Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 10 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Eid nimmermehr abgehe, auch von Niemand mich will absolvieren und lossprechen laßen will — so gewiß mir der wahre Gott Adonai helfe! Voll st ändig gleichberechtigt mStaatewurden die Juden endgiltig durch das Landesgesetz vom 2. August 1 84 8, das bestimmte: „Die Verschiedenheit der Religionsbekenntnisse hat keine Verschiedenheiten den politischen und bürgerlichen Rechten zur Folge." Der elliptische Mensch. Von Friedrich Thieberger. Die Oktobernummer der Monatsschrift „Der Morgen" wird dem Andenken ihres frühverstorbenen Herausgebers Professor Dr. Julius G o l d st e i n gewidmet sein. Aus der Reihe der in diesem Gedenkheft veröffentlichten Artikel können wir als Vorabdruck die folgenden Ausführungen Friedrich Thiebergers durch Entgegenkommen der Schriftleitung bringen. Menschen von der Art, wie sie Julius G o I d st e i n in edler Geschlossenheit darstellte, haben mich zuerst gelehrt, die Wirklichkeit des Judeseins nicht von einer erworbenen grundsätzlichen Auffassung aus zu beurteilen, sondern als eine lebendige Gegebenheit, die man hinzunehmen und zu erkennen hat. Für die Selbstentfaltung und das persönliche Ziel im Leben muß leidenschaftliche Entscheidung gelten, für das mitmenschliche Verstehen, für Stunden gerechter Erinnerung gilt ganz gewiß nur Hinnahme und Erkenntnis. In solchen Stunden erscheint mir die Situation im Bewußtsein des Juden von heute durch eine eigentümliche Spannung gekennzeichnet, die zwischen seinem Judesein und schlechthin Menschsein besteht. Dabei ist unter Judesein die Zugehörigkeit zu einem deutlich abgrenzbaren, innerlich vertrauten menschlichen Kreis verstanden, dessen Geschichte mit uns urverwandt ist, und unter Menschsein die atmosphärische Verbundenheit mit der Welt, deren Rhythmus wir als den herrschenden Rhythmus auch unseres gedanklichen, ökonomischen und zivilisatorischen Lebens spüren. Judesein heißt also nicht, abseits vom Menschenwege bleiben, und Menschsein schlechthin heißt nicht, individuelle Besonderheiten ausgemerzt haben. Vielfach hat dieses Allgemein-Menschsein sogar eine nationale Färbung und manchem Juden bedeutet Allgemein- Menschsein soviel wie Deutscher, Franzose, Engländer sein, jedenfalls etwas sein, das aus dem Jüdischen in die sichtbare, also bestimmt getönte Welt hinausführt. Die ständige innerjüdische Debatte, deren zentrales Thema auch heute noch Ghetto und freie Welt ist, der nicht zur Ruhe kommende Monolog des äußerlich angegriffenen jüdischen Bewußtseins, das mit sich ins Reine kommen will, das sind unüberhörbare Symptome jenes Spannungsgefühles. Nun gibt es in jedem Menschen eine Vielfalt von Wirgefühlen, denn jeder Mensch steht gleichzeitig in verschiedenen Sondergruppen, ja, das jüdische Wirgefühl selbst ist schon die Verdichtung religiöser, sozialer, historischer Wirschichtungen. Die verschiedenen Wirgefühle können nun in Gegensatz und Kampf geraten, aber doch nur dann, wenn ein ganz persönlicher Fall aktuell wird, der zu einer ganz persönlichen Lösung drängt. Denn die Gesamteinheit des Bewußtseins erträgt auf die Dauer keine Zerrissenheit. Niemals wird das Russe-, Grieche-, Jndersein a l s solches für den Russen, Griechen, Inder gegenüber seinem Familienbewußtsein oder gegenüber dem Allgemein-Menschsein auch nur ein Spannungsmoment bedeuten. Hier aber liegt der Unterschied zum Juden. Dieser lebt, sobald er sich des jüdischen Wir bewußt wird, in einer ständigen dramatischen Situation; immer ist die Frage in ihm latent: wie wird das jüdische Wir mit dem allgemeinen Wir fertig? Was sonst in den Menschen eine Angelegenheit individueller Gesinnung ist, wird hier ein jüdisches Massenproblem. Von der Namengebung des Kindes bis zur Befriedigung der verschiedenartigsten sozialen Geltungstriebe verläßt den Juden niemals das unterdrückte oder verschleierte oder hervorgekehrte, aber immer nervöse Bewußtsein, daß sein jüdisches Wir auf Schritt und Tritt mit dem allgemein-menschlichen den Ausgleich zu finden hat. Dies alles besagt nicht, daß der Jude voii Natur aus eine besondere geistige Struktur habe, vielmehr, daß die Verhältnisse, in welche er als denkendes und geschichtliches Wesen hineingestellt ist, jene Spannung zwischen seinem jüdischen Wir und seinem allgemein-menschlichen Hervorrufen. Denn auch dort, wo alle ökonomischen und kulturellen Wege dem Juden offenstehen, ist das gleiche Symptom zu beobachten. Ich verweise bloß auf die neueste Literatur französischer Juden (Spire, Fleg), auf Beispiele tschechi- 4 scher Schriftsteller (Fischer), auf die Namensänderungen der Juden in Italien, auf die ängstlichen Bemühungen der amerikanischen Juden, das jüdische Wirgefühl durch Studienanstalten größten Stiles (Hillelschulen) zu fördern. Das hieße ja die Judenfrage sehr oberflächlich betrachten, wenn man sie lediglich als eine Funktwn des Antisemitismus gelten ließe. . Einer der Gründe für die Spannung zwischen dem Mischen. und allgemein-menschlichen Wirgefühl im Juden mag darm liegen, daß ihn das jüdische Wir in irgend einer Schichtung mit ernem über viele Kulturen, Länder und Zeiten zerstreuten „Wir" verbindet, und daß dieses jüdische Wir hier dem französischen, dort dem englischen, dort wiederum dem russischen fortwährend gegenübersteht. Man könnte nun einwenden, daß auch das Wirgefühl des Katholiken über viele Völker und Sprachen reicht, schließlich auch das Wirgefühl des Esparantisten oder das einer internationalen Turnbruderschaft, und daß man doch hier nicht von einem latenten Spannungsmoment zwischen diesem und einem allgemeinen Wirgefühl sprechen könne. Nun ist aber das jüdische Wirgefühl von anderer Art als das einer Gesinnungsgruppe oder gar eines Zweckverbandes, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das allgemein-menschliche Wirgefühl, also das deutsche, französische, russische, nicht das jüdische wie das katholische usw. in sich ausgenommen hat, sondern weil umgekehrt das jüdische Wirgefühl das allgemein-menschliche, das deutsche, französische, russische, zu sich ausgenommen hat. Die Richtung der Wiraufnahme, die Tatsache der europäischen Emanzipation der Juden (und nicht die Emanzipation Europas) ist unauslöschbare, fortwirkende Erinnerung. Darum hat das jüdische Wir eine besondere spezifische Schwere und geht nicht einfach in den Schichtungen des allgemein-menschlichen Wir auf. Vielleicht läßt sich für die jüdische Situation ein Bild verwenden, das die Wirklichkeit ein wenig vereinfacht, aber gerade dadurch die Grundlinien sichtbarer werden läßt. Wenn wir für den Menschen, der in irgendeiner geistigen Kultur steht, in welcher Geschichte und ökonomisches Leben verschmolzen sind, ein Symbol suchen, so können wir am besten das Bild eines Kreises dafür verwenden. Alle Punkte der Peripherie sind dem einen Mittelpunkt in gleicher Weise zugekehrt und alle Kreise, die neu hinzuwachsen, ordnen sich um den einen ursprünglichen Mittelpunkt. In ihm sammelt sich alles geistige Schwergewicht, so wie alle Energien von ihm ausgehen. Der jüdische Mensch hat aber nicht nur einen Mittelpunkt; er läßt sich nicht durch einen Kreis symbolisieren. Auf ihn, der im Jüdischen einen genau so bedeutsamen Mittelpunkt hat, wie im Allgemein-Menschlichen, paßt wohl eher das Bild einer Ellipse mit ihren zwei Mittelpunkten. Es gibt Teile des jüdischen Lebensinhaltes, die dem einen und solche, die dem andern Mittelpunkt näher stehen. Erst in ihrer Summe ergeben die Entfernungen von den beiden Mittelpunkten den ganzen Menschen. Daher mag es kommen, daß der jüdische Mensch die Dinge des Lebens objektiver, nämlich von einer doppelten Stellung aus, sehen kann, daß er kritischer zu sein pflegt und seine besondere Freude an Witz, Ironie, ja Selbstironie hat, weil es hier auf die Doppelsichtigkeit der Welt ankommt. Die Kunst der Anpassung, der Beweglichkeit, der geistigen Umstellung ist die Folge seiner elliptischen Situation. Vielleicht erscheint er anderen dadurch oft unklar, wie mit einem geheimen Reservat spielend, wie noch in einer geheimen Beziehung zu den Dingen stehend. Und doch ist der Jude gerade durch den doppelten Mittelpunkt doppelt gebunden, doppelt verantwortlich. Er geht schnell von der Wirklichkeit auf die letzten Menschheitsziele über und hat gleichzeitig zärtlichste Fürsorge für Menschen und Stätten, in denen sich sein Jüdifches heimisch weiß. Die innere Kraftbeziehung zwischen den beiden Mittelpunkten, den beiden Herzen des jüdischen Menschen, erzeugt das Spannungsgefühl, das ihn ständig in Atem hält. Immer fühlt er sich im Leben beobachtet und darum wie einer, der sich beobachtet weiß, oftmals unfrei. Viele, die nach der Geschlossenheit kreishaften Lebens verlangen, treiben den Pulsschlag des einen Herzens so sehr an, daß sie den andern nicht zu hören vermeinen. Es ist darum auch kein Einwand gegen die elliptische Situation des Juden, daß sich viele mit höchst verdächtiger Eindringlichkeit als Kreismenschen deklarieren. Gerade von diesem Bilde aus kann man Verständnis dafür gewinnen, daß das natürliche Bestreben im jüdischen Menschen darauf abzielt, aus der gespannten Schwebe in die gesunde Gelassenheit einheitlichen Lebens überzugehen. Die Gegensätze im heutigen Judentum stammen im Grunde daher, daß sich die Juden vom exzeptionellen Schicksal ihres elliptischen Menschseins nach der einen oder andern Seite ihrer Mittelpunkte befreien möchten. Und doch liegt gerade in der einmaligen elliptischen Situation des Juden ein Wert, der das gemeinsame Menschheitswerk in unersetzlicher Weise zu fördern vermag. Darum bemühte sich, wie ich glaube, Goldstein in den letzten Jahren, die Liebe zum jüdischen Mittelpunkt zu steigern und das heimatliche Anrecht auf den allgemeinen Mittelpunkt zu erweisen. Denn der elliptische Mensch ist nicht bloß eine Wirklichkeit, sondern, wenn ich so sagen darf, auch ein Programm.