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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-04-01 · 4 (4.1930) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
4 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Die Neuordnung des hebräischen Unterrichts in der israelitischen Gemeinde Offenbach a. M. Von Lehrer Jakob Strauß in Offenbach a. M. Wir stehen vor der Schwelle eines neuen Schuljahres. Gewissenhafte Lehrer und Erzieher ziehen das Fazit des nunmehr abgeschlossenen Schulabschnittes, wägen und werten die hieraus sich ergebenden Lehren und Erfahrungen und formen sie zu neuen Forderungen, die in dem rinn beginnenden Schuljahre zur Anwen- - düng und Auswirkung kommen sollen. Dem jüdischen Lehrer und Erzieher werden aber — neben den allgemeinen Unterrichtsdisziplinen — die Gestaltung des Religions- und hebräischen Unterrichts ganz besonders beschäftigen. Da wird wohl manchem ein Bericht willkommen sein, der die neuen Wege ausweist, die unsere Gemeinde in der Neuordnung des h e h r ä i s ch e n Unterrichts eingeschlagen hat. Zunächst seien jedoch noch einmal der Schwierigkeiten gedacht — außer Betracht bleiben die, welche sich aus der Einstellung des Elternhauses zu dem besagten Unterricht ergeben, die hier — und jedenfalls auch anderwärts — dem hebräischen Unterricht entgegenslanden. Sämtliche Knaben und Mädchen der Volks- und höheren Schulen vom 6. bis zum 14. Lebensjahre, die am hebräischen Unterrichte teilnahmen, wurden abteilungsweise am Mittwoch- und ^-amstagnachmittag von zwei Lehrkräften, die Schüler, die das 14. Lebensjahr überschritten hatten, in einer Sonderklasse von Herrn Rabbiner Dr. Dienemann unterrichtet. Aus schultechnischen Gründen war eine andere Gruppierung und Unterrichtszeit — soweit ein Nachmittag in Frage kam — nicht möglich. In der Unterrichtszeit lag aber die Hauptschwierigkeit, da ja die nichtstidischen Kinder an diesen Nachmittagen schnlfre: haben, eine Tatsache, die die Lernfreudigkeit gerade nicht erhöhte, was ja psychologisch ohne weiteres begreiflich ist. Gar nicht zu reden von den vielen Abhaltungen, die an so einem schulfreien Nachmittag an Ruth, Hans, Walter üsw. durch Teilnahme an Geburtstagsurid anderen Feiern, durch Ausübung des Turn- und Schwimmsportes, durch Musikstunden usw. herantreten. So konnte der Erfolg des hebräischen Unterrichts trotz der ausgewandten Zeit und Mühe durchaus nicht befriedigen. Lehrer und Eltern suchten einen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten, und diesem Zwecke galt auch der vom Rabbinat und Vorstand unserer Gemeinde am 22. Oktober v. I. veranstaltete Elternabend. Gleich von vornherein sei gesagt, daß diese Veranstaltung ein voller Erfolg war. Nachdem einleitend Herr Rabbiner Dr. Dienemann in einem kurzen Referat „Der Religionsunterricht unserer Gemeinde" die inneren und äußeren Schwierigkeiten dieses Unterrichts herausgestellt und sowohl er, als auch der Vorsitzende, Herr Justizrat 'Dr. Goldschmidt, durch Betonung der Wichtigkeit des hebräischen Unterrichts der weiteren Behandlung der Frage einen starken Impuls gegeben hatten, entwickelte sich rasch eine sehr rege Aussprache, an der sich hauptsächlich die Frauen in kurzen, klaren und treffenden Ausführungen beteiligten. Unwillkürlich drängte sich das Midraschwort aus die Lippen: „Durch das Verdienst der grauen wurden unsere Voreltern aus Aegypten erlöst". Und die Mutter eines unserer Schüler war es, die schließlich den unter den gegebenen Verhältnissen bestmöglichen Lösungsversuch vorschlug, der auch die einmütige Zustimmung der stattlichen Versammlung fand. Dank dem Entgegenkommen der städtischen Schulbehörde und dank der Unterstützung des Vorstandes unserer Gemeinde, der in großzügiger Weise allen der geistigen und sittlich-religiösen Förderung der Jugend dienenden Bestrebungen und Einrichtungen seine Fürsorge angedeihen läßt, konnte alsbald unter tätiger Mitarbeit des Rabbinats mit der Ausführung des vorgeschlagenen Versuches begonnen werden, der aber nur für die vier ersten Grundschuljahre Anwendung finden konnte. Die jüdischen Schüler dieser Jahrgänge werden in einem zentral gelegenen Schulgebäude Mittwochs und Samstags von 11—12 Uhr im Religionsunterricht — selbstverständlich abteilungsweise — vereinigt, und im Anschluß daran wird von 12—13 Uhr für das 2., 3. und 4. Grundschuljahr in den gleichen Räumen der hebräische Unterricht erteilt. Damit die zur Verfügung stehende Zeit voll ausgcnutzt werden kann, wird jedes Grundjahr für sich gesondert — drei Lehrkräfte stehen hierfür zur Verfügung — unterrichtet. Durch diese neue Regelung werden die Schüler der Grundschule für den hebräischen Unterricht fast restlos ersaßt, der genius loci macht sich m heilsamer Weise geltend, und die oben gekennzeichneten äußeren Schwierigkeiten sind geschwunden. Die Kinder der oberen Jahrgänge sind noch aus den Mittwoch- und Samstagnachmittag angewiesen; vielleicht findet sich aber auch da noch eine Lösung. Auch der methodischen Ausgestaltung des hebräischen Unterrichts wandte das Lehrerkollegium seine Aufmerksamkeit zu und beschritt neue Bahnen. Wir benützen die Werke von Mandelbaum, Hamburg, Abraham, Berlin, Rosenselder, Ladenburg, die die moderne Methode des Deutschunterrichts auch für den hebräischen Unterricht fruchtbar zu machen versuchten. Wir wollen den Schülern der ersten Grundschuljahre einen lebensnahen, der Umwelt des Kindes oder dem biblischen und Religionsunterricht entnommenen Stofs darbieten, der sich ihm seelisch verknüpft. Auch die übrigen Hilfsmittel: Weiße Kreide und bunte Kreide lzur Hervorhebung der Vorsilben und Endungen), Lesetaseln, Eschelbachers Lesemaschine, Abrahams grammatikalische Wandtafeln usw. kommen zu ihrem Recht. Wir hoffen zuversichtlich, daß nunmehr bessere Erfolge erzielt werden. Allerdings — Wunder können auch wir nicht vollbringen. Wir sind aus die verständnisvolle Mitarbeit des Elternhauses angewiesen. Sind wir dieser Mitarbeit gewiß, dann werden wir's schassen. An uns Lehrern soll's nicht fehlen. (Zu dem vorstehenden Artikel ist zu bemerken, daß der früher übliche kombinierte jüdische Religionsuntericht an schulfreien Nachmittagen in verschiedenen Mittel- und Großgemeinden Hessens schon seit Jahren abgeschasst und durch einen alle Kinder, während der Stunden, in welchen alle Konfessionen innerhalb des Stundenplanes Religionsunterricht genießen, erfassenden Religionsunterricht ersetzt ist. Mit dieser Neuregelung, zu deren Bewältigung natürlich die entsprechende Zahl von Lehrkräften erforderlich ist, hat man in Mainz die besten Erfahrungen gemacht. Die Schristleitung.) Nationalismus — Patriotismus. Von Ernst Holzer. Dem Menschen, der dem Leben des Alltags dienstbar ist, fehlt meistens die Distanz, um den letzten Wert und den letzten Unwert mancher Erscheinungen und Strömungen der Zeit zu erfassen. Und je mehr diese Erscheinungen und Strömungen Besitz von der Zeit und ihrem Leben genommen haben, je fester sie ihre Führer und ihre Massen in ihre Bande geschlagen haben; um so schwerer ist es, sie wirklich wahrzunehmen. Wahrnehmen hier in dem von Buber einmal gebrauchten Sinn verstanden als: wahr zu nehmen, d. h. das Wahre an ihnen zu vernehmen und zu erkennen. Wenn man diejenige umfassende Strömung benennen will, die heute Gehalt und Gestalt aller Staatswesen der Welt bestimmt, die, mehr als dies, das geistige Gesicht aller Menschen dieser Epoche zeichnet, so wird man jenen Begrisskomplex nennen müssen, der um die Worte Nationalismus und Patriotismus schwingt. Der verstorbene Darmstädter Gelehrte Julius Goldstein hat in seinem Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen Werk von Carlton I. H. H a y e s „Nationalismus" lTer Neue Geist- Verlag, Leipzigs daraus hingewiesen, daß bis heute eine systematische Arbeit über den Nationalismus fehlte. Und der amerikanische Professor Hayes selbst nennt die amerikanische Originalausgabe seines Buches: Essays os Nationalismus. Auch der Verfasser des zweiten Werkes, aus das wir verweisen, der italienische Professor Robert Michels gibt seinem Buch „Der Patriotismus" (Verlag Duncker und Humblot, Münchens den Untertitel: Pro lego mens, damit und in seinem Vorwort noch einmal besonders, ausdrückend, daß es sich hier um die Niederlegung einiger Vor- und Teilsragen dieses Gebietes handelt, das heute wohl überhaupt kaum völlig ausgeschöpst werden kann. Denn in der Tat: wenn man dieses ganze politische und ökonomische Leben, die geistigen und kulturellen, ja selbst die religiösen Strömungen betrachtet, die, im Ganzen genommen, den Ablauf des Weltgeschehens, das Bild dieser Welt ausmachen: wo nicht hat Nationalismus in entscheidender Weise seine Hand im Spiel? Wo nicht reizt er in erregten Momenten die Menschen zu Taten, die sie ohne ihn nie vollbracht hätten? Wo nicht be- Deutscher Herold Die Sterbekasse für Allel Aufnahme bis zum 80. Lebensjahr. 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