Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 5 (1930)
- Issue
- 1 (1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Rhenusloge Atainz begrüßt. Zu dem Kursus oder zu einem Teil des Kursus waren erschienen die Herren Rabbiner: Beermaun, Heilbronn; Behrens, Fürth; Bienheim, Darmstadt; Bohrer, Gailingcn; Chone, Konstanz; Lohn, Ulm; Dienemaun, Offenbach; Ephraim, Burgpreppach; Freudenthal, Nürnberg; Friedman.n, Frankfurt a. M.; Grzymisch, Bruchsal; Guttmauu, Bingen; Heilbronn, Nürnberg; Holzer, Worms; Horovitz, Frankfurt a. M.; Jacob, Augsburg; Jacobs, Kreuznach; Lazarus A., Frankfurt a. M.; Lazarus P., Wiesbaden; Levi, Mainz; Lewit, Alzey; Lorge, Mainz; Meper, Pirmasens; Neuwirth, Jchcnhausen; Salomon, Bayreuth; Sander, Gießen; Schiff, Karlsruhe; Schweizer, Horb, Seligmann, Frankfurt a. M.; Steckelmacher, Bad Dürkheim; Tänzer, Göppingen; Weinberg, Neumarkt (Obcrpfalzl. Ls war also vertreten Baden mit vier, Bayern (rechtsrheinisch und linksrheinisch) mit zehn, Hessen mit acht, Preußen mit sechs und Württemberg mit vier Teilnehmern. Verschiedene .Kollegen waren mit ihren Frauen erschienen. An der Eröffnung des Kursus nahmen teil: Für den Landesverband der israelitischen Rcligionsgemeinden Hessens der Erste Vorsteher der israelitischen Religionsgemeinde Mainz, Herr Kommerzienrat B. A. Mayer; für den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Mainz die Herren Kommerzienrat Kranenberger, Jakob Deutsch, Dr. Ehrmaun; für die Rhenusloge, in deren Räumen der größte Teil der Vorlesungen gehalten und die Bewirtung gereicht wurde, Herr Henry Meyer. Auch die Frauen dieser Herren waren zur Eröffnungsfeier erschienen. Um die Bewirtung der Kurfusteilnehmer hatte sich die israelitische Religionsgemeinde Mainz, die Rhenusloge, vertreten durch ihren Präsidenten, Herrn Rechtsanwalt Neumann, der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, vertreten durch die Herren Studienrat Dr. Lorge und Justizrat Tr. Lichten, verdient gemacht; einzelne Herren und verschiedene Damen aus der Gemeinde wirkten in dankenswerter Weise bei dieser Ausgabe mit. Als Dozenten für den wissenschaftlichen Kursus waren gewonnen worden die Herren Dr. Bialoblotzki, Lektor an der Laudesuniversität Gießen, Dr. Horovitz, Professor an der Universität Frankfurt a. M., Professor Tr. Schmidtgen, Direktor am Naturhistorischen Museum Mainz, Universitätsprofessor Dr. Stern, Vorsteher des Mainzer Instituts für Psychologie undJugendkunde. Außerdem hatte Kollege Levi, Mainz, ein Referat übernommen. Am Montag, den 16. Dezember, hielt zunächst Herr Professor Dr. Schmidt gen, Direktor des Naturhiftorischen Museums Mainz, eine Vorlesung über das Thema: „V o nt W erden des Bodens und d e s M e n s ch e n a m M i t t e l r h e i n". Diese Vorlesung führte die Hörerschaft zunächst nt die Forschungsmittel und die Forschungsmethode der geologisch-paläontologischen Wissenschaftein. Die Aufeinanderfolge der verschiedenen kalten und warmen Zeiten in der Urgeschichte unseres Erdkörpers wurde aufgewiesen, die Lebensbedingungen der verschiedenen Lebewesen und insbesondere des Menschen vom Beginn seiner Nachweisbarkeit an wurde dargetan. Die Eigentümlichkeit und die Verwattdlung des Körperbaus, sowie der geistigen Beschaffenheit des Urmenschen wurde aus den bemerkenswertesten Funden unter vorsichtiger Bewertung des Fttndmaterials dargestellt und insbesondere für das mntelrheinische Gebiet für eine Zeit von 80—110 000 Jahren zurück nachgewiefen. Für die Ueberlagerung der drei von der Wissenschaft heute angenommenen Urrassen, für Frühansätze von künstlerischen und religiösen Strebungen wurden Beweise erbracht, die den Menschen im Unterschied von allen anderen Wesen als Menschen charakterisieren. Fundmaterial und zahlreiche Lichtbilder veranschaulichten diese instruktiven Darlegungen. Die Hörerschaft der Kollegen verweilte ttoch lange im anregenden Gespräch in den Räumen des Naturhistorischen Museums, wo diese Vorlesung stattgefunden hatte. Anschließend hieran sprach Herr Universitätsprofesfor Tr. I. Horovitz, Frankfurt a. M. in den Räumen der Rhenusloge über das Thema: „Die n e u e st e n Ausgrabungen nt Babylonien und Palästin a". Im Anschluß an ältere Funde hebräischer Inschriften (Bauernkalender von Gezec) wurde die Grabinschrift von Byblos besprochen und von da aus der Schritt zu der ältesten und bekannten Buchstabenschrift getan, wie sie in den sinaitischen Inschriften vorliegt. Es wurden sodann die Bevölkerungsverhältnisse des vorisraelitischen .Kanaan erörtert sowie die kulturellen Einflüsse, welche die Ausgrabungen hervortreten lassen. Dabei wurde etwas näher auf die Amurru eingegangen und hierauf ausführlicher von den Hettitern gesprochen; die Behandlung des hettitischen Gesetzbuches bot Anlaß, auf die altorientalische Gesetzgebung überhaupt ernzugehen. Zum Schluß war von der sumerischen .Kultur die Rede, von den sumerischen Beziehungen zu Indien, von den sumerischen Grabkammerrt in Ilr. Auch an diesen Vortrag knüpfte sich eine anregende Aussprache. Den Montag nachmittag benutzten zahlreiche Teilnehmer, um den jüdischen Denkmalfriedhof in Mainz oder die Altertümer der nahen Gemeinde Worms zu besichtigen. Am Dienstag, den 17. Dezember, früh, referierte Herr Rabbiner Dr. S. L e v i, Mainz über: „Krisis i n d e r Predig t". 2 Der Referent betonte, daß er sich nicht etwa mit einer Entartung der heutigen Predigt oder mit einer Unzulänglichkeit des Predigers zu beschäftigen gedenke sondern die aus der Wesensart der heutigen Gemeittde und aus der Zeitlage sich ergebende Krisis der Predigt aufweisen und Mittel zur Ueberwindung der Krisis Vorschlägen wolle. Die Struktur der jüdischen Gemeinde habe sich in den letzten Jahrzehnten durch die Abwanderung von kleineren zu größeren Gemeinden und durch Spezialisierung der städtischen Bevölkerungstypen gewandelt und habe durch die Emanzipation der Frau und der Jugend zu seelischen Sonderanliegen auch in ihrer religiösen Einheitlichkeit eingebüßt. Ter Mangel an jüdischen Kenntnissen bei der heutigen Generation und die weitverbreitete Verschlossenheit gegen religiöse Impulse verlangten aus der einen Seite eine umfangreiche Bereitung der Gemeinde, die Unrast der Zeit verbiete eine Dehttung des Gottesdienstes. Die aus dem Munde von Gemeindemitgliedcrn häufig gehörte Aeußerung, daß die Predigt die einzige Lockung zum Gottesdienst sei, tst eine sehr zweifelhafte Anerkennung der Predigt, weil die für wahres religiöses Leben einer Gemeinde erforderliche Aktivität der jüdischen Gemeindemitglieder dadurch ausgeschaltet wird. Die bei der früheren seelischen Einheitlichkeit und Uukompliztertheit der jüdischen Gemeinde zulässige Objektivierung und Typisierung der Predigtausführungen müsse heute sich vielfach auf die seelische Jndividualisierung umstellen. Aus diesen kritischen Zuständen ergibt sich die Forderung, die Bereitschaft für die Predigt, die ftir die Feiertage erhalten bleiben soll, im Laufe des Jahres an L-abbaten durch kurze in den Gottesdienst eingefügte religiöse Lehrvortrüge und durch größere Vorträge außerhalb des Gottesdiertstes vorzubereiten, die eigentlichen Predigten selbst durch Spezialisierung der Themen auf die verschiedenen Gemeindeschichten einzustellen. Der Wert der Predigt, über deren Häufung auch in nichtjüdischen Glaubensgemeinschaften heute abgeurteilt wird, werde durch diese Umstellung nicht leiden. Die Vorlesung des Herrn Universitätsprofessor Dr.phil.ct med. Erich Stern, Vorsteher des Mainzer Instituts für Psychologie und Jugendkunde in Mainz über: „Die neueren Ström u n g e n in der P f ychologie und das Problem der Seelsorge" schloß sich diesem Referat an. Der Vortragende ging davon aus, daß im Mittelpunkt der Berufstätigkeit des Rabbiners die Seelsorge, d. h. eine bestimmte Art der Einwirkung aus andere Menschen zu stehett habe. Tie wissenschaftliche Psychologie, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist berufen, die Erfüllung feiner Berufsaufgaben weitestgehend zu fördern. Die geisteswissenschaftlichcPsychologie zeigt Notwendigkeit, Möglichkeit und Grenzen religiöser Erziehung auf, sie untersucht die Struktur des religiösen Erlebnisses; sie betrachtet den Menschen in seinem Zusammenhänge mit der Kultur, gleichsam „von oben her". Psychoanalyse und Individual- Psychologie hingegen suchen den Menschen in den Niederungen des Lebens auf, sie sehen in erster Linie die biologischen Wurzeln und Zusammenhänge des Lebens. Gerade sie sind für das Verständnis des Menschen von besonderer Bedeutung, weil sie die wirklichen Motive und Motivzusammenhänge zu erfassen suchen. Psychoanalyse und Jndividualpsychologie haben sich auf dem Boden der Medizin entwickelt als Methoden zur Behandlung seelisch Kranker, insbesondere zur Behandlung von Neurotikern. Man kann die Neurose a u f f a s s e n als e i tt c A r t falscher Lebenshaltung und Lebensführung; Neurosentherapie bedeutet dann: den Menschen zu „richtigem" Leben fähig machen. Hier begegnen sich die Interessen des Seelsorgers mit denen des Arztes, denn auch der Seelsorger will den Menschen zu einem „richtigen" Leben führen, wobei freilich für ihn „richtiges" Leben immer ein Leben ist, das vom Glauben durchglüht wird. Es läßt sich aber zeigen, daß die Erörterung der Frage, was denn „richtiges" Leben bedeutet, zu weltartschaulicher Stellungnahme führt und daß für weite Kreise nur eitle religiös fundierte Weltanschauung in Betracht kommen kann. Seelsorge fetzt ein tiefes Verständnis für den anderen Menschen voraus, und dieses Verständnis vermögen dem Seelsorger in erster Linie Psychoanalyse und Jndividualpsychologie zu bieten. Das trifft um so mehr zu, als in den „normalen" Lebensschwierigkeiten und Konflikten sich die gleichen Hemmungen und Konflikte auswirken als in der Neurose. Ilnd endlich darf nicht übersehen werden, daß die neuere Psychologie 'dem, der sich ernstlich mit ihr auseinandersetzt, eine vollkommen veränderte Einstellung zum anderen Menschen gibt, daß sie ihn selbst als Handelnden frei für die Arbeit an anderen Menschen tnacht. Dieses Referat verdient auch in weiteren Kreisen so starke Beachtung, daß der Beschluß gefaßt wurde, es durch Drucklegung zu veröffentlichen. Ebenso soll der religionsgesetzliche Vortrag des Herrn Dr. Bialoblotzki, Lektor an der hessischen Landesuniversität Gießen, über „Die B e z i e h u n g e tt des Judentums zu Proselyten und P r o s e l y t e n t u m", dem Druck übergeben werden. Herr Dr. Bialoblotzki brachte das ge-