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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-12-01 · 12 (12.1930) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
12 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Darmstadt in eine heillose Wut, die sich in dem erwähnten kleinen Feuilleton anstobte. Da aber die finsteren Zeiten des Mittelalters vorüber sind, ist die Gemeinde in ihren Entschließungen frei, und die Wut jener „Erbpächter" zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Die Gemeinde wird die von dem hochherzigen Stifter gestellten Bedingungen erfüllen, aber nicht, weil sie, wie sich der Fenilletonist so geschmackvoll ausdrückt, ihre Zukunft verkauft, sondern weil sie die Ueberheblichkeit und Selbstbeweihräucherungen einer verschwindenden, bedeutungslosen Minorität überdrüssig ist, weil sie sich mit dem flachen und öden Herabsetzungen Andersdenkender nicht länger identifizieren möchte. Und wenn es am Schluß des gehaltvollen Feuilletons heißt: „Was man sich wohl im Kreisamt und Ministerium nun für Gedanken über jüdische Glaubenstreue und Charakterfestigkeit machen mag?" so möge man sich darüber im separatistischen Lager beruhigen. In diesen Behörden sitzen Leute, die wissen, daß alle Gebiete menschlichen Denkens dem Gesetz der Entwicklung unterworfen sind, und daß -Starrheit mit Glaubenstreue und Charakterfestigkeit etwa so viel zu tun hat, wie ein marktschreierischer Hurrapatriotismus -mit wirklicher Vaterlandsliebe. Wir können es ja begreifen, daß es den Herren in der Redaktion des „Israelit" schwer fällt, sich mit der Existenz eines liberalen, fortschrittlich gesinnten Judentums abzusinden, insbesondere dann, wenn dieser Liberalismus die orthodoxen Kreise stört. Aber er ist da, lebt und setzt sich, wenn es sein muß, kräftig zur Wehr. Es freut uns, durch den Beschluß der Gemeinde Beerfelden, einer ehemaligen Hochburg der Austrittsorthodoxie, einen nicht zu unterschätzenden Zuwachs an Kraft erhalten zu haben. Ter Liberalismus wird sie nicht hindern, ihre religiösen Traditionen in der Richtung zu entwickeln und zu fördern, die ihrer Tendenz entspricht. Dem hochherzigen Stifter aber auch unseren Dank auszusprechen, ist uns Herzenbedürfnis. Möge es ihm vergönnt sein, sich noch recht lange der Dankbarkeit seiner ehrwürdigen Heimatgemeinde zu erfreuen. H. Tätigkeitsbericht des I.I.V. Mainz über das Vereinsjahr 1929/30. In der Generalversammlung am 14. Nov. 1929 hat der scheidende Vorstand einige Richtlinien gezeichnet, nach denen er die Vereinstätigkeit entwickeln wollte: Im Programm sollten mehr aktuelle Fragen, wirtschaftliche und jüdische Probleme berührt, die Anregung zu Aussprachen verstärkt, die Arbeit im ganzen intensiviert, und der Geist der Gemeinschaft vertieft werden. Mittel und Wege dazu zu finden, überließ man dem neu gewählten Vorstand. Das abgelaufene Vereinsjahr erstreckt sich über eine schwere Zeit: die wirtschaftliche Not hat allenthalben zugenommen, in den Kreisen unserer Jugend macht sie sich schon sehr stark geltend; der jüdische Mittelstand kämpft einen bitteren Existenzkampf. Polnische Sorgen haben sich dazu gesellt, die schwarze Wolke des Nationalsozialismus verfinstert den Horizont. Steuerlasten drücken und Unzufriedenheit durchsetzt und zersetzt das ganze staatliche Leben. In allgemein jüdischer Hinsicht gaben Vorgänge in Deutschland und außerhalb (z. B. in Palästina) Anlaß zum Ausmerken, zur Unzufriedenheit, zu Protestkundgebungen. Das nur umrissene düstere Bild könnte weiter ausgemalt werden, allein es würde den Rahmen des heutigen Berichts sprengen. Jedenfalls hatte sich der Vorstand mit all diesen Tatsachen zu befassen, wenn er die Mitglieder nach der Verbandsidee richtig leiten und erziehen wollte. Und so war die Situation gar nicht einfach, der er gerecht werden mußte. Die Vorstandssitzungen, die häufiger als im Vorjahr stattfanden, waren dafür ein Ausdruck und zeugten vom ehrlichen Willen, sie nach jeder Richtung hin zu meistern. Die wirtschaftliche Not führte leider dazu, daß viele Mitglieder, inaktive wie aktive, ihren Austritt erklärten. Für den Verein bedeutet das ideellen und materiellen Verlust. Und so ist im Berichtsjahr die Mitgliederzahl kleiner geworden. Ueber allgemeine F r a g e 11, die im Programm nicht vernachlässigt wurden, gingen eine Reihe von Heimabenden (Esperanto, Rezitationen, moderne Musikerziehung, moderne Körperkultur, Eheprobleme, aktuelle Fragen der Medizin usw.) Wirtschaftliche Verhältnisse berührten Heimabende wie Bankwesen, Karl Helferich und sein Werk, Wirtschaftsverhältnisse der Juden, sowie eine Reihe von Aussprachen. Ganz besonders und natürlich rückten in den letzten Monaten politrscheProbleme in den Gesichtskreis und fanden das gebührende Interesse. Zu jüdischen Dingen führten Referate wie Renaissance hebräischer Dichtung, biblische Geographie, Schönheiten der Bibel, Entwicklung des Sederrituals, Zionismus und Orthodoxie, Wirtschaftsverhältnisse Palästinas, Stellung der jüdischen Frau usw. Wie hieraus ersichtlich wurden sowohl jüdisch-religiöse ,als auch j ü - 6 disch - paIitische Fragen behandelt und ausgiebig debattiert. Erfreulicherweise verliefen diese von allen Richtungen besuchten Ausspracheabende in ernstester Sachlichkeit. Ihr Besuch bewies ihre Notwendigkeit. Es würde zu weit führen, alles aufzuzählen, was die Monatsprogramme enthielten. Sie sind ja aller: bekannt urrd wurden in den örtlichen jüdischen Zeitungen veröffentlicht. Sollten sie gelegentlich etwas bunt erschienen fern, so bedenke man, daß bei der Mannigfaltigkeit der Wünsche und Interessen in einem großen, aus allen Schichten zusammengesetzten Verein Abwechslung rrottut, um jedem etwas zu bieten. Vielleicht müssen wir in Zukunft bei manchen Problemen noch weiter vorn anfangen, als es geschehen ist. Schließlich ist bei der Programmaufstellung bestimmend, über welchen Kreis von Mitarbeitern man rm einzelnen verfügt, und wann diese sich zur Verfügung stellen. Daß der JJV., an Gemeindeangelegenheiten in positiver Weise teilnimmt, hat er bewiesen. In der letzter: Generalversammlung war aus die Probleme hingewieserr worden, die für uns als Jugend bei der Wahl des Gemeindevorstandes, die am 24. Nov. 1929 stattfand, von besonderem Interesse waren. Wir hatten zuvor schon Fühlung genommen mit den einzelner: Vereinen der Gemeinde, um diese zu einer gemeinsamen Aktion aus Grund des damals rreu herausgekommenen Gemeindestatuts zu veranlassen. Unserer Jrritiative folgten einzelne Gemeindemitglieder und von den verschiedenen Organisationen lediglich die Zionistische Ortsgruppe; aber die von uns mit ihnen zusammen einberufene Gemeindeversammlung am 18. Nov. 1929 fand weitergehenden Widerhall. Die mit den: 'Gemeindevorstand herbei geführte Aussprache führte zur Aufstellung einzelner Forderungen, die als Resolution an den Gerneindevarstand weitergeleitet wurden. Der neu gewählte Vorstand versprach, sie als wertvolles Material bei späterer Revision des Gerneindestatuts zu verwenden. — Bei der Gemeindewahl selbst, war der JJV. für fortschrittliche Kandidaten tätig, ohne selbst eine Kandidatenliste ausgestellt zu haben. Unsere Aktion hat zur ausnehmend starker: Beteiligung an der Wahl sicherlich beigetragen. Das Interesse für Vorgänge in der Gemeinde, der einziger: Lebenszelle des heutigen Judentums, mutz in der Jugend, die sich dieser Gemeinde eingliedern soll, stets wachbleiben. Wir erwarten umgekehrt, daß die Gemeinde gerade in der Zeit der Not dem JJV. die Jnteressennahme beweist, die die Jugend verdient. Besprechungen darüber mit dem Vorstand schweben bereits. Zu Beginn des Winters wurde die L e s e st u n ö e im Heim eröffnet, die bezwecken sollte, unsere Mitglieder zur Lektüre jüdischer Zeitschriften aller Richtungen und zur Aussprache darüber zu veranlassen. Ihr Erfolg entsprach nicht ganz unserer: Erwartungen. Die neuerdings eingeführter: Pressereferate finden hoffentlich das gebührende Interesse. In regelmäßigen Zwischenenräurnen fanden während des Winters Freitagabendseiern statt, wo die Wochenabschnitte des folgenden Sabbat durchgesprochen wurden. Sie waren sehr gut besucht und verliefen bei reichlicher Bewirtung durch den Verein gemütlich. Die Purimseier bekam dieses Jahr eine besondere Note. Sie fand ebenfalls im Heim statt. Zu ihrem Gelingen trugen treue Helfer bei, denen, wie allen unseren Mitarbeitern, hier gedankt sei. Der 2. Sederabend wurde wiederum von Max Tschornicki in der Pension Gottschall abgehalten und war von 22 Mitgliedern besucht. Dem Pessachfest voraus ging ein Heimabend über das Sederritual, dessen Abhaltung wir Herrn Öberkantor Jonas verdanken. Es wäre nur wünschenswert, daß gerade solche Heimabende, die sich mit religiösen Ideen des Judentums und ihren Formen befassen, einen stärkeren Zuspruch fänden. Eine besondere Arbeitsgemeinschaft, die unter Leitung von Max Tschornicki und Joses Kahn stand, befaßte sich mit der Behandlung geisteswissenschaftlicher Probleme, insbesondere mit der Besprechung von Schriften jüdischer und nichtjüdischer Schriftsteller (Max Weber usw.) die das Judentum betreffen. Sie erwiesen sich alle als ein Bedürfnis, so daß für den Winter eine neue Arbeitsgemeinschaft durchgeführt wird, deren Leitung in dankenswerter Weise wieder Herr Rabbiner Dr. Levi übernommen hat. Ihr Thema lautet: „Anteil der deutschen Juden am deutschen Kulturleben." Lebhafte Aussprachen schlossen sich regelmäßig sowohl an d:e Heimabende, als auch in der Arbeitsgemeinschaft an die Referate an. Wir möchten erneut anregen, daß ein A u s t a u s ch der Programme innerhalb der Vereine der Gemeirrde üattftndet Dadurch ließe sich sicher mar:che parallel gehende Arbeit vereinfachen und im Gemeindeleben ein größerer Zusammenhalt erreichen, ^n diesem Zusammenhang sei die I u g e n d b b i b l i 0 - ane^0e.nnenb erwähnt, die wir dem Verein für jüdische Gefthrchte und Literatur verdanken und für deren stete Ergänzung Herr Dr Lorge rührig sorgt. Sie genießt sehr guten Zuspruch. In altgewohnter We:se betreut uns die Rhenus löge. Bei Bedarf steht uns auch ihre Birchere: zur Verfügung. Zu unserem 20. Geburts-

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