Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 12 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wahlbetrachtungen. Unser Hessenländchen hat das beschämende Verdienst, einen der be—rühmtesten Vertreter der Nationalsozialisten, den früheren evangelischen Pfarrer Münchmeyer, in den Reichstag gewählt zu haben. Alle Teile Hessens haben an diesem Verdienst ziemlich gleichen Anteil, auch Rheinhessen und Mainz, wo man das seither für unmöglich gehalten hätte. Noch vor zwei Jahren versicherte ein höherer Polizeibeamter dem Verfasser dieses Berichtes, es gäbe in Mainz 12 Nationalsozialisten und jeder einzelne sei ihm persönlich bekannt. Bei den Stadtratswahlen im November 1929 war Mainz die einzige Stadt, in der kein nationalsozialistischer Kandidat aufgestellt und für diese Partei keine Stimme abgegeben wurde. Und nun bei der Reichstagswahl 8000 Stimmen! Mainz war von jeher eine Stadt der Bildung und der Aufklärung, auch die herrschenden Zentrumskreise huldigten immer dem Fortschritt und Verfasser erinnert sich, daß jahrzehntelang die maßgebenden Zentrumsführer „Frankfurter-Hof-Demokraten" (der Frankfurter Hof in Mainz ist das Kasino der Katholiken) genannt wurden. Daß auch heute noch von diesem Geiste mancher Hauch zu verspüren ist, beweist der Standpunkt des Mainzer Domkapitels gegen den modernen nationalsozialistischen Geist. Er bildet eine Oase in der großen Wüste der deutschen Politik. Woher in Mainz die vielen nationalsozialistischen Stimmen kommen, kann man nur vermuten. Man weiß, daß gewisse Wählerkategorien, immer unzufrieden mit sich und ihrem Einkommen, es mit dem „Sozialismus der Dummen" halten. Man erzählt sich, daß der Führer der Nationalsozialisten in Mainz, ein Studienrat, bei seiner Vorgesetzten Behörde vor der Wahl um Urlaub behufs Wahlagitation einkam, der ihm abgeschlagen wurde, woraus er direkt nach Darmstadt fuhr und dort den Urlaub bewilligt bekam. Wir müssen uns darüber klar sein, daß diese Bewegung seit lange überall in der Beamtenschaft, der Justizdem Lehrer- und Prosessorenstand stille und eifrige Protektoren hat und es ist geradezu charakteristisch, daß all diese Kreise, die im Dienste der Republik stehen und von dieser unterhalten werden, offen und geheim für eine Partei wirken dürfen, die nach eigenem Programm eine Todfeindin der Republik ist. Die nationalsozialistische Bewegung hat, teils infolge der allgemeinen Unzufriedenheit, teils infolge der wohlwollenden Duldung mancher Behörden und Kreise einen derartigen Umfang angenommen, daß sie ein ernstlicher Faktor sowohl in der inneren als auch in der äußeren Politik geworden ist. Ihr Judenhaß, mit dem sie gute Geschäfte gemacht hat, ist heute nur noch ein Nebenprodukt. Man wird „bald" sehen, daß sie bei den „jüdischen Finanzleuten und Kapitalisten" nicht stehen bleibt, sofern sie überhaupt ihre Drohungen zu verwirklichen sucht. Uebrigens weiß man ja, daß leider die weitesten Kreise des jüdischen Mittelstandes infolge der Finanz- und Wirtschaftspolitik der letzten Jahre verarmt sind und sich aus derartigen Drohungen nicht allzuviel zu machen brauchen. Wir Juden haben im Laufe unserer Geschichte mit Gottes Beistand schon viel schlimmere Zeiten und Verhältnisse überdauert. K. Strebe für den Frieden! Wir können es uns nicht versagen, die nachstehenden prächtigen Worte, die wir einer Sabbatbetrachtung der deutschen israelitischen Zeitung, bekanntlich das Verbandsblatt des hessischen gesetzestreuen Landesverbandes, entnehmen, unseren Lesern mitzuteilen. „So ruft uns der Anblick des Weltalls zur Harmonie, zum Frieden, und lehrt uns, die Blicke hinaufzulenken zum Schöpfer, der der Menschheit durch sein ewig unvergängliches Wort seinen Willen gekündet. Er lehrt uns, unser Gebet niederzulegen vor den Vater, der in Unendlichkeit weilend doch dem sterblichen Geschöpf so nah ist, der jede Regung des menschlichen Herzens fühlt und dem Gedrückten und Demütigen Leben gibt: 2^2-,: minrr? Und jenes Gebet, das der Jude dreimal täglich spricht, das iT?sn „Gebet" schlechtweg genannt wird, schließt mit dem Ausblick zu dem Weltenschöpser und seinem Weltall und mit der Bitte, daß die Einheit und die Harmonie, die dort herrschen, auch in unserem Kreise Plab finden mögen ■rjn av?e> «in vanaa av?u> nKny „Der Frieden in seinen Höhen schafft, er mache Frieden bei uns und bei ganz Israel." Ein von den Weisen festgesetzter Gebrauch lehrt, beim Sprechen dieses Schlußsatzes drei Schritte nach rückwärts zu gehen. Es ist gleichsam der Abschluß von dem Höhepunkte des „Vor-Gott-Stehens". Vielleicht will dieser Gebrauch uns aber noch eine Mahnung mit auf den Weg geben, „Du bittest um Frieden", sagt er uns, „du willst die Harmonie, wie sie in den Himmelssphären herrscht, auch in deinem Kreise heimisch machen, so tu das Teinige dazu, strebe für den Frieden, beharre nie auf deinem Standpunkt, geh zurück, sei nachgiebig. Dann wird Gott deine Bitte erhören." Wie schön wäre es doch, wenn die Menschen immer ihre Taten mit ihren Worten in Einklang zu bringen wenigstens versuchen würden. K. Mehr Solidarität! Männer wie der Reichsinnenminister Wirth halten es für nötig, uns Juden daraus aufmerksam zu machen, daß es doch höchste Zeit sei, gegen die unglaubliche Hetze und Bohkottbewegung der Nationalsozialisten in viel stärkerem Maße als bisher Front zu machen und allen heute noch nicht vom Antisemitismus angekränkelten Deutschen die Verlogenheiten der nationalsozialistischen Kampfesart aufzuzeigen. Zu einer Zeit, wo jüdische Angestellte bei vielen Firmen einfach nur deswegen keine Stellung finden können, weil sie Juden sind, — muß man täglich die Beobachtung machen, daß viele jüdische Unternehmer bei der Einstellung von Personal Andersgläubige sogar bevorzugen. Es kann wohl nicht Wunder nehmen, daß diese Handlungsweise bei den jüdischen Bewerbern maßlose Erbitterung erweckt. Wie viele Juden sind gerade durch solche Fälle stellungslos geblieben und in bitterste Not oder sogar aus eine schiefe Ebene geraten. Wir halten es daher für unsere Pflicht, allen verantwortungsbewußten jüdischen Männern und Frauen zuzurufen: Berücksichtigt bei Einstellung von Personal Eure Glaubensgenossen! Jüdischer Jugendverein Mainz. M. M. Aus unseren Verbandsgemeinden. Friedberg. Am 7. November beging Herr Hermann Strauß in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anläße widmete die Ortsgruppe dem Jubilar, der eine geachtete und beliebte Persönlichkeit ist, einen äußerst herzlich gehaltenen Glückwunsch. Auch wir schließen uns diesen Wünschen bestens an. Friedberg. Am 24. November beging Frau Sabine Mayer ihren 80. Geburtstag in voller körperlicher und geistiger Frische Seit vielen Jahrzehnten gehört Frau Mayer zu den führenden Frauen unserer Gemeinde. Noch heute ist sie tätiges Mitglied unserer Frauenkippe. Die Jubilarin zählt zu den Gründern des noch heute in voller Blüte stehenden israelitischen Frauenwohltätigkeitsvereins. Mehr denn 25 Jahre leitete sie den Verein in mustergültiger Weise als 1. Vorsitzende. Nachdem sie wegen ihres hohen Alters den Vorsitz niederlegte, wurde sie zur Ehrenvorsitzenden ernannt. Noch heute beteiligt sie sich tatkräftig an den Aufgaben des Vereins. Wir wünschen der wahrhaft gottessürchtigen, frommen Frau einen recht glücklichen Lebensabend. Ad meoh weesrim Schonoh! Groß-Gerau. Am 6. Novernber erstattete Frau Rosa Sichel aus Darmstadt im Jüdischen Frauenbund, Ortsgruppe Groß- Gerau, Bericht über die im September in Dürkheim stattgefundene Tagung des Frauenbundes. Der Vortrag war gut besucht und fand lebhaftes Interesse. Guntersblum. Vor einigen Wochen feierten Herr David R ü b und Gemahlin die 25. Wiederkehr des Tages ihrer Eheschließung. Dem Charakter der Jubilare entsprechend wurde dieses Tages irr aller Stille gedacht. Dennoch ließen sich viele christliche Mitbürger mancherlei Ehrungen nicht nehmen. Schon seit Jahren fungiert Herr Rüb, ein aus innerer Verpflichtung in der Stille tätiger Mensch, als 1. Vorstand der Gemeinde. Wenn es ihm nie ganz gelungen ist, die Gemeinde in seinem Sinne zu führen, so ist seine größte Tat, den chaotischen jüdischen Friedhof zu einer würdigen Ruhestätte der Toten 'umgewandelt zu haben. Möge es späteren Generationen Vorbehalten sein, das Wirken des Jubilars zu würdigen. Mainz. In der am 24. November stattgehabten Vorstandssitzung wurden eingelaufene Korrespondenzen in Vorlage gebracht und über laufende Angelegenheiten berichtet. Die Verzeichnisse zur Liquidation der Rechnung 1929 (Rj.) wurden auSgefertigt. Es wurden einige kleinere Kredite und Zuschüsse an Vereine bewilligt.