in seinen Räumen, die er mit Bildnissen aus Künstlerhand geschmückt, in seinen Sammlungen, die er mit feinem Sinn zusammengetragen hat. Auch die Gestaltung auf dem weiten Gebiete der Kunst war ihm nicht um der äußeren Werte willen nahe. Es ist nicht in seinem Sinn, viel Worte darüber zu rnachen, doch wer häufig mit ihm zusammenkam, der weiß, daß er manchem Künstler und manchem Studenten zur Ausbildung verhalf und ihm damit ermöglichte, eine Lebenssehnsucht zu erfüllen. Mitgestaltung war ihm Lebensnotwendigkeit, gestaltende Hilfe war ihm Freude. Seine Freude an Gestaltung zeigte sich auch an seiner gern geübten Gepflogenheit, das Wort zu ergreifen. Er wußte immer und bei jeder Gelegenheit, seinen Gedanken und Empfindungen in fesselnder Form Ausdruck zu geben. Wo er auch sprach, da fühlte man, daß seine Rede ihm aus dem Herzen kam. Das gesprochene Wort, das er als gestaltende Kraft empfand, gab ihm eine erquickende Jugendlichkeit; leicht und flretzend mersterte er bei allen Gelegenheiten die gestaltende Kraft der Rede. Solche Gestaltungskraft wirkt wegweisend und führend. Und so hebt sich ern drittes aus seinem Wesen ausgeprägt hervor: seine Führergerechtigkeit. Wo es galt, Gewalttätigkeit zurückzuweisen, konnte fern Wort der Gerechtigkeit, sein Sinn für Gradheit nicht schweigen. Ob es im öffentlichen Leben war oder im Kreis von Organisationen und Vereinen oder ob es im geldwirtschaftlichen und geschäftlichen Berufe war, wo er gemeinsam mit seinen Brüdern rrn edelsten Sinn Dienst am Kunden trieb, wo er nach der Gepflogenheit der alten Zeit nicht die klingende Münze, sondern Menschenschicksale zu erwägen liebte, Verständnis zeigte für das Schicksal des einzelnen Mit Aufhören der Firmn Kronenberger, als ernes selbständigen Unternehmens,ist ein gut Stück dieses Wesens hier rn unserer, Stadt verloren gegangen. Dienend und wirkeno verstand er es lein Leben zur Geltung zu bringen: „Was gelten toll, muß wirken und muß dienen"." Wir alle dienen, ein jeder in seiner Sonderheit, einem Dienst; aber bedenken wrr auch, worin das Wertvolle und Menschenwürdige

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