Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 8 (8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Punkt 9 Uhr versammelten sich die beteiligten Ortsgruppen Mainz, Wiesbaden, Frankfurt a. M., Worms, Alzey, Kastellaun, Ingelheim, Oppenheim, Groß-Gerau uud noch viele kleinere Gruppen in Mainz am Bahnhofsplatz. Unser Landesverbands-Vorsitzender Kamerad Dr. Steffen Kann übernahm das Kommando über die rund 600 Manu starke Abordnung und begrüßte mit kernigen Worten die Erschienenen und gedachte der Freiheit des Rheinlandes. Nach einem Hoch auf das deutsche Vaterland und dem Abpräsident, der Herr Außenminister und der Herr Oberbürgermeister sprachen. Dort waren wir durch eine Abordnung von fünf Mann vertreten. Die Reden gelangten durch Radioübertragung in alle deutschen Lande. Aber allen Zweiflern in unseren eigenen Reihen mag dieser Tag Beweis sein, daß es ein dringendes Gebot der stunde ist, daß die jüdischen Frontsoldaten ans ihrer Reserve heraustreten und wieder in die vorderste Linie gehören. '52^ ÄS? V'vSV «bar.;.v«c5- ,7‘M Phot, Ziegler, Mainz Der R.I.F. vor dem Abmarsch zur Spalierbildung. singen des Deutschlandliedes sprach Kamerad Fritz Löwensberg liebe Begrüßnngsworte im Aufträge der israelitischeu Gemeinde iu Mainz. Tie Ortsgruppe Worms hatte in anerkennender Weise für eine zwölf Mann starke ehemalige Militärkapelle gesorgt und trug dadurch wesentlich zum Gelingen des Aufmarsches bei. Die Ortsgruppe Mainz und Wiesbaden zeigten zum erstenmal bas neu augeschaffte Emblem. Es stellt in der Grundform den Schild dar, ähnlich unserer Bundesnadel, aber umrahmt von Lorbeer und Eichenlaub trägt es stolz die Inschrift: „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten", darunter das Initial: „R.I.F." in silbernem Feld, ferner die Wappen der Städte Mainz und Wiesbaden. Um 9,99 Uhr erfolgte der Befehl zum Abmarsch nach dem Standorte unserer Spalierbildung anläßlich der Rundfahrt des Herrn Reichspräsidenten voll Hindenburg. Wir mußten durch verschiedene Hauptstraßen von Mainz marschieren und fanden überall freudigen Wiederhall. Man sah viele erstaunte Gesichter, welche wohl nicht ahnten, daß so viele kampferprobte jüdische Männer, geschmückt mit Orden und Ehrenzeichen, besonders mit dem E. K. 1, iu stattlicher Zahl aufmarschiereu könnten. Dauernd wurden wir von bcu Verbänden, seien es Sport- oder Gesangvereine, Stahlhelm oder Reichsbanner zuerst gegrüßt, gewiß als ein Zeichen zu buchen, daß man uns in allen Kreisen mit Achtung entgegenkommt. Wir nahinen in der Rheinallee Aufstellung und konnten bald den greisen Herrn Reichspräsidenten, der mit Herrn Oberbürgermeister Dr. Külb, Mainz, in langsamer Fahrt lind offenem Wagen vorbeifuhr, mit Hochrufen sowie strammem Marsch unserer Musikkapelle begrüßen, was bei den Herren ebenfalls Anerkennung fand. Ali der Rundfahrt beteiligten sich noch der Herr Staatspräsident voii Hessen sowie die Herren Reichsminister, die Herren Minister der Regierungen von Hessen, Bayern, Badcii und Oldenburg. Nach der Vorbeifahrt marschierten wir wieder nach unserem Standquartier zurück. Der Aufmarsch war dank der strammen Führung unseres Landesverbandsvorsitzenden Kamerad Dr. Kann wohl nicht nur iit bezug auf seine musterhafte Orduiliig, sondern ganz besonders auf die starke Beteiliguiig als ein voller Erfolg zu bucheii. Für Uiis Juden war es eine Tat, welche uiis über die Mauern des alten Mainz hinaus iu den deutschen Laiiden, wo Juden sich wehren müssen, jedenfalls viel genützt hat rnid wir freuen uiis, daß gerade die Mainzer Bevölkerung uiis allseits noch nach der Feier spontan ihre Genugtuung ausspricht über den wohlgelnngenen Aufmarsch. Um 11,15 Uhr fand tu der Stadthalle die akademische Feier statt, an welcher der Herr Reichspräsident, der Herr Staats- Tie Ortsgruppe Maiiiz dankt allen Teilnehmern und hofft, wenn wieder der Ruf an die benachbarten Ortsgruppen ergeht, auf kameradschaftliche Unterstützung. llnt 12,40 Uhr fuhren die Kanieradeu geschlosseri zur Spalierbildung nach Wiesbaden. Aus unseren Verbandsgemeinden. Gießen. Ain 21. Juiii hielten der Vorstand und der Verwaltungsausschuß des Vereins Altersheim in Gießen ihre Hauptversammlung. Mit großer Begeisterung uiid freudiger Opserwilligkeir weitester Kreise, war der Verein im Jahre 1919 gegrüridet worden, um eilt tiefgefühltes Bedürfnis zii befriedigen: Eilt jüdisches Heiin sollte in Gießen für Oberhesfen und die benachbarten Gegenden der Provinzen Hessen-Nassau uiid der Rheinprovlnz, der Städte Fulda uiid Wetzlar nebst den ihnen verbundenen Ortschaften errichtet werden. Gießen ist der iiatürliche Mittelpunkt, ausgezeichnet durch feine günstige Lage, wie diirch seine Vorzüge als inittlere Stadt, die wegen ihrer Uiiiversität auch in mediziiiischer Beziehung den Zweck trefflich erfüllen kann. Die Zahl der Spender für das geplante Werk belief sich auf 700 und die in wenigen Wochen erfolgten Spenden erreichten die Summe von mehr als 100 000 Reichsmark. Zum Glück wurde sofort ein geeignet erscheinendes Gelände mit großem Garten erworben, so daß die vorhandenen Gelder an ihrem Wert kaum etwas verloren. Aber eine Ausführung des mit so viel Liebe begönnerten Werkes war n.och nicht möglich; die Mietsgefetze gestatteten attch die bestimmungsgemäße Verwendung ttoch nicht. Der Vereitt konnte zunächst nur feine Aufgabe darin erblicken, das Gebäude iustand zu fetzen uttd durch eine umsichtige Finauzverwaltung ist es gelungen, einen ansehnlichen jährlichen Ileberschuß am Mietserlös zit gelvittnett. Dieser Gewinn soll kapitalisiert werden, damit die Inbetriebsetzung des Altersheimes in absehbarer Zeit erfolgen kann. Inzwischen aber werden altersschwache Personen, welche in der Anstalt eineit geruhigen Lebensabend hätten genießen föntten, tu bescheidenem Maße unterstützt, ohtte daß damit das eigentliche Ziel allzuweit hinausgeschobert werde. Eine rtoch in diesem Jahre erfolgende Versammlung soll dann darüber entscheiden, ob nicht auch regelmäßige Jahres^ beitrüge, meint attch mit Rücksicht auf die gegenwärtige wirtschaftliche Lage in bescheidener Höhe erbeten werden können, damit die geplante Attstalt iu möglichst naher Zeit Gestalt entnehmen könne. Hilfeleistung iu der Gegenwart muß verbunden fein mit der Sorge um das Werk der Zukunft. Die nie versagende jüdische Wohltätigkeit wird, dessen dürfert wir sicher sein, attch in diesen 3