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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-03-01 · 3 (3.1930) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
3 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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der Synagoge im Jahre 1615 unversehrt blieb. Das Mauerwerk bestätigt diese Angabe. In der Südwand befindet sich ein kleines Portal für Rabbiner und Bräutigam, denn dein Portal gegenüber befand sich das Tanzhaus mit der Wohnung des Rabbiners. Auch hier bestätigt das Mauerwerk und die Steinbearbeitung, daß es sich um eine ursprüngliche Anordnung handelt. Zudem wird 1605 das Tanzhaus u. a. in einem Aktenstück bei einer Bestandsaufnahme von Wein wie folgt erwähnt: „Bei dem Tanzhaus oder hinter der Schul m einem Haus, das kein Schild hat, 1334 Fuder Wein." Wozu hätte also eine Türe in der Westwand dienen sollen, die an den kleinen Hof grenzte? Anstoßend an diesen waren die Gärten von Häusern, die christlichen Besitzern gehörten, die in der Zwerchgasse (jetzt Friedrichstraße) standen. Auch spricht die Bodenlage gegen eine Tür in der Westwand. Es kann angenommen werden, daß man nach den Psalmworten, „aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir", den Boden der Synagoge absichtlich tief legte und die hinabführenden Stufen bewußt anordnete. Der Hof, in der die Raschikapelle steht, hat aber die gleiche Tiefenlage, wie der Boden der Synagoge; der vermutete Eingang hätte demnach zu ebener Erde sein müssen. Noch unmöglicher ist die Annahme, daß der Eingang wegen Erbauung der Raschikapelle zugemauert worden wäre. In jener Epoche, also im Anfang des 17. Jahrhunderts, hatte sich für den Bau von Synagogen schon ein ganz bestimmtes System herausgebildet. Man legte damals den Eingang zu einer Synagoge stets dem Allerheiligsten gegenüber. Daß ein solcher Eingang wegen der Erbauung der Raschikapelle beseitigt worden wäre, wenn er bestanden hätte, ist aus vorerwähntem Grunde ausgeschlossen. Mithin ist auch die Epstein'sche Annahme, daß wegen einer vorhandenen Türe eine Vorgängerin der jetzigen Raschikapelle nicht bestanden haben könne, ganz und gar hinfällig. Für das Vorhandensein eines Raschi-Lehrhauses an dey Stelle der heutigen Raschikapelle haben wir dagegen eine ganze Reihe direkter Beweise und zwar auch solche, die Epstein selbst anführt. In seiner Schrift „Wormser Minhagbücher", Breslau 1900 (Seite XIV), schreibt er: „Das Lehrhaus, von dem hier die Rede ist, kommt in den Minhagbüchern sonst nicht mehr vor. Liwa erzählt von dessen Zerstörung, nicht aber von seiner Herstellung 1620., Das Lehrhaus lag in Trümmern, bis Löb Sinzheim es um ein Jahrhundert später wieder aufbaute. Man beachte, daß Liwa das Lehrhaus noch nicht nach Raschi benennt; diese Bezeichnung muß zu feiner Zeit noch keine verbreitete gewesen sein. Das Lehrhaus wird Raschi zuerst von Juspa im Namen des Elia Loanz beigelegt. Ferner ist beachtenswert, das Liwa der sogenannten Raschikapelle keine Erwähnung tut, Wohl aus dem einfachen Grunde, weil diese erst 1624 von David Josua Oppenheim erbaut wurde." Es besteht demnach die unbestrittene Tatsache, daß im Jahre 1615 ein Lehrhaus durch den Pöbel zerstört worden ist. Daß Liwa von einer Herstellung 1620 (wenn es sich nicht um einen Druckfehler handelt) nichts berichten kann, ist aus der vorherstehenden Begründung selbstverständlich. Epstein aber sucht das zerstörte Lehrhaus an falscher Stelle, was nachzuweisen keine großen Schwierigkeiten bereitet. Er nimmt an, daß das Lehrhaus in Trümmern blieb, bis es Löb Sinzheim und zwar als das jetzige Altersheim, südlich der Synagoge, wieder ausbaute. Es handelt sich folgerichtig um das ehemalige Tanzhaus mit der Wohnung des Rabbiners, und zwischen Zerstörung und Wiederaufbau würde ein Zeitraum von nicht weniger als 110 Jahren liegen. Wie konnte nur Epstein annehmen, daß bei der Enge der Wohnungsverhältnisse und der Wichtigkeit gerade dieser Räumlichkeiten dieses Haus über 100 Jahre in Trümmern blieb. Allem Anschein nach hat es Löb Sinzheim nicht einmal neu aufgebaut, sondern nur umgebaut. Aber dieses Haus wurde 1615 gar nicht zerstört. Wiederum fehlen hier Epstein die lokalen Kenntnisse. Aus den Akten des städtischen Archivs über den erwähnten Ausstand, den der Rat der Stadt mißbilligte, geht hervor, daß nur die Synagoge, und was damit zusammenhing, zerstört worden war. Alle Privathäuser dagegen blieben völlig intakt. Durch jene Akten kennen wir jedes Haus, jedes Zimmer, ja fast jedes Bett. Der Pöbel wurde nach dem Aufstand und der Austreibung der Juden sehr rasch aus der Judengasse verdrängt und der Rat ließ danach von allem Zurückgelassenen genaue notarielle Aufnahmen anfertigen. Ist sonach ein Lehrhaus niedergerissen worden, was durch Liwas Bericht feststeht, so kann es nur eines gewesen sein, das im Hof und neben der Synagoge stand. Vielleicht ließ sich Epstein auch durch die jetzige Abgrenzungsmauer und den Garten, der zwischen der Synagoge und dem Altersheim liegt, täuschen. Der Garten war früher öffentlicher Platz und die Mauer wurde erst im Jahre 1852 aufgeführt. Immer wieder treten diese lokalen Unkenntnisse bei ihm auf. ^>o berichtet ssr von dem Vorhof: „Ein von einer Mauer umschlossener Hof umgibt die Synagoge in nördlicher, westlicher und südlicher Richtung. Durchschreiten wir ihn von Norden kommend, so bleibt die Frauensynagoge links, und rechts erhebt sich ein etwa 2 Meter hoher viereckiger Raum, von einer Mauer umgeben. Ich konnte nicht herausbringen, wozu diese Anlage bestimmt war, erfuhr bloß, daß vor etwa 40 Jahren in der Mitte derselben ein uralter Nußbaum gestanden hätte." An Hand der schon erwähnten Lithographie hätte Epstein die frühere Gestaltung des Hofes sich veranschaulichen können. Bei dieser Anlage handelt es sich um einen angrenzenden Garten, der zur Beckhard'schen Speisewirtschaft gehörte und der in den 70er Jahren durch die Gemeinde, erworben worden ist. Es ist erklärlich, daß Liwa das Lehrhaus noch nicht nach Raschi benannte. Die Tatsache der Anwesenheit Raschis in diesem Lehrhaus hat sich durch mündliche Ueberlieserung von selber wach erhalten. Mit der Errichtung des Ersatzbaues lag aber die Veranlassung vor, durch ausdrückliche Bezeichnung als Raschikapelle das Andenken an die Anwesenheit Raschis an dieser Stelle fortzupslanzen. Dennoch haben wir Beweise dafür, daß auch schon das alte Lehrhaus nach Raschi benannt worden ist. Elia Loanz war Zeitgenosse dieses alten Lehrhauses, und Juspa Schammes war sein Schüler. Wenn nun Juspa berichtet: „ein Bes hamidrasch schel Raschi soll es in früheren Zeiten gegeben haben", so brauchen wir nur Juspas Schrift anzusehen, um auch ohne graphologische Kenntnisse dessen gewiß zu sein, daß es sich bei dem Schreiber um einen bescheidenen, klugen, pflichttreuen und sehr gewissenhaften Menschen handeln muß, wie es auch ohne Weiteres begreiflich ist, daß ihm Elia Loanz die Mitteilung über das Raschi Lehrhaus gemacht haben wird. Noch ein anderer konnte ihm diese Tatsache bestätigen und zwar David Oppenheim, der erste Vorsteher der Gemeinde und Erbauer der jetzigen Raschikapelle. Denn als Juspa 1620 nach Worms kam, fand er bei dem Genannten Uiiterkunft und wohnte längere Zeit bei ihm. Wie sollte denn auch sonst nach der Zerstörung der Synagoge ohne besonderen Anlaß eine Kapelle angebaut und aus welchem Grunde ihr der Name Raschis beigelegt worden sein? Noch ein Punkt, der mit dem Erbauer David Oppenheim zusammenhängt und der bisher noch nie berührt wurde, verdient ganz besondere Würdigung. Es wird nämlich u. a. berichtet, daß der Almemor in der Synagoge von David Oppenheim erbaut worden sei. Vertieft man sich aber in die noch vorhandenen Abbildungen und unterzieht man die spärlichen Bruchstücke des Bauwerks, die im Museum ausbewahrt werden, einer eingehenden Prüfung, so kommt man zu der Erkeniitnis, daß es sich auch hierbei nur um eine Wiederherstellung gehandelt haben kann; denn der Almemor dürfte im 14. bis 15. Jahrhundert errichtet worden sein. Gehen wir von dieser kaum zu bestreitenden Annahme aus, so festigt sich in uns die Meinung, daß dieser erste Vorsteher alles, was beim Aufstand demoliert worden war, erneuerte, also neben dem Almemor auch das „Bes hamidrasch schel Raschi", unsere jetzige Raschikapelle. Zusammengefaßt, ergeben sich somit folge.nde Tatsachen: 1. Jn der Westwand der Synagoge war keine Tür, sie kann also auch nicht wegen der Errichtung der Raschikapelle zugemauert worden sein. 2. Die Jnschristtafeln berichten von Gebäuden, die im Hof gestanden haben. 3. Der Hof war nie größer, als er jetzt noch ist. 4. Liwa berichtet, daß im Jahre 1615 ein Lehrhaus zerstört worden ist. 5. Juspa Schammes berichtet, es habe in früheren Zeiten ein BeS hamidrasch und ein Bes hakneses schel Raschi gegeben. 6. Epstein hat das zerstörte Lehrhaus an falscher Stelle angeiiommen. 7. Mit der größten Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß David Oppenheim den Almenior nicht neu, sondern wieder aufbauen ließ, so daß der Schluß berechtigt ist, daß er das zerstörte Lehrhaus ebenso wieder aufbauen ließ. 8. Der Name Raschi's ist nicht erst bei der Erneuerung des Baues aufgetaucht, sondern ein früheres Gebäude war schon mit dem Namen Raschi's belegt. 9. Die Berichte über das frühere Bestehen eines Raschi- Lehrhauses durch Juspa Schammes sind als zuverlässig anzusehen. Nehmen wir die vorstehenden Punkte zusammen, so kann eS keinem Zweifel unterliegen, daß die jetzige Raschikapelle auf dem Platze einer Vorgängerin steht. Die Wormser Gemeinde darf deshalb nicht nur stolz darauf sein, daß Raschi in ihren Mauern gewesen ist und hier seinen Studien oblag, sie kann auch mit Fug und Recht auf ihre jetzige Raschikapelle als auf die historische Stätte Hinweisen, an der Raschi bei seiner Anwesenheit in Worms geweilt hat. 3

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