Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 6 (6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Verständnis für die Gleichheit der Erdgeborenen im Tode die aus einfachen Brettern gezimmerte Lade, die in gleicher Weise die sterblichen Reste der Menschen bergen sollte. Ueberwältigend durch die Schlichtheit und Gleichheit wirkt da, wo es noch ungeändert und unverfälscht erhalten geblieben ist, die große Zahl der schlichten G r a b st e i n e , die sich wie eine gewaltige Menschenmenge um die Majestät des Todes versammelt zu haben scheint. Auch bei dieser Schlichtheit bleibt noch ein Spielraum für die künstlerische Eigenart, für den Pietätwillen und die persönliche Neigung der Grabmal-Erbauer; es braucht also durchaus nicht in öder Weise uniformiert zu werden: Farbe oder Ton sowie Qualität des Materials, Beschriftung und schlichtnatürlicher Schmuck geben ausreichend Gelegenheit zu unterscheidender Ausgestaltung der Grabdenkmäler. Wenn die Hinterbliebenen das Andenken ihrer Verstorbenen durch eine besondere Leistung ehren wollen, dann sollte dies viel richtiger dadurch geschehen, daß sie eine wohltätige Stiftung auf den Namen des Heimgerufenen errichten. Die Zinsen dieser Stiftung könnten dann alljährlich am Jahrzeittage des Heimgerufenen Verwendung finden, und zwar zu einem Zweck, der dem Sinn des Verewigten entspricht. In einer Zeit der sozialen Not, wie wir sie gegenwärtig zu verzeichnen haben, ist tätige Mithilfe an den Lebenden sicherlich zugleich die würdigste Art der Ehrung der Tote n. Es kommt auch soziales Empfinden dabei zum Ausdruck, wenn inan — obwohl man sich größere Ausgaben gestatten könnte — sich Mäßigung auferlegt und dem weniger Bemittelten das bedrückende Gefühl erspart, daß er einem lieben Heimgerufenen nur ein recht einfaches Grabmal setzen könne, während iii der Nachbarschaft ein Vermögen für die Errichtung eines Prunkmals verausgabt wurde. Die Ausführung dieser Gedanken und die daraus sich ergebende Anregung auf einfachere uiid gleichmäßige Grabgestaltung sind für die Gemeinde Mainz lim so angebrachter, als auf dem Friedhof der israelitischen Religionsgemeinde Mainz gerade jetzt die Belegung eines neuen Gräberfeldes begonnen wurde und hier nicht nur die Grabrichtung nach Osten durchgeführt wird, sondern zugleich auch von Anfang an die Schlichtheit in der Denkmalgestaltung einheitlich durchgeführt werden kann. Das neue Gräberfeld erstreckt sich in Fortsetzung des bisherigen Friedhofes auf der Höhe nach Westen und stellt in seiner Wegabgrenzung ein völlig neues und in sich geschlossenes Grabgelände dar. An alle Familien, welche durch Gottes Willen auf diesem neuen Gelände Gräber erwerben müssen, ergeht deshalb schon heute der Appell, dem obigen Gedanken zur Verwirklichung mitzuverhelfen, durch welche einer schönen alten Ueberlieferung des Judentums Ausdruck gegeben wird, und sich vor etwaigen Verhandlungen mit Steinmetzen über den Erwerb von Grabdenkmälern mit dem Büro der Gemeinde oder dem Rabbinat in Verbindung zu setzen. Uebermäßig auffallende, durch Ausmaß und Kosten hervortretende Grabdenkmäler sollen nach dem Wunsche des Gemeindevorstandes auf dem genannten neuen Gräberfeld keine Äufttellung finden. rV« * Judenfriedhof in Galizien. Aus unseren Verbandsgemeinden. Friedberg. Am 7. Mai d. I. hielt Herr Lehrer Ehr mann im kleinen Hörsaal des Polytechnikums einen Vortrag über seine Eindrücke von einer jüngst beendeten Palästinareise. Der Redner leitete seinen Vortrag mit dem Gedanken ein, daß Palästina das Land der Sehnsucht der Bekenner der drei monotheistischen Religionen, der Christen, Juden und Mohammedaner sei; dieses Gefühl habe auch ihn beseelt bei feiner Ausreise nach dem Lande der biblischen Gestalten, dessen Geschichte und Religion er in seiner 50jährigen Lehrertäti^keit seinen Schülern vorgetragen habe. Aber nicht nur ein historisch-religiöses Interesse habe ihn geleitet, sondern auch der Wunsch, die wirtschaftlichen Verhältnisse des modernen Palästina kennen zu lernen, sei in ihm rege gewesen. Er schilderte dann eingehend die Geschichte der modernen jüdischen Kolonisation in Palästina feit ihren Anfängen in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis zur Errichtung des englischen Palästina-Protektorates am Ende des Krieges. Heute lebten ca. 30 000 jüdische Kolonisten auf eigener Scholle und versuchten, durch ihren Fleiß und ihre Kenntnisse das Land kulturell und wirtschaftlich zu heben. Die erstaunlichsten Fortschritte dieser Arbeit fielen gleich bei der Landung in der neuangelegten Hafenstadt Tel-Aviw mit seinen Hotels und europäischen Straßen und Häusern auf; gerade diese Stadt habe als Handels- und Bade- 6 stadt eine große Zukunft, besonders auch, weil ihr Hinterland mit öOOOO Einwohnern wirtschaftlich nach ihr tendiere. Im weiteren Verlaufe seines Vortrages schilderte Herr Lehrer Ehrmann eine Reihe interessanter persönlicher Eindrücke und Erlebnisse auf seiner Reise nach dem Innern des Landes. Jerusalem, eine moderne Stadt mit ihren zahlreichen Ueberresten einer großen historischen Vergangenheit erstand aus seinen Schilderungen vor dem geistigen Auge der Zuhörer. Das Tote Meer in seiner düsteren Erhabenheit und salzgesättigten Atmosphäre, das noch wirtschaftlich und technisch unerschlossene Jordantal und manche andere biblische Stätten wurden von dem Redner lebendig geschildert; besonders auch die landschaftlich reizvollen Gegenden am See Genezareth und ihr wirtschaftlicher Wert wurden von ihm hervorgehoben. Auf Grund seiner Beobachtungen während seiner Reise durch das Land, die ihn die Lebens- und Arbeitsweisen der jüdischen Kolonisten verstehen ließen, hielt der Redner die landwirtschaftliche Zukunft des Landes für gesichert, während er seine intensive Industrialisierung bei dem Mangel an Erzen und Kohlen für unmöglich hielt. Der Redner schloß seine mit großen! Beifall aufgenommenen Ausführungen mit der Hoffnung, daß sich Palästina besonders durch die tatkräftige Arbeit der jüdischen Kolonisten segensreich entwickeln möchte. * Worms. Bei der Vorstandswahl am 5. Mai d. I. wurden zu Mitgliedern des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde