Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 10 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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das wollen, Du, der das Wort gesprochen vom Arbeiter, dem der Lohn nicht vorenthatten werden darf? Sag, habe ich nicht treu gearbeitet? Habe ich sie nicht gehalten, wenu sie verzagen wollten, habe ich sie nicht glauben gelehrt, wenn die Verzweiflung sie übermannen wollte? Warum mein Gott, warum soll ich sterben — jetzt wo die lichteren Tage kommen?"" Und Gott antwortet: „So ist es beschlossen."" „Herr, Herr," bittet Moses, „sieh, wir nehmen die Gebeine des Joseph mit in die Heimat. Wenn ich nicht lebend hinein darf, laß mich wie Joseph tot hinein. Laß die Israeliten meine Gebeine im gelobten Lande begraben wie die Gebeine des Joseph." Aber auch diese Bitte kann ihm nicht erfüllt werden. „Joseph", antwortet der Herr, „hat inmitten der Aeghpter als Hebräer sich bekannt, du aber hast in Midian nicht widersprochen, als sie Dich einen Aeghpter nannten." Und Mose beugt sich. Nein, nicht als Führer der Israeliten kann er das Land erreichen — eigenes menschliches Verschulden sperrt ihm den Weg — aber erreichen will er es, den Traum seines ganzen Lebens will er erfüllt, sein Volk will er frei und glücklich sehen auf eigenem Boden. Und deshalb bittet er weiter: „Herr der Welten, laß mich sein wie das Tier des Feldes, das umherfchweist auf weiter Flur, seine Nahrung bald hier sucht und bald dort, und dem die ganze Welt gehört. Oder, Barmherziger, laß mich sein wie das Vögelchen, das uncherfliegt nach allen vier Winden, aber am Abend kehrt es heim in sein Nest." Doch wie sehr er sich auch demütigt, all sein Bitten ist vergeblich. Die ganze Schöpfung zittert vom Schmerz dieses Gewaltigen, und Sonne und Mond beschließen für ihn um Gnade zu flehen. Sie steigen vom ersten zum dritten Hnnmel empor und sprechen: „Herr der Welten, richte in Gnaden über Amrams Sohn, dann wollen wir leuchten; wenn nicht — dann werden wir nicht leuchten." „Wie?" antwortet Gott, „jeden Tag kommen Menschen, um vor euch sich zu bücken und spotten so meiner; mein Ansehen wird gekränkt, aber ihr leuchtet weiter. Nun, wo es sich um einen Menschen handelt, um ein Wesen von Fleisch und Blut, da wollt ihr nicht leuchten?" Als Mose erkennt, daß er hier keine Erhörung findet, geht er zu Himmel und Erde: „Bittet für mich um Erbarmen!" „Wie können wir für Dich bitten — sind wir denn ewig? Für uns selbst müßten wir bitten, weil es heißt: „Die Hinunel werden wie Rauch vergehen, und die Erde wird zerfallen wie ein Kleid." Darauf geht Mose zu den hohen Bergen: „Bittet für mich um Erbarmen!" „Wie könnten wir für Dich bitten — sind wir denn ewig? Für uns selbst müßten wir bitten, weil es heißt: Die Berge werden einsinken, und die Hügel werden zerfallen." Darauf geht Mose zum Meer: „Bitte für mich um Erbarmen." „Ben-Amram!" ruft das Meer, „bist Du denn heute wirklich derselbe, der einst zu mir kam, mit seinem Stabe mich schlug und mich zwang, zwölf Wege in den Fluten zu schaffen. Bist Du es, der heute bittend zu mir kommt?" Als das Meer ihn so an die Tage der Jugend erinnert, birgt Mose sein Gesicht in den Händen und weint bitterlich: „O käme sie wieder die Zeit der Kraft und Stärke! Damals war ich wie ein Fürst der Erde, nun liege ich am Boden, bitte um Erbarmen, und keiner will mich hören." Und er geht zu Metatron, dem Obersten der Engel, der vor dem Angesicht Gottes steht. „Bitte für mich um Erbarmen; daß ich nicht sterben mutz." Doch Metatron spricht: „Mose, mein Lehrer, glaube mir, all Dein Flehen ist umsonst; ich habe erlauscht, daß Dein Gebet nicht erhört werden soll." Da kommt Verzweiflung über Mose, und d:e Hände an den Kopf gepreßt, schreit er auf: „Zu wem soll ich denn gehen, um Erbarmen bitten?" Und er fühlt im Innersten, all sein Bitten ist Auflehnung gegen den Willen des Ewigen. Er, der fern Leben lang dem Herrn demütig stolz gedient, er ringt mit sich selbst, um seinen eigenen Willen dem göttlichen zu unterwerfen. O Leben, gnadenreiches Gottesgeschenk, muß ich Dich hergeben? Nicht mehr atmen, nicht mehr schaffen, nicht mehr lieben, nicht mehr führen! — Wieder und immer wieder überflutet ihn die lebendige Liebe zu seinem Volke, dessen Geschick nun ohne ihn sich vollenden soll. Ach, er fühlt Gottes Zorn auf sich lasten, und in höchster Seelennot bricht's von seinen Lippen: „Gott, Gott, Barmherziger, Gnadenreicher!" Und Gott spricht: „Sieh, Mose, zwei Gelübde habe ich geschworen: Einmal — das Volk zu strafen, weil es sich das goldene Kalb gemacht — und dann — Dich zu strafen, weil Du beim Haderwasser mich nicht geheiligt hast. — Damals, als ich die Strafe über das Volk verhängte, hast Du in Deiner großen Liebe zu den Israeliten so lange gebeten, bis ich ihnen verzieh — aber nun bittest Du für Dich selbst auch um Gnade. Du ziehst den Strick nach beiden Seiten. Ein Gelübde aber werde ich halten: entweder das Volk muß leiden oder Du. Wähle jetzt!" „Wenn es so ist, mein Gott", antwortet Mose, und die Liebe zu Israel leuchtet aus seinen Worten, „wenn es so ist, dann mag ich zugrunde gehen und Tausende meinesgleichen — nur das Volk bewahre in Deiner Gnade. Keinem aus dem Volke soll etwas zu Leide geschehen. Aber muß es wirklich sein: die Füße, die zum Himmel emporgestiegen, die Augen, die Gott geschaut, sollen sie in in der Erde modern?" Und Gott darauf: „Dies ist der Lauf der Welt: Alles hat seine Zeit, jedes Geschlecht hat seine Führer. Deine Zeit ist um, nun wird das Volk auf Josua hören." „Herr, Herr, er ist mein Schüler gewesen und ich sein Lehrer; aber wenn es um Josua willen ist, daß ich sterebn soll, so will ich von nun an sein Schüler sein, nur laß mich leben." „Wenn Du das willst", spricht Gott, „so sei es." Früh am andern Morgen macht Mose sich auf und geht zu Josua. Der sitzt in seinem Zelt und lernt, und Mose bleibt gebeugten Hauptes am Eingang des Zeltes stehen; aber Josuas Augen sind verhangen, so daß er seinen Lehrer nicht sieht. Indessen suchen ihn die Israeliten: „Wo bist Du, Mose, unser Lehrer?" Als sie erfahren, er ist zu Josua gegangen, wenden auch sie sich dorthin, und sie fragen erschrocken: „Wie? Josua sitzt und Mose steht?" _ Da werden dem Josua die Augen aufgetan, er sieht Mose, springt auf, zerreißt feine Kleider und weint: „Mein Vater, mein Vater! Mein Lehrer, mein Lehrer!" Und die Israeliten bitten: „Mose, unser Lehrer, lehre Du uns das Gesetz." Aber Mose antwortet: „Ich darf nicht." „Unser Vater", jammern sie, „wir können Dich nicht hergeben." Da ruft eine Stimme von oben: „Lernt bei Josua!" Und sie müssen sich fügen. Josua sitzt obenan, rechts von ihm Mose, zu seiner Linken die Söhne Arons. Und Josua lernt mit dem Volke. Er lernt wie Mose mit ihnen gelernt hat, denn die Weisheit Moses ist ihm verliehen worden. Als sie dann aufstehen, um in das Stiftszelt sich zu begeben, geht Mose zu Josuas Linken. Da senkt sich eine Wolkenwand zwischen beide und trennt sie voneinander. Sie lagert eine Zeitlang zwischen ihnen, und nachdem sie verschwunden ist, fragt Mose: „Was hat der Herr mit Dir geredet?" Aber Josua antwortet: „Habe ich früher, als Du der Vertraute Gottes warst, jemals gefragt, was er mit Dir geredet?" Da steht eine herzzerreißende Qual in Mose auf, die schreit aus ihm wild und verzweifelt: „Herr, Herr! bis jetzt habe ich leben wollen — nun übergebe ich Dir meine Seele; denn hundertmal besser sterben als einmal beneiden." Im Augenblick aber, wo die reinste Seele dem Leber: entsagt, weiß Gott, keiner wird das Volk je so verstehen können wie Mose. Und der Herr fragt: „Wer wird für mein Volk bitten, wenn ich ihm zürne, wer wird für mein Volk um Erbarmen flehen, wenn es gesündigt hat?" Indessen hat Samael, der älteste Teufel, mit Ungeduld beobachtet, was in Moses Innerem vorgeht. „Wann werde ich endlich feine Seele holen können?" fragt er, „wann werde ich hinuntereilen, sie ihm wegnehmen? Wann endlich wird Michael klagen, wann endlich werde ich lachen?" Doch an den Erzengel Gabriel, an den Vertrauten des Ewigen, ergeht das Wort des Herrn: „Bing Du mir die Seele des Mose." „Herr der Welten", antwortete Gabriel, „er steht höher als die sechsunddreißig Gerechten; erlaß es mir, seinen Tod mitansehen zu müssen." Drauf spricht der Herr zu Michael: „Bring Du mir die Seele des Mose." „Herr der Welten", antwortet Michael, „ich bin sein Lehrer gewesen, er war mein Schüler — wie kann ich seinen Tod mitansehen!" Und der Herr spricht zu Samael: 4