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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-11-01 · 11 (11.1930) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
11 (11.1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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spruch erheben.darf. Wir werden mit allen unseren Kräften und Können diese van uns als richtig erkannten Wege auch weiter gehen. Lassen Sie uns daher auch weiter zusammenstehen in festgefügter Einigkeit und Disziplin zum Wähle und zur Förderung unseres Standes, zum Wohl des Einzelnen, wie zur Förderung der Gesamtheit. Wenn wir dies tun, werden wir die Gewißheit haben, unsere Pflicht erfüllt zu haben und Schrittmacher und Wegbereiter einer besseren Zeit zu fein. II. Verhandlimgsbericht Der 2. Vorsitzende des Vereins, Kollege S i m o n, Darmstadt, eröffnet, da der Kollege Kahn, Alsfeld noch nicht anwesend ist, die Versammlung, die in den Räumen der L>tarkenburg-Loge stattfindet und begrüßt die Teilnehmer an der Tagung — anwesend zirka 40 Mitglieder — sowie die Gäste: Vertreter der Religionsgemeinde Darmstadt und des Rabbinats Darmstadt I. Er dankt dem Vorstand der Religionsgemeinde für die freundliche Einladung und Bewirtung. Herr Rechtsanwalt Josef begrüßt die Versammlung im Namen des Vorstandes der isr. Religionsgemeinde Darmstadt und wünscht der Tagung den besten Erfolg. Er betont, daß in der jetzigen Zeit Einigkeit und Geschlossenheit in unseren Reihen, im Judentum unbedingt nötig sei und alles Trennende zurückgestellr werden müsse. Herr Rabbiner Dr. B i e n h e i m, Darmstadt begrüßte die Versammlung im Namen des Rabbinats Darmstadt I. Er führte u. a. aus, daff der jüdische Lehrer sich in der Gegenwart vor äußerst schwierige Aufgaben gestellt sehe. Drei Faktoren seien es im wesentlichen, die die Arbeit des jüdischen Führers ungemein erschweren: die Krisis der Kultur überhaupt, die wirtschaftliche Depression und der Antisemitismus. Unter der Krisis der Kultur verstehe er die Auswirkung einer Bewegung, die alle absoluten Werte in Frage stellt und den sittlichen Aufbau des Lebens erschüttert. Aber solch eine Bewegung kann überhaupt nur dann Macht über die Menschen gewinnen, wenn die äußere Gestaltung des Lebens der schaffenden Menschen derart ist, daß dem Leben der Seele kein Raum mehr bleibt. Die Technisierung der Arbeit macht den Arbeiter gleichsam zur Maschine, die mechanisch auf rationellste Weise ihren Zweck erfüllt. Der Konzern, der Betrieb kann auf das Einzelschicksal kaum Rücksicht nehmen, schreitet unbarmherzig darüber hinweg. Der Nutzen regiert, nicht die Ethik. Unsere Warenwirtschaft schafft den Konkurrenzkampf mit seinen Auswüchsen, mit seinem schrankenlosen Streben nach Besitz, alles dreht sich um die äußeren Güter. Jeder sucht eine möglichst große Menge davon zu erlangen. Wo bleibt da die Seele mit ihren Ansprüchen? Kommt da nicht leicht die Religion zu kurz? Verschärfend trete die gegenwärtige wirtschaftliche Depression hinzu. Jeder fühle den Boden seiner Existenz unter sich wanken. Gedanken und Befürchtungen erstreckten sich fast nur auf die Frage: „Wie kann ich das Abwärtsgleiten meiner Existenz verhüten?" Der Bann der Tagessorgen lasse den Menschen nicht los; Neid und Mißtrauen gegen die Umwelt erfüllten ihn. Wenig Zeit bleibe für die Familie, für das häusliche und gemeindliche religiöse Leben; menschliche Beziehungen gingen entzwei. Wider ihren Willen würden die Einzelnen in den Ablauf des allgemeinen Unrechts hineingestellt, und wer sich damit abfindet, leide noch am ehesten Schaden an seiner Seele. Der bedenkenlose Einsatz aller Anstrengungen für die Aufrechterhaltung der Existenz erzeuge Interesselosigkeit und Müdigkeit für die höheren Lebensimpulse der Religion, und die Folge sei, daß alles feinere Gefühl, alle Skrupel in der Wahl der Mittel verloren gingen. „Das ist", so schloß Herr Rabbiner Dr. Bienheim seine Ausführungen, „die ungeschminkte Situation, in der uns nun zu allem Unglück noch die erhöhte Tätigkeit der Judenfeinde trifft. Deshalb ist es ernste, verantwortungsvolle Arbeit, vor die sich Ihre Tagung gestellt sieht. Den Gefahren suchen Sie zu begegnen, indem Sie nach neuen Methoden ausschauen, um die Religion in den Herzen der Kinder umso fester zu verankern. Mögen Sie aber auch vor allem die Kraft und den Willen von hier mitnehmen, in Ihrem heiligen Wirken trotz aller Not und aller Enttäuschungen nicht zu erlahmen; mögen Sie von hier die feste Absicht mitnehmen, die Spannkraft der eigenen Seele sich zu bewahren, zum Besten des Judentums, dem wir mit unserem ganzen Herzen dienen wollen." Lehrer Löwenthal, Darmstadt heißt die Kollegen in Darmstadt willkommen; er macht auf hervorragende Kantoren ' aufmerksam, die im vorigen Jahrhundert in Darmstadt gelebt und gewirkt haben, deren Andenken er auf diese Weise ehren will. Der Vorsitzende, Kollege Simon, Darmstadt dankt den Vorredern für ihre freundliche Begrüßung und erteilt das Wort dem Kollgen Bayer, Bingen, zu seinem Referat: Methodisches Neuland. (Siehe Seite 4) An das hochinteressante Referat schließt sich eine lebhafte Diskussion, an der sich die Herren Simon, Darmstadt, Rechtsanwalt Josef, Darmstadt, Strauß, Osfenbach und Lichtenstein, Offenbach, beteiligen. Es wird eine Pause gemacht, in der die Kollegen als Gäste der isr. Religionsgemeinde Darmstadt das Mittagsmahl einnehmen. In der Fortsetzung der Aussprache über den Vortrag hören wir von den praktischen Erfahrungen, die namentlich die Kollegen aus Offenbach mit der besprochenen Methode in ihrer Schule gemacht haben und es wird angeregt, die nächste Versammlung in Bingen abzuhalten, um dem Referenten Gelegenheit zu geben, eine Lehrprobe in seiner Schule vorzuführen, wozu Kollege Bayer sich bereit erklärt. Mit Worten des Dankes an den Referenten findet dieser Punkt der Tagesordnung seinen Abschluß und der 1. Vorsitzende, Kollege Kahn, Alsfeld, der inzwischen in Darmstadt eingetroffen ist, erstattet, nachdem er von Entschuldigungsschreiben der Kollegen Rotfchild, Worms, Zodick, Laubach und Stern, Lauterbach, sowie des Herrn Rabbiner, Dr. Merzbach, Darmstadt, welche bedauern an der Tagung nicht teilnehmen zu können, Mitteilung gemacht, den Geschäftsbericht. (Siehe Seite 2) In der Aussprache über den Jahresbericht tritt Strauß, Offenbach, für einen Jahresbeitrag des Vereins an das „Jüd. Lehrerheim in Ems" ein. Es wird beschlossen, die Festsetzung des Beitrages dem Vorstand zu überlassen. An der weiteren Debatte, die sich wegen der beiden Landesverbände entspinnt, beteiligen sich die Kollegen B i ck, Michelstadt, Simon, Pfungstadt, Voremberg, Reinheim, Ehr mann, Friedberg, sowie Kahn, Alsfeld. Einstimmige Annahme findet dann die folgende, von Kaufsmann, Schotten, vorgeschlagene Entschließung: „Die heute in Darmstadt tagende Generalversammlung des israel. Landeslehrervereins im Volksstaat Hessen ist davon überzeugt, daß die Vertreter des Vereins im Oberrat des Landesverbandes dessen Belange in anerkennenswerter und durchaus richtiger Weise vertreten haben und auch weiter wie seither vertreten werden." Für den seitherigen Vereinsrechner S u I z b a ch e r, Großbieberau, der infolge seines Wegzuges aus Hessen das Rechneramt niedergelegt hat, berichtet Simon, Darmstadt über den Stand der Kasse. Das bei der Bank angelegte Gesamtvermögen des Vereins, einschließlich Sterbekaffe, beträgt 2693.10 RM. Der Vorsitzende gibt seinem lebhaften Bedauern Ausdruck über den Wegzug des Kollegen Sulzbacher, Grotzbieberau, wodurch der Verein seinen eifrigen und pflichttreuen Rechner verliert, der jederzeit unerschrocken für den Verein eingetreten ist und namentlich auch als Vertreter des Vereins im Oberrat des Landesverbandes die Interessen der Lehrer zu wahren bemüht war. '"'1 Auf Vorschlag $£§ Vorstandes wird Müller, Bensheim, als Rechner einstimmig gewählt. Der Vorsitzende hedauert, daß immer noch eine Anzahl Mitglieder der Sterbekasse des Vereins nicht angehören und fordert sie auf, dieser überaus segensreich wirkenden Einrichtung schleunigst beizutreten. Der Antrag, für das Jahr 1930 einen freiwilligen Beitrag von 10.— RM. von den Mitgliedern der Sterbekasse zu erheben, wird angenommen. Damit ist die Tagesordnung erledigt und die in schöner und harmonischer Weise verlaufene Tagung wird geschlossen, nachdem dem Vorstand für seine Geschäftsführung und Leitung der Dank der Versammlung ausgesprochen worden war. Der Schriftführer: Kaufmann. Der VorHtzende: Kahn. 3

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