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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-10-01 · 10 (10.1929) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
10 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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V vollen Tagen des Elul nicht in lauter Feier begangen, sondern in stiller rückblickender Selbstpcüfung und aufRickender Zuversicht, in emsiger Arbeit entsprechend seiner Ideale. Herr Kommerzienrat Kronenberger brachte im Namen des Gemeindevorstandes Glückwünsche dar und versprach der Jugend auch weiterhin die Unterstützung in ihren Bestrebungen durch die Gemeiude. Herr Rabbiner Dr. Levi, der gleichzeitig im Auftrag der Mainzer jüdischen Vereine sprach, betonte ebenfalls, daß die Jugend sich in der Erfüllung ihrer Forderungen in Zukunft nie verlassen sehen würde. Die Tagung selbst, die Dr. Josef Spier, Höchst, leitete, hatte zum Gegenstand der Aussprache das Thema: „Der Kampf um die neue jüdische Gesellschaft". Zwei Referenten teilten sich in seine Behandlung. Jakob Jakobs, Frankfurt, versuchte von theoretischen und mehr soziologischen Gesichtspunkten aus dem Problem beizukommen: Es gehe um einen Kamps, der noch nicht entbrannt sei, und um eine Gesellschaft, die noch nicht existiere. Es solle der Kampf hineingetragen werden in Bestehendes und sein Ziel sei die Schaffung dieser neuen Gesellschaft. Ihr Bild wird entworfen als ein Jdealzustand, den keine Krisen welcher Art auch immer störten. „Jüdische Gesellschaft" im soziologischen Sinne gäbe es nicht; sie sei das Produkt von Organisationen auf Grund gemeinsamer Abstammung und Geschichte. Da die Assimilation am meisten die Religion ergriffen habe, so käme sie gegenwärtig als Gesellschaft bildender Faktor nicht in Frage. Es mangele ihr an gestaltender Kraft und gestaltendem Willen für den Augenblick. Es fehle der zentrale Mittelpunkt. Als solcher käme die Gemeinde von heutzutage nicht in Betracht, deren Parole nur Verwaltung und Erhaltung wäre. Das neue Zentralorgan müsse mehr als Organisation sein; es müsse Triebkraft besitzen und einen lebendigen Organismus darstellen. Diese „Gemeinde der Zukunft" müsse Gestaltungskraft und den Willen haben, soziologische Aufgaben zu erkenne:: und zu erfüllen. — Herbert Felsenthal, Düsseldorf, beleuchtete das Thema mehr von der praktisch wirtschaftlichen Seite. Als Voraussetzung für eine neue Gesellschaft müßten neue Menschen da sein, die ihre als richtig erkannten Forderungen selbst lebten. Dahin zu gelangen wäre Aufgabe der Jugend. Nur kleine Gruppen wären imstande, neue gesellschaftl:che Grundlagen zu schaffen, nicht die Masse und Organisationen; die wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft seien gegen früher verändert, nicht revolutionierend, sondern evolutionierend käme man zum Ziel. So lange nur die Jugend das Alte nachahme, erreiche sie keine neue Gesellschaft. Neue Menschen müßten eine Gemeinde schaffen, die nicht einseitig auf Verwaltung, sondern allseitig auf Gestaltung hinziele. Die Forderung einer „gesamtjüdischen Haltung" habe sich dabei durchzusetzen. Es hieße den Rahmen dieses Berichtes sprengen, wollte man die interessanten, fesselnden Ausführungen der beiden Redner breiter schildern. In der anschließenden Aussprache wurde zu ihnen teils zustimmend, teils ablehnend Stellung genommen. Jedenfalls ergab die Aussprache, wenn auch die Geister gelegentlich heftig aufeinander platzen, ein anschauliches Bild von dem ehrlichen Streben junger Menschen, Aufgaben zu lösen, die sie sich mit dem Problem gestellt haben. Eine einheitliche Lösung konnte sich dabei nicht berauskristallisieren, aber es kam zum Ausdruck, daß nur praktische, erdgebundene Arbeit zum Ziele führen könnte; eine Reihe Wege wurde dazu gezeigt. Zum Schluß der Tagung sprach am Nachmittag Herr Rabbiner Dr. Levi, Mainz, über „Jüdische Jugend und Judenheit von heute". Seine klaren und beifällig aufgenommenen Ausführungen zeigten die Notwendigkeit auf, daß die wirklichkeitsbewußte Jugend ihre Ideen und Forderungen hineintragen müsse in die verschiedenen Organisationen, die die heutige Judenheit besitze. Wenn sie dort tätig mitarbeite, sei Aussicht, daß die Erscheinungen ver¬ Meine Herren! Kaulen Sie bitte Ihre Zigarren und Zigaretten immer preiswert und in schöner Auewahl im Spezialgeschäft, bei Jüdische Raucher empfehlen immer meine Firma Prompter Versand nach auswärts schwänden, die man als alt und rückständig empfinde. Die Organisationen brauchten lebendiges Blut. Tie jüdische Jugend sei auf dem richtigen Weg, wenn sie gewillt wäre, diese Aufgabe ohne Furcht zu übernehmen. An der Tagung nahm eine stattliche Schar der Junggruppen des Verbandes teil. In der geschlossenen Delegiertensitzung wurde nach Erledigung des rein geschäftlichen Teils als neuer Vorort des Landesverbands Mainz gewählt, das den Landesverbandsvorsitzenden für das kommende Jahr stellt. Ein geselliges Beisammensein in Form eines Teeabends, gegeben vom JJV. Mainz, beschloß den arbeitsreichen Tag. Hier bot sich den Verbandsfreunden aus Fern und Nah Gelegenheit, sich in zwangloser Gemütlichkeit menschlich näher zu kommen und den innern Zusammenhalt zu schaffen, der die Voraussetzung für einen Bund der Jugend sein muß. P. Aus unseren Verbandsgemeinden. Alzey. Der frühere Gerbereibesitzer Abraham Levi feierte am 18. Juni d. I. seinen 90. Geburtstag. Herr L. ist Junggeselle und wurde als ältester Bürger Alzeys von seiner Familie im engsten Kreise sehr geehrt und gefeiert. Der Jubilar war bis ins hohe Alter kaufmännisch tätig und war immer ein fleißiger Besucher der Synagoge. Bad Nauheim. Als Ergänzung unseres Berichtes über die Einweihungsfeierlichkeiten (s. Mitteilungsblatt, Nr. 9 vom Sept. 1929, Seite 4 und 5) bringen wir heute das beifolgende Bild der neu- 11* UMA geschaffenen Synagoge in Bad-Nauheim. Dieses Bild zeigt die neuzeitlich eigenartige Gestaltung dieses Baues, der sich durch einfache Form und Schlichtheit der Linien auszeichnet. Bingen. Die israelitische Religionsgemeinde feierte den 200. Geburtstag Moses Mendelssohns durch einen wirkungsvollen Festakt in der Synagoge. Mit den jüdischen Gemeindemitgliedern waren Vertreter staatlicher und städtischer Behörden, Stadtratsmitglieder, Vertreter der Schulen und der Presse gefolgt. Im Mittelpunkt der Feier stand die Gedächtnisrede, welche der Vorsteher der israelitischen Religionsgemeinde, Herr Justizrat Dr. Marx, hielt. Der Redner verstand es, seine Zuhörer in einstündigen Darlegungen zu fesseln und sie mit dem Leben und Wesen Mendelssohns vertraut zu machen. Die Feier war umrahmt von musikalischen Darbietungen, die unter Leitung des Herrn Musikdirektor Knettel stand. Ein Chorgesang, auf der Orgel begleitet von Herrn Walter Rosenthal und ein Duett, vorgetragen von Fräulein M. Pennrich und Frau Max Heymann, leiteten die Feier ein, durch einen Schlußchoral wurde die Feierstunde beendet. 6

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