Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 11 (11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Aus unseren Verbandsgemeinden. Alzey. Die hiesige israelitische Ncligionsgemeinde feierte am 20. Oktober, dem 2. Tage des Laubhüttensestes, gleichzeitig das 75jährige Synagogenjubiläum. Die Synagoge war aus diesem Anlaß sehr schön durch Palmen, Guirlanden und Blumenarrangements geschmückt, so daß sie tatsächlich einem Blumengarten glich. Auch der Gottesdienst hatte durch L-olo- und Chorgesänge ein besonders festliches Gepräge. In seiner Festpredigt ging Herr Rabbiner Dr. Lewit von der Haftoroh, welche vsn der Einweihung des salomonischen Tempels berichtet, aus, gedachte der Vorsteher, die das heutige Gotteshaus erbauen ließen, der Herren Maier, Lessing, Levi und Neuberger, erinnerte daran, daß der damalige Rabbiner Dr. Adler s. A. seiner Einweihungsrede den Text: „w’osu li mikdosch w’sdiochanti b’sodiom, sie sollen mir einHeiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne", zugrunde gelegt habe. Dies gelte auch für den heutigen Tag. Er verbreitete sich dann über die dreifache Bedeutung des Gotteshauses als bes tefilloh Gebetshaus, bes hamidrosch Lehrhaus und bes hachneseth Versammlungshaus. Im weiteren erwähnte der Rabbiner auch, daß durch Gottes Gnade vier Männer der Gemeinde, die schon zur Zeit der Einweihung lebten, das heutige 75jährige Jubiläum mitfeiern könnten. Es sind dies der Nestor der Gemeinde, Herr Abraham Levi, welcher im vergangenen Sommer seinen 90. Geburtstag feiern konnte, der Ortsrichter, Herr Albert Levi, Ehrenvorsitzender des Vorstandes und langjähriger 1. Vosteher der Gemeinde, Herr Karl Neuberger, der auch zwölf Jahre lang das Amt des Schriftführers im Vorstande verwaltete und Herr Bäckermeister Simon Süßkind, der Wohl vielen rheinhessischen Israeliten als früherer Mazzenlieferant bekannt sein dürfte. Die sämtlichen Herren erfreuen sich alle, trotzdem sie das höchste biblische Alter. 80 Jahre, überschritten haben, noch großer Rüstigkeit und besuchen noch fleißig die Synagoge. Mit dem Wunsche, daß das hiesige Gotteshaus stets seinem Zwecke gerecht werde, verband der Geistliche noch den Wunsch, daß auch die Gemeinde ihre religiösen Aufgaben stets erfüllen möge zur Ehre Gottes und zum Segen des Judentums. Osthofen. Am Sonntag, den 22. Sept., hatten sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu einem Fest ganz besonderer Art versammelt. Nach langen Mühen und vielen Opfern war es gelungen, die Renovierung der Synagoge zu bewerkstelligen. Das Opfer war der Mühe wert gewesen. Unter der fachmännischen Leitung des Herrn Regierungsbaurats Gerlach, Worms, ist die Synagoge einfach aber geschmackvoll hergerichtet worden. Eingeleitet wurde die Feier von einem Präludium. Dann sangen die Herren Kehr, Sobernheim, Löwenstein und Agulnik, Mitglieder des Shnagogenchorvereins Worms, ausdrucksvoll das Matowu. Der Vorsteher der Gemeinde Osthofen, Herr Ebert, begrüßte die Anwesenden und dankte für das zahlreiche Erscheinen. Unter den Gästen begrüßte er besonders die Herren Bürgermeister Brenner und Beigeordneter Knieriehm, Osthofen, Herrn Sanitätsrat Dr. Nickelsburg als Vertreter des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Hessens, den Vertreter der Gemeinde Worms, Herrn Kiefer, sowie die Vertreter der benachbarten Gemeinden. Besonderen Dank sprach er allen denjenigen aus, die dazu beigetragen haben, die Synagoge würdig wieder herzustellen, und denen, die durch ihr Mitwirken das Fest verschönern helfen. Zuletzt las Herr Ebert ein Glückwunschschreiben des Ministeriums für Kultus- und Bildungswesen und eines vom Kreisamt Worms vor. Herr Rabbiner Dr. Holzer, Worms, hielt die Festrede. Die Hauptsache des jüdischen Gotteshauses ist nicht Zweckbestimmung, sondern Zweckerfüllung. In der Pflege des religiösen Lebens, in der Heiligung des menschlichen Eigenlebens durch die Religion liegt die Erfüllung des Judentums, und so predigt die jüdische Religion als oberstes Sittengesetz die Nächstenliebe. Die Rede klang aus in der Mahnung, in Eintracht und Einigkeit zusammenzuleben. Herr Bürgermeister Brenner ergriff darauf das Wort, und feine Rede war eine Aufforderung an die Eltern, die Religion im Hause zu erhalten, die Kinder gottesfürchtig zu erziehen, denn ohne Religion könne ein Staat nicht bestehen. Herr Sanitätsrat Dr. Nickelsburg lobte in seiner Rede hauptsächlich den Eifer der Gemeinde Osthofen, die durch eigene Kraft sich emporarbeite und stellte ihre vorbildliche Regsamkeit als Muster hin. Herr I. Kiefer üverbrachte die Grüße der Gemeinde Worms und beglückwünschte die Gemeinde Osthofen zu dem schönen Gelingen ihres Werkes. Mit dem Gesang des Herrn L. Agulnik, 1. Kantor in Worms: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", fand die Feier einen würdigen Abschluß. Schotten. Am 21. September d. I. wurde unsere Synagoge nach vollständiger und wohlgelungener Renovierung wieder neu geweiht. Die kunstvolle Ausmalung war von Kirchenmaler Belte, Darmstadt ausgeführt worden. Die Synagoge, ein massiver Basaltsteinbau, gebaut 1863, war im Innern kahl und eintönig, jetzt erscheint sie im herrlichsten Schmucke, farbenprächtig und würdig 6 ausgestattet. Die gewölbte Decke, in 90 quadratische, gleichmäßig gemalte Felder-Kassetten eingeteilt, wirft aus ebensovielen matten Kugeln ein herrliches Licht hernieder. An den Wandsimsen glänzen in großen, goldenen Lettern Bibelsprüche und in den prächtig gemalten Fensternischen einzelne hebräische Wörter. Der Festgottesdienst, zu dem eine große Anzahl geladener Gäste —. Bürgermeister, Stadtvorstand, evangel. und kath. Geistliche. Kirchenvorstände, Bauamt usw. — erschienen waren, wurde durch einen Umzug mit den Thorarollen eingeleitet. Lehrer Kaufmann begrüßte sodann, anknüpfend an die Bibelworte, die die Wände zieren, die Erschienenen und dankte allen, die an dem schönen Werk mitgearbeitet und allen edlen Spendern, hiesigen und auswärtigen, die in anerkennenswerter Weise zur Deckung der Kosten beigetragen hatten, unter denen auch die Stadt Schotten genannt werden muß. Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld, Gießen, behandelte in seiner Festpredigt die Frage: Was ist eine Synagoge, was ist ein jüdisches Gotteshaus?. Seine gehaltvollen Ausführungen machten auf alle Anwesenden einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Worms. Den 60. Geburtstag beging hier der Kantor und Religionslehrer L. Agulnik. Zur Gratulation waren der Gesamtvorstand und Rabbiner im Hause des Jubilars erschienen, wo der 1. Vorsitzende der Gemeinde, Sanitätsrat Dr. Nickelshurg, in poesievoller Rede die Wünsche Aller zum Ausdruck brachte, alle Seiten der Berufstätigkeit in idealer Auslegung beleuchtend. In schöne Parallelen zu ihnen wußte er die Ehrungen und Angebinde zu bringen; einen prachtvollen Blumen- und Früchtekorb zum Erziehungswerk der blühenden Jugend, den Titel Oberkantoc zu den synagogalen Gesang- und Musiktalenten, eine Ausgabedecretur, auf den Namen des Gefeierten lautend, zur Tätigkeit als Gemeinderechner. Rabbiner Dr. Holzer gratulierte für die Beamtenschaft, Herr Ad. Kehr, unter Ueberreichung eines silbernen Leuchters für den Synagogenchorverein. Ein reich besetzter Gabentisch zeigte obendrein, wie zahlreiche Mitglieder der Gemeinde an dem Geburtstag Anteil nahmen, und wie sie durch sinnig gewählte Geschenke zum Ausdruck brachten, welcher Liebe und Verehrung sich der Jubilar bei seiner 30jährigen Tätigkeit zu erfreuen hat. Es sei noch nachgetragen, daß Herr Oberkantor Agulnik die uralten Wormser Nigunim sehr gut beherrscht, sie meisterhaft vorzutragen versteht, und daß er, um sie vor Vergessen zu bewahren, gemeinsam mit seinem Kollegen Rosenthal für alle Zeiten in Noten festgehalten hat. Auswandererfürsorge des Hilfsvereins der Deutschen Inden — ein Werk von großer sozialer Bedeutung. Die Auswandererfürsorge des Hilfsvereins der Deutschen Juden wird durch das Büro seiner Zentrale in Berlin, den Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Berlin, die Komitees in Hamburg und Bremen, die Bahnhofsdienste in Stsntsch und Osnabrück und Vertrauensleute im Reiche wahrgenommen. Im Jahre 1929 hat sich die Zahl der Auswanderer und Durch- Wanderer, denen seine Fürsorge galt, stark erhöht, insbesondere was den Durchgangsverkehr auf dem Schlesischen Bahnhof in Berlin anbetrifft. Unter der Fürsorge des Hilfsvereins passierten: Berlin: Bahnhofsdienst des Hilfsvereins, Schlesischer Bahnhof,