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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-10-01 · 10 (10.1930) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
10 (10.1930)
Date
1930-10-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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«Bring du mir die Seele des Mose." Samael ist gleich bereit. In bösem Eifer gürtet er sein Schwert um und fährt hinunter, um Moses Seele zu holen. Er findet Mose, wie er leuchtenden Angesichts den heiligen Gottesnamen in eine Rolle schreibt. Er strahlt wie die Sonne und sieht aus wie ein Engel des Herrn. Ein Beben überfällt Samael bei seinem Anblick, so daß er den Mund nicht öffnen und kein Wort reden kann. Zitternd und schweigend steht er vor dem Gewaltigen, bis Mose chn fragt: „Was willst du, Böser?" „Ich bin gekommen. Deine Seele zu holen." „Wer schickt Dich?" „Der Herr alles Geschaffenen." „Hebe Dich hinweg," ruft Mose, „daß ich den Herrn lobe! Will nicht sterben, sondern leben, will verkünden die Werke Gottes." „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes." „Sie sollen schweigen — ich will ihn loben. Hört, ihr Himmel, merke auf, Du Erde!" „Die Seelen aller Lebenden sind in meine Hand gegeben." „Meine Seele ist mehr als die Seele aller Lebenden; meine Kraft ist größer als die Kraft aller Lebenden." „Worin besteht Deine Kraft?" „Ich bin Amrams Sohn! Von Kindheit auf ist Gottes Geist in mir gewesen, daß ich keine Furcht kannte. Ich bin in Pharaos Palast gegangen und habe ihm die Krone vom Haupte genommen. Ich habe Zeichen und Wunder in Aegypten getan, ich habe die Israeliten weggeführt, ich habe das Meer gespalten, ich bin zun: Himmel emporgestiegen und habe vor dem Herrn gestanden vierzig Tage und vierzig Nächte; ich habe mit dem Ewigen geredet, mü Königen habe ich gekämpft und sie besiegt, und Sonne und Mond am Himmel angehalten. Wer von allen Sterblichen könnte das noch? Hebe Dich hinweg — Air gebe ich meine Seele nicht!" Da steigt Samael empor, um Gott zu berichten. Doch wieder spricht der Herr: „Bring mir die Seele des Mose!" Und Samael zieht sein Schwert aus der Scheide und zückt es gegen Mose. Da wird Mose zornig, hebt seinen heiligen Stab, in den der wahre Gottesname eingegraben ist, gegen ihn und dringt so gewaltig auf ihn ein, daß Samael flüchten muß. Bevor er aber sich umwendet, trifft ihn ein Strahl aus Moses Augen und macht ihn blind. Nun ertönt eine Stimme von oben: „Der Augenblick Deines Todes ist nahe." Und Mose bittet: „Herr der Welten, gedenke mir doch, wie Du im Dornbusch Dich mir offenbartest, wie ich' vierzig Tage und vierzig Nächte vor Dir auf dem Sinai gestanden — überlaß mich nicht dem Todesengel." „Fürchte Dich nicht", antwortet die Stimme, „ich selbst werde Dich bestatten." „Laß mich noch", bittet Mose wieder, „laß mich noch die Israeliten segnen. Immer mußte ich ihnen drohen, immer mutzte ich sie mit Strenge behandeln, sie haben keine Freude von mir gehabt. Laß sie mich jetzt noch segnen." Und er beginnt sie zu segnen: zuerst jeden Stamm einzeln, aber dann, als die Zeit verrinnt, faßt er sie alle zusammen in einem großen Gebet: „Um der Thorah willen bin ich hart zu euch gewesen; immer habe ich gewarnt und gestraft, wollt ihr mir nun verzeihen?" „Unser Vater, unser Lehrer", antworten sie, „wir verzeihen Dir. Aber wir, wir haben Dir immer Kummer gemacht— verzeih' auch Du!" Und er antwortet: „Ich verzeihe euch." . . Und wieder ruft die Stimme von oben: „Der Augenblick ist da, wo Du von der Welt scheiden mußt." „Gelobt sei der Name des Ewigen", antwortet Mose. Und zum Volk spricht er: „Wenn ihr in euer Land kommt, vergeht meiner nicht. Gedenkt meiner und sprecht: „Weh um Amrams Sohn, der wie ein Pferd uns voranlieft und nun müssen seine Gebeme in der Wüste verdorren."" Und wieder ruft die Stimme von oben: „In einer halben Minute mußt du sterben." Da legt Mose die Hände aufs Herz und spricht zum Volke: „Seht, dies ist das Ende eines Staubgeborenen." Dann ist er aufgestanden und hat sich geheiligt wie ein Engel. Und der Ewige, gelobt sei er, ist vom hohen Himmel herabgestiegen, um die Seele des Mose lebst zu holen. Drei Engel haben ihn begleitet. Michael bereitet Mose ein Lager, Gabriel spannt das Laken ihm zu Häupten, und Sagsagel spannt das Laken ihm zu Füßen. Und Michael und Gabriel stellen sich zu seiner Rechten und zu seiner Linken. * Und Gott spricht: „Mose, schließe die Augen." Er tut es. „Lege die Hände auf die Brust." Er tut es. „Nimm die Füße zusammen." Er tut es. Dann hat der Heilige, gelobt sei er, Moses Seele gerufen: „Meine Tochter, hundertundzwanzig Jahre habe ich Dich in diesem Körper wohnen lassen; nun ist die Zeit gekommen, wo ihr voneinander scheiden müßt — geh ohne Säumen." „Ich weiß, Barmherziger," antwortet die Seele, „Du bist der Herr über alle Seelen und Geister. Du hast mich geschaffen und Haft mich hundertundzwanzig Jahr in diesem Körper wohnen lassen. Sag, gibt es einen reineren Körper als den des Mose? Ich Hab ihn lieb, ich kann von ihm nicht scheiden." „Doch mußt Du ihn verlassen"", antwortet Gott, „aber ich will Dich aufnehmen in meinen Himmel, unter meinem Thronsessel sollst Du sitzen, neben den Cherubim und den Seraphim." Und der Ewige, gelobt sei er, hat Mose geküßt, und in dem Kuß die Seele von ihm genommen. Aus unseren Verbandsgemeinden. Gießen. In Homburg, wo er zur Erholung weilte, starb am 20. Sept. der Geheime Hosrat Dr. Phil., Dr. Phil. nat. h. c., ordentlicher Universitätsprofessor i. R. Moritz Pasch im 87. Lebensjahre. Pasch stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Breslau, die in bescheidenen Verhältnissen lebte. Geboren in Breslau am 8. November 1843, erhielt er seine Vorbildung am dortigen Elisabeth-Gymnasium und bezog im Herbst 1860 die Universität seiner Vaterstadt, an der er hauptsächlich Mathematik studierte und am 21. August 1865 den philosophischen Doktorgrad erwarb. Die beiden folgenden Semester verbrachte er an der Universität in Berlin und widmete sich dann wieder in Breslau wissenschaftlicher Arbeit bis zu seiner Uebersiedelung nach Gießen am 24. Oktober 1870, wo ec am 29. November desselben Jahres als Privatdozent für Mathematik in den Lehrkörper der Hessischen Landesuniversität ausgenommen wurde. An dieser wurde er am 18. August 1873 außerordentlicher und am 21. August 1875 ordentlicher Professor, eine für die damalige Zeit seltene Auszeichnung. Am 16. September 1875 schloß er in Breslau den Ehebund mit Laura geb. Reichenbach aus Breslau, einer in ungewöhnlichem Maße durch Gaben des Herzens und des Geistes ausgezeichneten Dame. Sie genoß eine immer steigende Verehrung, bis der Tod am 4. Februar 1920 ihrem Leben ein Ziel setzte. Ihre Schwester, Pauline Cohn, geb. Reichenbach, war die Gattin des berühmten Botanikers und Direktors des Pflanzenphysiologischen Instituts Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Ferd. Cohn, Ehrenbürger der Stadt Breslau. Ostern 1877 wurde Pasch Mitglied der mit der Universität eng verbundenen Prüfungskommission für das höhere Lehramt. Am 16. April 1891 wurde ihm der Vorsitz in dieser Kommission anvertraut. Für das Jahr 1886 war er Dekan der philosophischen Fakultät, für das Jahr vom 1. Oktober 1893 bis 1. Okt. 1894 Rektor der Universität. Die Lehrtätigkeit und die Verwaltungsgeschäfte nahmen Pasch in immer steigendem Maße in Anspruch. Um sich für den Rest seines Lebens ungestörter der wissenschaftlichen Arbeit widmen zu können, erbat er sich 1910 die Versetzung in den Ruhestand, die ihm mit Wirkung vom 1. April 1911 gewährt wurde. Den Wohnsitz in Gießen behielt er bei und blieb nach Möglichkeit in Fühlung mit Universität und Stadt. Ein zunehmendes Augenleiden, ein damit verbundener Kräfteverfall und vor allem der Tod seiner beiden Töchter und seiner Enkel beeinträchtigten seinen Schaffensdrang außerordentlich. Seine geistige Regsamkeit blieb jedoch unerschüttert bis in die letzten Tage seines Lebens. Seine zahlreichen Schüler werden nie vergessen, wie erquickend seine große Herzensgüte war, besonders gegen die jüngeren aufstrebenden Gelehrten, die er in ihrem Studium mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit unterstützte und förderte. Nicht wie der Größere mit dem Geringeren, sondern wie mit Gleichstrebenden verkehrte er mit ihnen. Er war ihnen der treueste und beste Freund. — Die Beerdigung am zweiten Tage des Neujahrsfestes gestaltete sich zu einer erhebenden Trauerfeier. Eine stattliche Trauergemeinde hatte sich in der Friedhofshalle der jüd. Abteilung des neuen Friedhofs eingesunden, um von dem verstorbenen Freunde und Kollegen Abschied zu nehmen. In formvollendeter und gedankenreicher Rede zeichnete Provinzialrabbiner Dr. Sander ein Lebens- und Charakterbild des Entschlafenen, dem er seit vielen Jahren als Freund nahestand. Ausgehend von den Worten des Rosch-Haschonohgebetes: „Du öffnest das Gedenkbuch, es liest sich selber, jedes Menschen Hand hat sich darin eingezeichlnet", zeigte der Redner, wie der Verewigte sich in das Gedächtnis 'der Menschen eingezeichnet hat und seine Größe als Gelehrter und 5

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