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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-09-01 · 9 (9.1929) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
9 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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zu behandeln, folglich ihre ebräische Unterschriften entweder von einer obrigkeitlichen Person, oder von zween anderen gültigen Zeugen zu bescheinigen. Und damit dergleichen Mängel in der Folge immer weniger Vorkommen mögen," werden Wir zur Verbesserung der bürgerlichen Erziehung der Juden noch weitere Verfügungen treffen, schon jetzt aber verordnen Wir hiermit schließlich, daß sich alle in Unfern Landen befindliche Juden des teutschen Lesens und Schreibens gehörig befleißigen, diejenigen aber, welche dermal das sechzehnte Jahr noch nicht überschritten haben, sich darinnen, sofern es noch nicht geschehen, um so viel gewisser hinlänglich unterrichten lassen sollen, als Wir dieses hiermit zu einer Bedingung künftiger Schutzertheilung machen, und ohne das in den Receptionsberichten hierüber zu ertheilende genügliche Zeugnis, keinem Juden, der gegenwärtig noch in dem bemerkten Alter steht, der Schutz ertheilet werden wird." (Schluß folgt.) Die jüdische Jugend an die Front! Von Gustav Spier, Haigerloch. . (Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands.) „Im September wird die Arbeit der Bünde des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands unter dem Thema „Die jüdische Jugend für den Frieden" durchgeführt. Eine Einführung und gründliche Beschäftigung der jüdischen Jugend mit den vielseitigen Problemen des Friedens soll durch diese Arbeit erreicht werden." Unter den Problemen, die unsere Zeit bewegen, ist das größte, aber auch das schwierigste das Problem des Friedens, des sozialen sowohl wie des Friedens zwischen den Nationen. Vielleicht für alle Zeiten werden wirtschaftliche und ideelle Gegensätze zwischen den verschiedenen Klassen eines Volkes und zwischen den Angehörigen der verschiedenen Nationen bestehen, aber die Erfahrungen der letzten 15 Jahre sollten uns darüber Klarheit verschafft haben, wie sehr das Wohl des einen von dem Gedeihen aller abhängt und daß nichts verfehlter ist, als die Spekulation eines Einzelnen oder eines Volkes, aus dem Unglück des Nachbarn das eigene Glück zu schmieden. Und keine Gemeinschaft hat so oft Gelegenheit gehabt, zu erkennen, daß die Not der arideren zur eigenen Not wird, wie unser jüdisches Volk. Die Völker sollten es gelernt haben in den schweren Jahreri der Kriegs- und Nachkriegszeit. Vor allen anderen aber sollten wir es begriffen haben, denn uns sieben die Erfahrungen einer oieltausendjährigen Geschichte zur Verfügung, uns sind die Lehren dieser Geschichte ins Blut übergegangcn. Wir vor allen müssen fühlerr: Es gibt für die Welt und für uns keinerr größeren Segen, als der Frieden! So haben es die Propheten Israels verkündet, so haben die Weisen des Talmuds es gelehrt. Es ist uns eine Forderung der Religion, dem Frieden nachzustreben zwischen Mensch und Mensch zwischen Volk und Volk. Freilich, wir sind beeinflußt von fremden Ideen in einer hundertjährigen Emanzipations- und Assimilationsperiode, unö wir haben von unserer Umwelt nicht immer nur das Gute und Richtige übernommen. So versagte unser jüdischer Instinkt für den Frieden unter der Einwirkung des pseudo-patriotischen Schul- und Kasernenhofdrills, so glaubten wir gar, im blutigen Völkerringen „mehr als unsere Pflicht" tun zu müssen. So gibt es noch heute Juden, die glauben, gerade im Hinblick auf eine judenfeindliche Umgebung sich besonders „national" gebärden zu sollen und mit dem Hinweis, daß es „Rischus machen" könnte, abraten zu müssen von jedem entschiedenen Eintreten für Völkerversöhnung und Völkerfrieden. Für wahrhaft junge Menschen gibt es keine solche Oppotuneität. Wenn ihr Herz von der Größe und Wahrheit einer Idee erfüllt ist, wird keine Aussicht auf äußere Vorteile sie zum Verleugnen und Verschweigen bringen. Aber wir sollen ja nicht verleugnen und verschweigen. Wir sollen bekennen und eintreten für das Wahre und Rechte! Unser Judentum, unser Menschentum gebieten uns das Hinstreben zum Menschen- und Völkerfrieden; unsere Religion stellt uns das Reich des Messias vor Augen als eine von uns (und denen die nach uns kommen) zu verwirklichende Aufgabe. Da genügt nicht ein Bekennen mit Worten; da bedarf es des Bekenntnisses durch die Tat! Und da ist es unumgänglich, daß wir uns hineinstellen in die Reihen derer, die — umbrandet van Haß und Schmähungen — für das Werk des Friedens ihren schweren Kampf kämpfen! Da ist es Pflicht, einzutreten in die pazifistischen Organisationen, unter denen seit kurzem auch eine rein jüdische sich befindet, der „Jüdische Friedensbund". Wir folgen damit einer Forderung unseres Glaubens und unseres Gewissens; wir bahnen mit dem Frieden für die Nationen 4 auch den Frieden für unsere zersplitterte und so vielfach angefeindete jüdische Gemeinschaft an; denn erst in einer Welt allgemeiner Versöhnung und allgemeiner Verbrüderung wird uns der Friede kommen. Darum, jüdische Jugend, an die Front! Stellt euch entschlossen in die Reihen derer, die der Menschheit den Frieden erkämpfen wollen! Verbände und Vereine. Die Zentralwohlfahrtsstelle Mainz teilt uns mit: In der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem sind eine Anzahl Lehrstellen frei geworden. Jüdische junge Leute, die körperlich und geistig gesund und moralisch einwandfrei sind und Liebe zur praktischen Arbeit haben, können gleich oder zum 1. Oktober d. I. als Gärtner-, Schneider- oder Schuhmacherlehrling in genannter Anstalt ausgenommen werden. Auf Grund einer Aussprache, die am 3. Juli 1629 in Mainz mit einer Reihe von gesetztestreuen Arbeitnehmern in Anwesenheit eines Mitgliedes der Bundesleitung des Angestellten- Bund Agudas-Jsroel stattfand, wurde die Gründung einer Ortsgruppe des Bundes in Mainz beschlossen. Der vorläufige Arbeitsausschuß wird gebildet aus Hermann N. H. A u e r b a ch, Frl. Jdel Rudowski. Die Gruppe ist bereits in diesen Tagen mit einem Aufruf an die Firmen Nheinhessens herangetreten und hat für Stellesuchende eine ständige Sprechstunde eingerichtet, die jeweils am Montag von 8 Uhr bis 8.30 Uhr stattfindet. Aus unseren Verbandsgemeinden. Alsbach. Herr Lehrer Frank beging vor einigen Tagen sein 40jähriges Jubiläum in hiesiger Gemeinde. Er verstand es, durch sein bescheidenes Auftreten und seine segensreiche Wirksamkeit in den ihm anvertrauten Aemtern sich allenthalben Anerkennung und Liebe zu verschaffen. Bad König i. Odw. Die hiesige Gemeinde erhielt anläßlich eines Besuches aus Amerika einen "prachtvollen Thoraschmuck zum Geschenk. Zum Andenken an die in Bad König verstorbenen Eltern Max Hermann und dessen Frau Miriam, geb. Strauß, die im letzten Jahre nach Erreichung eines Alters von 90 Jahren das Zeitliche gesegnet hat, stiftete die Tochter Nanh Hermann eine silberne Jad, sowie eine Frau Lehmann aus Amerika, die Enkelin von Löb-Strauß in Bad König, ein silbernes Schild und eine kunstvoll gearbeitete Krone. Bad-Nauheim. Die Feier zur Einweihung der neuen Synagoge begann am 16. August d. I. vormittags 11 Uhr mit einem Abschiedsgottesdienst in der alten Synagoge. Das Gotteshaus, das 63 Jahre lang in Benutzung war, hatte sich zum letzten Male dicht gefüllt. Provinzialrabbine'r Dr. H i r s ch f e l d, Gießen, hielt eine kurze Ansprache über das Wort „Du sollst dich erinnern!" Nach Gesang und dem Ausheben der Thorarollen setzte sich dann ein feierlicher Zug nach der neuen Synagoge in Bewegung. Mitglieder des Kurorchesters leiteten den Akt mit dem Vortrag des Altniederländischen Dankgebets ein. Die Straßenstrecke, durch die sich der Zug bewegte, war von eurer dichten Menschenmenge umsäumt. Die Einweihungsfeier mit Fe st gottesdien st nahm vor der neuen Synagoge um 11.30 Uhr den Anfang. Auch diese Feier wurde mit einem Musikvortrag eingeleitet, Beethovens „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Frl. Grete R o s e n t h a l übergab dann im Aufträge des Architekten des Neubaues den Schlüssel der Synagoge an die Behördenvertreter. Der Architikt der Synagoge, Rich. Kaufmann aus Frankfurt' a. M., begleitete den Vorgang mit einigen Worten, in denen er betonte, daß die Schlüsselübergabe seine Tätigkeit abschließe und in denen er ferner seinem besonderen Stolz darüber Ausdruck gab, daß er als Mitglied der israelitischen Gemeinde bei Vollendung des Werkes vor allem auch eigene Gedanken ausführen durfte. Kreisdirektor R e ch t h i e n, der zunächst den Schlüssel 'erhalten hatte, gab ihn an Bürgermeister Dr. A h l, den Vertreter der bürgerlichen Gemeinde weiter, der den Bau in den Schutz der Stadt übernahm und mit seinen Segenswünschen der Hoffnung Ausdruck gab, daß die neue Synagoge, die ein Baustein für die weitere Entwicklung der Stadt sei, dazu beitragen möge, der Bevölkerung im Verkehr untereinander Frieden zu bringen. Stadtrat Rosenthal, der erste Vorsteher der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde, übernahm hierauf in ihrem Namen die Synagoge in treue Obhut, und Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld öffnete sodann das Gotteshaus, während Mitglieder des Kurorchesters das Lied „Großer Gott, wir loben dich" spielten. Die

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