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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-01-01 · 1 (1.1931) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
1 (1.1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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sein. Sie ist ein Glied der gesamten Judenheit und wenn es auch nicht, wie unsere Feinde meinen, einen politischen Gesamtwillen der Judenheit gibt, gibt es doch einen religiösen Gesamtwillen; in ihn muß die Gemeinde sich einfügen. Sie ist die Einzelzelle des Einheitswillens der gesamten Judenheit. Wir alle wissen, was es heißt, in dem engen Bezirk unseres kleinen Landes eine Einheit aus freiem Willen zu gründen. Wieviel schwerer ist es erst, sich einzugliedern in die Einheit der Gesamterscheinung des Judentums der ganzen Welt. Md schließlich und endlich ist die jüdische Gemeinde ein Stück des Kulturausdrucks der Gegenwart. Sie ist es in einem doppelten Sinn. Sie spiegelt in ihrer Gesamtheit und in dem Willen jedes einzelnen den Kulturwillen der Zeit wieder und die Art, in der die jüdische Gemeinschaft diesen Kulturwillen angenommen hat und verwirklicht. Sie spiegelt so gleichsam das Selbstgefühl der gesamten Judenheit. Wieder erinnere ich an ein Wort, das Sie, verehrter Herr Justizrat, bei der Einweihung dieser Synagoge sprachen, daß „in ihr, in ihrer äußeren Erscheinung schon sichtbar zum Ausdruck kommt, daß wir gewillt sind, unseren Platz an der Sonne nicht nur zu erringen, sondern zu behaupten". Zugleich ist sie aber in einem anderen Sinne Teil des Kulturwillens unserer Zeit. Wir alle, zum mindesten wir Alten, sind hineingestellt gleichsam in zwei Kulturen, in die Vorkriegskultur und in die Nachkriegskultur. Und wenn wir mit einem Worte diese beiden Kulturen bestimmen wollten, wir würden sagen, die Vorkriegskultur, das war die Kultur, die gespeist war aus dem Quell des Humanitätsgedankens, aus der rationalen Erfassung des Lebens und zugleich aus dem Individualismus, dem Selbstgefühl des einzelnen Menschen. Und die Nachkriegskultur, ob wir wollen oder nicht, baut sich auf auf der lieber-- steigerung der Maschine, auf dem, was wir Kollektivbewußtsein nennen, ihm ist zu eigen, daß der einzelne Mensch in seiner Individualität versinkt und in der großen Masse aufgeht, und sie bauet sich auf in dem Irrationalen des dunklen Gefühls, dem Bekenntnis zur Macht des Dunklen, Unbewußten im Fühlen des Menschen und in seiner Triebwelt. In diese beiden Kulturen hinein sind wir gestellt. Ihren Ausgleich zu gewinnen ist unsere Aufgabe, ist die Aufgabe jeder Religionsgemeinde, ist die Aufgabe auch der jüdischen Gemeinde. Indem wir diese Aufgabe erfassen und an ihrer Verwirklichung arbeiten, erfüllen wir die religiöse Pflicht, erfüllen wir die Aufgabe, zu gestalten die Wahrheit, daß „Gott auch seinen Stand hat inmitten dieser Gottesgemeinde." Dieser Gottesgemeinde gilt unser Wunsch in dieser Stunde. Den Segen Gottes erflehen wir für das Vaterland, das schwer bedrückte, schwer leidende, daß es herausgerissen werde aus seinen Nöten, daß es erfüllt sei von dem Willen zur Einheit und zur Menschlichkeit. Gottes Segen erflehen wir für diese Gemeinde, für ihre Vorsteher und alle ihre einzelnen Glieder. Gottes Segen sei auch mit Ihnen. 121 Der Herr segne Dich und behüte Dich; der Herr lasse sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig; der Herr wende sein Antlitz Dir zu und gebe Dir Frieden Amen. ❖OO Herzliche Bitte. Infolge wirtschaftlichen Druckes ist eine Reihe kinderreicher Familien unserer Gemeinde nicht mehr in der Lage, sich zu ernähren. Diese Tatsache zeigt uns die große Gefahr, in welcher ein nicht unwesentlicher Teil auch unserer Heranwachsenden jüdischen Jugend gegenwärtig schwebt. Diesen Schaden an der körperlichen und seelischen Entwicklung unserer Kinder bei Zeiten abzuwenden, muß die ernsteste Sorge einer ihrer Verant- X Wortung bewußten Verwaltung sein. Ö Wir wenden uns deshalb heute mit der dringenden Bitte an Alle, denen es in dieser schweren Zeit noch A möglich ist, zu helfen, uns in unserem Bestreben zu X unterstützen und durch baldige Abgabe einer Erklärung an uns sich bereit zu finden, Kinder bedürftiger Familien unserer Gemeinde eine Zeitlang, vielleicht über die schweren Wintermonate, täglich oder wenigstens mehrere Male wöchentlich, bei sich zu Tisch zu bitten. Solch' edle Tat, die ihren Lohn in sich selbst trägt, könnte der Gey fährdung eines nicht unbeträchtlichen Teiles unserer Heranwachsenden Jugend mit Erfolg Vorbeugen. 0 Wir bitten, entsprechende Bereitschaftserklärungen zu ❖ richten an den Vorstand der Zentralwohlfahrtsstelle der f) israelitischen Religionsgemeinde Mainz, Büro, Hinden- X burgstraße 44. 0 Der Vorstand der isr. Religionsgemeinde Mainz. V ❖O* ö y 0 5 5 ö 5 0 5 S $ l Aus unseren Verbandsgemeinden. Hechtsheim (i. Rheinhessen. Am 18. Januar 1931 kann Herr Lehrer M. Kahn, der seit 20 Jahren in der hiesigen Gemeinde als Lehrer, Vorbeter und Schachet tätig ist, seinen 70. Geburtstag feiern. Herr Kahn ist am 18. Jan. 1861 in Westerburg, Prov. Hessen-Nassau, geboren, fand als dreizehnjähriger Jüngling Aufnahme in der ifr. Präparandenschule zu Höchberg bei Würzburg und trat nach 2 ^jähriger Vorbildung in dieser Präparandie in das israelitische Lehrerseminar in Würzburg ein. Als er im Jahre 1879 diese Leherbildungsanstalt verließ, fand er sofort Anstellung in der damals starken israelitischen Gemeinde Schornsheim, Rabbinatsbezirk Alzey. Von hier aus erteilte er auch den Religionsunterricht in Nieder-Saulheim und Udenheim. Nach drei Jahren fiedelte er nach Flonheim bei Alzey über und fand dann eine umfangreiche Tätigkeit in Rimbach i. Odenwald. Nach 6jähriger Tätigkeit in dieser Gemeinde fand er eine Anstellung in Külsheim, Rabbinat Mosbach i. Baden. Nach einer weiteren Amtstätigkeit von 12K Jahren in Berncastel a. d. Mosel wurde Herr Kahn, wie oben erwähnt, nach Hechtsheim berufen. Neben feinen Hechtsheimer Obliegenheiten versieht Herr Kahn auch die Unterrichts- und Schächtertätigkeit in Ebersheim-Harxheim, Hahnheim, Bodenheim, Undenheim und Schornsheim. Seit über 50 Jahren ist so Herr Lehrer Kahn im Dienste jüd. Gemeinden tätig, hat Hunderte von jüdischen Kindern in den Lehren des Judentums unterwiesen, hat manche Gemeinde als Sch'liach zibbur im Gebet vereint und als gewissenhafter Schächter der Erfüllung dieser heiligen Aufgabe gedient. Er hat sich in seinen alten Tagen auch noch unserem Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens zur Verfügung gestellt und hat die beschwerlichsten Wege in Nachbargemeinden zwecks Ausübung feiner Berufstätigkeit nicht gescheut. Wir sprechen Herrn Kahn unsere Glückwünsche zu feinem Jubeltage aus und wünschen ihm in Gesundheit und weiterer rüstiger Schaffenskraft: ad meoh weesrim schonoh. Mainz. Auf Veranlassung des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde Mainz fanden unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Levi im Sitzungssaale der Gemeinde verschiedene Besprechungen statt, die sich mit der Lösung der Arbeitslosenfrage innerhalb unserer Gemeinde befaßten. Diese Frage, die als das Kernproblem unserer sozialen Not bezeichnet wurde, solle in irgend einer Form schleunigst geregelt werden; allerdings die Mithilfe hiesiger Firmen vorausgesetzt. In Mainz müsse es möglich fein, den arbeitslosen jüdischenMenschen, die arbeiten wollen, wenigstens vorübergehend Beschäftigung zu vermitteln. In einzelnen Fällen sollte sogar eine dauernde Unterbringung möglich fein! Als Ergebnis dieser Besprechungen ist hervorzuheben, daß die Gründung einer Kommission beschlossen wurde, die ihre Arbeiten sofort ausgenommen hat. Dieser Kommission, die sich als Arbeitsnachweisstelle bei der israelitischen Religionsgemeinde Mainz konstituiert hat, gehören folgende Herren an: Jakob Deutsch, Bankdirektor Dr. Karl Heß, Henry Meyer, Max Neugarten, Siegfried Jourdan, Direktor Julius Schottländer, Amtmann Ernst Schlösser, Louis Schneeberger, Max Waldmann und Theo' Weil. Die Kommission hat das Recht weiterer Kooptation. Die israelitische Gemeindeverwaltung, sich der großen Bedeutung der zukünftigen Berufswahl ihrer Jugend vollkommen bewußt, beschließt ferner, die bereits bestehende Lehrstellenvermittlungs- und Berufsberatungsstelle neu zu beleben. Die erforderlichen Büroarbeiten sollen von der Zentralwohlfahrtsstelle der israelitischen Religionsgemeinde mitversehen werden. (Vgl. hierzu den Leitartikel in der vorliegenden Nummer des Mitteilungsblattes!) Nachbemerkung: Die Förderung des Handwerks unter den Juden gehört zu den Aufgaben der Vorstände der in unserem Landesverband geeinten Gemeinen. Die Bestrebungen hierzu gingen in erster Linie vom hessischen Ministerium in Darmstadt aus; es hat im hessischen Regierungsblatt Nr. 12 vom 18. April 1823 der israelitischen Professionisten-Kasse zu Offenbach und im hessischen Regierungsblatt Nr. 17 vom 26. Juli 1826 des Israelitischen Professionisten-Vereins zu Mainz unter Anerkennung und Billigung öffentliche rühmliche Erwähnung getan. 5

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