Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 11 (11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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ragenden Kultureinrichtung bereits in den weitesten Kreisen erkannt hat.ft Es ist freilich nicht möglich, im Rahmen dieses Aufsatzes die Bedeutung des Jüdisch-theologischen Seminars eingehender zu würdigen: das Seminar ist ein geschichtlicher Faktor und bedeutet ein Stück jüdischer Religionsgeschichte. Das jüdische Leben. der letzten 75 Jahre hat dem Seminar den wesentlichsten Teil seines religiös-geistigen Aufschwungs zu verdanken. Den allseitigen Glückwünschen, die jetzt dem Breslauer Seminar anläßlich seines 75jährigen Bestandes entgegengebracht werden, fügen die Israelitischen Religionsgemeinden Hessens gerne auch die ihrigen hinzu. Dieser Mittelpunkt jüdischer Geistesarbeit möge auch in Zukunft seine segensreiche Arbeit in bewährter Weise fortsetzen, religiöse Fachkenntnis vereint mit weltlichem Wissen im Geiste humaner, universaler Aufklärung verbreiten, zum besseren Verständnis des Judentums und zum Wohle der ganzen Menschheit. Dr. Heinrich Guttmann, Bingen a. Rhein. *) Literatur über das Seminar: Akten des Kuratoriums der Fränckelschen Sistungen, Breslau; „Das jüdisch-theologische Seminar Fränckelsche Siftung zu Breslau am Tage seines 25jährigen Bestehens." Breslau 1879. J.> Stein: Geschichte der Stadt Breslau im 19. Jahrhundert. Breslau, 1884; M. Brann: Geschichte des Jüdisch-theologischen Seminars. Breslau, 1904; W. Freund: Zur Judenfrage in Deutschland. 1843—44; Programm zur Eröffnung des Seminars, Breslau, 1854; M. Frankel: Kur Hasahaw (hebr.) Newhork, 1928. Der Friedensgedanke. Von Rabbiner Dr. Erich Bienheim, Darmstadt. In unseren Tagen geht von neuem eine Bewegung durch die Welt, die stch Gehör verschaffen möchte, die sich um des hohen Zieles willen auch Gehör verschaffen mutz. Es war zweifellos eine Tat von weltbistorischer Bedeutung, datz die großen Konfessionen eine Arbeitsgemeinschaft gebildet haben, um für den Friedensgedanken zu werben und für seine Verwirklichung praktische Arbeit zu leisten. Und es war andererseits die höchste Zeit, datz die Religionsgemeinschaften als solche ihre besondere Pflicht und Verantwortung erkannten, auf diese Weise einem Ideal zu dienen, das ein in dem Gottesglauben wurzelndes sittliches Gebot ist. Mit Recht ist bereits darauf hingewiesen worden, datz das Judentum, wenn es sich auch als letztes der Bekenntnisse jener Arbeitsgemeinschaft eingereiht hat, doch nicht untätig beiseite stehen kann, wenn dazu aufgerufen wird, „einem neuen Vernichtungskriege vorzubeugen und den wahren, gerechten, gefestigten Frieden aufzubauen." Denn unsere Religion hat vor Jahrtausenden zuerst die Forderungen des Weltfriedens und der Völkerversöhnung erhoben und in diesen Jdeenden Sinn und dasZiel und auch die Voraussetzung aller menschlichen Kulturarbeit erblickt. Und gerade die Gebete unserer hohen Feiertage verkünden immer wieder und in mannigfachen Abwandlungen den Gedanken der Einigung aller Menschen in einem Gottesreich des Friedens. „Und so laß denn, Ewiger, unser Gott, ein Erschauern vor Dir über alle Deine Werke kommen und ein ' ehrfürchtiges Bangen vor Dir über alles, was Du erschaffen hast, daß Dich alle Geschöpfe fürchten und alle Wesen sich vor Dir beugen und sie alle 'in einem Bund sich zusammenschließen, Deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen." Damals, als wir noch unmittelbar unter dem lastenden Eindruck des Weltkrieges standen, da hat es wohl niemanden gegeben, der nicht zu der Einsicht gekommen wäre, datz der Krieg in jeder Hinsicht verabscheuenswert ist. Aber viele Menschen vergessen so schnell, und sei es auch das Grausamste. Oder es schweigen diejenigen, die all das Unmenschliche am eigenen Leibe erfahren haben, und dann heitzen so manche anderen, unbeschwert und unbelehrt von der Vergangenheit, den frisch-fröhlichen Krieg um so lieber willkommen. So kommt es, datz bereits jetzt, erst gut ein Jahrzehnt nach Kriegsende, von verantwortungslosen Heißspornen mit dem Gedanken eines neuen Krieges gespielt wird, datz manche Erzieher die ihnen anvertraute Jugend mit dem Geiste der Revanchelust zu erfüllen suchen. Was führen diese Kriegsfreunde zu ihrer Rechtfertigung an? Sie behaupten, daß die'Beseitigung des Krieges ausgeschlossen sei, weil die Spannungen zwischen den Völkern immer wieder im Kriege Entladung suchten. Zudem sei der Krieg als gelegent- - licher „Jungbrunnen der Menschheit" unentbehrlich, seine Ab- - schqffung würde bedauerlicherweise zur Verweichlichung der Men¬ 4 schen führen. Der Krieg erzeuge Helden, der Frieden aber Schwächlinge. Der ewige Friede sei ein Traum, und nicht einmal ein schöner Traum; ohne den Krieg verwandle sich die Welt zu einem Schauplatz, wo nur allein der Egoismus angebetet werde. Aus dem Eifer für den Frieden spreche in Wirklichkeit nichts anderes als Klugheit, die Leben und Geld sparen wolle, Angst, bei einem unglücklichen Ausgange des Krieges alles verlieren zu müssen. Allerdings, der Vernünftige wird von vornherein nur Gut und Blut wagen wollen, wenn es nötig und ein Gebot der Notwehr ist. Ein sinnloses Hinopfern des Lebens aber, bloß um Mut zu bewähren und überschüssige Kraft sich entladen zu lassen oder aus Freude am grausigen Spiel, — es kann uns nur verabscheuenswert erscheinen. Und was von der Bedeutung des Krieges als „Stahlbad" zu halten ist, dafür haben gerade in letzter Zeit die Kriegsbücher der einfachen Soldaten sogar denen, die nicht im Kugelregen standen, wohl endgültig die Augen geöffnet. Der Krieg ein Jungbrunnen? Er kann es schon deshalb nicht mehr sein, weil es sich überhaupt nicht um einen Kampf von Mann zu Mann handelt, sondern um den rücksichtslosen Einsatz der letzten Möglichkeiten, die Chemie und Technik zur Vernichtung von Menschenleben an die Hand geben. Auch wagen wir es nicht mehr, den Krieg als eine Feuerprobe der Völker, als Auslese des tüchtigsten Volkes zu betrachten, denn ist nicht der unglückliche Ausgang des Krieges wesentlich durch äußersittliche Gründe, durch Ueberlegenheit der Gegner an Soldaten, Maschinen, Nahrung und Geld, veranlaßt worden? Und wer hat nicht seine anfängliche Kriegsbegeisterung mit ganz anderen Augen angeschaut, nachdem er eingesehen hat, datz es sich im Kriege nicht nur um ideale Werte, sondern auch um sehr reale Interessen, um Machtgelüste und um den Wettkampf mit Rohstoff- und Absatzgebiete, gehandelt hat? Aus alledem ergibt sich das wahre, ungeschminkte Bild des Krieges. Und da sollte nicht "jeder ein Anhänger des Friedensgedankens sein und für ihn streiten und für ihn sich einsetzen, wo und wie er nur irgend kann? Vielleicht lassen sich noch einige von der falschen Einstellung bestimmen, den Staatsgedanken zu übertreiben und den Staat als letzten und höchsten Wert hinzustellen. Aber höher als die Staatsidee steht die Idee der geeinten Menschheit, höher als der Machtgedanke steht der Gedanke von Recht und Gerechtigkeit. Wer da sagt: Der Krieg mutz sein, der verleugnet die tiefste Ueberzeugung unseres Gewissens, datz der Sinn der ganzen Welt und der Menschheitsentwicklung nicht die Trennung, sondern die Verbindung, nicht die Feindschaft, sondern liebevolle Duldung ist. Und derjenige Staat, der sich dtesem Weltsinn nicht unterordnet, hat seine Aufgabe verkannt. Wenn je ein Volk heldenhaft durch die Jahrtausende der Geschichte geschritten ist, dann ist es das jüdische. Aber sein Heroismus will nicht das Schlachtfeld, sondern das lebendig flutende Leben als Stätte der Bewährung, um dort den Mut zu mannhafter Vertretung der eigenen Ueberzeugung zu betätigen, einen Lebensmut, der oft nicht weniger Kraft verlangt als das Soldaten^andwerk. Nicht der Krieg, sondern der Friede ist das höchste Gut, der Anreger wahren Fortschritts. Und wenn die Politik unserer Tage oftmals diesem Streben nach Frieden nicht zu entsprechen scheint, so erschüttert das unseren Glauben nicht. Das Recht kann nicht sterben: die Zukunft muß es an den Tag bringen, denn das Recht ist Gottes. Aus dieser Gewißheit quillt unser Glaube an die bessere Zukunft der Menschheit, die da kommen mutz. Arbeit, schrittweise, bedächtige Arbeit zahlloser Geschlechter tut not bis zu dem fernen Ziel. Es ist ganz gewiß, datz einmal die Zeit kommt, wo der Krieg durch rechtliche Vereinbarungen beseitigt ist. Das sei ein Traum? Wieviel Spott mag wohl auf den Mann gehäuft worden sein, der zuerst den Gedanken äußerte, daß die Blutrache ein Unrecht und ein Verbrechen fei. Und wir Menschen der Gegenwart sollten weniger zukunftsgläubig und idealgesinnt sein, als daß wir nicht die Abschaffung der Blutrache unter den Völkern forderten? Darum grüßen wir als Juden, als Nachkommen der Propheten, alle Streiter für den Frieden der Völker! Wir gehen mit ihnen Seit' an Seite, wenn sie die Gesinnung ausrotten wollen, die zum Kriege führt, — unersättliche Gewinnsucht, nationalen Hochmut, Völkerhaß —, und die andere pflegen wollen, die den Frieden zwischen den Völkern anbahnen kann. Das ist unsere Pflicht, die wir erfüllen wollen, auch wenn uns das Bewußtsein davon quälend überkommt, daß unseren Friedenshoffnungen noch lange der tragische Schmerz der immer wiederkehrenden Enttäuschung nicht erspart bleiben wird. Wer von uns dennoch an den Bestrebungen der Friedensbünde tatkräftig mitarbeitet, der trägt sein Teil dazu bei, datz jener Gedanke unserer hohen Feiertage der Verwirklichung näher gebracht wird, der in der Forderung gipfelt, datz alle Menschen in einem Bunde sich zusammenfinden, um allein den Willen Gottes mit ganzem Herzen zu erfüllen.