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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-06-01 · 6 (6.1929) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
6 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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zweiten, höheren Seele gesprochen habe, die am Sabbat als Gast in unserem Körper weile, müsse man heute von einer zweiten, fremden, nichtjüdischen Seele sprechen, die bei uns eingekehrt sei. Diese zweite fremde Seele sei die Ueberassimilation, das einseitige sich Versenken in eine andere Kultur, die unsere jüdische zernage und zermürbe. Redner weist auf das Drama von Anski-Nadel hm, „die Pest", das vor einigen Monaten in Mannheim über die Bühne gegangen sei. Es wolle ihn bedünken, als ob Anski dieses große Problem der unbewußten fremden Seele, die die Judenheit heute in vielen Ländern bedroht, in seinem Drama habe behandeln wollen. An den jüdischen Lehrer trete die große Pflicht heran, mit allen Kräften dahin zu streben, daß der Wille zum Judentum ein stärkerer bei der nachwachsenden Generation wieder werde; auch solle er in den noch lebensfähigen kleineren und mittleren Gemeinden nach Möglichkeit dahin streben, diese zu erhalten. Wohl bedeute die antisemitische Bewegung in der Gegenwart eine große Gefahr für die deutschen Juden, aber diesen äußeren Feind brauchen wir dennoch nicht in dem Maße zu fürchten: „Judenfeinde hat es zu allen Zeiten gegeben". Der schlimmere Feind sei der innere: Der mangelnde Wille zum Judentum. Ihn zu besiegen müssen alle Kräfte aufgeboten werden. In der sich daran schließenden Besprechung, an der sich Herr Rabbiner Dr. Sander, Herr Mannheimer und Herr Lehrer Bick-Michelstadt beteiligen, weist letzterer mit trefflichen Worten auf den Glauben an die Haschgocho, an das Walten der göttlichen Vorsehung hin, der die Kraft verleihe, die Jugend wieder mit jüdischem Geiste zu erfüllen. In seinem Schlußworte äußert sich Redner dahin, daß dieser Glaube an die Haschgocho durchaus nicht im Widerspruch zu seinen Ausführungen stehe, denn der Wille zum Judentum setze diesen Glauben als ganz selstverständlich voraus. Auf eine bezügliche Bemerkung Herrn Dr. Sanders erwidert er, daß ihm ferner jeder Pessimismus in jüdischen Dingen fern liege; aber ein noch so großer Optimismus entbinde uns nicht der Pflicht, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Das sei auch die Art unserer großen jüdischen Propheten gewesen, die man ganz gewiß nicht als Pessimisten bezeichnen könne. Mit sichtlichem Interesse hatte die zahlreich erschienene Zuhörerschaft aus allen Kreisen der beiden Gießener Gemeinden die Ausführungen des Redners begleitet, die sicher noch lange Gegenstand der Erörterung innerhalb der Gemeinde bilden werden. Nach Schluß des sehr schön und anregend verlaufenen Begrüßungsabends beraten die Vereinsmitglieder nochmals über den ^Anschluß an den Reichsverband". Schon bei der vorjährigen Tagung in Ofsenbach war der Vorstand beauftragt worden, den Anschluß zu vollziehen. Nach einem Bericht des Vorsitzenden und einer Erklärung des Kollegen Steinhardt über die vom Verein geforderte Statutenänderung des Reichsverbandes wird wiederholt einstimmig beschlossen dem Reichsverbande beizutreten. Am Donnerstag, den 9. Mai, vormittags 8lA Uhr, findet die Eröffnung der Tagung im Cafe „Ernst Ludwig" statt. Anwesend sind 40 Mitglieder und als Gäste die Herren Rabbiner Dr. Sander, Rabbiner Dr. Hirschfeld, Rechtsanwalt Rothenberger, H: Fröhlich-Gießen, Steinberger-Alsfeld und Rechtsanwalt Dr. Stahl-Bad Nauheim. 1. Der Vorsitzende schlägt vor, Punkt 3 der Tagesordnung. „Wahl eines Vorstandsmitgliedes" zuerst zu erledigen; der Vorschlag wird angenommen und Kaufmann-Schotten durch Acclamation gewählt. 2. Der Vorsitzende erstattet über das abgelaufene Geschäftsjahr den Rechenschaftsbericht: (siehe oben!) Es schließt sich eine eingehende Aussprache an, woran sich die Herren Heß, Dr. Hirschfeld, Rothenberger. Fröhlich, Stern, Fuld. Steinberger, Bick, Dr. Sander, Kahn-Höchst, Simon, Kahn-Alsfeld, Müller und andere beteiligen. Müller-Bensheim empfiehlt die Fibel des Kollegen Rosenberger-Ladenburg und beantragt, den Herausgeber zu'einem Referat, wozu dieser gern bereit ist, für die nächstjährige Versammlung einzuladen. Der Vorstand nimmt davon Notiz. , Kaufmann-Schotten bemängelt das Fehlen eines Referats von einem Vereinsmitglied und fordert, daß bei jeder Tagung mindestens von einem Mitglied ein Vortrag aus dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichts, vorzugsweise des jüdischen Religionsunterrichts gehalten werde. Die anregende Debatte, die in eingehender Weise zu allen im Geschäftsbericht angeschnittenen Fragen Stellung nrmmt, wird damit geschlossen und festgestellt, daß die Mitglieder die Arbeit der Vereinsleitung anerkennen und billigen und dem Vorstand in seiner weiteren Tätigkeit vollstes Vertrauen entgegenbringen. 3. Kollege Sulzbacher, der Vereinsrechner, trägt die Jahresrechnung vor, die mit einem Kassebestand von 740,68 RM, abschlietzt. Der Verein hat 52 Mitglieder; davon gehören der innerhalb des Vereins bestehenden Sterbekasse, die einen Kassebestand von 1668,64 RM. aufweist, nur 42 Mitglieder an. Es ist unbegreiflich, warum 10 Mitglieder sich dieser schönen Einrichtung fernhalten. Der Jahresbeitrag wird für 1930 auf 7.— RM. erhöht. Eine Satzungsänderung durch Aufnahme des Zusatzes: „Der Verein ist Mitglied des Reichsverbandes jüdischer Lehrer" wird einstimmig angenommen. Als Delegierte werden gewählt: a) zur Ausschußsitzung des Reichsverbandes in Leipzig: Kahn-Alsfeld; Stellvertreter Bick- Michelstadt; b) zum Verbandstag in Berlin: Kahn-Alsfeld. Marx- Gießen; Stellvertreter: Bick-Michelstadt, Müller-Bensheim. 4. Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. R. Stahl-Bad Nauheim „Von deutsch-jüdischer Jugend". Herr Rechtsanwalt Dr. Rudolf Stahl (Bad Nauherm) gibt in seinem Referat einen Ueberblick über die bestehenden deutsch-jüdischen Jugendorganisationen, wobei er zwischen den religiös eingestellten und den anderen unterscheidet. Zur letzteren Gruppe gehört auch der vom Zentralverein ins Leben gerufene Jugendausschuß. Vor allem ist aber hier an die ausgesprochene Jugendbewegung zu denken, über deren Wollen und Wesen der Referent ausführlicher spricht. Hier ist am deutlichsten das Charakteristische an der heutigen deutsch-jüdischen Jugend zu spüren; nämlich ein starkes zur praktischen Tätigkeit drängendes, jugendliches Wollen; ein starkes jüdisches Wollen, dem nicht immer ein gleich starkes jüdisches Können gegenübersteht, das aber vom Bewußtsein der Gesamtverbundenheit aller Juden getragen ist; ein starkes jüdisches Selbstbewußtsein, das sich der jüdischen Werte bewußt ist; aber auch ein ebenso bewußtes Verbundenyeitsgefühl mit deutscher Kultur und deutscher Landschaft aufweist. Die Lehrer müssen in diesem Ringen der Jugend zunächst einmal die veränderte Situation der heutigen Jugend erkennen, dann aber den vorhandenen jungjüdischen Strömungen zur Wirksamkeit verhelfen, auch gegen die in den Organisationen noch vielfach herrschenden älteren Anschauungen. Diese Mittlerstellung zwischen Alt und Jung sei das, was die Jugend als die Aufgabe der Lehrer in dieser Frage betrachtet. Der Vortrag findet reichen Beifall, und die lebhafte Aussprache zeigt, mit welch großer Aufmerksamkeit die Versammlung den interessanten Ausführungen des Referenten gefolgt war und führt zu mancherlei wertvollen Anregungen. Damit ist die Tagesordnung erschöpft und der Vorsitzende schließt die schön und harmonisch verlaufene Tagung. Die Teilnehmer folgen dann noch einer Einladung der beiden Gießener Gemeinden ins Hotel Grünewald, wo zur Würze des Mahles noch manches schöne Wort gesprochen und den anwesenden Vertretern der Religionsgemeinde und der Religionsgesellschaft, den Herren Rothenberger und Fröhlich, für die überaus gastfreundliche Aufnahme und den Kollegen Marx und Klein für die Vorarbeiten zur Gießener Tagung der Dank des Vereins zum Ausdruck gebracht wird. Der Vorsitzende: Der Schriftführer: Kahn. Kaufmann. Luxus auf jüdischen Friedhöfen. Die Ueberschrift dieses kurzen Artikels klingt zwar verwunderlich. Es muß aber einmal mit aller Deutlichkeit über diese Angelegenheit gesprochen werden. Immer mehr und mehr reißt liämlich die bedauerliche Gepflogenheit bei uns Juden ein, den Verstorbenen auffallende und kostspielige Grabdenkinäler zu errichten. Geht man über einen neuzeitlichen jüdischen Friedhof, dann gewinnt man häufig den Eindruck, als ob die eine Familie die andere zu überbieten suchte, durch die Errichtung auffallender, kostspieliger, ja oft protziger Grabsteine über der letzten Ruhestätte der Familienangehörigen. Zweifellos spricht ja hierbei in vielen Fällen das Verlangen mit, die Verstorbenen zu ehren und das liebevolle Gedenken an sie über das irdische Scheiden hinaus zu bekunden. Wir Juden durften uns aber mit gutem Recht schon seit fast zwei Jahrtausenden darauf berufen, daß wir gegenüber der majestätischen Gewalt des Todes die Gleichheit aller Menschen verkünden und in unseren bezüglichen Bräuchen keinen Unterschied kennen zwischen Reich und Arm, zwischen Hoch und Niedrig. Schon in den Tagen des Rabbi Gamaliel, der im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte, war durch dessen letzten Willen bei uns Juden der Brauch eingeführt worden, daß alle Verstorbenen in der gleichen, einfachen, linnenen Sterbegewandung, wie es noch heute üblich ist, zur letzten Ruhe beigesetzt würden. Als es dann Brauch wurde, die Heimgerufenen in Särgen beizusetzen, wählte man wiederum in heiliger Scheu und mit tiefem 5

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