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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-04-01 · 4 (4.1930) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
4 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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stimmt er selbst in den kühlsten, scheinbar dem Getriebe der Straße abgewandten Gelehrtenstnben die Forscher zu Ergebnissen, die alles andere als Wissenschaft und Wahrheit sind? Aber, so wird man fragen, handelt es sich hier nicht um eine natürliche, jedem Menschen eingeborene, schicksalhafte und unabänderliche Herzensregung? Gebt nicht jedem seine Heimat vor allen anderen Ländern? Ist nicht Nationalismus und Patriotismus etwas so Selbstverständliches, daß jede Diskussion darüber so überflüssig ist, wie eine Diskussion etwa über die Befriedigung so elementarer Bedürfnisse, wie die nach Kleidung oder Nahrung? Michels sowohl, wie besonders Hages, stellen die Fragen nach dem Wert und der Berechtigung von Nationalismus und Patriotismus und kommen zu Ergebnissen, die gerade für nufere Situation als Juden wichtig genug sind. Zunächst die grundlegende Frage: Was ist Nationalismus? Nationalismus ist erstens jener historische Prozeß, der in der Neuzeit die Nationalitäten zu staatlichen Einheiten zusammengefaßt hat. Man sieht ans dieser Formulierung von Hayes, daß der Nationalismus also eine Erfindung oder Erscheinung der Neuzeit ist. Und tatsächlich weist Hayes nach, daß diese, gerne als ewig-alte Gegebenheit des Menschengeschlechtes betrachtete Strömung ein Kind der großen französischen Revolution ist, die als erste das Recht der Völker auf Freiheit als Völker verkündete, daß der Nationalismus gefördert wird durch die Romantik, die mit ihrer gefühlsmäßigen Betonung des Volklichen, Volkstümlichen ihn in die Herzen der Menschen einpflanzte; daß aber seine heutige Bedeutung und Ausbreitung erst ermöglicht wird durch die industrielle und ökonomische Revolution, die in ben letzten Jahrzehnten alle Staaten zit hermetisch abgeschlossenen, schutzzölltterischen Gebietelt machte. Und damit sind wir bei der zweiten Bedeutung des Begriffs: „Nationalismus" altgelangt. DeunseineMenschengruppen, die durch gemeiiftame Sprache und Kultur, mauchiual auch durch gemeinsame Schicksale, aber selten nur durch gemeinsame Herkunft und Rasse sich zu Nationalitäten entwickelten, züchteten nicht nur auf wirtschaftlichem, fondern fast mehr noch auf geistigem Gebiet eilten <-cheuklappen-Chauvinismus, der meist unbewußt in die Herzen aller Menschen eingepflanzt wurde. Es ist jene populäre Anschauung gemeint, die der Engländer mit „wrong or right my eountry", der Deutsche mit „am deutschen Wesen soll dereinst die Welt genesen" ausdrückt. Dieser Nationalismus ist zu einer Religion geworden, so stark und manchmal stärker als in früherer Feit Religionen selbst; denn er vermag die Menschen in ungeahntem Maße und mit ungeahnter Wucht in seinen Bann und seinen Willen zu reißen. Nationalismus wird zur leeren Ueberheblichkeit, zum Fluch dieser Zeit, dieser Zeit, die ihn vergottet hat, den eine kaum vergangene erfand. Und da wird das prophetische Wort Grillparzers wahr, daß der Weg des Menschen führe „von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität". Und doch: Wo sich dieser unheillge Nationalismus zum edlen Patriotismus wandelt, da kann Fluch zum Segen werdeit. Michels hat besonders klar ausgeführt, daß es zwei Arten Volt Patriotisiitus gibt: erstens jenen, der mit Vaterlandsliebe zu übersehen ist und nichts anderes ist, als Nationalismus, der unedle Egoismus der Völker; zweitens aber: „H e i m a t I i e b e". Heimatliebe, von den schöltsten Seelerr aller Völker besungen, vort ben -größten MAINZER WERKSTÄTTEN FÜR HANDWERKSKUNST mr- P^fll Fü SCHNORRENBERGER MÖBELFABRIK EMMER1CH-JOSEFSTR. 13 MAINZ FERNSPRECHER Nr.'478 Geschäftsprinzip - Lieferung von NUR Qualitätsware zu niederst gestellten Preisen Denkern und den bestell Mellschelt geehrt und gelehrt. Wie aber Heimatliebe nur dem Menschen eignet, der die Heimat, seilte Heimat, seine Landschaft leimt und mit ihr lebt, so ist evident, daß mait den eligen Streifen Land, die Landschaft, in der malt verwurzelt ist, alleilt wahrhaft lieben kann. Wie kann der friesische Schiffer wirklich die baherischeu Berge lieben, wie der Rheiltlältder die pommerscheu Seeil, wie fnnn der Bauer aus der Mark Brandenburg die Art des Bergmanns vvllt Ruhrgelnet achtelt, wie kann der Bewohner des Schwarzwalds das Riesen- Berlin als seine Heimat verehren? Er kann es nur auf.Grund einer theoretischen Vaterlands-Konstruktion; er kann es nur, weml er seine Heintatliebe zum bloßen Vaterlaudsgefühl verflacht. Tettit es ist eine Verflachung und Verhäßlichung, dieser moderne Nationalismus, wo malt sich vermittels dem Religiösen eittlehnter Kulthaildluitgen (Nationallied, Nationalflagge usw.) in schale Begeisterungen reißen lassen muß. Wo eilt ötatisme, wie die Fraitzoselt die Ausbreitultg des Staates über alle ntöglicheit Fltitktioltelt nennen, sich vollzieht, der der Kultur des Jndividuums entgegensteht. Wo das Vaterland, d. i. das Land der voit Vätern überkommenen Institutionen geliebt werden will, statt des Landes der Kinder, wo die Kinder ihren Lebensraum haben — nach dem ewig wahren Nietzsche-Wort: ubi Pater sum, ibi patria. Begreifen wir doch, als Juden besonders, diese allem Fortschritt, aller Kultur feindliche Strömung dieser Zeit! Nennen wir das Schwarze schwarz, in der Hoffnung, daß, dem alten Volksglauben . zufolge, der Alb verschwindet, wenn er beim rechten Namen genannt wird! Ob wir unser geistiges Aittlitz behalten, als Menschen und als Juden, als Einzelne und als Gruppe, oder ob der ötatisme, der Moloch Staat, uits in öde Gleichförmigkeit versinken läßt; ob wir abgeschlossen werden gegen alles, was nicht auf dem eigenen Mist des Staates gewachsen ist und von ihm für gut und förderlich geachtet wird, ob wir geisttge Schutzzölltter oder Fr ei hält dl er in Sachen des Geistes, unseres Geistes, seilt werdelt: das ist die Frage! Nationalismus, Vaterlandsgefühle, Kulturkampf, Gleichmacherei auf der einen Seite — Festhalten an der eigenen Art, Heimatliebe, kulturelle Freiheit, Anerkennung des Persöttlicheit auf der anderen Seite: Es geht hier um vielleicht letzte Entscheidungen, um mein nnb dein Recht, das Bild dieser Welt mitzubestimmen. Betrachtung bei einer Wanderung. Eilt f(einer Muttertag verführt mich, eine Herne Wanderung zu machen. Mein Weg'führt mich durch den Wald mit den kahlen, hohen Bäumen. Hier nnb da blitzen die Soitnenstrahlen durch, uitd ltach der arbeitsreichen Woche ist eine solche Wanderung eilt Genuß uitd für die Nerven eilte Erholung. Bald ist der Haneberg, eilt Ausläufer des Taunus, erreicht ultd hält malt hier etwas Ausschau, so sieht man links die roten Dächer vom Ort Oberweisel. Einst eilte jüdische Gemeiltde mit Synagoge, die in einem Hause eingebaut war. Ties Hans wird heute noch von der einzigen dort noch ansässigen Familie bewohltt. Alle anderen Familien sind meistens itach Amerika ausgewandert Auf einen' Anhöhe liegt still und einsam der Friedhof und hier werden die Toten der Umgegend (das sog. Amt) bestattet. Etwas weiter liegt Fauerbach, auch hier eiitst eine jüdische Gemeinde mit Synagoge. Letztere ist jetzt das Wohnhaus eines Bauern, nnb die Mitglieder der ltoch hier wohnenden Familie besuchen die Syltagoge in Niederweisel, ebenso auch eine in Ostheim wohnende Familie. Niederweisel, früher eine jüdische Gemeinde mit bald dreißig Familien, ist durch Wegzug vieler auf zehit Famliew zusammengeschmolzen. Trotzdem hält diese Gemeinde noch ihren eigenen Lehrer. Der Weg schlängelt sich weiter und wir verlassen das hessische Gebiet und kommen nach bem preußischen Ort Espa. Auch hier lvohnten vor etwa 00 Jahren ltoch eilte Anzahl Juden. Eine Familie, die Landwirtschaft treibt, hat hier noch ihren Wohnsitz. Der Mann ist trotz der Abgeschlossenheit eilt guter Jude geblieben uitd dabei eilt tüchtiger Landwirt. Wenit man diesen Mann mit seiltem schmucken Gespann im Felde sieht, freut inan sich. früheren Jahren war er mit anderen Einwohnern beim Holzfällen im Walde beschäftigt, und mehr wie einmal hörte man seilte Arbeitskollegen sagen: „Das ist unser bester Arbeiter." Mit seinem Sohn macht er öfters den beschwerlichen Weg nach dem Orte Pohlgöns, um dort aut Gottesdienste teilzunehmen. Von deut schölten Gebirgsörtchen Espa wandern wir den Waldweg weiter nach Kleeberg, einem wirklich idyllisch gelegenen Ort litit einer alten, hohen Burg, deren Mauern halb verfallen sind. Wäre dieser Ort in der Nähe einer Großstadt, so wäre er jedenfalls feiner schönen Lage und der Burg wegen das Ziel vieler Naturfreunde. 6

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