Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 9 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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lichen pantheistischen Weltanschauung Lessing's schwere Erschütterungen durchgemacht, die zu seinem Tode führten; aber in dem unerbittlichen Suchen nach Wahrheit, in seiner unbegrenzten Menschenliebe und in seiner rührenden Demut durfte er mit Spinoza verglichen werden. Als im April 1763 der aus Goethes Leben bekannte Züricher Geistliche Lavater bei Mendelssohn in Berlin einen Besuch gemacht hatte, saßt er beu gewonnen Eindruck in einem Briefe zusammen, in welchem er schreibt: „Eine leutselige, leuchtende Seele im durchdringenden Auge und einer äsopischen Hülle; schnell in der Aussprache, doch plötzlich durch ein Band der Natur im Laufe gehemmt. Ein Mann von scharfer Einsicht, feinem Geschmack und reicher Wissenschaft. Ein großer Verehrer denkender Genies und selbst ein metaphysischer Kopf. Ein unparteiischer Beurteiler der Werke des Geistes und des Geschmacks; vertraulich und offenherzig im Umgänge, bescheidener in seinen Reden als in seinen Schriften und beim Lobe unverändert; ungezwungen in seinen Gebärden, entfernt von ruhmbegierigen Kunstgriffen niederträchtiger Seelen, freigebig und dienstfertig. Ein Bruder seiner Brüder, der Juden, gefällig und ehrerbietig gegen dieselben, auch von ihnen geliebt und geehrt." Seine Demut und Bescheidenheit konnte Mendelssohn aber nicht hindern, überzeugungstreu gegen Jedermann aufzutreten. Selbst dem mächtigen Preußenkönig Friedrich 2., dem „alten Fritz", gegenüber zeigte er dies. Als er in der Zeitschrift „Die Literaturbriefe" die Gedichte Friedrichs des Großen sachlich aber ablehnend beurteilt hatte, wurde er nach Sanssouci vor den „alten Fritz" beordert uiid vom „alten Fritz" ungnädig zur Verantwortung aufgefordert. Mit einem witzigen Gleichnis machte er den „alten Fritz" verstummen; er sagte nämlich: „Wer Verse macht, schiebt Kegel, und wer Kegel schiebt, er sei wer er wolle, König oder Bauer, muß sich gefallen lassen, daß der Kegeljunge sagt, wie er schiebt." Zwischen Mendelssohn und Lessing hatte sich inzwischen eine Freundschaft entwickelt, die auch nach der Uebersiedlung Lessing's von Berlin nach Breslau und bis zum Tode Lessing's, der bekanntlich 1781 eintrat, andauerte. Das wirksame Bühnenwerk 'Lessing's „Nathan der Weise", das große Verdienste um Aufklärung und Toleranz hat, darf alls geistige Frucht dieser Freundschaft angesprochen werden. Mendelsfohn/s Persönlichkeit und Mendelssohn's Haus, welches er im Jahre 1761 mit der aus Hamburg stammenden Fromet Guggenheim begründete, war Quelle mancher geistigen Strömung. Es kann nicht Aufgabe dieser kurzen Würdigung sein, m darstellender oder kritischer Schilderung die Bedeutung Moses Mendelssohn's als Philosoph zu zeichnen; es darf aber kurz und zusammenfassend gesagt werden, daß Mendelssohn durch seine philosophischen Gedanken sich ein unverlierbares Verdienst um die sittliche Durchdringung seiner Zeit erworben und durch die Klarheit seiner Sprache nachhaltige Bedeutung im nationalliterarischen Zustand des deutschen Volkes gewonnen hat. Aus den ethischen Fundamenten seiner Gesamt-Weltanschauung heraus entwickelte sich — und dies ist für uns von besonderer Bedeutung — seine tätige Anteilnahme am Kampf um die Emanzipation der Juden. Zwar hat sich Moses Mendelssohn verhältnismäßig spät diesem Gebiete zugewandt und erst nachdem er in philosophischen und literarischen Kreisen sich einen Namen gewonnen hatte, wurde er zur Mitarbeit an der Zeitausgabe seiner jüdischen Gemeinschaft gedrängt, sodaß sich an diesem Moses ben Mendel erfüllte, was im zweiten Buche Mose, Kap. 2, Vers 11 von Mose ben Amram gesagt wird: „Als Mose groß war, da ging er aus zu seinen Brüdern und sah ihre Lastarbeiten." Politischer Kamps und öffentliche Diskussion lag seiner Natur fern. Nachdem er aber gerade im Zusammenhang mit jener oben erwähnten Begegnung mit Lavater zu einer Stellungnahme in religiösen Dingen und insbesondere in seinem Judentum gezwungen war, hat er auch hier mit unnachsichtiger und unerbittlicher Klarheit seine Gedanken und praktischen Entscheidungen zum Ausdruck gebracht und hat nach innen wienach außen für sein Judentum gewirkt. In seinem Antwortschreiben aus den unbedachten Brief Lavaters, in seiner Abhandlung „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum", in seiner Einleitung zur Uebersetzung der Schrift des Rabbi Menasse ben Israel „Rettung der Juden" weist er die altgewohnten Uebergriffe dem Judentum gegenüber zurück und führt eine scharfe geistige Klinge für Duldung und Verträglichkeit zwischen den Bekenntnissen. Seine Beweisführung und seine Appelle verbinden sich zu rechter Zeit mit den fortschrittlichen Gedanken und dem Ausruf, der inzwischen auch von nichtjüdischer Seite, insbesondere von der Arbeit des preußischen Kriegsrat Christian Wilhelm Dohm „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden" ausgegangen war und haben im Emanzipationskampf der deutschen Juden in den verschiedensten deutschen Landschaften Einfluß gewonnen. Als man in Veröffentlichungen an die Juden die Zumutung gerichtet hatte, sie sollten ihre bürgerliche Gleichstellung durch Aufgabe ihrer religiösen und „zeremoniellen" Sondergesetze erkaufen, hat Mendelssohn gegen Ende seines „Jerusalem" mit folgenden Worten erwidert: „Wenn dieses, wie wir von christlich gesinnten Männern nicht vermuten können, eure wahre Gesinnung sein und bleiben sollte; wenn die bürgerliche Vereinigung unter keiner anderen Bedingung zu erhalten, als wenn wir von dem Gesetze abweichen, das wir für uns noch für verbindlich halten, so tut es uns herzlich leid, was wir zu erklären für nötig erachten: so müssen wir lieber auf bürgerliche Vereinigung Verzicht tun; so mag der Menschenfreund Dohm vergebens geschrieben haben, und alles in dem leidlichen Zustande bleiben, in welchem es jetzt ist, oder in welchem es eure Menschenliebe zu versetzen für gut findet. Es steht nicht bei uns, hierin nachzugeben, aber es steht bei uns, wenn wir rechtschaffen sind, euch dennoch brüderlich zu lieben und brüderlich zu flehen, unsere Lasten, so viel ihr könnt, erträglich zu machen. Betrachtet uns, wo nicht als Brüder und Mitbürger, doch wenigstens als Mitmenschen und Miteinwohner des Landes. Zeigt uns Wege und gebt uns Mittel an die Hand, wie wir bessere Miteinwohner werden können, und laßt uns, so viel es Zeit und Umstände erlauben, die Rechte der Menschheit mit genießen. Von dem Gesetze können wir mit gutem Gewissen nicht Weichen, und was nützen euch Mitbürger ohne Gewissen?" Solche entschiedene Aeußerungen aus der Feder eines Mendelssohn verfehlten ihre Wirksamkeit nicht, auch wenn diese Wirkung sich erst nach Jahrzehnten und auf dem Wege über die führenden Köpfe und fühlenden Herzen bemerkbar machte. Mendelssohn war und ist ein geistiger Wegbereiter der Judenemanzipation in Mitteleuropa. Die Fehlschläge und unerfreulichen Auswirkungen seiner Bestrebungen können ihm nicht zur Schuld angerechnet werden. Hand in Hand mit der Propagierung der Emanzipationsidee nach außen ging seine Bemühung, innerhalb der Judenheit selbst, die geistige Vorbereitung für eine Eingliederung in die Umgebung zu schaffen. Mit einem Kreis von Mitarbeitern, unter welchem besonders Herz Wessely genannt zu werden verdient, trug er das jüdische Schrifttum in neuer Form in das Bewußtsein seiner Gemeinschaft. Seine Psalmenübersetzung, die Pentateuchübersetzung mit Erklärung waren nicht nur Lehrbücher der deutschen Sprache, sie erhielten in einer sehr kritischen Zeit auch die Verbindung schwankend gewordener Kreise mit jüdischen Gedanken und Lehren. Wenn man diesen Arbeiten Mendelssohn's und seines Kreises von Gruppen, welche völlig in der alten Zeit standen, den Makel der Ketzerei anheftete, so konnte dies doch nicht verhindern, daß die Jugend mit Heftigkeit nach diesen neuen Mitteln griff, die etwa ein Jahrhundert später selbst von den extrem orthodoxen jüdischen Führern angewendet wurden, uni ihre Gemeinden im Studium und in der Beachtung jüdischer Vorschriften und jüdischer Lebensanschauungen wach zu erhalten. Dieser Artikel hat nicht etwa den Ehrgeiz, den Lesern unseres Mitteilungsblattes ein erschöpfendes Bild von der Bedeutung Moses Mendelssohn's zu geben und sie in den Gedanken einzulullen, daß sie nun bis zum nächsten Jubiläumstage genug von Moses Mendelssohn wüßten; er soll vielmehr nur den Willen anregen, nun erst recht nach den Original-Werken Moses Mendelssohn's oder nach guten Darstellungen seines Schaffens zu greifen und so durch eine Versenkung in diese denkwürdige Persönlichkeit ein würdiges Gedenken zu feiern. An Büchern, die diesem Zwecke dienen können, fehlt es glücklicherweise nicht. Schon in früheren Jahrzehnten sind die Werke Mendelssohn's, Biographien und Einzelabhandlungen erschienen, welche in den Bibliotheken verleihbar und m den Buchhandlungen käuflich sein dürften. Anläßlich der diesjährigen Jubiläumsfeier erscheinen wieder uni verschiedene Werke, aus welche hier nachdrücklich und empfehlend hin gewiesen sei. Wir empfehlen besonderer Beachtung unseren Hinweis in dieser vorliegenden Nummer unter Bücherschau auf die von dem Akademie-Verlag herausgebrachte Gesamtausgabeder Mendelssohn'scheu Schriften, von welchen die drei ersten Bände zum Jubiläumstage erscheinen werden; ferner sei ein Hinweis gestattet auf die Empfehlung des Werkes: Moses Msndelssohn: D;e r Mensch und das Werk (siehe Bücherschau) und schließlich ist besonderer Empfehlung würdig das ebenfalls soeben erschienene Merkchen: Moses Mendelssohn „Das Märchen seines Lebens" von Jakob Seifensieder (siehe Bücherschau), und Fritz Bamberger „Die geistige Gestalt M o s e s M e n d e l s s o h n ' s ", Sonderschrist der Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaft des Judentums (siehe Bücherschau). Aus diesen Werken ist mit Leichtigkeit weitere Literatur zu ersehen. §. L. IDlttrooch, 4. Sept. 1929, abds. 6V4 Uhr findet im Dortragsfaale der lfrael. Rekgionsgememde IDain^ (Jofefstr.) eine ^att’, bo n:,el1cber ßf« Prof. Dt. J. (Elbogen, Berlin die Jeftrede halten i XsCKLsX 1H<CIo|UU u wird. Sämtliche Gemeindemitglieder sind bei dieser Deranftaltung ipillbommen._ Der Vorstand der israelitischen keligiOnsgemeinde IDcrin^. 2