Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Heften Not in ihrer ganzen Erhabenheit uiid Emzigartigkeit demonstriere. Ein tiefer Hauch von schmerzlicher Ergriffenheit geht durch die Versammlung, als der Redner des „Kötel Maarawi" als der klassischen Stätte jüdischer Sabbathheiligung in sichtlicher Erschütterung gedenkt. Stehend trage der Jude am Sabbath den Kiddusch vor, um damit Zeugnis abzulegen für Gott als den Schöpfer der Welt und den Spender der Sabbathidee, die berufen sei, der Menschheit den Weltensabbath der Geulah zu bringen. Aus den Kreisen der jüdischen Kaufmannschaft nimmt Herr Heimann,^ Offenberg, das Wort, um in eindringlichen Worten nachzuweisen, wie groß die Segnungen des Sabbath sich jederzeit ausgewirkt haben, insbesondere für den jüdischen Mittelstand. Dr. Falk Schlesinger äußert sich zum Thema ..Der Sabbath und der jüdische Akademiker". Er weist dem Weltverband Schomre Schabbos die Ausgabe zu, den vielfach durch ihr Berufsleben isolierten jüdischen Akademikern einen geistigen Rückhalt zu geben, sichert aber auch dem Verbände die eifrige Mitarbeit der sabbathtreuen Akademiker in Fragen der wissenschaftlichen und organisatorischen Fundierung der 'Idee des Sabbathschutzes zu. Handlungsgehilfe Leibowitz referiert über die Stellung des Arbeitnehmers, insbesondere aus den Kreisen der sabbathtreuen Jugend, zu den durch die Wirtschastsnot der Gegenwart entstandenen besonderen Sabbathproblemen. Neben die Schutzaktion für den Sabbath soll eine Offensive der Sabbathidee zur Verbreiterung der moralischen und faktischen Arbeitsbasis des Verbandes treten. Als letzter Redner begrüßt Ministerialrat Hans Goslar den überparteilichen Eharakter der Kundgebung, die, gleich der großen Friedenskundgebung vor wenigen Wochen die jüdische Gesamtverantwortlichkeit herauszuarbeiten sich bestrebt habe. Beide Ideen, die des Friedens, wie die des Sabbaths, seien aber auch als die klassischen Beiträge des Judentums zur Menschheitskultur am ehesten dazu geeignet, Einigungssaktoren in der Zersplitterung der heutigen Welt darzustellen. Der Sabbath sei der ewig lebendige Protest gegen die Arbeit als Selbstzweck, vielmehr sei er Zweck und Ziel jeder Arbeit. Goslar stellt die vom Weltverband in Angriff genommene systematische Sozialpolitik dar, die vor allem Berufsberatung, Konjunkturforschung, Information der Behörden und dgl. mehr zu umfassen habe und schließt mit dem Schicksaltzwort an das Judentum aus erhabenem Prophetenmunde: „Mi jelech lanu?" Möge sich aus der Arbeit für den Sabbathschutz die Gottesgarde derer herausschälen, die diese Schicksalsfrage beantworten dürfen: „Mich sende!" Tie Versammlung nahm zum Schluß eine Resolution an, die sich an den Völkerbund wendet. (Aus der Sabbath-Korrespondeuz, Nachrichtenblatt, herausgegeben vom Weltverband Schomre Schabbos, Zentralbüro) Vücherschau. Lunet, Armand: Niccolo-Peccavi oder WcUgeschichre in Carpentras. Ein tragikomischer Romaii. Aus dem Französischen von Lina Freuder. In Ganzleinen RM. 6. Welt-Verlag, Berlin, 1929. Das Buch spielt in dem provencalischcn Städtchen Carpentras zur Drehfußzeit. Held ist der Nachkomme eines zum Katholizismus übergetretenen Juden. Trotzdem Niccolo-Peccavi seine Vorfahren für gute Christen hält, erwacht in ihm die Stimme des jüdischen Blutes. Der immer stärkere Antisemitismus, in den er sich hineinsteigert, um sich selbst zu beweisen, daß er mit dem verachteten Stamme nichts zu tun hat, kann sein innerstes Gefühl nicht vernichten. Und als er durch Dokumeiite seine Abkunft erfahrt, setzt er zwar alles daran, in der Gesellschaft die alte geachtete Stellung beizubehalten, nimmt aber nn Geheimen teil an dem, was die jüdische Gemeinde betrifft, und das ist zu der Zeit gerade der Dreyfußprozeß. Ein solches Doppelleben ist unmöglich, und Niccolo-Peccavi, fremd und nicht dazu gehörig in beiden Religionen, verliert den Verstand. Das ausgezeichnet übersetzte Buch gibt ein lebendiges Bild von dem Provinzleben des Schauplatzes und die geschilderten Menschen werden dem. Leser bald wie gute Bekannte, so lebenswahr sind sie dargestellt. H. L. Opatoschu: „Ter Aufstand". (Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz.) Weltverlag, Berlin. 1929. 192 Seiten. In Ganzleinen RM. 5.—. Dies ist der zweite Band des Romans „Ter Waldjude" und als in sich abgeschlossenes Werk auch ohne die Kenntnis des ersten Teiles zu verstehen. Das Buch schildert die revolutionären Kreise des Paris um 1860, die an der Vorbereitung eines Aufstandes arbeiten, der Polen voii Rußland befreien und zu einer Republik machen soll. Angehörige aller europäischen Nationen sehen dies Ziel vor Augen, und besonders eifrige Mitarbeit wird geleistet von den Juden. Sie sind in allen Richtungen der unter sich in Parteien zerfallenden Verschwörer zu finden. Sie erwarten die Gleichberechtigung der Juden in dem neu zu gründenden Staat. Es fehlt 8 aber ein großer Führer, der die feindlichen Parteien unter einer überragenden Idee vereinigen könnte, dessen Aufgabe es wäre, die innere Zersplitterung zu verhüten. Es fehlt ein praktischer Organisator, der mit den gegebenen Möglichkeiten rechnete und seine Pläne iiicht aus Wunschbildern ausbaute. So ist der Aufstand wirkungslos, und es wird gezeigt, wie seiii Scheitern auch den Trägern der revolutionären Idee beit Untergang bringt. Das Buch enthält Fragen, an deren Lösung auch jetzt noch gearbeitet wird. H. L. Inder, Wera. Der Platz an der Sonne. Romaii. Aus dem russischen Manuskript von Elena Frank. Berlin I960. Malik-Verlag. Nachkriegszeit in Sowjet-Rußland. Aller Besitz — Staatseigentum. Die Hausfrau führt den inspizierenden Matrosen durch die verlassenen Ziminer, durch den Salon mit den eisbedeckten Fensterscheiben und dem erstarrten Flügel, worunter ein Häufchen Kartoffeln liegt! Der Bücherschrank im Herrcnzirnmer stand offen, auf Shakespeares Platz klaffte eine unblutige, aber tödliche^Wunoe. Der Matrose von „Almas" begriff sofort, was los war. „Sie verfeuern Bücher", sagte er, „Bücher verbrennen Sie. Sie plündern das Volksgut. Welchen Dichter haben Sie denn verbrannt?" „Shakespeare", sagte ich. „William. Hat im sechzehnten Jahrhundert gelebt." „Kenn ich nicht". Er neigte den Kopf zur Seite und las die Aufschriften der Bücherrücken. „Alexander Puschkin — nicht verbrennen. Michael Lermontow — auch nicht verbrennen. Nikolai Gogol — auch nicht. Verstanden?" fragte er und kehrte mir seinen breiten Tuchrücken zu. „Verstanden", erwiderte ich. Die überlegene Gelassenheit dieses „Verstanden" wird iroch vielmals aus die Probe gestellt, lind sie bewährt sich. Sie Hilst durch Situationen, deren Möglichkeit man nie hat ahlien köniien. Es ist Tapferkeit in diesem Buch, ein spröde und gleichzeitig geschmeidige Tapferkeit, ein tief wurzelnder Wille, sich nicht zermahlen zu lassen, neben viel Grazie und Kultur. Weißmnnn. Juden in der deutschen Politik. Von Rudolf Schah. Weltverlag Berlin, 1929. In einer Zeit, in der das böse Wort voii der Fremdstämmigkeit der deutschen Juden in Umlauf gesetzt worden ist, demzufolge inaii ihnen die Fähigkeit absprechcii will, deutsch zu fühlen, für deutsche Belange zu wirken, ist das Erscheinen eines solchen Buches besonders begrüßenswert. Denn die in dernsclben enthaltenen fünfzehn knappen aber prägnanten Schilderungen aus dem deutschen Judentum hervorgegangener politischer Eharakterköpse beweisen schlagend die Unwahrheit solcher Behauptungen. Kaum hatte die Emanzipation ihnen das Recht dazu verliehen, da kämpften Juden unter Einsetzung ihrer bürgerlichen Existenz, ihrer Freiheit, ihres Lebens mit an der Verwirklichung des jahrhundertealten deutschen Traumes von deutscher Einheit und Freiheit. Eduard Simson war Präsident des Frankfurter Parlamentes; Johann Jacoby, Gabriel Rießer gehörten zu dessen Proniinenten. Heiße Vaterlands- und Freiheitsliebe treiben Eduard Lasker und Ludwig Bamberger in die Kämpfe der 1848er Revolution, und lassen sie riach Mißlingen dieser Lösung des deutschen Problems ihre reichen, geistigen und seelischen Kräfte dem Aufbau des Bismarckschen Reiches zur Verfügung stellen. Im Chaos nach dem furchtbaren Ringen des Weltkrieges schafft Hugo Preuß mit seinem vorbildlichen Versassungsentwurf für die deutsche Republik die erste Grundlage für den Wiederaufbau des deutschen Reiches; Rathenau Adam Kadel, Darmstadt Pallaswiesenstrasse 45/47 Fernruf 3063 Baumaterialien Wand-u.Bodenplattenbeläge