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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-06-01 · 6 (6.1930) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
6 (6.1930)
Date
1930-06-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wen trifft die Schuld am Brande des zweiten Tempels? Bon Rabbiner Dr. Heinrich G u t t m a n n , Bingen. Nach Josephus, Bellum VI, § 252 ff ging der Tempel zu Jerusalem gegen den Willen des Titus in Flammen auf. Diese Angabe wird von H. Graetz^) als richtig angenommen, und ist wohl die allgemein übliche Auffassung. Sie wird auch von Dubnow in feiner Jüdischen Geschichte (Bd. IT, S. 461)1 2 3) vertreten. Sowohl Graetz wie Dubnow erwähnen die Ansicht eines Mönches, des Sulpicius Severus, aus dem 6. Jahrhundert, der die Behauptung ansstcllt, daß Titus selbst den Befehl erteilt habe, den Tempel in Brand zu stecken. Dubnow geht aus die Frage nicht näher ein. Graetz führt in einer Anmerkung ausst) daß die Angabe des Sulpicius Severus nicht glaubwürdig sei, da seine Begründung unrichtig sei. I. Bernays8) untersucht die Angaben des Sulpicius Severus über die Ursachen des Tempelbrandes. Tie Ergebnisse sind kurz zusammcngesaßt folgende: Die Angaben des Josephus über die Brandursachen des Tempels und über die Menschlichkeit („Sentimentalität") des Titus sehen sehr unwahrscheinlich aus. Bernays untersucht aber nicht näher die Angaben des Josephus, sondern stellt ihnen andere Quellen entgegen. "Der Dichter Valerius Flaccus schrieb sein Argonautcn-Gedicht in den ersten Regierungsjahren des Vespasian. In diesem Gedichte verherrlicht er die Flavier, insbesondere den Sieg des Titus über Jerusalem. Er empfiehlt Domitian, den Sieg seines Bruders Titus zu besingen (Domitian schrieb nämlich mit Vorliebe Verse): ,7- . . . Solymo nigrantem pulvere fratrem Spargentemque faces et in omni turre furentem“ (Arg. I, 13). „Dergleichen Wendungen eines höfischen Dichters bedeuten nichts, und bedeuten viel. Nichts, wenn sie als direkte Zeugnisse für das wirklich Geschehene dienen sollen; viel, wenn es genügt, zu erfahren, was am Hose gern gehört wurde" (Bernays, S. 51). Der betreffende Text des Severus lautet: „Es wird überliefert, Titus habe vorher einen Kriegsrat berufen und beraten, ob er den so wertvollen Tempel vernichten solle. Einige meinten, hwu dürfe ein geweihtes Heiligtum, das alles Menschenwerk überstrahle, nicht zerstören, da seine Erhaltung zu einem Zeugnis römischer Milde, seine Vernichtung zu einem unauslöschlichen Makel der Grausamkeit gereichen müsse. Andere dagegen und Titus selbst stimmten dahin, gerade den Tempel müsse man vornehmlich zerstören, damit der Juden und der Christen Glaube vollständiger ausgerottet werde. Denn diese Glaubensarten, wenn auch einander entgegengesetzt, seien doch von denselben Urhebern ausgegangen. Tie Christen seien aus den Juden entstanden; sei erst die^Wurzel sortgeschasst, werde der Stamm leicht zugrundegehen. So wurde, nachdem durch den Willen Gottes die Gemüter aller entstammt worden sind, die Tempel zerstört . . . ,"4 * 6 *) Die wesentliche Abweichung des Severus von Josephus bemerkt der Herausgeber des crsteren, Hieronymus de Prato, indem er sagt: „Es sei deutlich, daß Severus den Josephus nicht zu Rate gezogen habe; die Quelle jedoch, aus der diese dem Josephus widersprechenden Nachrichten ihm zuslossen, sei bisher nicht ermittelt." An einzelnen Beispielen weist nun Bernays nach, daß die Hauptquelle des Leverus Tacitus warü, und Tacitus selbst berichtet unabhängig von Josephus, aus Grund anderer Gewährsmänner (über Juden z. B. Manetho, Apion usw.). Heber die Tempelzerstörung sei der Gewährsmann des Tacitus Antonius Julianus, von dem bekannt ist, däß er von Tacitus befragt worden ist. Minucius Felix, einer der ältesten Kirchenväter, erwähnt ein Buch des Antonius Julianus, das jüdische Geschichte behandeltA) Nach Tillemont und Bernays ist Antonius Julianus 1) Heinrich Graetz: Geschichte der Juden, Bd. III, S. 538 s. 2) Dubnow nimmt keine entschiedene Stellung zur Angabe des Sulpicius Severus. _ r _ 3) Jakob Bernays: lieber die Chronik des ^ulpicms Severus. S. 48 ss. Jahresbericht des Jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau, 1861. 4) ,.Fertur Titus adhibito consilio prius deliberasse an templum tanti operis everteret. Etenim nonnullis videbatur, aedem sacratam ultra omnia inortalia illustrem non debere deleri, quae servata modestiae Romanae testimonum, diruta perennem crudelitatis notain praeberet. At contra alii et Titus ipse evertendum Templum imprimis censebant, quo plenius Iudaeorum et Gbristianorum religio tolleretur. Quippe bas religiones, licet contrarias sibi, iisdem ♦.-men auctoribus profectas; Cbristianos ex Iudacis exstitisse; radio" sublata stirpem facile periturain. Ita Dei nutu accensis omniuin animis templum dirutum . •“ ,, ü) Der betreffende Tacitustext ist uns nicht erhalten. 6) Minucius Felix: Octavius. Kap. 33, „Scripta eorum (Iudaeorum) relege, vel, ut transeamus veteres, Flavi Josephi, vel, si Romanis magis gaudes, Antoni Juliani de Iudaeis require.“ 2 identisch mit Marcus Antonius Julianus, dem Statthalter von Judäa, der selbst im Kriegsrate des Titus gewesen ist?) Wenn wir auch Graetz zustimmen müssen, daß die Begründung des Severus. Titus wollte mit den Juden gleichzeitig die Christen treffen, unwahrscheinlich ist, so genügt diese anachronistische Angabe in der Chronik des Severus nicht, sein gutes Quellenmaterial außer acht zu lassen. Graetz versucht mit einem logischen Argument nachzuweisen, daß Titus den Tempelbrand nicht verursacht habe: „Wenn Titus die Zerstörung des Tempels beschlossen hätte, so brauchte er sich dessen in den Augen der Römer nicht zu schämen." Bei aller Achtung, die dem großen Historiker Graetz gebührt, muß die Richtigkeit dieser Beweisführung angezweiselt werden. Denn eine Maßnahme, die Titus im Kriege getroffen hat, kann ihm später sehr wohl unangenehm gewesen sein. Es ist also anzunehmen, daß der Bericht des Josephus auch an dieser Stelle (wie an zahlreichen anderen Stellen) gefälscht ist, beziehungsweise in einer späteren, vom Verfasser selbst umgearbeiteten Form vorliegt Was für Beweise liegen vor für diese Annahme? Theodor Mommsen spricht in seiner römischen Geschichte (Band V) die Ansicht aus, daß der Tempel zu Jerusalem wahrscheinlich aus Befehl des Titus in Brand gesteckt worden ist. Wenn wir nun unseren Josephustext selber ansehen, finden wir, daß selbst der uns vorliegene Text für die Auffassung von Bernays und Mommsens Beweise liefert. Nach Bellum VI, § 251ss verbrennen die Römer den Tempel gegen den Willen des Titus. Die wichtigste Belegstelle für die Reinigung des Titus ist der Bericht des Josephus über den Kriegsrat, in dem Titus gegen den Willen einiger Feldherrn die Schonung des Tempels durchgesetzt haben soll (Bellum VI, 240—241). Neben diesen beiden Angaben gibt es keine Belege dafür, daß Titus die Absicht gehabt hätte, den Tempel zu schonen. Dagegen gibt es einige Stellen im Josephus, aus denen ohne Schwierigkeit das Gegenteil gefolgert werden kann. Daß der Josephustext viele innere Widersprüche enthält, ist allgemein bekannt. Diese Widersprüche sind nur dann verständlich, wenn wir annehmen, daß Josephus seinen ursprünglichen Bericht geändert hat. Ursprünglich muß er dle Auffassung vertreten haben, daß Titus den Tempel (aus politischen Gründen) vernichten ließ, was besonders daraus hervorgeht, daß er die Handlungsweise des Titus entschuldigt. (Für etwas, was jemand nicht getan hat, braucht man ihn bekanntlich, auch nicht zu entschuldigen!) 8) Nach Bellum VI, 228, läßt Titus die Vorhallen des Tempels in Brand stecken, da ihm „die Schonung fremder Heiligtümer weniger wichtig sei als das Leben seiner Soldaten". Daß die Flavier sich nicht scheuten, fremde Heiligtümer zu vernichten, geht aus der Tatsache hervor, daß Vespasian Befehl gab, den Oniastempel in Aegypten zu verbrennen (Bell. VII, 421). Daß sein Befehl nicht ausgesührt worden ist, tut nichts zur Sache (das.). Schließlich ist noch bemerkenswert, daß Titus die übriggebliebenen Teile des Tempels schleifen ließ (Bell. VII, 1), hierbei handelte es sich nicht etwa nur um das Wegrüumen von Trümmern, sondern um eine bewußte und beabsichtigte Zerstörung: „Da das Heer jetzt nichts mehr zu morden und zu rauben hatte, und die Erbitterung sich vergeblich nach einem Gegenstand umsah, an dein sie sich hätte sättigen können . . . befahl der Caesar (Titus), die ganze Stadt und den Tempel zu schleifen". (Bell das.). Offenbar berichtete Josephus ursprünglich, in der ersten Fassung seiner Arbeit, daß Titus den Tempel vernichten ließ (vgl. oben Valerius Flaccus); nur später wurde dieser Bericht dahin geändert, daß Titus am Tempelbrand unschuldig ser. Denn hätte Josephus gleich in der ersten Fassung seiner Arbeit die Ansicht vertreten, daß Titus unschuldig sei, hätte er es nicht nötig gehabt, Titus zu entschuldigen. Die Angaben, in denen Josephus die Handlungsweise des Titus entschuldigt (Bell. VI, 217, 240—241, 250) weisen sehr deutlich aus die ursprüngliche Darstellung hin, wonach i)er ^ii Befehl zur Verilichtuug des Tempels selber gab. r vceDen Der oben erwähnten Angabe (Bell. VI, 228) finb noch folsenbe Stellen bemerkenswert: Der Brand des Tempels sei von Gott bereits langst beschlossen worden (Bell. VI, 250). Wenn wir in Betracht ziehen, daß Jos. vielfach die göttliche Vorsehung für V Nach Bellum VI, 238 stimmte M. Antonius Julianus im Kriegsrate des Titus für die Zerstörung des Tewpels. 8) Josephus weicht in der Archäologie vielfach vom Bellum ab; ferner ist bekannt, daß er seine Werke ursprünglich aramäisch geschrieben hat, und nur später ins Griechische übersetzt hat Es ist anzunehmen, daß er als Hosschriftsteller der Flavier den Krieg nach ihrem Wunsche dargestellt hat, und zwar früher anders als in der zweiten Fassung. Die Ansicht, daß die Flavier den Krieg um das Jahr 71 anders därgestellt wissen wollten als später, wird durch die grundlegende Arbeit von Richard Laqueur „Der jüdische Historiker Flavins Josephus", S. 230 ss besonders eingehend beleuchtet.

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