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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-11-01 · 11 (11.1929) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
11 (11.1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Zum 75 jährigen Jubiläum des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau. Anfang November dieses Jahres feiert das Jüdisch-theologische Seminar zu Breslau seinen 75jährigen Bestand. Um dieses Ereignis würdigen zu können, ist ein Rückblick auf die Geschichte des Seminars unvermeidlich. Wenn wir von der Zeit der Gründung aus um 75 Jahre zurückgreifen, kommen wir zu den ersten Anfängen der Bibelübersetzung Mendelssohns. Mit dieser Kulturtat hat damals die jüdische Aufklärungsarbeit eingesetzt. Damals begann die Persönlichkeit Mendelssohns in den Vordergrund des jüdischen Geisteslebens zu treten, und die Bahn zu einer geschichtlichen Neugestaltung vorzubereiten. Die schwere Krise, die unmittelbar nach Mendelssohns Tode das Religionsleben im allgemeinen getroffen hat, mußte sich Innerhalb des jüdischen Religionslebens um so empfindlicher auswirken, als die Brücke zwischen religiösem Denken und weltlicher Kultur noch keineswegs hergestellt war. Dem hervorragenden Geiste Mendelssohns mag es wohl gelungen sein, jüdische Frömmigkeit mit der Bildung seiner Zeit zu verbinden, oder genauer gesagt, in ein Verhältnis der Duldsamkeit zu bringen: schon seine Schüler und nächsten Bewunderer und Nachfolger haben es ihm nicht nachgetan. Vielleicht konnten sie es auch nicht. Für Mendelssohn selbst mag diese Synthese mehr etwas Gefühlsmäßiges, rein Persönliches gewesen sein. Eine wissenschaftliche und lehrbare Grundlage, aus der das Zustandekommen einer solchen Synthese hätte erfaßt werden können, war noch nicht vorhanden. Einzelne hervorragende Gestalten tauchten von Zeit zu Zeit auch nach Mendelssohn auf, aber immer waren es Sondererscheinungen ohne Nachfolge. Es fehlte das Wichtigste', nämlich die Möglichkeit, in den breiten Schichten der Judenheit weltliche Kultur und religiöse Schulung in Einklang zu bringen: es fehlte — die Schule. Diese geschichtliche Notwendigkeit führte zur Gründung des Breslauer Seminars?) Es ist die erste Hochschule, die die jüdische Religionswissenschaft in systematischer Weise in Angriff genommen hat. Die Lehrer waren nicht nur Lehrer, sondern auch hervorragende Forscher; sie mußten es auch sein, sonst wäre ja das systematische Lehren unmöglich gewesen. Die einzelnen Lehrgegenstände mußten erst aus dem geschichtlichen Rohstoff, aus alten und mittelalterlichen Quellenwerken, aus fernliegenden Schriften, aus Handschriften, Dokumentensammlungen usw. herausgeholt werden. Aus dieser Tatsache erklärt sich die schöpferische und fruchtbare Arbeit jener Männer, die das Breslauer Seminar alsbald zum Mittelpunkte des jüdischen Geisteslebens gemacht haben. Man braucht nur an einige grundlegende Werke zu erinnern, die von Dozenten des Breslauer Seminars verfaßt worden sind: Zacharias Frankel: Darke Hamischna, Mebo Hajeruschalmi, Septuagintaforschungen, talmudisch-juristische Probleme usw?) Heinrich Graetz: Geschichte der Juden. (Das größte und hervorragendste Werk über Juden und Judentum.) Jakob Bernays: Ueder das Phokylideische Gedicht, außerdem Werke über Philo und aus dem Gebiete der klassischen Philologie. B. Zuckermann: Das Matheniatische im Talmud. I. Freudenthal: Hellenistische Studien (Josephus, Alexander Polyhistor). David R o s i n : Reime und Gedichte des Abraham Jbn Esra. Ferner sei hingewiesen auf die zahlreichen bedeuten¬ 1) Der Gründer des Seminars war Kommerzienrat Jonas Fraenkel, geb. 10. Nov. 1773 zu Breslau. Er war trotz seines Reichtums (er besaß gemeinsam mit feinem Bruder etwa 1,5 Millionen Taler) einfach, bescheiden; ein Rechtsgutachten bezeichnet ihn als eine „Zierde und Vorbild kommerzieller Redlichkeit und Umsicht"; er starb am 27. Jan. 1846. Den größten Teil seines Vermögens verwandte er zu Stiftungen, von denen noch folgende erwähnt werden sollen: ein Krankenhaus, eine jüdische Knaben- und Mädchenwaisenanstalt, eine Stiftung „zur Förderung der Künste und Handwerke", ein „Institut zur Vorbeugung der Armut", ein Zusluchtshaus. Seine Haupttätigkeit in der interkonfessionellen Wohlfahrtspflege war die Gründung des „Vereins zur Erziehung der Kinder hilfloser Proletarier". Die Stadt Breslau hat sem Andenken durch bie Benennung eines Platzes nach seinem Namen sestgehalten. 2) Näheres siehe im Jüdischen Lexikon (Herlitz-Kirschner) unter den der betreffenden Verfasser. (Der Artikel „Jüdisch-theologisches Seminar" enthält allerdings einige Ungenauigkeiten: er gibt z. B. die Anzahl der Bücher der Seminarbibliothek mrt 30 000 an, anstatt mit 40 000; die Zahl der im Seminar ausgebildeten Schüler gibt er mit „über 500" an, anstatt mit 600 usw.). den Werke von L. Lazarus, 5). Joel, $. Lewy, S. Horovitz, M. Brann. Von den wissenschaftlichen Werken der gegenwärtigen Dozenten sei erwähnt: Michael Guttmann: Mafteach Hatalmud, 3 Bde. (auf 12 Bände geplant). Zur Einleitung in die Halacha, Das Judentum' und seine Umwelt. Isaak Heine mann: Poseidonios' Metaphysische- Schriften, Philoübersetzung. Heinemann gibt ferner herausdie- „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" (MGWJ.), die von Z. Frankel begründet und dauernd von einelt? Dozenten des Seminars redigiert worden ist. A. L e w k o w i tz : Mechanismus und Idealismus, I. R a b i n : Rechtskampf der Juden in Schlesien. Ferner die von S. Horovitz begonnene Mechilta-Ausgabe. H. I. Zimmels (Assistent): Beiträge zur Geschichte der Juden in Deutschland im 13. Jahrhundert. Selbst die knappe Auswahl der wissenschaftlichen Werke, die wir eben angeführt hatten, gewährt uns einen Einblick in die überaus wirksame und segensreiche Tätigkeit der Breslauer Schule, die auch in dem Sinne eine „Schule" geworden ist, daß sie einem wesentlichen Teile der deutschen und ausländischen Judenheit Richtung und Grundlage gegeben hat?) Es ist kein Zufall, daß die später gegründeten Seminare zum wesentlichen Teil der „Breslauer Schule angehören, wie die Jüdisch-theologische Lehranstalt in Wien, die Landesrabbinerschule in Budapest, die Jews' College in London, das Jewish Theological Seminary of America in Newyork. Die Hörer des Seminars haben sich durch verschiedene Vereine zusammengeschlossen, zur Förderung ihrer geistigen und kulturellen Interessen. Der „Homiletische Verein", gegründet im Jahre 1865, bildet eine praktische Ergänzung der homiletischen Vorlesungen, der Verein „Liwjath Chen", gegründet im Jahre 1885, hat die Aufgabe, bedürftige Studierende zu unterstützen, der „Verein Jüdischer Theologen", der erst seit einigen Jahren besteht, besaßt sich mit Fragen der Tagesprobleme (Geselligkeit, Politik usw.). Früher haben bestanden: die „Amicitia" (1871 bis 1926), „Gesangverein Jüdischer Theologen", „Literarischer Verein Jüdischer Theologen". Die wirtschaftliche Lage des Seminars hat durch Krieg und Inflation stark gelitten. Da das ursprüngliche Stiftungskapital mit anderen Einrichtungen verknüpft war, kann die ursprüngliche materielle Grundlage des Seminars heute nicht genau festgestellt werden. Jedenfalls haben die Zinsen des Stiftungskapitals bis zum Kriege zur Deckung der laufenden Ausgaben gereicht. In der Inflationszeit hat das Seminar schwere Zeiten bestanden, da der Zusammenbruch der Finanzlage auch verwaltungstechnische Schwierigkeiten mit sich brachte. In der schwersten Zeit wurde in Breslau der „Verein der Freunde des Seminars" gegründet, der zur finanziellen Aufrechterhaltung des Seminars sehr viel beigetragen hat; außerdem wurde die Anstalt von der übrigen deutschen und zum Teil auch von der amerikanischen Judenheit gestützt. Heute wird das Seminar von der gesamten deutschen Judenheit aufrecht erhalten, da man die Notwendigkeit dieser hervor- 3) Aus der Hörerschaft des Seminars sind zahlreiche Gelehrte hervorgegangen, alle ihre wissenschaftlichen Werke können hier nicht aufgezählt werden (M. Brann zählt in seiner „Geschichte des Jüdisch-theologischen Seminars" aus dem Jahre 1904, über 1000 Werke auf. Seitdem ist die Zahl stark vergrößert worden.) DEUTSCHER HEROLD Die Sterbekasse für Alle! Aufnahme bis zum 80. Lebensjahr. Monatl. 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