Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-03-01 · 3 (3.1930) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
3 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9582242-9623187-9620671--0506-9620676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Tuuft trat die Sehnsucht nach der oberen Welt. Dadurch wurde nun der Glaube an das baldige unmittelbare Kommen des Messias ermöglicht, der nun nicht mehr wie in der Bibel „am Ende der Tage", sondern von „oben" kömmt.) So drangen die neuen Ideen in die jüdische Religion ein, wurden in ihr verarbeitet, so daß z. B. Propheten und Erzväter als Sterndeuter dargestellt wurden. Die Folge war der kosmische Mensch, d. h. es gibt zwar ein Schicksal aus der Konstellation der Gestirne, aber nur für den Nichtjuden. Israel steht oberhalb, jenseits der Sphären. Diese Idee war bestimmend für die ganze Mystik von Akiba bis Joseph Karo. Die Thora, das revolutionäre Prinzip, wird nun kosmisches Gesetz, die Geschichte des Judentums beginnt -lun nicht mehr am Berg Sinai oder in Aegypten, sondern mit der Schöpfung der Welt. Wenn nun dieses Buch, die Thora, die ganze Welt enthält, dann braucht man außer dein einen Gott auch nur dies eine Buch. Und so setzte sich in dem literaturfreudigen jüdischen Volk das asketische Prinzip durch, rein Buch mehr zu schreiben, außer Büchern über die Bibel. Selbst die Philosophen und Dichter des Mittelalters (Maimonides, Gabirol, Jehuda, Halevi) wählten noch die Form des Kommentars und der biblischen Sprache. Neben den Monotheismus trat der „Monobiblismus". Neben die Thora und die mündliche Lehre trat nun noch ein Drittes, das zum Halt des Judentums wurde, das war die neue Bedeutung des Gesetzes. Das Gesetz läßt zwei Auslegungen zu: eine ethische — es will das Individuum religiös gestalten — eine allgemeine — es will eine heilige Gemeinde schaffen. Jndividualfrömmigkeit: das Priestertum ist ausgeschaltet, das Gesetz wird dem einzelnen anvertraut, niemand steht zwischen ihm und Gott. Milieufrömmigkeik: hierher gehören alle Ritualgesetze, die uni das Judentum einen Kreis zogen innerhalb einer kosmopolitischen Welt. Das letzte, was das Judentuin gehalten hat, war die Loslösung der Schechina. Ursprünglich wohnte Gott im Tempel zu Jerusalem. Nach der Zerstörung wurde in dieser hellenistischen Epoche eine Frömmigkeit geschaffen, in der Gott nicht mehr an Irdisches gebunden ist. Wo die Thora ist, die Verwirklichung Gottes, da ist die Schechina, da wohnt Gott. »Mancherlei Gefahren brachte die neue Einstellung der hellenistischen Zeit mit sich. Die Milieufrömmigkeit, die Tradition, hat öfters die Jndividualfrömmigkeit überwuchert. — Das Buch schob sich zwischen den Menschen und das unmittelbare Erleben Gottes. Statt des Theozentrischen finden wir das „Thorazentrische". — Selbstzufriedenheit trat an die Stelle des Ringens um Gott aus dem Gefühl der Auserwähltheit. Aber diese Gefahren wurden immer wieder bekämpft und überwunden. Um diese Gedanken wurde in den armseligen Gassen des Ghetto gerungen, und um diese Gedanken von der Frömmigkeit der Seele, von der Heiligung des häuslichen Umkreises, von der Verwirklichung der Wohnung Gottes ist und wird immer wieder gerungen, von Geschlecht zu Geschlecht in den Gemeinden des Judentums. Nach spannungsvoller Stille dankten die ergriffenen Hörer. Es entspann sich noch eine kurze Diskussion über einige theologische und historische Fragen, wobei für den Laien die Frage des Historikers Herrn Prof. Lagueur besonders interessant war, wieso es komme, daß das Judentum in dieser hellenistischen Zeit trotz seiner geistigen Bedeutung so wenig propagandistisch gewirkt habe. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Baeck alle Fragen geklärt hatte, schloß der Dekan der Fakultät mit nochmaligem Danke den Vortrag. Referentin hatte Gelegenheit, einige Herren der Fakultät zu sprechen, und hörte immer wieder, wie einstimmig die wissenschaftliche Bedeutung, das umfassende Wissen, die glänzende Formulierung des Redners anerkannt wurde, welch großen Eindruck aber außerdem die Ueberzeugungskraft, die Liebe zur Sache und die menschliche Persönlichkeit Herrn Dr. Baecks auf die Hörer ausgeübt hatte. Aber darüber hinaus wurde einem weiteren Kreise von eiiicr Arbeit an einem Institut berichtet, von dem im allgemeinen sehr wenig bekannt ist. Dr. M. Rothenberger. Heusenstamm (Kreis Offenbach). Am Sonntag, den 9. Februar 1930, hielt der Israelitische Männer, und Frauen-Verein seine diesjährige Jahresversammlung ab. Auf der Tagesordnung standen: 1. Rückblick auf das Jahr 1929; 2. Kassenbericht und Entlastung des Rechners; 3. Verschiedenes. Der Vorsitzende, Herr Eugen E h r m a n n , eröffncte die Versammlung, begrüßte die Anwesenden und gab einen kurzen Bericht über das verflossene Jahr 1929 und über die finanzielle Lage des Vereins. Alsdann wurden statutengemäß aus der Versammlung als Revisoren ernannt die Herren Emil Schön m a n n und Moritz Frankfurter. Die Belege wurden von diesen Herren geprüft und die Kasse für richtig befunden und dem Rechner, Herrn Moritz E ck m a n n , Entlastung erteilt. Die Kasse weist trotz der geringen Mitgliederzahl und trotz der niedrigen Beitrüge einen anerkennenswerten Bestano auf. Zu Punkt 3 wurde u. a. ein Antrag eingebracht, daß der Vorstand sich mit den Gemeindemitgliedern, die noch nicht dem Verein angehören oder inzwischen ihren Austritt erklärt haben, ins Benehmen setzen möge, um diese wieder für den Verein zu gewinnen. Außerdem wurde beschlossen, dieses Jahr eine Purimfeier zu veranstalten zu dem Zweck, das gesellige Leben in der jüdischen Gemeinde Heusenstamm zu heben. Mainz. Am 5. Februar d. I. trat die Bibliothekskommission der israelitischen Religionsgemeinde zusammen. An der Sitzung nahmen teil die Herren: Rabbiner Dr. Levi, Studicnrat Tr. Lorge, Justizrat Lichten, Maximilian Herz, Benno Levi, Gerichtsassessor Tchornicki. Entschuldigt fehlte Herr Hch. Löwensberg. Herr Rabbiner Dr. Levi eröffnet die Sitzung und begrüßt die Erschienenen im Namen des Gemeindevorstandes. Er kennzeichnet die Aufgabe der Kommission, die darin bestehen soll, die hauptsächlich auf der Salfeld'schen Bibliothek beruhende Gemeinde- Bibliothek weiter auszubauen und rm Zusammenhang mit ihr eine Jugend-Bücherei sowie eine Bücherei für Strafgefangene und eine weitere Bücherei für Kranke und Pfründner zu schaffen. Herr Dr. Lorge schildert die Entstehungsgeschichte der Bibliothek, die außer der Salfeld'schen Bibliothek als Grundstock der Gemeinde-Bibliothek noch die des Vereins für Jüdische Geschichte und Literatur enthalte. Weitere Bestände seien durch Ankauf erworben worden, so daß heute die Bibliothek etwa 2500 Bände umfasie, davon 500 ausschließliche Hebraica. Die Bibliothek sei noch recht lückenhaft, es fehlten vor allem Liturgik, Homiletik, Pädagogik und Methodik. Es müßten unbedingt Mittel zum systematischen Ausbau der Bibliothek zur Verfügung gestellt werden. Herr Tr. Lorge berichtet ferner, daß die Bibliothek schon ziemlich eifrig, in erster Linie von Mitgliedern des jüdischen Jugendvereins benutzt wird. Vor allem frequentieren die Jugendlichen die vor einiger Zeit eingerichtete Jugendbücherei. Tie Kommission beschließt, an den Gemeindevorstand den Antrag zu richten, die Bibliothek im Gemeindeetat mit einer Jahressumme von, 1000.— RM. auszustatten. Mainz. Die erste Sitzung der Zentralwohlsahrtsstelle tagte an: '6. Februar d. I. Der Vorsitzende begrüßte neben den Vorstandsmitgliedern der Zentralwohlfahrtsstelle, die auf Grund des Gemeindestatuts vom 28. Oktober 1929 berufenen beiden Damen, sowie die ständigen Mitarbeiterinnen der Zentralwohlsahrtsstelle. Nach eingehendem Bericht über den Umfang des seitherigen Wirksamkeitsgebietes und einem Ueberblick über die künftige Gestaltung des Wohlfahrtsetats, bat der Vorsitzende die Vertreterinnen des Frauenbundes, das Interesse für das gemeindliche Wohlfahrts- Wesen wachzuhalten und in weiteren Kreisen zu wecken. Mainz. In einer am 17. Februar d. I. stattgehabten Borstandssitzung wurden eine Anzahl laufender Angelegenheiten erledigt, der Erwerb angebotener Grundstücke abgelchnt, und im Rahmen des Voranschlags Anschaffungen für Bibliothek und Museum beschlossen. Seligenstadt. Bei der letzten Wahl zum Kreistag wurde Herr Rudolf K a tz zum Kreistagsabgeordneten gewählt und in der kürzlich stattgefundenen Sitzung dieser Körperschaft in den Kreisausschuß delegiert. Nachruf! Ende Januar starb in Mainz unser Kollege, Herr Abraham Oppenheimer, der unserem Verein seit seiner Gründung als Mitglied angehörte. Durch den Tod dieses ~ wackeren Mannes hat unser Verein einen schweren Verlust? erlitten. Sein freundliches, gefälliges Wesen erwarb ihm die | Zuneigung seiner Kollegen. Durch seinen vornehmen Eharak- \ ter und seine vorbildliche Gewissenhaftigkeit im Dienste war k er eine Zierde des jüdischen Lehrerstandes. Wir werden ihn: ein ehrendes Andenken bewahren. ß' Israel. Landeslehrerverein im VoltSstaate Hessen: Bitte an unsere Gemeindcmitgliedcr! Listen Sammlern keine Unterstützung geben! Den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde ist es unmöglich, die Unterstützungsbcdürftigkeit auswärtiger Hilfegesuche festzustellen. Da wir wiederholt festgestellt habeii, daß die geniachten Angaben nicht den Tatsachen entsprechen, bitten wir dringend, ohne unsere Zustimmung auf Listen hin nichts mehr zu zahlen. Bei Berechtigung nach Prüfung unsererseits wird Sammlern in allen Fällen Unterstützung geleistet. Helft uns durch reichliche Gaben, daß dies möglich ist! Ter Vorstand der Zentralwohlsahrtsstelle der Israelitischen Religionsgcmeinde Mainz. 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.