Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 12 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kantoren ausgebildet. Seminarien unb wohltätige Anstalten wurden mit Spenden bedacht. Die Beamten erhielten Gehaltszulagen, viele Gemeinden Zuwendungen. Erfolge sind aber nur der Opferwilligkeit der großen Religionsgemeinden Hessens zu verdanken. Die meisten kleinen Religionsgemeinden dagegen haben säst vollständig versagt. Die geringen Beiträge zum Verbände bezahlen sie nicht, aber ihre großen Ansprüche an denselben wollen sie erfüllt haben. Noch leistungsfähige Gemeinden genieren sich nrcht, mit Unterstützungs- Gesuchen den Verband zu belästigen. Werden diese nicht genehmigt, dann drohen die Herren Vorstände mit dem Austritt aus dem Verbände. Dieses Benehmen kennt man ja schon sehr lange. Wenn der Rabbiner sich nicht ihrem Willen beugt, dann wechselt man das Rabbinat, wenn der Lehrer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, dann kündigt man ihm und so will man auch mit dem Verband verfahren. Und welchen herausfordernden, ja beleidigenden Ton schlagen diese Herren Vorstände dem Oberrate gegenüber an. Da muß man sich wirklich wundern, daß die Herren des Oberrats noch die Geduld und Langmut aufbringcn, in stundenlangen Tagungen unter mühevollen, anstrengenden Beratungen die kulturellen Aufgaben des Verbandes zu lösen. Es soll ausdrücklich betont werden, daß einige kleine Gemeinden ihren Beitrag pünktlich bezahlen und daß manche verarmte Zwerggemeinde keinen Beitrag leisten kann. Wenn aber steuerkräftige Gemeinden — die mißliche Wirtschaftslage vorschützend — den Verband mit den schuldigen Beiträgen im Stiche lassen, so ist dies eine Schmach und Schande. Je schwieriger die Geschäftslage sich gestaltet, desto inniger müßten sich die Gemeinden dem Verbände anschließen, desto gewissenhafter müßten sie ihre kleinen Jahresbeiträge abliefern, damit sie bei eintretender wirklicher Not Anspruch auf Zuwendungen seitens des Verbandes erheben könnten. Unsere Vorfahren haben viel schlimmere Zeiten mitgemacht, als es die heutigen sind, aber sie haben einfach und bescheiden gelebt und ihre eignen Lebensansprüche herunter geschraubt. Dagegen für die religiösen Einrichtungen der Gemeinde, für den Religionsunterricht ihrer Kinder, für die Erhaltung wohltätiger Anstalten, war ihnen kein Opfer zu groß, keine Mühe zu schwer. Heute ist es gerade umgekehrt. Luxus und Vergnügungssucht beherrscht die Jugend, und auch die Alten haben immer noch für alles Zeit und Geld, nur nicht für die religiösen Belange. Da herrscht eine Gleichgültigkeit, die jeder Beschreibung spottet. Ihr Führer der Gemeinden, Ihr Väter nnd Mütter, Ihr Söhne und Töchter habt doch wieder ein Herz für unsere heilige Religion, denkt an Eure frommen Vorfahren, denkt an die mutigen Makkabäer, an die Opferwilligkeit der großen Männer in Israel und wahret die heiligen Güter des Judentums. Die Herren des Oberrates aber mögen sich trotz aller Enttäuschungen und Schwierigkeiten nicht abbringen lassen von dem bisher geschrittenen Weg, zu wirken und zu streben für den Frieden und das Wohl der israelitischen Religionsgemeinden im Volksstaate Hessen. Wenn diese Zeilen dazu beitragen, daß auch die kleinen Gemeinden und deren Vorstände den Wert und die Bedeutung unseres Verbandes erkennen und ihre Pflicht ihm gegenüber erfüllen, dann haben sie ihren Zweck erfüllt. H. S u l z b a ch e r , Groß-Bieberau. Aus unseren Verbandsgemeinden. Vüdingen (Oberhessen). Unsere Gemeinde beklagt die Auflösung der einzigen im nahegelegenen L o r b a ch wohnhaften jüdischen Familie. Am 2t. Oktober starb Fräulein Jettchen Baum uach ganz kurzer Krankheit. Die aus dem hiesigen Frauenverein zur Wache anwesenden Frauen fanden am nächsten Morgen die Schwester der Verstorbenen, Frau Berta Goldschmidt, bewußtlos in ihrem Bette. Der überraschende Tod der Schwester und der Gedanke an das künftige Alleinsein hatten die Nxrven von Frau Goldschmidt jedenfalls in'heftige Erregung gebracht. Ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, starb auch sie nach wenigen Stunden. — In herzlicher Verbundenheit standen die beiden Schwestern seit dem Tode des Herrn Josef Goldschmidt dem kleinen Gastwirtschafts- und Kolonialwarenbetrieb vor. Ihr Heim war stets eine Stätte der Gastfreundschaft und des Wohltuns. — Herr Lehrer Halberstadt sprach von der Schwelle der verwaisten Hauses, vor dem die beiden Särge aufgebahrt wareu, ehrende Worte des Gedenkens. Die große Beliebtheit der beiden Frauen kam bei dem Leichenbegängnis zum Ausdruck. Die hiesige Gemeinde war vollzählig erschienen, und aus jedem Hause der kleinen Dorfgemeinde hatten sich Teilnehmer eingefunden. Die Mehrzahl derselben gab den Särgen, die im Abstand von einer Stunde zum hiesigen Friedhof überführt wurden, das Geleit bis zum Grabe, rßXJn Bingen. Am 28. 10. d. I. konnte Herr Justizrat Tr. M a r x seinen 60. Geburtstag begehen. Der Jubilar, der seit einer Reihe von Jahren des verantwortungsvolle Amt eines 1. Vorstehers in der israelitischen Religionsgemeinde iune hat, erfreut sich in allen Kreisen der hiesigen Bürgerschaft uneingeschränkter Beliebtheit. Sein offener Charakter, feine gegen Jedermann stets gleiche Hilfsbereitschaft und der ihm besonders eigene goldene Humor haben ihm einen großen Bekannten- und Freundeskreis verschafft. In allen seinen Obliegenheiten und Aemtern —■ er gehört auch dem Oberrat des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens an — zeichnet er sich durch volle, gewissenhafte Hingabe in Erfüllung der übernommenen Pflichten aus und versteht es, Klugheit und Ehrenhaftigkeit allerwegen vereint walten zu lassen. Mögen ihm noch eine lange Reihe von Jahren in segensreicher Tätigkeit zum Wohle seiner Gemeinde, der Stadt und der Allgemeinheit beschieden und ihm im Kreise seiner Familie Gesundheit und Zufriedenheit treue Begleiter sein. Tarmstadt. Anläßlich des ersten Jahrzeitstages der allzu früh verstorbenen Frau Lilli Rehfeld hat ihr Schwager, Herr Alex Rehfeld aus Hildesheim, zu ihrem Gedächtnis unserer Gemeinde eine wertvolle Stiftung zukommen lassen. Kostbare Kle Kaudesch, die früher Eigentum der einstmals blühenden Gemeinde Erone a. d. Brahe waren, hat Herr Rehfeld nach der Auflösung jener Gemeinde käuflich erworben und sie nunmehr unserem Gotteshause als Geschenk überwiesen. Unsere Gemeinde nimmt die Gabe dankbar an und ehrt den in ihr zum Ausdruck kommenden echt jüdischen Familiensinn. Tarmstadt. Etwa 1000 Besucher hatten sich am Montag, den 4. November, zu einer großen, von der hiesigen Ortsgruppe des E.V. einberufenen öffentlichen Versammlung eingefunden, in der der Direktor des Centralvereins, Dr. Ludwig Holländer, über das Thema: „Innerer Friede, Deutschlands Rettung" berichtete und den Judengegnern, insbesondere den Nationalsozialisten, ein Spiegelbild vorhielt, indem er auf Grund rein wissenschaftlicher Darlegungen die vollkommene Brüchigkeit ihres Programms und. ihrer praktischen Betätigung nachwies. Die zahlreich anwesenden Nationalsozialisten kamen 'in der langausgedehnten Diskussion ausgiebig zu Wort. Bezeichnend ist es, daß auch hier von einer DEUTSCHER HEROLD Die Sterbekasse für Alle! Aufnahme bis zum 80. Lebensjahr. Monat!. Beiträge v. 50 Pf. an Hohe Gewinnbeteiligung trotz niedriger Prämie! - Bei Tod durch Unfall doppelte Auszahlung. Das Unternehmen steht unter Reichsaufsicht. Deutschem illeE Volks- und Lebensversicherungs-Aktienges. 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