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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-07-01 · 7 (7.1930) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
7 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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der orthodoxe Verband vor der Begründung unseres Verbandes der religiösen und seelischen Not der hessischen Judcnheit sehr beschaulich gegenüber stand, und daß erst die Begründung unseres Verbandes den orthodoxen Führern Eifer und Beschwingung brachte. Zwar ist in der Zwischenzeit auch vielen orthodoxen Gemeinden das Warten auf nachdrückliche Hilfe von seiten der starren Orthodoxie zu lange geworden, so daß sie sich in richtiger Erkenntnis der Sachlage für ein Zusammengehen mit der gesamten hessischen Judenheit entschlossen haben. Vielleicht aber liegt auch diese Unnachgiebigkeit im Plane der Schöpfung: Wir wollen sie also getrost sich auswirken lassen! aber cm Gib Frieden! Von Ludwig Krone nberger, Mainz. Dem folgenden Artikel geben wir im Zusammenhang mit unserer vorstehenden Erwiderung Raum in unseren Spalten; der Verfasser des Artikels, Herr Kommerzienrat Kronenberger, Mainz, der seit Jahren die Verhandlungen mit dem orthodoxen Verband leitete, bringt darin seine auf zahlreichen Erfahrungen aufgebaute persönliche Auffassung zum Ausdruck. Die Schriftleitung. Offen und mit Stolz bekenne ich, daß ich seit Jahren einer Vereinigung der beiden hessischen Landesverbände das Wort rede und unter Einsetzung meiner Zeit, Arbeit und Nervenkraft für dieses Ziel eingetreten bin, obwohl 7ch von vielen Seiten ob meines Optimismus belächelt wurde und man mir sagte, eine Einigung werde niemals zustande kommen. Heute gestehe ich, die Warner haben die Persönlichkeiten richtiger beurteilt als ich. Ich und mit mir unser Verband haben die Hoffnungen und Bemühungen aufgeben müssen und ich würde mich auch nicht mehr mit dieser Sache beschäftigen, wenn der in der „Deutsche Israelitische Zeitung" abgedruckte Bericht über die Darmstädter Tagung unseres Landesverbandes mich nicht betrübt und geradezu konsterniert hätte. Für die Befolgung der religionsgesetzlichen Verbote „Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen" und „Du'sollst den Namen des Herrn nicht mißbrauchen" scheint mir dieser Bericht nicht gerade ein vorbildlicher Beweis; auch die Beobachtung der moralischen Verpflichtung, bei Aussagen nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen, habe ich mir immer anders vorgestellt. Ich will zur Entschuldigung des Verfassers annehmen, daß man ihm selbst falsch berichtet hat; jedenfalls ist der Bericht einseitig und reißt für bestimmte Zwecke die Dinge aus dem Zusammenhang. Es sei vor allem darauf . hingewiesen, daß der Vorsitzende unseres Landesverbandes in seinem Jahresbericht nur mit einem kurzen Passus das Scheitern der Verhandlungen erwähnte und dsß die Absicht bestand, mit dem Gegenstand auf der Verbandstagung keine weitere Zeit zu verlieren. Aus der Versammlung heraus wurde aber eine Diskussion verlangt mit der Begründung, daß die wahren Ursachen für das Scheitern des Einheitsverbandes in breitester Oefsentlichkeit festgestellt werden mühten. Nach Feststellung der Tatsachen war die Entrüstung bei den anwesenden 150 Gemeindevorständen allgemein und kam in den herbsten Worten zum Ausdruck. Davon hat der Berichterstatter anscheinend nichts erfahren oder es verschwiegen. Verschwiegen ist auch die Tatsache, daß in der Diskussion mehrere streng Orthodoxe das Wort ergriffen und sich voll und ganz auf den Standpunkt unseres Verbandes gestellt haben. Einer der prominentesten Vertreter einer Verbandsgemeinde des orthodoxen Verbandes betonte, daß seine Gemeinde und viele andere nur aus „Rücksicht auf den Raw" seither unserem Verband noch nicht beitreten konnte, dessen Wirken sie hoch anerkenne. Er empfahl, wir sollten Redner in die unserem Verband noch nicht beigetretenen Gemeinden schicken, um diese richtig zu informieren. Von unserer Seite wurde ihm geantwortet, daß wir derartige Mittel ablehnen müßten, weil wir überzeugt sind, daß Vernunft, unsere Leistungen und die Not der Zeit und des Judentums diese Gemeinden nach und nach von selbst zu uns führen. Besonderes Aufsehen machten die hierbei gegebenen Zahlen, wonach unser Verband unter seinen 140 Mitgliedsgemeinden bereits 44 Gemeinden habe, die sich laut Statistik der hessischen Regierung selbst als orthodox bezeichnen, während der Darmstädter orthodoxe Verband überhaupt nur 39 Gemeinden umfasse, von denen überdies bereits auch mehrere an unseren Verband ange¬ 4 schlossen sind. Es ist also ein durchsichtiges Spiel, wenn der Darmstädter Verband sich immer u,id immer wieder als den alleiiiigen Hüter unserer Religion ausgibt. Man hat auch wohlweislich verschwiegen, daß alle orthodoxen Redner auf unserer Landestagung unter Verurteilung des vo,l gewisser Seite gegen eine Einigung iniiner wieder erhobenen Widerstandes dringend für einen Einheitsverband auf der von uns vorgeschlagencn Basis eiiitratcn und uiiser weitgehendstes Entgegenkommen und die von uns gebotenen Sicherungen anerkannten. Man hat auch die in einer Rede eines unserer orthodoxen Oberratsmitglieder festgestellte Tatsache verschwiegen, daß er in den vielen Jahren noch niemals eine Beanstandung gehabt habe, daß man die Interessen der Orthodoxie stets aufs äußerste berücksichtigt und gewahrt habe. Und schließlich, und das erscheint mir ^er wesentlichste Punkt: Seit Jahren verhandeln wir um das eine Ziel: den Einheitsverband, wie er in Bayern, Württemberg und Baden besteht. Und nun kommt die Gegenseite, stellt sich ganz harmlos und ahnungslos und sagt: Wir denken nicht an einen Einheitsverband, denn das wäre ja eine Landeskirche! Hätten die Herren das vor Jahren schon klipp und klar erklärt, dann hätte man in der hessischen Judenheit klar gesehen und man hätte uns die ganze vergebliche ungeheure Mühe, Zeit und Arbeit erspart. Nein, diese Taktik ist nicht aufrichtig und gewiß auch nicht jüdisch, ebensowenig wie die Taktik, in nebensächlichen Dingen scheinbare Konzessionen zu machen und die Hauptsache abzulehnen. Immer und immer wieder sucht man das Trennende in den Vordergrund zu schieben und was das Beschämendste ist, reine Machtfragen als religiöse Postulate zu bezeichnen und damit dann den Einheitsverband zu sabotieren. In der letzten Frankfurter Besprechung hat man uns in einer Weise behandelt, .für welche kein Wort scharf genug ist. Ich richtete morgens um 10 Uhr an die Herren vom Darmstädter Verband die Anfrage, ob sie für einen Einheitsverband seien oder nicht. Man behandelte die Frage dilatorisch und schlug vor, vorher alle Nebenfragen zu behandeln. Als nun die Beantwortung der Hauptfrage nicht mehr zu umgehen war, erklärte Herr Dr. Merzbach nachmittags Uhr unter stillschweigender Zustimmung seiner Anhänger: Wir denken nicht daran, in Ihrem Sinne einem Einheitsverband zuzustimmcn, wir geben unser Recht, jederzeit selbst mit den Behörden zu verhandeln, nicht auf und bleiben auf unseren! Standpunkt, für den unsere Väter gestorben sind, und für den auch wir zu sterben bereit sind, bestehen. Der Versammlung bemächtigte sich eine große Aufregung und ich war so entrüstet, daß ich mit den Worten den Versammlungsraum verließ: Ich halte es für eine Blasphemie, eine Gotteslästerung und einen wahren Chilul Haschern, wenn in dieser Weise in einer reinen Macht- und Prestigefrage der Name Gottes angerufen und dazu mißbraucht wird, eine Begründung für die Sabotierung des Friedens unter den hessischen Juoen abzugeben. — Wir vom Landesverband müssen auch eine Belehrung vom Berichterstatter darüber ablehnen, wie wir mit den Behörden und der Regierung zu verhandeln haben. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß wir als gleichberechtigte Staatsbürger genau wie die anderen Konfessionen behandelt werden müssen, und daß wir nicht nach dem Gebrauch des Mittelalters mit der untertänigsten Bitte den Behörden zu nahen brauchen. Zum Schlüsse füge ich ohne weiteren Kommentar eine Notiz bei, die ich der orthodoxen deutschen israelitischen Zeitung wörtlich entnahm: lOjähriges Bestehen des „Berbandes Bayrischer Israelitischer Gemeinden". Am 20. April 1930 waren 10 Jahre verflossen, seit in Nürnberg der Verband Bayrischer Israelitischer Gemeinden unter Beteiligung der Vertreter der gesamten jüdischen Bevölkeung Bayerns gegründet wurde. Distrikts-Rabbiner Dr. Seligmann Meyer s. A., der an der Gründung und ihren Vorarbeiten als Vorsitzender der Bayerischen Rabbinerkonferenz beteiligt war und in einer flammenden Rede dem Verband den Wahlspruch „B'schem elaukenu nidgaul, im Namen unseres Gottes erheben wir die alte glorreiche Fahne des Judentums" mit auf den Weg gab, schrieb zur Gründung in der „Deutschen Israelitischen Zeitung", Nr. 17, 1920:: „Nachdem die Statuten des Verbandes in eingehender Verhandlung so amendiert waren, daß auch die gesetzestreuen Juden eine Schädigung ihrer religiösen Interessen nicht zu befürchten haben, sondern vielmehr eine Förderung sicher zu erhoffen ist, wurde die einheitliche Gesamtorganisation der bayerischen Juden geschaffen. Hierdurch wurden die langjährigen Bemühungen des Herrn O. L. G. R. Dr. Neumeyer von Erfolg gekrönt. Möge die neue Organisation dem Judentum zum Heil und Segen gereichen." Bei der Verbandsgründüng

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