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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-01-01 · 1 (1.1931) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
1 (1.1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Hier nicht nur kunstgeschichtlich hervorragender Besitz der rheinischen Gemeinden, sondern auch Diuge rein historischen oder besser kulturgeschichtlichen Inhalts vereint wurden und ein Bild der jüdischen Kultur des Rheinlandes gaben. Unter dem Eindruck dieser Jahrtausendausstellung, die zum ersten Male ein Stück jüdischen Lebens als wertvollen Bestandteil des gesamten deutschen Kulturschaffens zeigte, entstand in Mainz die historische Sammlung des Vereins der Pflege jüdischer Altertümer. Ursprünglich als eine dauernde Ausstellung jüdischer Kultusgegenstände ähnlich der Wormser gedacht, nimmt sie ungewollt aber folgerichtig die Entwicklung zu einem jüdischen Heimatmuseum des ehemalig Kurmainzischen Landes. Zu dem im Besitz der Gemeinde befindlichen künstlerisch wertvollen Bestand an Kultusgegenständen und den Kunstwerten aus Privatbefitz treten die aus den Landgemeinden des ehemaligen kurmainzer Staates gesammelten Stücke, die vereint mit kulturhistorischen Dokumenten der Stadtbibliothek und des Gemeindearchivs sich harmonisch zu einem kulturgeschichtlichen Museum zusammenfügen. Also nicht mehr allein Dinge, die einen künstlerischen Willen ausdrücken, sondern auch solche, die eine geschichtliche Sprache reden, wurden vereint und konnten im Oktober 1926, am gleichen Tage, mit dem Denkmalsfriedhof der israelitischen Gemeinde, 180 Steinen und Steinfragmenten, in mühevoller Arbeit von dem Gemeinderabbiner Sali Levi^ zusammengetragen als Zeugen jüdischer Seßhaftigkeit am Rheine aus den Jahren 1000 brs 1425, der Öffentlichkeit übergeben werden. Die von dem Verein zur Pflege jüdischer Altertümer zu Mainz herausgegebene Schrift „Magenza, ein Sammelheft über das jüdische Mainz"? baut auf Studien über die alten Friedhöfe und Beschreibungen kunstgeschichtlicher Natur auf. Dem von Mainz aus in der Presse^ erfolgten „Aufrufe", zur Inventarisierung der Kunstdenkmäler in Deutschland folgten die Landesverbände jüdischer Gemeinden, Gründungen von Museen kamen jedoch nur in Kassel und Breslau zustande. Gelegentlich der Bres- 1 Levi, S. Beiträge zur Geschichte der ältesten jüdischen Grabsteine in Mainz, 1926. 2 Verlag des Vereins zur Pflege jüdischer Altertümer, Mainz 1927. s Schild 1926, 5. Jahrgang, Nr. 7. lauer Ausstellung hat sich iu Breslau eine „Arbeitsgemeinschaft für Sammlungen jüdischer Kunst und Altertümer" gebildet, die den Zusammenschluß der Museen und Museumsfreunde hauptsächlich zu Zwecken des Tausches von Doubletten und Abbildungen schaffen will. Ihre wichtigste Ausgabe ist eine durchgreifende Inventarisierung der Kunst- und Kulturdenkmäler in ganz Deutschland und vor allem die Gründung weiterer Vereine in den Provinzen, deren notwendige Arbeit in den meisten Landesteilen bis jetzt vollkommen fehlt, und die ohne größeren Kostenaufwand sehr wohl überall — wie in Mainz ehrenamtlich und nebenberuflich — geleistet werden kann. Diesen Fragen der Fortentwicklung der jüdischen Denkmalspflege wird die Sitzung der „Arbeitsgemeinschaft" in Mainz vom 11. bis 13. Januar 1931 gewidmet fein. Karl Ladenburg. Tie Versteigerung jüdischer Kunstgegenstände bei Helbing in München am 16. Dezember 1930. Ter Katalog umfaßte 115 Nummern und die Auktion war fast nur von Vertretern jüdischer Museen und Gemeinden besucht. Private Interessenten waren nur in geringer Zahl anwesend. Tie Versteigerung wurde von Herrn Geheimrat Helbing persönlich geleitet, der bei Beginn die Anwesenden fragte, ob Minjan vorhanden fei, was einstimmig bejabt wurde. Es wurden trotz der Ungunst der Zeiten z. T. sehr ansehnliche Preise erzielt. Das Glanzstück der Sammlung, die, wie man hörte, aus dem Besitze eines ehemals sehr reichen ostjüdischen Glaubensgenossen stammte, ein kleiner Aron Hakodesch, Silber zum Teil vergoldet, mit reichem figürlichem Schmuck, ging um den Preis von 4100 RM. an einen Berliner Steigerer. Ein wunderhares Thoraschild (Taff), Silber, um 1725, erzielte 650 RM., eine kleine Miniaturthora mit allem Scknnuck 950 RM., ein silbernes Schach für den Sabbat 1400 RM., ein Porzellanweinkrug für Seder mit reicher Inschrift 600 RM., ein ähnlicher 775 RM., eine wunderbar schöne silberne Menorah 610 RM., eine andere 1000 RM., eine von der Gemeinde München augesteigerte sogar 1200 RM., zahlreiche Besomim-Behälter von 200 RM. bis 400 RM., silberne Tefillin-Kapseln um etwa 100 RM. u. s. f. Diese Auktion hat wieder gezeigt, daß das Interesse für jüdische Altertümer und Kunstgegenstände ip Deutschland immer noch im Wachsen begriffen ist, was im Hinblick auf die in den letzten zehn Jahren neu errichteten Gemeindesammlungen und Museen erklärlich erscheint. Kr. Festpredigt des Herrn Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach anläßlich des Jubiläums ' des Herrn Justizrat Goldschmidt. Die Israelitische Religionsgemeinde dieses Ortes versammelt sich an diesem Freitag abend, an dem Tag, an dem Sie, verehrter Herr Justizrat, vor 25 Jahren in den Vorstand eintraten, um Sie an diesem Abend zu begrüßen und zu beglückwünschen. Sie versammelt sich hier in diesem Hause, in diesen Räumen, die ja Wesentlichstes Ihrer Arbeit und Ihrem Stilgefühl verdanken, in denen beinahe jeder einzelne Gegenstand Zeugnis ablegt von Ihrem Kunstgeschmack. Sie vereinigt sich hier, um Ihnen zu danken für alle Arbeit, die Sie geleistet, für die Treue und Hingabe, mit der Sie Ihre Pflicht erfüllt, für all die Gewissenhaftigkeit und den Opfersinn, die Sie in Ihre Arbeit gelegt haben und für die verstehende Liebe, mit der Sie diese Gemeinde leiten und jedes ihrer Mitglieder begleiten. Sie dankt Ihnen für die Einsicht und für die Tatkraft, mit der Sie die Gemeinde hindurch geführt haben durch die großen und übergroßen Schwierigkeiten dieser letzten Jahre. Aber es würde weder Ihnen noch mir anstehen, würden wir diese Stunde der Weihe dazu nutzen, um ausführlich zu sagen und zu künden, was Sie geleistet. Nicht nur, daß es Ihnen und mir nicht anstehen würde, es widerspräche sogar dem Satz der Alten, die ausdrücklich gesagt haben, 1^22 tna lmP nSpa „man darf nur einen kleinen Teil von dem sagen, was ein Mensch gewirkt hat, wenn er selbst anwesend ist." Ein Anderes muß uns jetzt Sinn und Aufgabe dieser Stunde sein. Wir nutzen sie, um zu sprechen vom Wesen und vom Sinn der jüdischen Gemeinde; denn, indem wir ihr Wesen und ihren Sinn schildern, indem wir von ihr und ihrer Aufgabe, ihrem Schicksal und ihrer Zukunft reden, umschreiben wir ja schon ganz von selbst Arbeit und Ausgabe des Vorstehers. Wir stellen diese Stunde unter den Satz des Psalmsängers: mM „Gott steht in der Gemeinde Gottes". (Ps. 82, 1). Aber vorher lesen wir eine Erzählung, einen kleinen Bericht aus alten Zeiten. Es wird berichtet: Rabbi Gamliel, der Vorsitzende des großen Synhedrion, hatte die -Absicht, Rabbi Elasar Chisma und Rabbi Jochanan ben Gudgeda an die Spitze einer Gemeinde zu setzen. Er schickte nach ihnen, aber sie kamen nicht. Er schickte ein zweites Mal und endlich kamen sie. Da fuhr er sie ärgerlich an und sprach zu ihnen: „Habt Ihr etwa geglaubt, eine Herrschaft übertrage ich Euch, eine schwere Arbeit, einen schweren Dienst lege ich Euch aus." Was ist die jüdische Gemeinde? Wir fragen aber zuerst und müssen darauf eine Antwort geben. Was w a r die jüdische Gemeinde? Wir, Ihr alle kennt nur die jüdische Gemeinde des letzten Jahrhunderts. Aber diese jüdische Gemeinde des 20. und 19. Jahrhunderts ist nicht die jüdische Gemeinde des Mittelalters und des Ghettos. Nicht wegen des veränderten Kulturgesühls, sondern aus einem ganz anderen Grunde. Die jüdische Gemeinde des Mittelnlters war eine Zwangseinrichtung des Staates, erstellt von seiten des Staates, um ein bequemes Instrument in der Hand zu haben, die Juden auszunutzen und auszubeuten. Es war daher in jenen Jahrhunderten durchaus nicht nur eine Ehre, sondern eine große Gefahr und eine schwere Verantwortung, Leiter, Vorsteher einer Gemeinde zu sein. Wann immer der Fürst, wann immer die Obrigkeit irgend einen Streit mit der Gemeinde ansing, irgend eine Forderung geltend machte, so hielt er sich zuerst an den Vorsteher, er war ihnen verantwortlich, mochte er sehen, wie er dann mit der Gemeinde fertig wird. Ein ganz anderes ist die jüdische Gemeinde geworden, die wir kennen und die in unserem Bewußtsein steht durch die Erinnerungen vom Großvater und Urgroßvater her. Sie erst ist, wieder anknüpfend an die allerältesten Zeiten, die freie Zusammenfassung derer, die sich in Freiheit zusammenschließen wollten. Aber in den Menschen, die sich so in Freiheit zusammenschließen, gewinnt nun die Gemeinde ein vielfaches Ansehen. Sie ist nicht ein Eindeutiges, sie ist ein Vielfaches. Sie ist zunächst und das wohl in allererster Reihe eine R e l i g i o n s gemeinde. Wir müssen das mit besonderem Nachdruck betonen und aussprechen in Zeiten, in denen der Wille vorhanden ist, die Gemeinde umzugestalten zur Volksgemeinde. Sie ist uns in erster Linie Religionsgemeinde. Will heißen: die Zusammenfassung der Menschen, die geeint sind durch einen Glauben, die geeint sind durch bestimmte, diesem Glauben eigentümliche Gedanken, Empfindungen und Stimmungen. Hier erst, von diesem Gefühl heraus kommt zur Geltung das Wort , 5X 2^ Op^ Jeder von uns muß wissen: „Gott steht inmitten der Gemeinde" 3

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