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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-03-01 · 3 (3.1930) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
3 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nachtrag. Zu dem in der letzten Nummer des „Mitteilungsblattes" erschienen Aufsatz: „Der alte jüdische Friedhof an der Nonneburg" ist noch nachzutragen: Von den Nachkommen der achtbaren Frau Gitche des Simon von der Nonneburg leben heute noch in Büdingen: Herr Metzgermeister Leopold Schiff und Frau Paula Map, in Lick: die Herren Gebrüder Goldschmidt. Lehrer Halberstadt, Büdingen. Aus unseren Verbandsgemeinden. Beerfelden i. O. Am 16. Februar d. I. geleitete man einen gebürtigen Beerfelder, Herrn Joseph Salomon, unter außergewöhnlich großem Gefolge zur letzten Ruhestätte. Vor 48 Jahren hatte er in Neckarsteinach seinen Hausstand begründet. Es gelang ihm, durch Fleiß, Tatkraft und Umsicht sich eine geachtete Stellung innerhalb der Bürgerschaft zu erwerben. Auch in dem Leben der israelitischen Gemeinde Neckarsteinach wirkte sich seine Tatkraft aus. Längere Zeit war er Erster Vorsteher und Jahrzehnte hindurch leitete er im Verein mit anderen Gemeindemitgliedern als gern gehörter Vorbeter den Gottesdienst. Er war eine frohe Sangesnatur. So war es natürlich, daß er bis zu feinem Ableben aktives Mitglied des dortigen Gesangvereins blieb. Wie in seiner Geburtsstadt, wurde er auch in seiner zweiten Heimat Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr. Die Hockschätzung und Liebe, die er sich erworben, kam bei verschiedenen Veranlassungen zum erhebenden Ausdruck, und trat ganz besonders bei seinem letzten Lebensgange hervor. — Vor dem Sterbehause trug der Gesangverein in ergreifender Weise das Lied „Stumm schläft der Sänger" vor. Im Anschluß an diese Worte entwarf Herr Rabbiner Lauer aus Mannheim ein getreues Bild des Werdens und des Sichgebens des Heimgegangenen. Dann fetzte sich der Trauerzug unter Trommelwirbel in Bewegung. Am Ausgang des Städtchens nahm der Hauptmann der Feuerwehr in bewegten Worten Abschied von dem toten Kameraden; dann trug der Gesangverein noch ein Abschiedslied vor. — In Hirschhorn, woselbst sich der israel. Friedhof der Gemeinde Neckarsteinach befindet, wurde dem Entschlafenen noch eine besondere Ehrung zuteil. Die Hauptleute der Feuerwehren aus der Provinz Starkenburg, die daselbst zu einer Tagung versammelt waren, nahmen auf der Straße Aufstellung und widmeten dem treuen Wehrmann einen letzten Abschiedsgrutz. Dann ging's aus steilem Wege hinauf zum stillen Waldfriedhofe. Dort ruht nun der Kämpfer, der Vorwärtsdränger — der Armen- und Menschenfreund. — Seinen Hinterbliebenen möge die seltene Anteilnahme reiche Befriedigung gewähren! Tarmstadt. Am 6. Februar sprach Frau Dr. med. Rothenberger aus Gießen bei außerordentlich großer Beteiligung int „Jüdischen Frauenbund" über „Die schöpferische Pause im Leben der Frau". Der Vortrag war so hervorragend, daß er eine besondere Erwähnung verdient. Inhalt, Aufbau, Logik verrieten ein tiefes, vielseitiges Wissen und Verständnis für alle Vorgänge des menschlichen Lebens, dabei waren Stil und Sprache formvollendet, so daß der große Kreis der Zuhörer von Anfang bis zum Ende stark gefesselt war und reichsten Beifall bezeugte. Durch diesen Vortrag hat Frau Rothenberger, die wir ja schon wiederholt in Darmstadt begrüßen durften, bewiesen, daß sie in die Reihe unserer prominentesten Rednerinnen gehört. St. Friedberg i. H. Eine wohlgelungene Chamischo-Ossor-Feier vereinigte unsere Schuljugend zu einem schönen Nachmittag im Cafe Häfner. Bei Schokolade und Gebäck und allen möglichen Obstarten vergingen die Stunden nur zu rasch. Ein Schallplattenkonzert trug zur Unterhaltung bei. Vorträge der Kinder und eine Ansprache unseres Lehrers Seelig machten uns die Feier zu einem Erlebnis, an das wir noch lange denken werden. Friedberg i. H. Die israelitische Gemeinde beklagt in kurzer Aufeinanderfolge den Tod von fünf Mitgliedern. Am 16. Februar dieses Jahres trugen wir Julius B i l d st e i n zu Grabe, der im Alter von 31 Jahren ganz plötzlich einem Herzschlage erlag. Der so früh Verblichene, der Mitinhaber der Firma Th. Sellgmann, erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Bei der Beerdigung, die unter außergewöhnlicher Anteilnahme stattfand, gab Lehrer Seelig in bewegten Worten dem großen Schmerze über den so frühen Heimgang Ausdruck. Als Vorsitzender des „RIF." rief Jakob Grünebaum dem entschlafenen Kameraden einen letzten Abschiedsgruß nach rm:n Gau-Odernbeim. Der hier bei seiner Tochter lebende Herr Salomon Nordheimer kann am Samstag, den 8. März s. G. w. in seltener Gcistesfrische und Rüstigkeit seinen 93. Geburtstag feiern. Herr Nordheimer zeigt noch großes Interesse für alle Tagessragen. Möge ihm weiter Gesundheit beschieden sein, ad meoli w'esrim schonoh! Gießen. Am 28. und 29. Januar sprach Herr Rabbiner Dr. B a e ck, Berlin, in der theologischen Fakultät der Universität Gießen über „Religionsgeschichtliche Probleme der hellenistischjüdischen Zeit in ihrer historischen Wirkung". Die Vorlesung war die Fortsetzung eines Austausches zwischen der genannten Fakultät und der Hochschule für Wissenschaft des Judentums, an der letztes Jahr Herr Prof. Dr. F r i ck (jetzt in Marburg), über „Das Wesen des Protestantismus" sprach. Der Inhalt der vierstündigen Vorlesung kann nur stark gekürzt wiedergegeben werden. Herr Rabbiner Dr. B a e ck führte etwa Folgendes aus: Geschichte, auch Religionsgeschichte, entsteht immer, wenn sich ein neues revolutionäres Prinzip ftm geistigen Sinn) im Leben der Völker anbahnt. Diese neue Logik im Judentum war das monotheistisch-theozentrifche Prinzip — Gott ist der Mittelpunkt alles Seins. — Von diesem neuen Problem werden von Moses an immer wieder Menschen ergriffen — die Propheten — ringen mit diesem geistigen Prinzip, „verpersönlicken" cs. Dieses Bewußtsein der Berufung, das Auserwähltfein schafft dann eine Exklusivität. Konkret wird dieses revolutionäre Prinzip durch Aufzeichnung in ein Buch — die Thora und die Prophetie. Palästina war nie völlig abgeschlossen von den umgebenden Staaten, war immer Durchgangsland, wurde nur in der hellenistischen Zeit, wie alle Länder um das Mittelmeer, einbezogen in die große hellenistische Kultur. Es erwuchs nun die Aufgabe, die religiöse Besonderheit des jüdischen Volkes, das revolutionäre theozentrische Prinzip, zü wahren und sich daher mit der umgebenden hellenistischen Geisteswelt auseinanderzusetzen. Diese Aufgabe wurde folgendermaßen gelöst: Die Thora, das Buch, wurde zwar ins Griechische übersetzt, aber die mündliche Lehre, der spätere Midrasch, die Erläuterung, Erklärung, wurde nicht ausgeschrieben, blieb Sonderbesitz, Geheimnis. Durch mündliche, hebräische Ueberlieferung sollte immer wieder das Buch lebendig werden, wieder neu, verperfönlicht. Thora und mündliche Ueberlieferung gehörten allen, waren kein Vorrecht des Priesterstandes, der seine Bedeutung schon vor Zerstörung des zweiten Tempels verloren hatte. Außer der allgemeinen griechischen Kultur erwuchs aber dem Judentum noch eine zweite Gefahr. Mit dem Aufhören der alten Stadtstaaten hatten auch die zugehörigen Götter ihre Bedeutung verloren. Sie bekamen aber neues Leben durch Poseidonius, der aus ihnen und den astrologischen Schicksalsideen des Orients eine neue wissenschaftliche Religion schuf. Hiermit fertig zu werden war eine wesentlich schwerere Aufgabe als die Unterdrückung des babylonischen Götzenkults. Die Auseinandersetzung mit diesen astrologisch-astronomischen Gedanken ist in den apokrpphischen und späteren Schriften und den Predigten der Zeit überall spürbar. Redner erläuterte es an mehreren Beispielen, an der Wandlung der Bedeutung der Engel. Im Sprachlichen an der Aenderung der Bedeutung des Wortes „olam" — im Geschichtlichen im Wechsel der Messiasidee. (Olam bedeutet ursprünglich die zeitliche Erstreckung ins Endlose-Ewigkeit, also eine horizontale Linie. Diese Linie wird plötzlich vertikal gedeutet. Olam heißt jetzt die ober Welt, über den Sternen, das Jenseits. An Stelle der Sehnsucht nach der Zu- Warum häufen Sie Sfire Zigarren nicht hei Sritonplatz 5 am Stadtth^ater das Spezialhaus für kluge dRaucher 4

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