Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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toeift den Weg, auf dem das" neue Deutschland nach seiner tiefsten Erniedrigung sich im Rate der Völker wieder Geltung zu verschaffen im Begriffe steht. Theodor Wolfs und Georg Bernhard wirken als Journalisten weckend und aufklärend in gleicher Richtung. Daß Juden, selbst stets die Unterdrücktesten der Unterdrückten, sich der Notleidenden und Schwachen annehmen, ist selbstverständlich. Karl Marx und Ferdinand Lasalle sind die Wegbereiter der Bewegung, welche den Industriearbeiter wieder zum Menschen erheben will. Moses Hetz, Rosa Luxemburg, Eduard Bernstein, Ludwig Frank, Kurt Eisner u. a. führen dieses Werk der Menschenliebe weiter. Kann man auch Mancher Mittel und Endziele nicht billigen, eines mutz man allen zubilligen: Sie alle beseelt selbstlose Vaterlands- und Menschenliebe. Das Buch ist flott, flüssig und warmherzig geschrieben und verdient allerweiteste Verbreitung. Maximilian Hertz. Chone, Dr. Rabbiner: „Nachmanides". Verlag J.Bulka, Nürnberg, 1930. 120 Seiten. Preis RM. 4.—. Kulturzeitläufe pflegen mit Geistigkeit verbunden zu sein. Primitive, im Naturzustand lebende Menschen beanspruchen, aus körperliche Mittel pochend, Stellung und Macht; Kulturmenschen suchen in geistiger Diskussion Anerkennung und Recht. Kulturgebiet war das Spanien des 13. Jahrhunderts unter christlicher Herrschaft, wie es auch vorher unter dem Halbmond eine bewundernswerte Kulturhöhe erreicht hatte. In diese Zeit hineingestellt war der im Jahre 1194 in Gerona geborene Jude Rabbi Mose ben Nachmann, in graetzisierter Form „Nachmanides", im jüdischen Schrifttum nach den Anfangsbuchstaben seiner Namensteile „RaMBaN" genannt. Er war der gelehrte Wortführer auf jüdischer Seite in jener Glaubensdisputation, die im Juli 1263 in Barcelona vor einem glanzvollen Kreis von weltlichen und geistlichen Fürsten, vor Gelehrten und einer schaulustigen Volksmasse, in Gegenwart des Königs Jakob von Aragonien und seines Hofstaates geführt wurde. Fünf Tage tobte dieser geistige Kampf zwischen Christen und Juden über die drei Fagen, ob der Messias schon gekommen sei, ob der Messias ein Mensch Geborener oder ein Gott sei, ob der jüdische oder der christliche Glaube der Wechte sei. Nachmanides bestand in diesem Zweikampf so tapfer und erfolgreich, daß er, bei dem Disput schon fast 70jährig, einige Jahre später nach Palästina auswandern mutzte, um sich vor Bedrückung und Verfolgung zu schützen. Zum Wortführer und zum Mittler war Nachmanides aber auch in einem innerjüdischen geistigen Kampf berufen: Da war um die religionsgcsetzlichen und philosophischen Ausführungen des Maimonides ein heftiger Kampf im französischen und spanischen Judentum ausgebrochen. Vor Aechtung der Gegner und vor Verbrennung der ingriminierten Werke schreckte man nicht zurück, der geistige Kampf war leidenschaftlich geworden, das Problem der Autorität und der freien Forschung ängstigte die verantwortungsbewußten Führer der Judenheit. Der gelehrte, erfahrene, repräsentative und organisatorische Nachmanides suchte Ausgleich und Lösung der Schwierigkeiten. Wie er sprach und wie er schrieb, wie er dachte und wie er träumte — denn Nachmanides war der typische Wort- und Zahlenmystiker — all dies zeigt Chone in seinem genannten Werke, in dieser ersten umfassenden Monographie des Nachmanides. Land und Leute, Leben und Geschichte des spanischen 13. Jahrhunderts werden als Hintergrund gezeichnet und Nachmanides mit seinem Kreis tritt plastisch daraus heröor. Seine geistige Eigenart, seine Leistung, seine Tätigkeit als Kommentator der heiligen Schrift werden durch Dokumente und Zitate treffend Umrissen. Chone verzichtet mit Absicht darauf, wissenschaftliches Beiwerk anzuführen; was er von der Tendenz des Nachmanides sagt: „Aber aus diesem Wunsche nach Popularität hat er nicht etwa der Menge unerlaubte Zugeständnisse gemacht", hat er in seinem eigenen Werk befolgt; seine Absicht, aus dem Rahmen der Zeit den jüdischen Menschen des 13. Jahrhunderts hervortreten zu lassen, ist ihm in dieser nach jahrelangen, Studium abgeschlossenen Arbeit in Erfüllung gegangen. Dr. L. Iwanow, Wsewolod. Der Buchstabe ,,G". Ausgewählte Erzählungen. Deutsch von Erwin Honig. Berlin, 1930. Malik-Verlag. In Iwanow, der 1895 oder 1896 in einem sibirischen Kosakendorf geboren ist, kreuzen sich von Vater und Mutter her vier verschiedene Rassen und geben seinem Wesen und seiner Kunst das vielfarbige Gepräge. Knapp, mit außerordentlicher Genauigkeit' formt er Bilder nach, die seinem Auge sich bieten, umreitzt er Situationen und formuliert er Erkenntnisse. Aber das Wesentliche ist nicht die Prägnanz allein, wesentlich ist die Verbindung von Prägnanz und Wärme, wie sie sich z. B. so überaus stark zeigt in der Titelnovelle, Der Buchstabe „G". Da ist die Diebe von einem alten Setzer. Seine Augen sind schon so schlecht, daß er alles verkehrt macht. Aber er weiß es nicht; .denn sobald er weggegangen ist, bringen die Kollegen seine Arbeit immer wieder in Ordnung. Bis ein junger roher Bursche, der eben rn die Druckerei eingetreten ist, ihn zur Erkenntnis seiner Unbrauchbarkeit zwingt und so sein Leben zerstört. Ueber einen Buchstaben kommt er zu Fall, über den Buchstaben „G". Wcisrmann. „Statistisches Handbuch für den Loltsstaat Hessen", herausgegeben von dem Hessischen Landesstatistischen Amt, Vierte Ausgabe, Verlag Hessischer Staatsverlag Darmstadt, 1929, 148 Seiten und Tafeln. Dieses inhaltreiche statistische Handbuch gibt Aufschlüsse über die Größe des Staatsgebietes, seiner Bevölkerung, deren Gesundheits- und Berufsverhältnisse, das wirtschaftliche Leben usw. Angaben über das Religionsbekenntnis sind in folgenden Kapiteln enthalten: Selbstmorde, Kremationen, Aeußerungen des kirchlichen Lebens, Volksschulen, Privatschulen, Höhere Lehranstalten, Studierende. Es wäre zu begrüßen, wenn eine künftige Ausgabe auch die Fruchtbarkeitsziffer der einzelnen Konfessionen enthielte. F. Jüdisches Forum. Monatsschrift für das gesamte jüdische Leben Redaktion und Verlag: Rabbiner I. Nobel, Berlin NW 21, Turmstratze 30a. Abonnementspreis : Jährlich 10 NM., halbjährlich 6 RM., Einzelhest 1.20 RM, In Berlin erscheint seit Anfang des Jahres eine neue jüdische Monatsschrift. Sie führt den Namen „Jüdisches Forum". Ueber ihre Aufgabe und ihren Zweck sagt der Herausgeber, Rabbiner Israel Nobel, dem eine Reihe bewährter Mitarbeiter zur Verfügung stehen, in dem Geleitwort: „Mit der Eröffnung der Monatsschrift nehme ich eine liebe Gewohnheit wieder auf, in einem periodischen Organ bestimmten geistigen Interessen des Judentums zu dienen. Auch die zwei Jahrgänge meiner homiletischen Zeitschrift hatten sich schon zu einem Forum erweitert, auf welchem nicht nur die Homiletik, sondern auch die Religionsphilosophie, Exegese, Talmudistik und Pädagogik zu Worte kamen. Es sollte aber vor allem dem Rabbiner- und Lehrerstande Gelegenheit geboten werden, ihre eigene Sache in eigener Sprache und im eigenen Organ zu vertreten, nicht bloß rn Anhängseln von Organen, die in der Hauptsache anderen Zwecken dienen. Ich verfolge mit der Zeitschrift auch den ausgesprochenen-Zweck, die vielen wertvollen Abhandlungen und Referate, die in den Vereinigungen gehalten werden und oft ein Eintagsdasein führen, dem Leben und der Wissenschaft in würdiger Form zu erhalten. — Durch verschiedene Vereinbarungen habe ich namhafte rabbinische und pädagogische Verbände bewogen, die Zeitschrift als Mitteilungsorgan zu benutzen. lieber den Kreis der Fach- und Standeswelt hinaus soll das Organ dem gesamten jüdischen Leben dienen. Die großen kulturellen und volklichen Strömungen, die Ereignisse innerhalb des deutschen und außerdeutschen Judentums, der Aufbau Palästinas nach seiner ökonomischen und kulturellen Seite hin sollen liebevolles Interesse und berufene Darstellurig finden. Dem jüdischen Gelehrten und Schriftsteller soll ein Weg gefunden werden, um seine Schriften in unserer entmutigten und zermürbten Zeit unter den geringsten Opfern (bei größeren Werken in Fortsetzungen) veröffentlichen zu können." In Mainz wieder ein alter jüd. Grabstein gesunden. Dieser Tage wurde uns gemeldet, daß auf dem Jckrath'schen Gartengeläiide, welches dem Denkmalfriedhof der israelitischen Religionsgemeinde Mainz benachbart und auf dem Gebiete des ältesten Mainzer Judenfriedhofs gelegen ist, wieder ein jüdischer Grabstein mit hebräischer Beschriftung gefunden worden sei. Die alsbald vorgenommene Untersuchung des Steines, der bedauerlicherweise in zwei Teile durchgebrochen ist, die aber als zusammengehörig bezeichnet werden müssen, ergab folgenden Jnschriftfext: Grabmal zu Häupten der Frau Zerujah, Tochter des Mär Joel, KV NQ fii rv>m Der Jugendlichen und Geschätzten, rrnn2~ Die starb 928 mcöjr: der Zählung, ihre Ruhe sei lUirrOtt N im Eden-Garten (Paradiese). s) Der Stein datiert also aus dem Jahre 1168. Auffallend ist die bisher nicht nachgewiesene Feminin-Form des ersten Wortes Zijunoh, während die aus 2. Kön. 23, 17 und Ez. 39, 15 entnommene Maskulinform Zijun für Grabmal sich häufiger findet. Im Targum zu den genannten beiden Bibelstellen wird Zijun laperieru. Polster* Arbeiten übernimmt Karl Nathan MainZ Kurfürstenstr. 5‘/io Unterstützt das Jüdische Handwerk! 9