Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 1 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Abhilfe gegen die krassesten Notstände solcher Organisationen, die kontinuierlich und systematisch arbeiten. Unter diesen Organisationen nimmt der Hilfsverein der Deutschen Juden einen hohen Rang ein, teils durch.seine großen Leistungen in der Vergangenheit, teils durch seine Parteilosigkeit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. In dieser Zeit wirtschaftlicher Depression pflegen viele am falschen Orte zu sparen, nämlich, indem sie sich ihren sozialen Pflichten entziehen, statt ihren privaten Bedarf einzuschränken. Denken Sie darüber nach: ich Hab' nicht das Zeug zum Prediger in der Wüste." Der größte Teil der Versammelten, die das Interesse für den Hilfsverein und seine Ziele vereinigt hatte, blieb nach Schluß des Konzerts noch lange beisammen. Der finanzielle Erfolg des Abends war ein sehr befriedigender. Es sind außer den Eingängen für Eintrittskarten beträchtliche Spenden für den Hilfsverein, seine Emigranten- und Jugendhilse, sowie seine Notstandsaktionen gegeben worden. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Mainz teilt uns Folgendes mit: Zur Vermeidung von Jrrtümern sehen wir uns veranlaßt, daraus hinzuweisen, daß die „Mainzer jüdische Zeitung" in keiner Weise als Organ der israelitischen Religionsgemeinde Mainz anzusehen ist. Die genannte Zeitung erscheint vielinehr ohne jede Mitwirkung oder Beteiligung der israelitischen Religionsgemeinde Mainz, wie auch des Landesverbands der israelitischen Religionsgemeinden Hessens in einem Wiesbadener Verlage als rein privates Unternehmen. Aus unseren Verbandsgememden. Altwiedermus. Der 2. Vorsteher Leopold Adler 1. wurde einstimmig wiedergewählt und vom Kreisamt bestätigt. Eich. Die jüdische Gemeinde beging am 3. November 1929 die feierliche Einweihung einer Gedenktafel in der Synagoge für ihre im Weltkrieg gefallenen Angehörigen, zwei ganz junge Menschen, Berthold Haas und Sally Guthmann, von denen der eine 1915 im Osten, .der andere 1917 im Westen gefallen ist. Eine schlichte Tafel verkündet ihre Namen für die gegenwärtige und die künftige Generation. Eine weitere Erinnerungstafel trägt die Namen der übrigen Kriegsteilnehmer aus der Kultusgemeinde, insgesamt elf jüdische Soldaten aus acht Familien. Es war eine selten erhebende Feststunde, welche die Gemeindemitglieder und zahlreiche Gäste, so Herren Kreisrabbiner Dr. Holzer, Worms, die beiden Vertreter der christlichen Geistlichkeit am hiesigen Ort, ferner den gesamten Ortsvorstand, die Krieger- und Soldatenkameradschaft mitsamt Kapelle, sowie eine Abordnung des Wormser Synagogenchors unter Führung von Herrn Oberkantor Agulnik, viele Kameraden vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten aus Worms und Umgebung, auch die Vorstände der jüdischen Nachbargemeinden in guter und herzlicher Verbundenheit zusammenführte. Die Weiherede hielt Herr Rabbiner Dr. Holzer, Worms. Nach ihm sprach im Geist und in Gesinnung der ehemaligen Frontkämpfer Rechtsanwalt Guthmann, Wiesbaden, ein Sohn unseres Gemeindevorstehers. Es folgten Ansprachen des Bürgermeisters Bechtel, der namens des Ortsvorstandes einen Kranz niederlegte, sowie der beiden Geistlichen, Herren Pfarrer Koppler und Kemps, allesamt eindringlich und beredt von Eintracht und Frieden, für treue Zusammenarbeit und gemeinsamen Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes sprechend. Der Vorsitzende Mink der Krieger- und Soldatenkameradschaft widmete gleichfalls mit Worten der Treue und des Gedenkens einen Kranz für die gefallenen Kameraden. Namens der Ortsgruppe Worms des R. I. F. sprach Kamerad Mayer. Nach einer herzlichen Schlußansprache von Herrn Oberlehrer i. R. A. Salomon, Worms, und einem tiefempfundenen Chorgesang schloß die Feier mit dem Kaddischgebet. Ansprache gehalten am Sonntag, den 3. November 1929. von Obecreallehrer i. R. A. Salomon, Worms, bei der Einweihung der Gedenktafel für die Gefallenen der israelitischen Gemeinde Eich in der Synagoge zu Eich. „Seit Jahren erteile ich hier den Schülern israelitischen Bekenntnisses Religionsunterricht, finden wir uns in diesen heiligen Räumen zum Gottesdienst und zur Belehrung zusammen. Ich stehe darum jedem einzelnen Mitglieds der israelitischen Gemeinde nahe; aber auch der Gesamtgemeinde Eich mit ihrem Oberhaupt, mit ihren Führern und all ihren Gliedern fühle ich mich verbunden. 4 Ich darf darum dem, was mich in dieser Stunde bewegt, was ich jetzt im Rückblick auf die einmal durchlebte große Zeit empfinde und wünsche, Ausdruck geben. Ja, es war eine große Zeit im August des Jahres 1914 trotz des jähen Sturzes, der folgte. Gemeinsames Erleben, gemeinsames Bangen, gemeinsames Hoffen und Sehnen hatte die Volksgenossen einander nahe gebracht, hatte sie geeint, hatte ein festes Band um sie geschlungen. Von hoher Stelle her war der Ruf in unsere Herzen gedrungen: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!" Der Krieg begann. In langen, langen, unabsehbaren Reihen zog hinaus junges, gesundes Blut, unser Stolz, unsere Hoffnung, unsere Zukunft. Sie zogen hinaus getrosten Mutes, voller Zuversicht. Ihre Leistungen, die Leistungen unserer Truppen, waren hohe, sie waren derart, daß auch keiner unserer Kriegsgegner ihnen ehrliche Anerkennung verweigern wird. Der Enderfolg blieb uns jedoch versagt. Wir mußten um Frieden bitten — wir hatten den Krieg verloren. Wir liegen am Boden. Dürfen wir da die Hände in den Schoß legen, uns der Verzweiflung hingeben oder uns gar zu Verzweiflungstaten Hinreisen lassen? Soll so die große Zeit ausklingen? Soll es uns nicht mehr bewußt sein, daß beim Schiffbruch der besonnene Schisser am meisten rettet? Wir, die wir demselben Boden entstammen, dieselbe Luft atmen, dieselbe Sprache reden, aus derselben Quelle Bildung und Wissen schöpfen, die wir dieselben Lasten zu tragen haben, mit denselben Sorgen beschwert sind, wir — wir wollen uns oft nicht mehr verstehen. Haben darum unsere Söhne, unsere Brüder gekämpft, geblutet, gelitten? Wollen wir nicht von unseren Vätern lernen, die in gleicher Lage sich gegenseitig Mut zusprachen, über die augenblickliche Not hinweg den Blick vorwärts wandten und den Bau des Vaterlandes immer wieder gefestigt und verjüngt erstehen ließen? Sind wir das nicht unseren Kindern und Kindeskindern schuldig? Wie wollen wir sonst vor dem Urteil der Geschichte bestehen? Darum, ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns in guter Absicht einander entgegenkommen, uns wieder zu verstehen suchen, wir müssen uns einordnen, wir müssen uns unterordnen. Dann, aber nur dann, geht es wieder vorwärts und aufwärts, fühlen wir uns wieder als Brüder und Volksgenossen, können wir uns vertrösten auf bessere Zeiten, die für unser von Haus aus tüchtiges, arbeitsames, grundehrliches Volk kommen werden, nach den Forderungen der das Weltgetriebe durchdringenden Gerechtigkeit kommen müssen. Dann werden aber auch jene Worte, die wir einst in besseren Tagen uns einander zuriefen, sich uns von selbst wieder auf die Lippen legen: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Im Anblick dieser Ehrentafel, im Anblick aller Ehrenmäler im weiten Vaterlande geloben wir, im Geiste der Einigkeit und Brüderlichkeit, im Geiste der Versöhnung, des Sichverstehens diesem hohen Ziele zustreben zu wollen. Gott segne unseren Willen, Gott segne unseren Weg!" Gießen. Der jüdische Jugendbund, der die Jugend aller Lager und Richtungen in Gießen zusammenfaßt, trat kürzlich zum ersten.mal mit einer größeren Veranstaltung, bei der man noch einmal des 200. Geburtstages Moses Mendelssohns gedachte, an die breitere Oeffentlichkeit. Frau B r u m l i k hatte die durchaus gut gelungene Veranstaltung in unermüdlicher Arbeit vorbereitet. Wir wünschen dem jüdischen Jugendbund auch weiterhin viel Erfolg in seinen Bestrebungen. Mainz. Im Monat Dezember war das Vorstandsrollegium zweimal zu Sitzungen versammelt. In der Sitzung vom 9. Dez. wurde der seitherige Erste Vorsteher einstimmig wiedergewählt, die Bildung einer Anzahl Kommissionen wurde beschlossen, die einzelnen Ressorts wurden aus die Vorstandsmitglieder verteilt. — In der Sitzung vom 19. Dez. sind die Liauidationsverzeichnisse für die Rechnung 1928 unterzeichnet worden. In beiden Sitzungen wurde eine Anzahl kleinerer Kredite bewilligt, über die Art der Ausführung von Reparaturen beraten und über zu führende Korrespondenzen beschlossen. Mainz. Am 3. Dezember 1929 starb im Alter von 83 Jahren Herr Moritz Kahn, Mitkämpfer des Krieges 1870/71, Inhaber des Eisernen Kreuzes 1870/71, der Hess. Tapferkeitsmedaille sowie verschiedener Orden und Ehrenzeichen. Der Verstorbene war der letzte Kämpfer in der Schlacht bei Chambord, in welcher sich besonders die hessischen Truppen durch hervorragende Tapferkeit ausgezeichnet haben. Die Beisetzung fand unter großer Beteiligung statt, bei der der Mainzer Veteranen-Verein mit Fahne sowie der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten anwesend waren. Ehrende Worte wurden von Herrn Rabbiner Dr. Levi, Herrn Kümmel vom Veteranen-Verein unter Kranzniederlegung, sowie Herrn Dr. Ladenburg für den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gesprochen. Der Regimentsverein der 118er konnte leider infolge der Besetzung von Mainz nicht an-