Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 10 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Möge das bayerische Judentum in solcher Zeit der Drangsal nicht versagen und nicht enttäuschen! Nürnberg, den 19. Elul— 12. September 1930. Bayerische Nabbinerkonferenz Dr. Freudenthal Dr. Stein Zeichen der Zeit. Daß die weitesten Kreise in der gegenwärtigen Zeit antisemitisch verhetzt sind, ist allen unseren Lesern zur Genüge bekannt. Wie weit aber die Verirrung auf diesem Gebiete manches Mal geht, beweist der folgende Brief, den wir als Zeichen der Zeit unseren Lesern nicht vorenthalten möchten, und den wir deshalb hiermit zur Veröffentlichung bringen. Zum Verständnis des Briefes sei die Vorgeschichte kurz geschildert: Eine jüdische Firma hatte von einem Weingutsbesitzer in Nierstein ein Quantum Wein gekauft und mit dem Seniorchef des weinbauenden Hauses vereinbart, daß für die Kaufsumme, wie dies sehr häufig vorkommt, ein Wechsel ausgestellt und angenommen werden sollte. Dieser Wechsel war auch ordnungsgemäß ausgestellt und übersandt worden, wurde aber dann als unannehmbar von dem Weinbauern an den Weinhändler zurückgeschickt. Dieser übergab nun den Wechsel seinem Rechtsanwalt mit dem Auftrag, der Vereinbarung mit dem Weinbauern gemäß, wieder zuzustellen und so die Kaufschuld und die Meinungsverschiedenheit zu begleichen. (Die Zurückweisung des Wechsels betrachte er als Rücktritt vom Kaufvertrag.) Der Juniorchef des Weinbauhauses, der Sohn des Seniors, schrieb nun den folgenden Brief an den Anwalt: „Wir übersandten Ihnen heute einliegend den Wechsel in Höhe von RM. 490 vom 1. 10. 30 nicht a n g e n o m m e n zurück. Wir denken, daß hiermit der schnöde Kuhhandel vorbei ist. Ihre unverschämte Behauptung, wir seien vom Kaufvertrag zurückgetreten, lehnen wir mit Ekel ab. Das Recht zur Klage stünde uns zu, aber mit Juden als Nationalsozialisten klagen, ist bei der heutigeri Gerichtsbarkeit ein Unding. Die Zeit, wo wir iinser Recht fordern, dürfte nicht mehr fern sein und hoffen wir, daß nach dem 14. September die Firma S. manchmal an uns denkt. Sie können Ihrer Mandantin noch mitteilen, daß Weine auch ohne Juden verkauft werden könrien und fogar die Gelder schon zwei Tage nach dem Kauf in unseren Händen; das nennen wir deutsche Geschäfte gemacht. Bei Juden darf man warten, bis es den Kindern Abrahams gefällig ist, einen Wechsel anzubieten und dieser würde bei Vorzeigung evtl, noch nicht mal eingelöst. Aber nicht mehr lange und Juda wird mit diesen Händeln einpacken können. Dies Ihnen vielleicht schon als Abschiedsbrief samt Ihren jüdischen Komplicen, sonst dürste Ihnen das nicht mehr gelingen auch in anderen Ländern ehrliche Bürger mit derartigen Mätzchen zu kommen. Den Wechsel im Aufträge von N. N. zurückgereicht, den Schriftsatz vom Mitglied der N. S. D. A. P. gezeichnet N. N." Wir haben an diesem Briefe nur einige orthographische und Jnterpunktionsverbesserungen vorgenommen. Den vorbildlichen deutschen Stil wollten wir nicht antasten. Auch die Gesinnung, die aus dem Briefe spricht, zeigt ohne weiteren Kommentar, daß Ruf und Ansehen eines alten weinbauenden Hauses seltsame Formen angenommen haben. Moses Tod. Wenn mit Simchas Thorah im Iahreskreis der Thorahvorlefung in unseren Gotteshäusern das letzte Stück unserer heiligen Lehre zur Vorlesung kommt, dann tritt das irdische Scheiden unseres größten Propheten, unseres Lehrers Mose, vor uns hin. Wir geben unseren Lesern heute zwei neuzeitliche Schilderungen dieser bedeutungsvollen Abschiedsstunde. Die erste ist dem in der Bücherschau der heutigen Nummer erwähnten Werke von Marcus Ehrenpreis" Propheten und Gottesmänner", die zweite dem Werke „Biblische Gestalten in der Legende" von Frieda Weißmanu (Verlag I. Kauffmann-Frankfurt a. M. 1928) entnommen. Vielleicht werden unsere Leser durch diese Auszüge veranlaßt, die genannten Werke selber zur Hand zu nehmen. Die Schriftleitnung. I. Es ist wieder still geworden im Zelte. Seltsamer Glanz strahlt über dem bleichen Angesichte des Sterbenden. Unbeweglich sitzt Josua zu seinen Füßen. Die Stunde des Scheidens ist gekommen. Die beiden Gottesmänner blicken einander au. Mühsam erhebt sich Mose von seinem Platz und geht, aus Josua gestützt, schleppenden Schrittes dem Ausgange des Zeltes zu. Stütze mich, mein treuer Sohn. Du hast Mich mehr als einmal gestützt während unserer langen mühseligen Wanderung^Jetzt trennen sich unsere Wege, Josua. Ich gehe ein in die große stille, der heilige Friede umarmt mich. Doch Du, Josua, gehst dem ruhelosen Leben entgegen. Eine überschwere Last fällt auf Derne Schultern, doch Du bist dern Ziele nahe. Du stehst an den Gestaden des Jordan! Unsere bittersten Feinde sind besiegt. Die Sklavengeneration von Aegypten ist ausgestorben, und die große, furchtbare Wüste liegt hinter uns. Mit einem tapferen Geschlecht wirst Du Kanaans Land in Besitz nehmen, mütterlich streckt es ferne Arme den vorwärtsstürmerrden Stämmen entgegerr, die Tu, mein glücklicher Josua, über deu Jordarr führerr wirst. Sieh dort uns gegenüber das lachende Jericho, in körrigliches Palmengewand gekleidet, festlich strahlend, gleich einer wartenden Brarrt. In abgeschiederrer Stille liegt die dicht belaubte Jordaneberre, keusch und traumversunken. Und dort drüben das südliche Bergland, strerrg und trotzig, voller Geheimnisse. Dies ist das Land, das auf euch wartet, Josrra! Stärke Deine Arme. Neue Feinde werden sich Dir in den Weg stellen: die Völker Kanaans und unsere eigene junge Gerreration. Tapfer sind die Söhne der Wüstenwanderung, doch halsstarrig wie ihre Väter. Schwer habe ich gelitten an ihrer Widerspenstigkeit und Hartnäckigkeit. Als sie mich gezwungen, die ersten Tafeln zu zerbrechen, gab ich ihnen neue, doch diese haben sie nicht zu neuen Menschen gemacht. Es wird noch manche Tafel zerschmettert werden und manche neu geschrieben werden, ehe der neue Mensch geboren wird! Ehe das erlöste Geschlecht kommt, das einen Schunmer vom Antlitz Gottes auf seiner Stirn tragen wird und einen Funken des Heiligen in seinem Herzen! Ein zweifacher Kampf steht Dir bevor, Josua: der Kampf um das Land und der Kampf uin das Volk — Du mußt beide erobern. Ich habe in Deine Hand eine Waffe gelegt, die stärker ist als Lanze und Schwert — die Thora. Halte heilig dieses Buch der Lehre, lege es an die Seite der Bundeslade als ewiges Zeugnis. Diese Thora ist eure Kraft und euer Leben. Eiti Thora- Volk seid ihr! Kehre nun zurück, Josua! Mühsam und voller Gefahren ist Dein Weg. Der Herr sei mit Dir, so wie er mit mir war. Bringe meinen Segen dem warteiiden Volke. Möchte Israel in Sicherheit wohnen, die Quelle Jakobs in Abgeschiedenheit, in einem Lande von Saatenfrucht und Wein, dessen Himmel Tau träuft. Selig, du Israel! Wer ist Dir gleich, ein Volk erlöst vom Herrn, Er ist Dein schützendes Schild. Bringe meinen Segen dem Stamme Levi. Ec lehre Jakob seine Gesetze und Israel Seine Thora. Segne, o Herr, seine Kraft und empfange mit Wohlbehagen das Werk seiner Hände. Sage dem Volke, es solle, mein Hinscheiden nicht beklagen. Euch ruft das Leben! Doch mich ruft die Unendlichkeit. Himmlische Töne umschmeicheln meiii Ohr. Versöhnt gehe ich voii dannen. Mein Tod ist glücklicher als mein Leben. Was meine Strafe sein sollte, hat sich in Segen gewandelt. Der Herr sprach zu mir: „Bloß von ferne wirst Du das Land sehen, doch hinein wirst du nicht kommen!" — Vielleicht ist es besser, wenn wir von dannen gehen, ehe wir in das gelobte Land unseres Lebens kommen. Rein und unberührt strahlt in dieser letzten Stunde das erträumte Land meines Lebens mir eiitgegen, so hoch und so rein, wie ich es in alten meinen Tagen in meinem Innern getragen. Wohl mir, daß ich die Augen schließen darf östlich vom Jordan! Gehe jetzt von mir, mein teurer Sohn. Laß mich allein fein in dieser Stunde, da meine Seele, losgelöst vom Körper, zurückkehrt zu ihrem Schöpfer. Niemand darf wissen, wo das Grab liegt, das meinen Körper birgt. Doch meine Seele wird über euren Häuptern schweben, wenn ihr durch den Jordan schreitet. Auf allen euren Wegen wird euch mein Ruf folgen, der Ruf, der Israels Volk zum Leben geweckt: Sch'ma Jisrael! Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist Ein! II. Als Mose hörte, daß er sterben sollte, sprang der Schmerz in ihm auf wie ein gewaltiger Kämpfer; daß er ringen mußte um sein Leben, darum beten aus der tiefsten Tiefe seines Herzens. „Herr der Welten, hebe ihn auf, den Urteilsspruch!" Unaufhaltsam steigt sein Flehen empor, es jagt durch die Himmelspforten, um bis zum Thron des Ewigen vorzudringen. Aber nach Gottes Wort werden die Pforten des Himmels geschlossen, und die dienenden Engel erhalten den Befehl, Moses Gebet aufzuhalten. Moses Gebet aushalten! Wie der Schrei des einsamen Adlers zerreißt es die Himmel, stürmt empor zu Gott und stürzt verzweifelt vor dem Ewigen nieder. „Herr der Welten, gedenke mir doch, was ich um Israel gelitten, bis es Dich und Deine Lehre erkannte, bis es Dein treues Volk geworden. Vierzig Jahre lang bin ich sein Führer gewesen in aller Wüstennot, vierzig Jahre lang habe ich gehofft, mit ihm den Boden des gelobten Landes zu betreten. Kannst Du mich sterben lassen jetzt, wo die Zeit der Erfüllung anbrechen wird? Soll ich denn wirklich den Jordan nicht überschreiten? Kannst Du 3