Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 6 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Levis Kompositionen sind nicht sehr zahlreich. Von dem bekannten, in alle Sprachen übersetzten Liede: „Der letzte Gruß", sagte er, es sei eine „Jugendsünde" von ihm. Sein Verleger sei daran reich geworden, er selbst hübe kaum etwas davon gehabt. Verschiedene Sachen hat er für den Gottesdienst vertont, u. a. auch eine Einweihungshymne für die Synagoge in Mannheim. Ich selbst besaß einen von Levi komponierten „Wfchomru", den ich s. Zt. dem Kollegen Birnbaum in Königsberg zum Geschenk sür seine Sammlung machte. Wahrscheinlich befindet sich derselbe jetzt im H e b r e w Union College in Cincinnati, das in der Inflationszeit die wertvolle Birnbaumsche Bibliothek angekaust hat. Von den zahlreichen Erinnerungen an Hermann Levi, die von allgemeinem Interesse sein dürsten, sei die folgende der Vergessenheit entrissen: Als Professor Kirschner, der bekannte und berühmte Oberkantor in München, im Jahre 1881 zum Probevortrag nach München berufen wurde, teilte ihm der 1. Vorsitzende der dortigen Kultusverwaltung mit, daß man Wert darauf lege, seine musikalischen Fähigkeiten von einer Münchener Autorität begutachten zu lasseu. Sie habe den Herrn Hofkapellmeister Levi um ein solches Gutachten ersucht. Dieser sei jedoch verhindert, den Gottesdienst zu besuchen, wolle ihn aber gerne in seiner Wohnung einer Prüfung unterziehen. Für diesen Zweck habe Levi den Donnerstag vormittag zur Verfügung gestellt. Ahnungslos, was wohl ein Hofkapellmeister einen Chason prüfen könne, unterließ es Kirschner, irgendwelches Notenmaterial mitzunehmen. Wäre eine Befangenheit bei ihm vorhanden gewesen, sie hätte schon nach der ersten Begrüßung schwinden müssen, die sich unter einer überaus wohltuenden, bestrickenden Liebenswürdigkeit ^vollzog. Vielleicht war es dieses sofort Sichheimischfühlen, das K. überniütig machte und auf die Frage Levis, was er ihm Vorsingen wolle, antworten ließ: „Was Sie mir vorlegen!" Er sah ihn ganz erstaunt an und mit einem langgezogenen: Sooo? schlug er einen dickleibigen Band mit Liedern von Brahms auf. Nach Beendigung des Vortrages sprang Levi vom Klavierstuhl auf und beglückwünschte Kirschner mit leuchtenden Augen und sagte lachend: „Ich werde es doch möglich zu machen suchen, Sie auch am Sarnstag vormittag während des Gottesdienstes m der Synagoge zu hören." Wie gesagt, so getan! Nach Schluß des Gottesdienstes drängte Levi durch die versammelte Menge nach vorn, und schüttelte Kirschner unter herzlichen Glückwüiischen die Hand. Dieser Vorgarig förderte Kirschner wesentlich in seinem Bewerbungskampfe, aus dem er als Sieger hervorging. Bis an sein Lebensende bewahrte Levi ihm sein Wohlwollen, das bei den verschiedensten Anlässen zu deutlichem, wohltuendem Ausdruck gelangte. Hermann Levi war in den Tugenden edlen Menschentums ein Meister und Vorbild. Seine strenge Wahrhaftigkeit, sein bescheidenes Wesen und seine Liebenswürdigkeit im Verkehr mit allen Menschen entzückten jeden, der ihm nahe stand. Ueber alle Maßen erquickend war aber seine große Herzensgüte, besonders gegen junge Künstler, die er, oft zu freigebig, in ihren Studien mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit unterstützte und förderte. So lebt er im Gedächtnis seiner Freunde fort. Sein Bild hat sich jedem eingeprägt, der ihm in die treuen Augen geschaut hat. Aus unseren Verbandsgemeinden. AlsfelL. In einem Alter von nur 58 Jahren wurde seiner Familie und unserer Gemeinde am Samstag, den 10. Mai, ■TEN £ b££' Herr Hugo Rothschild durch einen Plötzlichen Tod entrissen. Was seine Angehörigen und unsere Gemeinde durch den Tod dieses trefflichen Menschen und aufrechten Jehudi verliert, ist gar nicht mit diesen wenigen Zeilen, die eine kurze Würdigung des Verstorbenen darstellen sollen, wiederzugeben. Auf streng gesetzestreuem Boden stehend, hat der Heimgegangene ein der Tauroh und den Mizwaus geweihtes Leben geführt. Jede freie Minute, die sein Beruf ihm gab, verwandte er zum Studium der hl. Lehre, und er hatte es zu einem überaus großen Wissen auf diesem Gebiet gebracht, zu einem Wissen, das überall die größte Bewunderung hervorrief. Mit feiner Gattin, die ihm sieben Jahre im Tode vorausging, hat er ein echt jüdisches Familienleben geführt, das den Idealen des orthodoxen Judentums gewidmet war. Trotz schwerer Schicksalsschläge und großer Heimsuchungen blieb fein Gottvertrauen unerschütterlich, weil er ein wirklich gläubiger und frommer Miensch gewesen ist, ein Jude, wie wir ihn in solcher Vollendung in dieser Gegenwart nur noch selten antreffen. Iliid so trauert um ihn nicht nur der einzige Sohn, den der Allmächtige trösten und stützen möge in seinem großen Schmerze, fonbern unsere ganze Gemeinde war aufs tiefste bestürzt und innigste bewegt durch diesen schweren Verlust, den wir alle durch den Heim¬ 4 gang erlitten haben. Die Beerdigung fand am 12. Mai unter außerordentlich starker Anteilnahme statt, wobei Herr Lehrer Kahn in einem erhebenden Nachrufe die Verdienste des leider so früh Verschiedenen würdigte. Sein Andenken wird in unserer Gemeinde nicht verlöschen. Flonheim. Durch den Heimgang des Herrn Heinrich Lahm hat unsere Gemeinde einen unersetzlichen Verlust erlitten. Erst 66jährig, ist er nach kurzer Krankheit in die Welt des ewigen Friedens nach einem arbeitsreichen Leben emgegangen. Ein großes Gefolge von nah und fern hatte dem teuren Manne am 15. April nach dem neuen Friedhofe das letzte Geleite gegeben. Herr Rabbiner Dr. Lewit zeichnete seinen Charakter und sein Wirken unter Zugrundelegung des biblischen Satzes aus den Sprüchen Salomos: ,.Isch einunaus, raw berochaus“, „Ein Mann der Treue, viel. Segen war von ihm ausgegangen." So hat er sich treu bewährt als Mitglied des Gemeinderates, des Gesangvereins, der ihm am Grabe ein herzliches Abfchiedslied gesungen, als Mitglied des Turnvereins, der ihm den Wiederaufbau und fein Blühen verdankt und vor allem als Vorstandsmitglied der israelitischen Religionsgemeinde. Ehrenhalber hatte er auch viele Jahre hindurch das Amt des Vorbeters bei seiner musikalischen Befähigung bestens versehen. Sein kluger Rat und seine Friedensliebe hatten vielen beigestanden. Sein Name wird in Flonheim unvergessen bleiben. Mainz. Am Mittwoch, den 28. Mai d. I., konnte Herr Zacharias Laden bürg, Seniorchef des Immobilien- und Hhpothekcngeschäftes M. Ladenburg Sohn, in körperlicher und geistiger Rüstigkeit seinen 85. Geburtstag feiern. Herr Zacharias Ladenburg, ein Sproß einer alten Mainzer Familie, hat für sich und sein Schaffen nie die Anerkennung und Ehrbezeigung der großen Oeffentlichkeit gesucht, leistet aber in Ehren- und Vertrauensämtern seit vielen Jahrzehnten der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde und zahlreichen Vereinen durch seiue reiche Erfahrung, fein klares Urteil und feine untrügliche Menschenkenntnis wertvolle Dienste. Wenn der Jubilar in seiner Schlichtheit auch nicht wünscht, an seinem Jubeltage Mittelpunkt einer" großen Feier zu sein, so nehmen doch die weitesten Kreise der Gemeinde in aufrichtiger Mitsreude an der seltenen Geburtstagsfeier des verdienten und hochgeschätzten Gemeindemitgliedes teil. Auch der Laudesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens spricht Herrn Ladenburg seine Glückwünsche aus und hofft, daß ihm weitere ungetrübte Jahre beschieden fein mögen. Ad meoh weesrim schonoh. Ofsenbach. Am 27. April ist Herr Lou:s F e i st m a n n , der frühere Chef der Firma I. Feistmann und Söhne nach langein, schwerem Leiden gestorben. In der Vollkraft feines Schaffens war er einer der bedeutendsten und markantesten Wirtschaftsführer unserer Stadt, dessen Name Weltgeltung hatte. Eine Persönlichkeit von adliger, vornehmer Gesinnung/ mit reichein Wissen und großem Köiinen begabt uiid dabei vor: bescheideneni, einfachen: Wesen, wurde ihm höchste Achtung und Wertschätzung aus allen Kreisen der Bevölkerung entgegengebracht, die auch darin ihren Ausdruck faiid, daß man ihm zahlreiche Ehrenämter übertrug (Vorsitzender der Handelskammer, Stadtverordneter u. a.). Stets hatte er sich ein warmes, mitfühlendes Herz für alle Bedrängten und Bedürftigen bewahrt und übte in aller Stille eine großzügige Wohltätigkeit aus, ohneUiiterschied desGlaubens und des Standes. Der jüdischen Gemeinde Offenbach war er ein treues Mitglied. Er gehörte zu der Kommission, die den Bau unseres neuen Synagogengebäudes vorbereitete und überwachte und stellte auch hier seine große Erfahrung und feine Sachkenntnis in den Dienst der Sache. Seine Verbundenheit mit der Gemeinde bekundete er unter anderem durch Stiftung von 50 000 Mark zum Bau der Synagoge. So löste sein Hmfcherden auch in unserer Gemeinde die innigste'Teilnahme aus. Sem Name wird immer mit den Besten unserer Glaubensgemeinschaft genannt werden. Offenbach. Eine der bekanntesten und geachtetsten Persönlichkeiten unserer Stadt und insbesondere unserer jüdischen Gemeinde ist von uns gegangen: Herr Max K a u: b e r g , Seniorchef der Mehl- und Getreidegroßhandlung M. Kamberg A.-G., wurde am 20. April, 71 Jahre alt, durch den Tod von langen:, schwerem Leiden erlöst. Achtundzwanzig Jahre hat der Verewigte dem Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde Offenbach a. M. angehört und sich um diese die größten Verdienste erworben. Von allen Mitbürgern und namentlich seinen Berufsgenossen wurden seine hervorragenden Charaktereigenschaften, sein reiches Wissen und seine Sachkenntnis geschätzt, verantwortungsvolle Ehrenämter wurden ihm übertragen. So gehörte er lange Jahre dem Vorstand der Frankfurter Produktenbörse als Schiedsrichter an; er war Mitglied der Hafendeputation und während des Krieges Leiter der Lebensmittel-Verteilungsstelle des Kommunalverbandes Offenbach a. M.-Friedberg. Ein überaus zahlreiches Trauergeleite legte beredtes Zeugnis ab von der großen Verehrung und Wertschätzung, deren sich der Verblichene in allen Kreisen der Bevül-