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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-11-01 · 11 (11.1929) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
11 (11.1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Die erweiterte Jewish Agency. Von Lazarus Friedmann, Mainz. Die Richtigkeit der Worte unserer Weisen „Der Ewige hatte schon die Heilung in Bereitschaft bevor noch die Wunden geschlagen sind", wird auch durch das schreckliche Unglück, das Palästina in der letzten Zeit heimsuchte, gerechtfertigt. Ist es denn nicht als eine göttliche Fügung anzusehen, daß nur einige Tage, bevor das entsetzliche Unglück geschah, die erweiterte Jewish Agency in Zürich zum Abschluß gelangte? Die Zukunft Palästinas hätte sich viel schlimmer gestaltet, wenn die Unruhen früher, also vor der Gründung der Agency ausgebrochen wären. Möglicherweise wäre die Agency überhaupt nicht zustande gekommen. Denn die sogenannten Besserwisser und Zweifler hätten ihren Einfluß ausgeübt, um die Gründung der Agency zu Fall zu bringen. Dann wäre allerdings der Aufbau Palästinas sehr fraglich geworden. Aiiders aber jetzt: Wir stehen vor einer vollendeten Tatsache.. Repräsentanten von 15 Ländern haben in dreitägiger Verhandlung den Ausbau Erez Israels einstimmig und mit größter Begeisterung beschlossen. Man kann behaupten, daß fast das ganze jüdische Volk ein Gelübde abgelegt hat, den Ausbau Palästinas zu verwirklichen. Und so, wie z. B. die Kinder Israel, die n^nndie drei Tage der Abgrenzung —■ bevor die zehn Gebote vom Berge Sinai verkündet wurden — dazu benutzten, um eine innere geistige und sittliche Reinigung auf sich wirken zu lassen, damit sie befähigt und würdig würden, die Lehre Gottes zu empfangen, so fand in den drei Verhandlungstagen in Zürich eine innere sittliche Reinigung von bisherigem Haß und Parteizwiespalt statt. Eine rinrix Einheit Israels ist durch die Gründung der Agency dokumentiert und verkündet worden. Das Wort Palästina ist eine Plattform für den Frieden geworden. Dieser einheitliche Wille wird, zumal die gesittete nichtjüdische Welt aus unserer Seite steht^ mit Gottes Hilfe durchgeführt werden. Und so wurde in der „Jewish Agency" ein ^2^ DTip HX'131 Balsam geschaffen für die nachfolgenden Unglückstage in Palästina. Die große fortschrittliche Entwicklung, die Palästina in den letzten zehn Jahren aufzuweisen hat, worüber auch bedeutende Sachverständige aussagen, wird den meisten Lesern dieses Blattes nicht unbekannt sein. Wir wollen daher heute nur auf ein Gebiet aufmerksam machen, das vielleicht weniger bekannt ist. Wir meinen damit das Musikleben unter den Juden in Palästina. Was -wir darüber von kompetenter Serie erfahren, grenzt fast an das Unglaubliche. So hatte unter anderen der berühmte Berliner Musikschriftsteller Prof. Dr. Adolf Weißmann — der leider kürzlich während einer Palästinareise verstorben ist — überaus Anerkennendes über die geistige und künstlerische Regsamkeit der Juden in Palästina geschrieben. In seinem Vortrage an der hebräischen Universität in Jerusalem über moderne Musik hat Prof. Weißmann rühmend die jungen palästinensischen Komponisten, mit denen er bereits seit einiger Zeit in Fühlung steht, hervorgehoben, und er erörterte dabei die Frage, ob in Jerusalem ein solches Musikfest stattfinden könnte, wie es kürzlich in Genf von der Internationalen Gesellschaft für neue Musik veranstaltet wurde. Der Präsident dieser Gesellschaft, die eine palästinensische Sektion in Jerusalem besitzt, hak durch Weißmann Grüße an diese Sektion übermitteln lassen. Wenn man bedenkt, daß man noch vor kaum sechs Jahren ein künstlerisches Konzert in Palästina nicht aufführen konnte, weil das Publikum sehr wenig Verständnis dafür hatte, jetzt aber die Konzerte und Opernaufführungen — Text in hebräischer Sprache — überfüllt sind, so kann man wirklich über diese eminenten Fortschritte erstaunt sein. Das Haus zu de« zwei Löwen. Von S. Rothschild- Worms. Vor ungefähr 300 Jahren lebte ein frommer und gelehrter Mann, Josua, etwa 2 Stunden von Deutz entfernt. In diesem Städtchen, Köln gegenüber, blühte eine große jüdische Gemeinde, da in damaliger Zeit Juden in Köln nicht wohnen dursten. Josua hatte sich ein Häuschen dicht am Strome gebaut und besaß einen Nachen, mit dem er die Leute auf das linke Ufer und hinunter bis Köln beförderte. Mit dieser schweren Arbeit verdiente er sein kärgliches Brot. An dieser Stelle am User war der Verkehr ein spärlicher, so daß ihm viel freie Zeit blieb, und die benützte er zum „Lernen" in den heiligen Büchern und zum Schreiben von Thorarollen, Megillot und anderen frommen Schriften. Die Anfangsbuchstaben malte er gar künstlich in vielen schönen Farben, denn in Malen und Hebräisch-Schreiben war er ein großer Künstler. Er und sein braves Weib hatten noch eine Beschäftigung. Wo jemand krank wurde, wo Unterstützung nötig war, erschienen Josua oder seine Frau ungerufen und leisteten Hilfe, soweit es ihnen nur möglich war. Sie wurden deshalb auch in der ganzeii Umgebung geliebt und geehrt, von Juden und von Christen. Josua war mit frommem Eifer an seiner Arbeit. Am Tage schrieb er an der Thorarolle, abends schnitzte er an zwei Löwen, die er zur Zierde der hl. Lade in Deutz bestimmt hatte. Eines Abends war er wieder beschäftigt, seine Frau saß neben ihm und' spann. Da klopfte es leise an der verschlossenen Haustüre. „Fährmann, öffnen!" Josua stand auf, schob den Riegel zurück und ein Mann trat ein. Der trug einen große Last aus der Schulter und ließ sie schwer niederfallen. Dann setzte er sich und schöpfte tief Atem. „Schiffer", sprach er, „höre mir zu! Ich habe hier, eine kostbare Last, die sollst du mir ausheben und heute Nacht nach Köln fahren. Die Mühe wird dir reichlich belohnt. „Bei dem stürmischen Wetter kann ich nachts nicht fahren, dazu reichen meine Kräfte nicht." „Es darf aber nicht bei Tage geschehen, denn das Ganze mutz Geheimnis bleiben. Rudere heute Nacht, ich gebe dir 10 Goldstücke." „Ich vermag es nicht, bei dem Wetter kann ich den Kahn nicht leiten." Der Unbekannte fluchte. „Verwahre mir den Sack wenigstens, bis ich wiederkomn'.e. Du mutzt ihn aber verbergen, damit ihn niemand sieht." Josua wich zurück. „Mutet ihr mir auch nichts Unrechtes zu? Wer seid ihr denn?" Der Fremde lachte höhnisch. „Ich will ganz offen sein, damit du dich nicht länger sträubst. Ich bin der berühmte Räuber Hannes, und die Häscher suchen' mich. Die Beute kann ich nicht mitnehmen, denn ich muß mich in Sicherheit bringen, und deshalb sollst du sie hier verwahren." Josua rief: „Gott soll mich behüten, daß ich geraubtes Gut hehle." Der Räuber ergriff seinen Sack und sagte wütend: „Ich werde dir das gedenken, dessen kannst du sicher sein." Er ging und war bald verschwunden. Frau Täubchen hatte zitternd alles mit angehört. Als der Verbrecher das Haus verlassen hatte, sagte sie: „Der Bösewicht will sich an uns rächen." Josua lächelte ruhig und erwiderte: „Gott ist mit mir, ich fürchte nichts." Einige Tage später saßen Josua und ferne Frau wieder in ihrem Stübchen bei ihrer friedlichen Beschäftigung. Sie arbeitetet! fleißig und begaben sich dann zu Bette. Um Mitternacht wurden sie durch ein Geräusch geweckt und fuhren entsetzt in die Höhe. Da sahen sie drei dunkle Gestalten in der geöffneten Tür stehen. Josua rief: „Allmächtiger Gott, Hannes!" Der Räuber sprang zu ihm hin und schrie: „Ihr müßt jetzt euer Geld und euer Leben lassen." Frau Täubchen betete laut. Hannes faßte sein Opfer am Arm und zog es ins Zimmer, wo der Ofen noch einige Helligkeit verbreitete. Der Bösewicht zog seinen Dolch — da hörte er plötzlich hinter sich ein Geräusch und wandte sich um. O, Schrecken, was erblickte er! Die beiden Löwen, die Josua geschnitzt hatte und die aufrecht standen, hatten sich langsam auf ihre Tatzen niedergelassen. Sie wurden größer und größer, ihre Augen blitzten, und aus den geöffneten Rachen ertönte schreckliches Gebrüll. Der Schein aus dem Ofen wurde heller und heller, und auf einmal strahlte das ganze Zimmer im blutroten Lichte, in dem die Löwen riesengroß dastanden. Die furchtbaren Tiere duckten sich nieder zum Sprunge, da faßte die beiden Räuber, die noch an der Tür standen, Entsetzen, und sie entwichen aus der offenen Pforte. Auch Hannes ermannte sich gewaltsam und wollte an den Löwen vorbei, seinen Genossen nachzuspringen. Aber der eine Löwe streckte seine Tatze aus und ließ sie schwer auf die rechte Hand des Räubers fallen. Der schrie laut auf, der Löwe ließ ihn los, und Hannes etlte hinaus. Jetzt waren die beiden Alten wieder allein. Die Löwen brüllten noch einmal furchtbar, dann wurden sie wieder klein und standen wieder unbeweglich auf ihrem Bänkchen. Die beiden Bösewichter glaubten die wilden Tiere hinter sich, liefen in ihrem Schrecken in die Nacht hinein und achteten nicht auf den Weg. Sie bemerkten nicht das abschüssige Ufer und stürzten in den Rhein, wo am anderen Tage die Leichen bei Köln gelandet wurden. Die ruhigen Bürger schauderten über das schreckliche Ende, das die beiden Räuber genommen hatten. Hannes Hand war von dem Tatzenschlage des Löwen gänzlich zerfleischt, und das Blut floß von ihr hinunter. Er lief immer weiter, plötzlich schwand ihm vor Schmerz und Blutverlust die Besinnung, und er sank zu Boden. Am anderen Morgen fanden ihn die Bauern, die Gemüse nach Köln fahren wollten, mitten auf der Landstraße liegen. Sie erkannten den gefährlichen Burschen und brachten ihn nach Köln. Gefaßt ging er zur Richtstätte, um seine vielen Verbrechen zu sühnen. Am Freitag brachte Josua in Begleitung seiner Frau die beiden Löwen nach der Deutzer Synagoge und befestigte sie an der hl. Lade. Am Sabbatmorgen sprach er das Dankgebet für Rettung aus Todesgefahr, und die ganze Gemeinde betete mit. Das Wunder wurde bekannt, und Josuas Häuschen erhielt den Namen „Haus zu den zwei Löwen." 5

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