Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Befreiung israelitischer Mädchen von der Teilnahme am Kochunterricht der Mädchenfortbildungsschule. Ter hessische Minister für Kultus und Bildungsweseu teilt dem Hessischeil Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden, Darmstadt, unter K. M. II 6027 vom 6. Febr. d. I. folgendes mit: „Ihrem Antrag vom 30. Dezember 1029 entsprechend, habe ich durch allgemeine Verfügung an die Staats- und Kreisschulämter bestimmt, daß israelitische Schülerinnen, die aus religiösen Bedenken an dem Kochunterricht der Mädchensortbüdungsschule nicht teilnehmen wollen, von der Teiliiahme aii diesem Unterricht zu befreien sind. I. V.: gez. U r st a d t. gez. Wl." Der Finanzausschutz des Hess. Landtages. beschäftigte sich am 7. Februar 1930 mit einer Eingabe des Verbandes freireligiöser Gemeinden Deutschlands, in der um Anerkennung als öffentlich-rechtliche Körperschaft, sowie um Staatszuschüsse und Besteuerungsrecht petitioniert wurde. Die Eingabe wurde abgelehnt. Dazu zwang einerseits die Rechtslage, andererseits der Umstand, daß es sich nicht um einen Landesverband, sondern um einzelne örtliche Gemeinden dieser Weltanschauung handelt. Statistisches. Nachstehende Zahlen über die Bevölkerungsbewegung m Hessen beweisen den bedauerlichen, prozentualen Rückgang der Juden innerhalb der Gesamtbevölkerung in den letzten 100 Jahren. Üe Bevölkerung m Hessen: Davon im Jahre 1822 642 078 19 530 2 im Jahre 1849 818 275 28 061 im Jabre 1861 809 519 27 830 im Jahre 1910 1282051 24 063 im Jahre 1925 1347279 20 401 -- 1.5 ^uden. 04 Proz. Proz. Proz. Proz. Proz. 3,43 3,45 1,9 Vereine und Verbände. Vorbereitungen zur Einführung einer jüdischen Friedenssteucr. Am 6. Februar fand in Berlin unter dem Vorsitz von Oscar Wasser m a n n eine Beratung sämtlicher dem Friedensbund angeschlossenen Körperschaften statt, um die Mittel und Wege zur Organisation der Friedenssteuer aus breitester Basis zu erörtern. In der letzten Zeit sind dem Friedensbund auch die Großloge U. O. B B., der Allgemeine Rabbinerverband m Deutschland, sowie die Jüdische Mittelpartei und die Jüdische Volkspartei körperschaftlich beigetreten. Es wurde ins Auge gesagt, zunächst in Berlin, hieraus auch in anderen größeren Gemeinden eine nach Stadtteilen und Straßen geordnete Kartothek der jüdischen Bevölkerung anzulegen. Es sollen dann möglichst kleine Bezirksgruppen geschaffen werden, die durch die Mitglieder der Bezirkskomitees aus dem Wege persönlicher Besuche über die Bedeutung der Friedenssteuer aufgeklärt werden sollen. So soll eine wahrhaft allgemein-jüdische Einrichtung ins Leben gerufen werden. Im Laufe der letzten Monate hat die jüdische Friedensbewegung begonnen sich über ganz Deutschland auszubreiten. In einer erheblichen Anzahl von Gemeinden wurden von berufenen Persönlichkeiten ausklärende Vorträge gehalten. In den größten Zentren bilden sich Initiativkomitees zum Zweck der Errichtung von Ortsgruppen. Ucberall MÖBE ■ Einzelmöbel 1 Polstermöbel | Dekorationen Ganze Zimmer-Einrichtungen ■■ Feine Bauarbeiten Einrichtungen für Geschäftshäuser Laden-Einrchtungen HUGOGERSTER Kunstgewerbl. MÖBELFABRIK Werkstätten MAINZ am Südbahnhof Verkauf nur Ausstellungshaus Heiliggrabgasse 4 Irleilig- Johannisstrasse 12 grabgasse 4 und im Neubau Te1egrafen-Amt gibt sich auch Interesse für die Friedenssteuer als Mittel zur Mobilisierung der ganzen jüdischen Bevölkerung im Dienste der Friedcnsidee kund. Vom „Ort". Vor erneut .Kreis geladener Gäste, unter denen matt die prominentesten Vertreter aller Geistes- und Parteirtchtungen der jüdischen Gemeinde Münchens bemerkte, sprachen am 15. Januar im Hause des Herrn Rechtsanwalt Dr. Alfred Werner die Herren Rabbiner Dr. S. L e v i. Mainz, und der Generalsekretär der „Ort"-Gesellschaft, Abteilung Deutschland, Dr. Michael T r a u b , Berlin, über die Ziele und Tätigkeit des „Ort"-Berlwndes. Nachdem Herr Werner die Versammelten herzlich begrüßt, umriß Herr Rabbiner Dr. Levi, Mainz. m seinem Vortrage in eindringlichen Worten die Lage der osteuropäischen Judenheit, die er als „das Drama der 8 Millionen ' bezeichnete. Besonders ausführlich schilderte er die Sondersituation der jüdischen Bevölkerung Polens, die aus einer politischen uitd wirtschaftlichen Zwangsläufigkeit heraus, durch Staatsmonopole und Kartell-Verbände, Konzerne und kooperative Gesellschaften, aus ihren früheren Wirtschastspositionen verdrängt werden. Ern Umbau kann iiur durch Uebergatig zur produktiven Arbeit, deren Förderung der „Ort" sich zur Ausgabe gestellt hat, erfolgen. Mit einem warmen Appell an das Verantwortungsbewußtsein und die Hilfsbereitschaft der deutschen Judenheit schloß der Redner seine Ausführungen. Herr Dr. Traub entwarf ein eindrucksvolles Bild voti der Tätigkeit des „Ort"-Verbandes, der in Anpassung an die in den einzelnen Länderii zur Geltuiig kommenden Wirtschaststendenzen, die Uebersührung jüdischer entwurzelter Menschen zur produktiven Arbeit nach Kräften unterstützt. Hilfswerk für jüdische Studenten. Deutsche Lehranstalten sind von jeher von jüdischen Studierenden aus den östlichen Ländern Europas gern ausgesucht worden. Ties geschah wegen des hohen Standes der deutschen Wissenschaft nnd des auch schon in der Vorkriegszeit in Osteuropa herrschenden Antisemitismus. Der Hilssverein der Deutschen Juden, der es sich u. a. zum Ziel gesetzt hat, an der kulturellen Hebung der Juden im Osten mitzuarbeiten, hat sein besonderes Interesse den studierenden zugewandt, denen die Wege zu ihrer Fortbildung so gut wie verschlossen waren. Nach dem Kriege befanden sich in Deutschland mehrere tausend jüdische Studettten zum größten Teil in bitterer Not, die sich um so mehr steigerte, als die Möglichkeiten, von den Angehörigen unterstützt zu werden, infolge der politischen Wirren und wirtschaftlichen Zerrüttung in Osteuropa immer mehr schwanden. Die Lage vieler junger Menschen, die jahrelang unter den größten Entbehrungen gearbeitet hatten, war eine verzweifelte. Es galt zunächst, ihnen Hilfe zu bringen. Dr. Paul Nathan, einer der Mitbegründer und Führer des Hilssvereins, regte im Sommer 1924 beim Hilfsverein eine Hilfsaktion an und setzte sich mit größter Hingebung für die Durchführung derselben ein. Der Hilssverein übernahm die Leitung der Aktion; er interessierte die Jewish Colonization Association und das American Joint Distribution Committee für dieses kulturelle außerordentlich bedeutungsvolle Hilfswerk. Von diesen zwei Organisationen sind im Laufe der letzten Jahre dem Hilfsverein für das Studentenhilfswerk beträchtliche Summen zur Verfügung gestellt worden. Ferner sind von einzeltten jüdischen Gemeinden und Privatpersonen Beträge beigesteuert worden. Die dem Hilfsverein überwiesenen Gelder wurden dem Verband der Jüdischen Studentenvereine in Deutschland zugeführt, der den Hilfsverein von Semester zu Semester über die Höhe der jeweils erforderlichen Summen für Prüfungs¬ und Studtengebühren sowie für Stipendien informierte. Der Hilfsverein bewilligte dem Studentenverband aus eigenen Fonds nicht unbeträchtliche Mittel und unterstützte noch gesondert eine Anzahl von Hörern. Im Ganzen sind für diese Aktion von Mitte 1924 bis Ende 1929 rund 177 000 RM. vom Hilssverein aufgebracht und verausgabt worden. Mit diesen Summen konnte der Hilfsverein einer sehr großen Zahl von jüdischen Studenten den Abschluß ihres Studiums an deutschen Lehranstalten ermöglichen; rnsbesondere auch solchen jüdischen Akademikern, die infolge der numerus clausus-Bewegung in Ungarn, Polen und Rumänien deutsche Hochschulen auszusuchen genötigt waren. Die Aktion wird fortgesetzt. Im Ganzett wurden vom ^ommersemester 1924 bis zum Sommersemester 1929, 1471 Studenten unterstützt, an den Universitäten in Berlin, Breslau, Erlangen, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Göttingen, Halle. Jena, Kiel, Köln, Königsberg, Leipzig, Marburg, Würzburg, den Technischen Hochschulen iu Berlin, Braunschweig. Darmstadt, Hannover und den Technischen Anstalten in Altenburg, Arnstadt, Mänkenhausen, Hainichen, Köthen, Mittweida, Oldenburg, Strelitz, Wismar, Zwickau. 814 Studenten haben ihr Studium beendigt. Hiervon studierten Technische Wissenschaften 322, 6