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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-06-01 · 6 (6.1930) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
6 (6.1930)
Date
1930-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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seine Fehler, bzw. für angreifbare Handlangen der Römer verantwortlich macht,9) ist anzunehmen, daß die „göttliche Vorsehung" auch hier mit bestimmter Nebenabsicht erwähnt wird. An den Bericht iiber eine Frau, die in der Hungersnot ihr eigenes Kind aufgegessen hat. knüpft Josephus in unmotivierter Weise eine Rede des Titus (Bellum VI, 216 ff), in der Titus die Worte ausruft: . . . bedecken aber will ich jetzt die Greuel des Kinderfraßes mit den Trümmern ihrer Hauptstadt . . ." In den eben genannten Worten droht Titus, Jerusalem zu vernichten, womit ohne Zweifel auch die Vernichtung des Tempels gemeint ist („Nicht soll fürder die Sonne über eine Stadt scheinen" usw. das.). Das Natürliche wäre doch gewesen, daß Titus Mitleid empfunden hätte mit den Einwohnern einer Stadt, die er selbst hat aushungern lassen. Josephus läßt ihn dagegen Drohungen aus- §prechen, um dadurch die Schuld an der völligen Vernichtung auf die Zeloten zu wälzen. Diese Angabe des Josephus entbehrt jeder inneren Wahrscheinlichkeit, und ist nur verständlich, wenn wir annehmen, daß er aus diese Art die Grausamkeiten des Titus, insbesondere auch die Vernichtung der Stadt und des Tempels rechtfertigen wollte. Das eben erwähnte Verhalten des Titus (die angebliche Entrüstung über die Schlechtigkeit der Einwohner Jerusalems) wird noch schärfer hervorgehoben in einer Josippon-Handschrift"): „Und er (Titus) fluchte und schimpfte und Titus sprach an jenem Tage Worte, die wir nicht wiedergeben können" (cod. Bodl. S. 232a).") Wenn auch die erwähnte Josipponhandschrift viele späte Zusätze enthält,") so enthält sie aber ohneZweifel auch altes Quellenmaterial. Besonders beachtenswert ist die Variante zu Talmud Gittin 66b, wonach Titus das Allerheiligste in unschöner Weise verhöhnt hätte. Die Parallele in der Handschrift lautet: „Da setzte sich Titus in das Allerheiligste, und seine Offiziere setzten sich in das Heiligtum; und es kam das ganze große Heer, und sie verbeugten sich vor Titus, (der) im Allerheiligsten (saß), und sie brachten ihm ein Trankopfer dar".") Nach dieser Angabe wollte Titus seinen Sieg über den Gott der Juden zum Ausdruck bringen, indem er sich an derselben Stelle huldigen ließ, wo man früher dem jüdischen Gotte zu opfern pflegte. Es ist ungewiß, ob diese Ueberlieferung die richtige ist, die große innere Wahrscheinlichkeit spricht aber für ihre Echtheit. Alle diese Angaben berechtigen uns zu der Annahme, daß Titus aus politischen Gründen (um jeden weiteren Aufstand unmöglich zu machen, und um sein Ansehen zu festigen) den Tempel zu Jerusalem vernichten ließ, und durch seine letztgenannte Handlung den Sieg des römischen Kaisertums über den jüdischen^Kult zum Ausdruck bringen wollte. Später wollte er dann die schuld am Tempelbrande von sich abwälzen, was er durch seinen Hofschriftsteller Josephus durchsetzen wollte. Neben den oben erwähnten Quellen (Antonius Julianus) geht bei genatierer Betrachtung aus dem Josephustexte selbst mit ziemlicher Sicherheit hervor, daß Titus selbst den Tempelbrand veranlaßt habe. Wenn wir mit R. Laqueur (s. Anm. 8) annehmen, daß der Josephustext selbst vom Verfasser ursprünglich anders geschrieben worden ist, und später infolge der veränderten Lage Roms voin Verfasser umgeändert worden ist, so stimmen die für Titus belastenden Aussagen des Josephus gut überein mit den anderen ohne Zweifel selbständigen Quellen, mit dein Werke des Marcus Antonius Julianus und mit den Aeußerungen des Dichters Valerius Flaccus. 9) H. Guttmann: Die Darstellung der jüdischen Religion bei Flavius Josephus, S. 44 f. ^0) Cod. Bodl. olim Huntingdon 346. Näheres s. Robert Eisler: Jesous basileus ou basileusas. Heidelberg, 1929, Teil I, S. 520. ") Cod. Bodl. 232a: u? p» D*nn Kinn ev>e diü'd wo t^roi ") Zu den Anachronismen gehört das zweitägige Wochenfest auf S. 224a: rhsnep in ie onei eivi uoo ‘rnn die Jsmaeliten als Nachfolger der Römer (!), S. 235 6: mts?e irro aiajfn ostre exp sei np eiten ep nrj? xim ") Cod Bod. S. 241b: ■nnw'i eiviri'rin ■re 1x2^ ■reine 11 w eienpn enpe eiens etr*n lmeejn eitrnpn enp roee cieie? Erinnerungen an Hermann Levi. Zu seinem 30. Todestage. Von Joses Marx, Gießen. Am 13. Mai d. I. waren 30 Jahre seit dem Tode des berühmten Generalmusikdirektors Hermann Levi verflossen. Nur wenige der jüngeren Generation werden wissen, daß dieser bedeutende Dirigent der Sohn des früheren Provinzialrabbiners der Provinz Oberhessen gewesen ist. Hermann Levi war am 7. November 1839 zu Gießen geboren. Seine Mutter war eine geborene Henriette Mayer aus Mannheim, eine gemütreiche und geistig hochstehende Frau, die bis zu ihrem frühen Hinscheiden (1842) eine der anziehendsten Erscheinungen der Gießener Gesellschaft war. Sie war eine ausgezeichnete Pianistin. Ohne Zweifel hatte ihr Sohn Hermann seine musikalische Begabung, die sich schon früh bei ihm bemerkbar machte, von ihr empfangen. Im 6. Lebensjahre trat er in seiner Vaterstadt zum ersten Male öffentlich auf. Unter großem Beifall des Publikums spielte er mit seinem älteren Bruder vierhändig ein Konzert von Hummel. Als zwölfjähriger Knabe war er bereits imstande, beim Gottesdienste in der Synagoge die Orgel zu spielen. Hermann Levi war allezeit ein treuer Sohn, der mit großer Liebe an seinem Vater hing und für dessen Wohl besorgt war. Es verging keine Woche, in er er nicht seinem Vater einen großen, inhaltsreichen Brief schickte und ihm von seinem Tun und Treiben berichtete. Selbst auf seinen Auslandsreisen blieb er dieser Gewohnheit treu. Und welche Freude bereitete es ihm, wenn der Vater ihn besuchte und er ihn in seine Kreise einführen konnte! Bei einer solchen Gelegenheit lernte dieser auch Lenbach, einen seiner besten Freunde, kennen, der ihn einige Jahre später in Lebensgröße porträtierte. Aber welcher Stolz erfüllte erst den 76jährigen Vater, als er am 26. Mai 1882 der Erstaufführung des „P a r s i f a l" in Bayreuth beiwohnen konnte! Der große Erfolg dieser Aufführung war doch in erster Linie seinem Sohne Hermann zuzuschreiben. Zum ersten Male in Wagners Leben fiel dieser volle Erfolg einer seiner Bühnenschöpfungen mit der ersten Aufführung zusammen. Was keinem seiner Werke beschieden war, dessen durfte er sich wenigstens bei seinem letzten erfreuen: Es wurde zugleich gehört und v e r st a n d e n. Unvergleichlich waren die Leistungen des Riesenorchesters unter der genialen Führung seines Musterkapellmeisters Levi. Die Klangwirkung der 116 Instrumente (allein 32 erste und zweite Geigen, 12 Violen, 12 Celli, 8 Kontrabässe, 8 Harfen usw. und zur Verstärkung der Baßthemen sogar ein 12-fütziger Orgelbaß), die er hervorzauberte, war eine ideale und wunderbar einheitliche. Nach der Aufführung begrüßte Richard Wagner in großer Gesellschaft den alten Rabbiner aufs herzlichste. „Wie sind Sie mit Ihrem ungeratenen Sohne zufrieden?" fragte Wagner scherzend. „So ziemlich", antwortete Dr. Levi. „Ihr Hermann", sagte darauf Richard Wagner, „müßte als mein alter ego eigentlich den Namen „Wagner" führen!" Das sagte der Mann, der in seinem Werke: „Das Judentuni in der Musik" den Juden jedes Verständnis für die Musik abgesprochen hatte. An Versuchen, Levi zu veranlassen, einen anderen Namen anzunehmen, hat es nicht gefehlt. Er war als „Levi" berühmt geworden und ist auch als „Levi" gestorben. Unter den vielen hohen Persönlichkeiten, die Levi ihre Gunst bekundeten, hat niemand Anstoß an seinem Namen genommen, auch der Exkaiser nicht. Als dieser im August 1889 die Festspiele in Bayreuth besuchte, wurde Levi in die kaiserliche Loge besohlen und in einer längeren Unterredung zu seinen Erfolgen beglückwünscht und ausgezeichnet. Der im Jahre 1928 in Hamburg verstorbene Gymnasiallehrer Levy, der früher am hiesigen Gymnasium tätig war, erzählte mir, daß er im Jahre 1909 beim Groß Herzog von Hessen gewesen sei, mit sich für einen ihm verliehenen Orden zu bedanken. Der Großherzog war des Glaubens, daß er ein Verwandter des Generalmusikdirektors sei, sprach viel von dem „prachtvollen" Menschen und fügte hinzu, er sei in Bayreuth Arm in Arm mit ihm spazieren gegangen Levi konnte sich einer besonderen Freundschaft des Fürsten Bismarck erfreuen, dem er in den letzten Jahren regelmäßig zum Geburtstage persönlich in Friedrichsruh seine Glückwünsche überbringen durfte und dessen Gast er dann war. Bei einer solchen Gelegenheit bat Levi den Fürsten um ein Andenken. „Ja, was soll ich Ihnen geben?" sagte Bismarck, „wollen Sie einen Hut von mir?" „Mit Freuden", erwiderte Levi. Als er einige Tage später seinen Vater besuchte, zeigte er mir lachend den getragenen Hut, einen riesigen „Kalabreser", aus feinstem Filz, den die Hntfabrik dem Fürsten laut eingedruckter Widmung zum Geschenk gemacht hatte. Levis einzige Schwester hatte in Jahre 1868 einen französischen jüdischen Offizier, den Lieutenant Jules Mach, Repititeur der kaiserlichen französischen Militärschule zu St. Cyr, geheiratet. Dieser Offizier war im Jahre 1870 als Jnfanterieoberst Gefangener in Gießen. Dessen Sohn, Capitaine der Artillerie, spielte im Dreyfuß-Prozetz eine große Rolle. Ich lernte ihn bei der Beerdigung seines Großvaters kennen. Levi war im 51. Lebensjahre, als er die Ehe mit Frau Dr. Fiedler schloß, einer stattlichen, hochgebildeten, sehr reichen Witwe, die seine letzten, durch schwere Krankheit getrübten Jahre in einer palastähnlichen Villa zu Partenkirchen, mit herrlichem Ausblick auf die Zugspitze erträglich zu machen verstand. 3

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