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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-02-01 · 2 (2.1931) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
2 (2.1931)
Date
1931-02-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Der wissenschaftliche Kursus für die Rabbiner der süddeutschen Landesverbände Der diesjährige wissenschaftliche Kursus für die Rabbiner der süddeutschen Landesverbände fand als vierter in der Reihe dieser Veranstaltungen in der Zeit vom 21. bis 23. Dezember in Stuttgart statt. Eine stattliche Zahl der in Baden, Bayern, H e s s e n und Württemberg beamteten Rabbiner war der Einladung des Oberrats der israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg, von welchem diesmal der Kursus veranstaltet worden war, gefolgt. Wir entnehmen der Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs (VII. Jahrgang Nr. 20 vom 16. Jan. 1931) den folgenden Bericht über diesen Kurses: Ein reiches Arbeitsprogramm, das Anregung und wissenschaftliche Förderung durch fachkundige Gelehrte verhieß, erwartete die Teilnehmer. Sie wurden durch den Präsidenten des Oberrats, Ministerialrat Dr. Hirsch, begrüßt. Die Vorbereitung und Leitung des Kurses lag in den Händen des theologischen Sachverständigen des Oberrats, Stadtrabbiner Dr. R i e g e r. Besonders dankenswert wurde es empfunden, daß die Ministerialabteilung für die höheren Schulen Oberregierungsrat Leuze, die katholische Oberkirchenbehörde Oberregierungsrat I h l e t n, die Evangelische Oberschulbehörde Oberregierungsrat Erb und die Evangelische Oberkirchenbehörde Prälat M e y e r - L i st zur Teilnahme an dem Kurse entsandt hatte. Darüber hinaus aber bekundete ein weiterer größerer Gästekreis sein Interesse an den Vorträgen. Das Vorsteheramt der Stuttgarter Gemeinde hatte die Kursteilnehmer zu einer Bewirtung geladen. Der Festabend verlief in heiterer Harmonie und bildete eine dankbar begrüßte Unterbrechung der Vortragsveranstaltungen. Den ersten Vortrag hatte der berühmte katholische Theologe Professor Dr. R i e ß l e r, Tübingen, übernommen. Der bekannte Bearbeiter des altjüdischen außerbiblischen Schrifttums sprach über dessen Bedeutung für Ine Erkenntnis und Erklärung der Heiligen Schrift. In fesselnder Darstellung zeigte er, wie dieses Schrifttum die geschichtliche Weiterbildung der biblischen Literatur darstellt, wie es die schwierigsten Probleme der Bibel aufhellend beleuchtet und für das Verständnis großer Teile des heiligen Schrifttums geradezu unentbehrlich ist. An interessanten Beispielen wies er nach, wie biblische Ideen ihre Erweiterung und Vertiefung durch die nachbiblischen Schriftsteller erfahren, deren Arbeit die weite Lücke zwischen der biblischen und der Mischnazeit in dankenswerter Weise ausfüllt. An den Vortrag schloß sich eine wertvolle Aussprache, in deren Verlauf der Redner wiederholt die Mitteilungen seines Vortrags ergänzte und erklärte. Den zweiten Vortrag hielt Professor Dr. T ä u b l e r, Heidelberg, über die Quellen der Makkabäergeschichte. Der Redner war den Kursteilnehmern von seinen hervorragenden Vorträgen her bekannt, die er bei früheren Fortbildungskursen gehalten hatte. Sie waren gespannt, ihn über einen Stoff reden zu hören, zu dessen Erkenntnis und Verständnis er wieoerholt ausgezeichnete Beiträge geliefert. Der Vortrag war denn auch nach Form und Inhalt gleich bedeutend. Nach einer mehr allgemeinen methodischen Einleitung kennzeichnete der Redner das erste Makkabäerbuch als die vom Makkabäer Simon gewünschte offiziöse Darstellung der Ereignisse, also als ein Werk der Hofhistoriographie, während die Darstellung des zweiten Makkabäerbuchs aus Volkstraditionen erwachsen und daher einen volkstümlich-religiösen Charakter trage. Seine Quelle ist das aus Volksüberlieferungen stammende sünsbändige Geschichtswerk des Jason von Kyrene. Mit weitschauenden Ausblicken auf die geistesgeschichtliche Rekonstruktion der Makkabäergeschichte schloß der in allen seinen Teilen bedeutsame Vortrag, der auch durch die glänzende Vortragsform zu einem Erlebnis für die Zuhörer wurde. Das geweckte Interesse bekundeten die Anfragen, aus dem Hörerkreis, die der Redner in einem packenden Schlußwort beantwortete. Nicht geringe Anforderungen an sein Auditorium stellte der großzügige Vortrag, den Seminarrabbiner Dr. Neubauer, Würzburg über Probleme des halachischen Midrasch hielt. Der Vortrag hatte sich die große Aufgabe gestellt, das Alter und die Entwicklung der Halacha (des rabbinischen Gesetzes) im Midrasch zu umschreiben. Unter Anführung eines beinahe erdrückenden Quellenmaterials wies er die Annahme, daß die Halacha allein aus der Schrifterklärung hervorgegangen, ebenso wie die von Isaak Halewi vorausgesetzte Urmischna als Halachaquelle zurück und zeigte, wie es neben den halachischen Midraschim abstrakte, vom Schriftwort unabhängige Halachasammlungen gegeben, so daß die Halacha aus diese doppelte Quelle zurückgehe. An dieses Referat schloß sich nur eine kürzere Aussprache an, da der Vortrag die weitschichtigen Probleme in allen ihren Einzelheiten zureichend beleuchtet und zum Teil erklärt hatte. In das Gebiet der Erziehungsgeschichte und der Geschichte der Pädagogik führte der feinsinnige Vortrag des Professor Dr. K r o h, 4 Tübingen, über „Die Epochen der abendländischen Bildungsgeschichte" ein. Der Redner bot einen großzügig gezeichneten Aufriß der Geistesgeschichte des Abendlandes in ihren Auswirkungen auf die Bildung. In packenden Einzelheiten schilderte er den Werdegang der abendländischen Bildung bis zur Gegenwart und skizzierte schließlich ein geistvolles Programm der Leitgedanken der Gegenwart. Es war natürlich, daß gerade dieser Ausklang seiner Darlegungen die Zuhörer besonders gefesselt, so daß sich die Anssprache auf Gegenwartsfragen konzentrierte. Das höchste Interesse weckten die tiefgelehrten und echtreligiösen Darlegungen des Professors Dr. Paul Volz, Tübingen über die Bedeutung der Ausgrabungen in Babylonien und Aegypten für die Erklärung der Bibel. Nach einer musterhaften und umfassenden Darstellung des gesamten Fundmaterials beantwortete er in vorbildlicher Sachlichkeit die Frage, ob das Mosewerk etwa nur eine Nachbildung, also eine Kopie der orientalischen Antike sei. In glänzender Gegenüberstellung der mosaischen und der ägyptisch-babylonischen Religion kennzeichnete er den mosaischen Eingottgedanken in seiner siegreichen Abwehr des Mutterkults neben der Vateranbetung, in seiner Zurückweisung des Dämonenglaubens, in seiner unerreichten philosophischen Einzigwertigkeit. Er schilderte dann die orientalischen Naturgötter gegenüber dem bild- und gleichnislosen Gottesgedanken des Mose. Er kennzeichnete die Höhe der mosaischen Auffassung von dem Gotte, der sich in der Geschichte offenbart. Voll frommer Bewunderung zeigte er die Einfachheit der Religion des Mose, die, fern aller Magie und jeder Priestertechnik, in ihrer kindlichen Ursprünglichkeit den Beter mündig gesprochen, ihn unmittelbar zu Gott geführt und ihn vom orientalischen Priesterjoch erlöst hat. Indem Mose die Ehrfurcht vor Gott zur Quelle der Frömmigkeit und die Erlösung von der Sünde zur sittlichen Aufgabe der Menschen gemacht, hat er die Religion zur höchsten Idee gesteigert. Durch die Messiasidee hat er der Menschheit den Weg zum ewigen Fortschritt gewiesen. Das „Licht vom Osten" hat also das Licht vom Sinai nicht überstrahlt, sondern erst dessen unvergleichliche göttliche Größe geoffenbart. Die Bibel ist Gottesoffenbarung und kein Menschenwerk. Das ist das bedeutsamste Endergebnis der Erforschung der altorientalischen Funde. Mit sich andauernd steigernder Spannung lauschten die Zuhörer den von innerer Begeisterung getragenen Darlegungen des Redners und gaben in der Aussprache wiederholt dem tiefempfundenen Danke für das Gehörte Ausdruck. Einen hochinteressanten Ausschnitt aus der Talmudexegese des Pinsker Gelehrten Baruch Epstein bot der von rechter Vertiefung in den Stoff zeugende Vortrag des Bezirksrabbiners Dr. Beermann, Heilbronn. An ausgezeichnet gewählten Beispielen zeigte der Redner die überragende Bedeutung Epsteins für die kritische Erforschung des Talmuds. Er verstand es, packend die überraschenden Deutungen des großen Gelehrten darzustellen und so für das Studium seines Lebenswerkes (Mekor Baruch) zu werben. Die Aussprache vertiefte den Eindruck des Vortrages und bewies, daß der Redner es verstanden, seine Hörer zu fesseln. Den letzten Vortrag des Fortbildungskurses hatte Stadtrabbiner Dr. R i e g e r übernommen. Er sprach über den ältesten Kommentar zum ersten Buch Mose. Er zeigte an einer großen Anzahl Bibelstellen, daß der heilige Text erklärende Glossen aus vormassoretischer Zeit enthält, die aus der Zeit stammen, in der Esra und Nehemia die Thoravorlesung zum Mittelpunkt des Gottesdienstes gemacht. Da ein Jahrtausend seit der mosaischen Zeit vergangen, so bedurfte der Text sachlich und sprachlich der Erklärungen, die wegen ihrer Bedeutsamkeit in den Text ausgenommen wurden. Der Redner schilderte dabei die Geschichte des Bibeltextes in der ältesten Vorzeit und berichtete von den Mitteilungen über die ersten Bibelhandschriften im altjüdischen Schrifttum. Die neue Glossentheorie ist die schlagende Widerlegung der modernen Bibelhypothesen. Die lebhaft angeregte Aussprache über den Vortrag bewies das Interesse, das er bei den Zuhörern gefunden. Der Leiter des Kurses nahm Gelegenheit, während des Kurses dre Teilnehmer zur Aeußerung ihrer Wünsche und Wahrnehmungen für den nächsten Kurs zu veranlassen. Von einzelnen Teilnehmern wurden für den nächsten Kurs die Behandlung halachischer, pädagogischer und homiletischer Vorträge gewünscht, während dre Mehrzahl für die Beibehaltung des mehr wissenschaftlichen Charakters der Kurse eintrat. Ein Kursteilnehmer verlangt einen Leitgedanken für die Veranstaltung, in die sich alle Vorträge konzentrisch emordnen sollten. Es wurde beanstandet, daß diesmal das Gebiet der Religionsphilosophie ganz ohne Behandlung geblieben. Einmütig waren die Hörer darin, daß vor dem nächsten Kurse die Leitgedanken der Vorträge an die Kursteilnehmer verwandt werden sollten, damit sie sich auf die Referate vorbereiten

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