Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-01-01 · 1 (1.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
1 (1.1931)
Date
1931-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9582242-9623188-9620847--0682-9620851
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und sie ist nur eine Gemeinde, wenn wir etwa getragen sind von dem Bewußtsein und von dem Willen, es zu fühlen und zu gestalten, daß Gott in unserer Mitte steht. Und darum müssen wir, die Gemeinde, und darum mutz auch die Leitung der Gemeinde und jeder einzelne, der ihr vorsteht, wissen um die Gedanken, die zu dieser eigentümlichen Frömmigkeitsstimmung gehören. Wir alle insgesamt müssen wissen, das ist die Gemeinde, in der lebendig ist die Offenbarung von Sinai, in der lebendig ist die Verkündigung von dem einig einzigen Gott, in der lebendig ist die Berufung Israels, Führer und Licht der Menschheit zu sein, in der lebendig ist die Stimmung, die nicht hinzielt auf die Sehnsucht nach der Erlösung, sondern in der jeder einzelne seine Kräfte in sich fühlt, den Weg zu Gott zu suchen. Alles Religiöse ist ein Ewiges und ein Zeitliches, ist ein Ewiges, weil die Gedanken, weil die Stimmungen ein Ewiges und Unvergängliches sind, zugleich ein Zeitliches, weil es in Formen sich ausprägt, weil die religiösen Vorstellungen der Menschen selbst sich wandeln, weil die Andachtskraft der Menschen sich wandelt. Sie selbst, verehrter Herr Justizrat, sprachen an dem Abend, an dem diese Synagoge eingeweiht wurde, von der veränderten Form der Andachtskraft und der Andachtssähigkeit, die in jedem Menschen der Staat für sich in Anspruch genommen hat. Daß inmitten ihres Zusammenschlusses Aufgaben gelöst werden müssen, durch die ganz bestimmten Nöten der einzelnen Menschen Hilfe gebracht wird. Die Gemeinde mutz das wissen und ihre Leitung muß das wissen. Sie mutz es wissen, nicht um eine nur wirtschaftliche Aufgabe zu erfüllen, sondern um wahr zu machen auch an dieser Stelle das Wort 2x ms?2 22) „Gott steht inmitten der Gemeinde Gottes". Denn Gott verwirklicht man, indem man eine Ordnung der Menschen gestaltet, wie Gott sie will. Würde man jemand voller Furcht sagen, daß das eine Aufgabe ist, die schier über die geistigen, und vor allen Dingen über die materiellen Kräfte einer Gemeinde hinausgeht, so kommt sofort zu uns der Trost mit den seltsamen und noch gar nicht geiiügeiid ausgeschöpften Worten der Alten 'V 2122 px „niemals kann eine Gemeinde arm sein". Aber die Gemeiiide ist nicht nur Religions-, nicht nur Sozialgemeindc, sie ist zugleich auch das Jnstrumeiit des Zusammenhaltes der einzelnen Glieder und Menschen. Da es eine Schicksalsgemeinschast ist, siiid diese Menschen aufeinander angewiesen, gehören sie zueinander, müssen sie gleichsam eine Familie sein. Dazu gehört, daß man in vollstem Sinne Leid und Freud des Lebens gemeinsam trägt, daß man beides gemeinsam durchlebt. Für das Leid ergibt '1 & - "'i*? £ Tie Synagoge in Offenbach im Festschmuck anläßlich des Jubiläums des Herrn Justizrat Goldschmidt (siehe auch Dezember-Nummer 1930). ist. So muß auch in jeder Gemeinde sich immer das Ewige und zugleich das Zeitliche darstellen. Aber nicht das Zeitliche in dem Sinne, daß nun die Gemeinde der Zeit und den Zeitgedanken nachhinken muß, sondern um auch in der gewandelten zeitlichen Form zu verkörpern die /Wahrheit, daß „Gott gleichsam herabgezogen werde, daß er stehe inmitten der Gemeinde." In ihr und ihrem Leiter muß darum lebendig sein das Gefühl für die Wichtigkeit des Gottesdienstes, der religiösen Erziehung und der Stellung der hebräischen Sprache in ihr. Solches Verständnis ist in Ihnen schon darum wach, weil in ihr Leben die Erinnerung hineinragt an den ersten neuzeitlichen Rabbiner dieser Gemeinde, Ihren Großvater, Dr. Formstecher. Neligionsgemeinde ist die jüdische Gemeinde zuerst und in allererster Reihe. Aber sie ist das nicht allein, sie ist auch das, was wir in Ermangelung eines besseren und kräftigeren Wortes nennen dürfen eine S o z i a l gemeinde. Wir jüdischen Menschen sind zusammengeschlossen durch ein gemeinsames zu erlebendes und ererbtes Schicksal, sind zusammengeschlossen durch bestimmte gemeinsame Erinnerungen und in ihrer großen, übergroßen Mehrheit auch durch Abstammung. Das bedeutet, daß jeder einzelne Glied einer Gemeinschaft von ganz bestimmter Struktur ist. Man muß um diese Struktur wissen, gleichgültig, ob man sie sesthalten und verewigen, oder ob man sie wandeln und umgestalten will. Man muß um diese Struktur wissen, und man muß zugleich wissen, daß diese eigentümliche Struktur es mit sich bringt, daß man inmitten dieser Gemeinde und nach der Eigentümlichkeit ihrer Gedanken und Ziele Ausgaben erfüllen muß, die gleichsam zusätzlich hinzukommen zu den Ausgaben, die, eigentlich erst in allerletzter Zeit, sich das schon ganz von selbst. Aber die Freuden gemeinsam zu durchleben, das will gelernt und geübt sein, und in einer Gemeinde mutz es gelernt und geübt werden. In der Gemeinde mutz es sich verwirklichen, daß in der jüdischen Religion Religiöses und Weltliches gar nicht von einander zu scheiden ist. Man mag lächeln darüber, daß wir ein bestimmtes Mahl ein frommes Mahl nennen, man mag lächeln darüber, daß wir eine Zusammenkunft, in der man freudig und heiter ist, .2122 22' „eine Freude am Gebote" nennen, und doch ist das eines der Mittel, von denen der Zusammenhalt der Gemeinde abhängt. Nur muß man wissen, daß diese Freude nicht um der Freude willen ist und um der Lust, sondern daß sie da ist, um das Wort zu verwirklichen, daß „Gott inmitten der Gemeinde steht" und auch in unserer Fröhlichkeit bei uns ist. Darin kommt erneut zum Ausdruck, daß eine Gemeinde nicht nur ein Verwaltungskörper ist, sondern daß sie, nun das Wort ist unübersetzbar, daß sie eine Kehillo ist. Darum ist die Gemeinde zugleich auch Trägerin eines bestimmten Bildungswillens, ist sie Trägerin des Willens, ihre Glieder immer aufs neue, in Alt und Jung, zu erfüllen mit bestimmten Wissensinhalten und mit bestiinmten Willensinhalten. Aber auch diese Uebung ist ja nicht um des Wissens und der Unterhaltung und um der Bildung willen, sondern um des göttlichen Zweckes willen, damit auch in der Erkenntnis, die die einzelnen Menschen gewinnen, der Name Gottes heilig wird in den Seelen der Menschen. Eine jüdische Gemeinde in ihrem Zusammenschluß ist niemals em Einzelnes und Isoliertes; mag es auch nach der „Weisheit" des Gesetzgebers so geworden sein, daß jede Gemeinde in Selbständigkeit für sich allein dasteht, sie darf doch nicht für sich alleiil

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.