Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 6 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fenutfl erfreut hatte. Au der Bahre würdigte Herr Rabbiner Dr. Dienemann seine trefflichen Eigenschaften und ließ an Hand des Psnlmwortes: „Deiner Worte Gipfel und Haupt ist Wahrheit, ist Treue", die Wesensart des Verklärten noch einmal vor dem geistigen Auge der in Trauer Versammelten erstehen. Treue gegen Gott, gegen seine Glaubensgemeinschaft, zeichnete ihn vor allem aus; Gottes Gesetz, im Elternhaus in sein Herz gepflanzt, war Wille und Antrieb seiner frommen Tat. Am Leben der Gemeinde nahm er den innigsten Anteil, den er auch in den Tagen seiner Krankheit bei jeder Gelegenheit bekundete. Seine Berufspflicht erfüllte er mit aller Hingabe, deren er fähig war und übte sie in den Jahren seiner Kraft aus mit Fleiß, Emsigkeit, Lauterkeit, Rechtlichkeit und Geradheit, dabei sich seiner Menschenpflicht immer bewußt bleibend. Stets fand er für Hilfe und Rat Suchende freundlichen Zuspruch, mitfühlende Teilnahme, helfende Tat. Aber erst in seiner Familie wirkte sich, die ganze Kraft seiner wahrhaften Treue aus. Eine Fülle von Liebe streute er hier aus, und diese wurde von allen seinen Familienangehörigen in reichstem Maße vergolten, vor allem von seiner Gattin, die ihn mit hingebendster Liebe, mit nie ermüdender Fürsorge umhegte. Kambergs echt jüdisches Familienleben war vorbildlich für die ganze Gemeinde. So war sein Leben bei allem Leiden, das ihn in den letzten Jahren seines Lebens heimgesucht hatte, ein glückhaftes zu nennen. Nach der Rede des Herrn Rabbiners schilderte der Vorsitzende des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde Ossenbach a. M., Herr Justizrat Dr. Goldschmidt, die Verdienste, die sich der Verstorbene als Mitglied des Vorstandes um diesen und um die Gemeinde erwortzen hatte. Unermüdlich in Rat und Tat, beseelt von pflichttreuem Eifer bei Ausführung der von ihm übernommenen Geschäfte, hat er auch hier vorbildlich gewirkt. Rührend war der Abschied, den ein Kamerad des E.ntschlafenen, mit dem er in dem früheren Jns.-Regt. 118 gedient hatte, von ihm nahm. Er hob seine Herzensgüte und Hilssbereitscha.ft hervor, die er besonders während des Krieges und nach demselben an bedürftigen Frauen und Witwen der Kriegsteilnehmer betätigte. Nachdenr der Vertreter der Frankfurt-Loge, welcher der Verstorbene zwei Jahrzehnte angehört hatte, die letzten Abschiedsgrüße nachgerufen hatte, wurde, was sterblich an Max Kamberg war, der Erde übergeben. Sein Andenken wird unvergessen bleiben. Worms. Entdeckunen von Resten der Vergangenheit pflegen in Worms nicht viel Aufsehen zu erregen. Wir wohnen ja aus ältestem Kulturboden, der von Jahr zu Jahr weiter seine Schätze enthüllt. Als vor wenigen Tagen die Spitzhacke an die beiden kleinen Häuschen in der Hinteren Judengasse, dicht neben der alten Synagoge, gesetzt wurde, und ihre morschen Mnuern und saulep Balken polternd in einer Wolke von Staub auf dem Gassenpflaster zerbarsten, ahnte man nicht, daß unter dem hohen, bisher ^unzugänglich gewesenen Keller des einen Hauses eine Anlage gesunden werden würde, die geeignet ist, neues wertvolles Licht auf die Geschichte und die Verhältnisse der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde zu werfen: Unter dem alten tonnengewölbten Keller wurde eine der im Synagogengarten befindlichen, unter Denkmalschutz stehenden Mikwe gleiche, nur etwas kleinere Anlage gesunden. Also eine zweite Mikwe. Stickig war die Luft, als wir aus hoher steiler Leiter immer tiefer in den Keller hinabstiegen. Sogar eine Gasmaske mußte in Tätigkeit treten. Es war die Spannung wie vor einem großen Funde! Vom Kellergewölbe rankte in gespenstigem Weiß eine lange Wurzel'herab. Sie zeigte gleichsam den Weg zu einer steinernen Treppe, die im Winkel aus 10 breiten Stufen in die eigentliche Badeanlage hinabsührt. Diese ist ein Viereck von 1,40 mal 1,60 Meter und heute natürlich ausgetrocknet. Die großen Quader der untersten Bauteile lassen aus ein hohes Alter schließen. Möglicherweise ist auch der Kern dieser Anlage eine römische Zisterne, die im Mittelalter zu rituellen Zwecken ausgebaut wurde. Merkwürdig bleibt, daß die schweren Quader auf allen vier Seiten auf starken Holzbalken aufliegen, die wieder ihrerseits auf Sand gebettet sind. Aus der einen Seite sind die Balken gebrochen, hier haben die Quader nachgegeben und die Wand bauchig ausgebogen. Aus dem Grunde der Anlage ist ein kreisrundes, ebenfalls mit Holz abgesteistes Bassin, vermutlich der Behälter für das Quellwasser. Keine Kunstformen, keine Säulen oder Steine mit irgendwelchen Zeichen sind bis jetzt gefunden worden, die eine sichere Datierung des kleinen, hochinteressanten Baues zulassen. Auffallend ist die Verwendung von Holz, das sich nur durch das einst vorhandene Wasser erhalten hat. Die Sohle des Bades befindet sich etwa 12—15 Meter unter dem Pflaster der Gasse. Das zweite Frauenbad ist wohl primitiver und kleiner als das im Synagogengarten befindliche, in der Gesamtanlage diesem aber völlig gleich, und macht gerade durch das Fehlen jeder Kunstform einen sehr altertümlichen Eindruck, lieber das Alter der Anlage ist die Begutachtung durch den Denkmalspfleger beantragt worden. Interessant ist, daß in dem abgebrochenen Hanse sich ebenfalls eine Mikwe befunden hatte, die alte Tradition dieser Stätte also nicht unterbrochen wurde. Es wäre sehr zu wünschen, wenn der einzigartige Fund einer zweiten Mikwe als Denkmal erhalten und zugänglich gemacht werden könnte. Vereine und Verbände. Die 8. ordentliche Telegiertenversammluug des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, die an den beiden Psingsttagen in München in der Tonhalle abgehalten wird, wird nach den bisherigen Meldungen durch die Delegierten und Gäste von etwa 150 Bünden aus ganz Deutschland besucht werden. Im Mittelpunkt der Verhandlungen des ersten Tages steht, unter dem Motto „Jugend hilft der Jugend", das für die jüdische Jugend so außerordentlich schwierig gewordene Berufsproblem. Aus der Erkenntnis, daß es sich in der heutigen Situation bei Fragen, die Wirtschaststampf und Lebensgestaltung berühren, für den jungen Juden tticht mehr nur um rein persönliche Angelegenheiten handelt, stehen Erörterungen über die Möglichkeit einer gemeinschaftlichen Inangriffnahme dieser schwierigen Probleme im Vordergrund. Der Vortrug Martin Bnbers, „Wie kann Gemeinschaft werden", bildet den Auftakt für 2 Gruppen von Arbeitsgemeinschaften, die, von verschiedenen Grundfragen ausgehend, unter dem Thema „Berus und Leben" und „Lebensgestaltung" stehen. Den Abschluß des ersten Tages bildet eine Vollversammlung, tn der die Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaften in Thesensorm vorgelegt werden. In einem Schlußwort „Gestaltung durch den Bund" werden diese Ergebnisse zusammengesaßt und die Konsequenzen, die sich aus ihnen für die zukünftige Gestaltung der Jugendbundarbeit ergeben, ausgezeigt werden. Der zweite Tag ist Verbandssragen gewidmet. In ausführlicher Aussprache werden die Ergebnisse der vergangenen Arbeit überprüft und die Richtlinien organisatorischer Art für die Weiterarbeit sestgelegt werden. Mit der Wahl der neuen Leitung des Verbandes wird die Tagung Üjren Abschluß finden. Am Pfingstsonntagabend führt die Künstlerische Arbeitsgemeinschaft des Jüdischen Jugendvereins Düsseldorf „Jeremias" von Stefan Zweig aus. Hierzu hat der Dichter seine Anwesenheit zugesagt. Veranstaltungen geselliger Art, Führuiigen uni) Ausflüge umrahmen die Tagung. Tie 28. Jahresversammlung des Hilfsvereius Deutscher Juden fand am 30. März 1930 in Berlin im Hotel „Kaiserhos" statt. Es waren Mitglieder ans Berlin und dem Reiche erschienen. Der Vorsitzende, Herr Dr. James S i m o n , .führte einleitend aus: Tie Zahl der Mitglieder uiid die Einnahmen sind gestiegen, und damit war die Möglichkeit gegeben, kulturelle und humanitäre Arbeit in ausgedehnterem Maße zu leisten. Er schilderte alsdann die traurige Lage der Juden im Osten. In Litauen, Polen und Rumänien leiden die Juden schwerstens unter der Auswirkung der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse und der Haltung der Regierungen. Daraus erstattete der Generalsekretär Tr. Mark Wischnitzer den Bericht über die Tätigkeit im Jahre 1929. Im Mittelpunkt der Arbeit stand nach wie vor die Auswanderersürsorge. Die Emigration macht heute eine Krise durch. Die Auswanderung wird auch bei großem Umfange wett gemacht durch den natürlichen Nachwuchs. Jetzt aber ist eine katastrophale Hemmung der Auswanderungsbewegung durch immer sich steigernde Restriktionen überseeischer Länder eingetreten. Immer mehr Länder verschließen sich nach dem Weltkrieg der Einwanderung, insbesondere aus Osteuropa, durch Erschwerung der Einreisebedingungen, durch Einführung eines Quotensystems oder eines Systems der Auswahl rkach Berufen. Den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien schließt sich jetzt die Südafrikanische Union an. Im Jahre 1928 umfaßte die Zahl der jüdischen Auswanderer nach den Haupteinwanderungsländern und einzelnen europäischen Staaten etwa 40 000 Personen, während im Jahre 1014 nach den Vereinigten Staaten allein 138 000 Juden ausgewandert waren. 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