Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 2 (2.1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Schächtfrage in Hessen. In der Januarnummer unseres Mitteilungsblattes hatten wir bereits auf den Fortgang der Schächtfrage in Hessen hingewiesen und hatten unter Erwähnung des in der Allgemeinen Tierschutz-Zeitschrist 51. Jahrgang, Nr. 12, Darmstadt im Dezember 1930, erschietienen Artikels „Wie lange noch!" aus der Feder des Herrn Universitäts-Professor Dr. Kracmer in Gießen eine Erwiderung aus diesen Artikel in Aussicht gestellt. Mit den folgenden Zeilen soll unser Versprechen erfüllt werden. Wenn in dein genannten Artikel Herr Professor Kraemer sagt: „Vor allern aber möchte ich die jüdischen Kreise doch bitten, nicht immer antisemitische Beweggründe zu vermuten oder vermuten zu wollen, wo es sich um das sittliche Empfinden der an Zahl hundertfach überlegenen Mitbürger handelt", so haben wir natürlich keinen Anlaß, an des Verfassers gutem Willen von vornherein zu zweifeln. Wir wissen auch, wie ernstlich und gewissenhaft die Tierschutz-Freunde an ihren Aufgaben arbeiten. Die weitesten Kreise der jüdischen Bevölkerung sind Mitglieder der Tierschutzvereine und verabscheuen auf Grund ihres menschlichen Gefühls wie ihrer religionsgesetzlichen Vorschriften Tierquälerei jeder Art. Der Jude weiß also jede Bemühung gegen Tierquälerei zu würdigen und zu unterstützen. Wenn wir so dem Verfasser ganz gewiß nicht etwa Mangel an gutem Willen von vornherein nachsagen wollen, so können wir chm doch den Vorwurf mangelnder Kenntnis und mangelnden Verständn i s s e s für die Sachlage nicht ersparen. Was soll man beispielsweise dazu sagen, wenn Herr Professor Dr. Kraemer ausruft: „Und es will mir nur wie ein Rätsel erscheinen, daß ein so begabtes, ein politisch und wirtschaftlich so bewegliches, und so oft zum Umsturz der bestehenden Dinge bereites Volk wie die Juden, in religiösen Fragen eine so fabelhafte, so unglaubliche Orthodoxie pflegen kann; daß seine Priester, so gebildete Männer, auch in der ganz anders gearteten Umwelt als jener der uralten Ahnen an Anschauungen festhalten, die sonst wohl nur im Aberglauben primitiver Naturvölker sich so fest verankern. Da ringt es sich wie ein Gebet über die Lippen: Herr, erlöse sie aus der grauenvollen Finsternis zu freiem würdigem Denken, zum Mitleid mit den armen Geschöpfen!" Aus dieser und einer weiteren Aeußerung des Verfassers über „priesterliche Orthodoxie" gewinnt man den Eindruck, als ob Herr Professor Dr. Kraemer der Ansicht sei, daß die Nachkommen der alten Tempelpriester über die in Frage stehende Frage und ähnliche Fragen zu entscheiden hätten. Jeder einigermaßen Bewanderte weiß doch aber, daß für religionsgesetzliche Entscheidungen des Judentums lediglich die berufenen religiösen Lehrer, die Rabbiner, ohne irgendwelche Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zum alten Priesterstamm maßgebend sind. Und wenn dann aus der zitierten Aeußerung des Herrn Professor Dr. Kraemer — vielleicht ungewollt aber doch zweifellos — der Anschein erweckt wird, als ob wir Juden die geborenen Revolutionäre auf wirtschaftlichen und politischen Gebieten seien, dann dürfen wir Herrn Professor Dr. Kraemer vielleicht bitten, einmal die im Druck erschienene und durch den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (Berlin, W. 15, Emserstraße 42) erhältliche Rede des Herrn Rabbiner Dr. Jacob, Dortmund, über: „Krieg, Revolution und Judentum" zu lesen. Wir sind überzeugt, daß Herr Professor Dr. Kraemer beachtenswerte Tatsachen aus dieser Rede kennen lernen wird. Herr Professor Dr. Kraemer erklärt dann: „Wir achten gerne Gebräuche und Formen aller Bekenntnisse — aber wie einstige fürchterliche Maßnahmen ingrimmiger Frömmigkeit der Priester für das heutige sittliche Denken unmöglich geworden sind, so wollen wir nun auch nicht mehr dulden, daß unser Gewissen stillschweigen soll, wenn rituelle Handlungen einer verschwindend kleinen Bevölkerungsgruppe unser Herz mit tiefstem Mitleid gegenüber den Opfern erfüllen, deren Zahl zudem bekanntlich weit höher ist, als es jener der orthodoxen Juden entspricht." Wir zweifeln auch hier nicht daran, daß es Herrri Professor Dr. Kraemer ernst ist im Mitleid mit den Schächttieren. Aber ist denn ein solches Mitleid — so müssen wir fragen — wirklich berechtigt? Gewiß das Schächten ist ebenso wenig ein erfreulicher Anblick wie sonstige Tötung der Schlachttiere. Das Innere eines Schlachthofes bietet am Schlachttage einen grausigen Anblick. Ein Schlachthof ist (wie ein Schlachthofdirektor mit Recht sagt) wirklich kein Damensalon. Der folgerichtige Tierfreund müßte eigentlich Vegetarier sein und müßte wie jene Inder leben, die keinem Tier etwas zu Leide tun, gleichviel ob das Tier nachweislich Schmerz empfindet oder nicht. Auch das Abstechen eines durch Bolzenschuß niedergestreckten Tieres ist eine greuliche Handlung und bietet einen erbärmlichen Anblick, einen Anblick, der viel Ähnlichkeit mit einem Schlachtfeld bietet, aus welchem nach gründlicher Feuervorbereitung ein Bajonettangriff wütet. Wirkliche Tierquälerei sollte ihren Maßstab nicht so sehr im Schmerzgefühl des Tieres als vielmehr im Empfinden des Menschen haben. Solange die Tötung der Tiere zum Zwecke der Mcnschenernährung erfolgt, sollte man doch nicht seinen ganzen Grimm auf die jüdische Schächtmethode werfen, von der keineswegs nachgewiesen ist, daß sie das Tier unnützer Ouälerei aussetzt. Im Gegenteil sprechen es zahlreiche Autoritäten der heutigen Zeit unumwunden aus, daß das Tier nach dem rituellen Schächtschnitt sofort bewußtlos werden muß, wenn auch Zuckungen oder Bewegungen des Tieres oder einzelner Teile des Tieres wahrnehmbar sind; diese Zuckungen sind lediglich Reflexbewegungen, also unbewußte Bewegungen von kürzerer oder längerer Tauer. Auch hierüber sind wir bereit Herrn Professor Tr. Kraemer umfangreiche und gründliche Beweisliteratur zur Verfügung zu stellen. Wir dürfen in diesem Zusammenhang wohl darauf Hinweisen, daß fast auf den Tag zu gleicher Zeit wie der Hessische Landtag der Gemeinderat der Stadt Paris sich mit der Schächtfrage befaßt hat und daß dieser Gemeinderat dabei seine Ueberzeugung ausgesprochen hat, daß vom Standpunkt der Humanität gegen die rituelle Schächtung kein Einwand erhoben werden könne. Der Präsident des französischen Tierschutzvereins, Tr. Foveau de Coumelles, veröffentlicht bei dieser Gelegenheit die Erklärung, daß sich auf Grund sorgfältiger Untersuchungen die jüdische Schächtmethode als die humanste Schlachtungsart erwiesen habe. Das sind Aeußerungen von nichtjüdischer Seite, das sind Aeußerungen von Tierschutzvereinsmitgliedern. Kann oder will Herr Professor Dr. Kraemer diesen Männern die Gewissenhaftigkeit ihrer Untersuchungen oder ihrer Ueberzeugung absprechen? Wir Juden möchten, nur um den andauernden Angriffen den Boden zu entziehen, auch wenn wir dies nicht für notwendig halten, sehr gern irgend eine sogenannte Betäubungsmethode anwenden, wenn nur eine gefunden wäre, die mit dem Religionsgesetz in Einklang zu bringen ist. Wir sind wirklich weder gefühllos gegen das Tier noch sind wir so halsstarrig, „daß die Eitelkeit kein Nachgeben dulde". Noch ist es unser Bestreben „stets das Beste aussuchen zu können". Wenn eine einwandssreie Betäubungsmethode gefunden würde, dann wären wir sogar bereit, diese nicht nur bei vierfüßigen Großtieren, sondern auch bei Hühnern, Enten, Gänsen usw. anzuwenden; denn warum sollen diese letzteren Tiere nicht der gleichen humanen Methode teilhaftig werden? Herr Professor Dr. Kraemer wird in uns auch immer entschlossene Helfer finden, wenn es gilt, gegen Hetz- und Treibjagd vorzugehen, weil hier oft Tiere zerfetzt oder angeschossen werden, um dann bei vollem Bewußtsein in irgend einem Dickicht, in das sie flüchteten, zu verbluten oder sonstwie elend zu Grunde zu gehen. Wir sind auch bereit, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln die vielfach in Europa noch üblichen Stierkämpfe zu beseitigen, bei welchen Pferde, Stiere und Menschen um eines Schauspiels willen gehetzt, gequält und elend zu Grunde gerichtet werden. Auch für Aufgaben in unserer nächsten Umgebung, insbesondere auf dem Lande, können wir uns zusammenfinden in aufrichtiger Tierliebe: Da schreibt uns beispielsweise ein einfacher, siebzigjähriger jüdischer Metzger auf Grund unseres kurzen Berichtes über die Angriffe des Herrn Professor Dr. Kraemer in der letzten Nummer unseres Mitteilungsblattes: „Fragen möchte ich mal, wie der Bauer sein Fohlen kastriert; dasselbe wird in die Scheune geführt, umgeworfen, mit Stricken fest zusammengebunden und alsdann geschnitten. Derselbe Fall spielt sich auch bei den Bullen ab; hieraus werden die Fuhrochsen geschnitten, was eine furchtbare Quälerei ist. Bei Schweinen ist die Mißhandlung eine noch größere; Mutterschweinen wird der Leib ausgeschnitten und die Tragfähigkeit herausgenommen". Diese Hinweise eines einfachen Juden zeigen, welche grauenhaften Fälle unbestreitbarer Tierquälerei noch Vorkommen, die es zu beseitigen gilt. Was gedenkt Herr Professor Dr. Kraemer dagegen zu tun? Wir warten auf Antwort, um beim Werk des Tierschutzes eifrig mitzuarbeiten. l Dr. L. in Zellen jeder Art. Für Naumann's Kernseife «extrafeine Qualität» gibt es keinen Ersafc. Naumann's Feinseifen sind unerreicht in Körper sowie Parfüm und für die Gesundheitspflege direkt vorbildlich. DieGrosse I MARKE 3