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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-06-01 · 6 (6.1929) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
6 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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gewissen Seite innerhalb der hessischen Lehrerschaft angegriffen wurden, weil wir in der richtigen Erkenntnis, daß in Hessen nur ein Verband möglich und lebensfähig ist, für einen solchen eingetreten sind. Sie werden es noch wissen, wie man uns in jeder Beziehung Hindernisse in den Weg legte, unsere Absichten mißdeutete und unsere religiösen Anschauungen verdächtigte. In der pädagogischen Beilage des „Israelit" vom 6. September vorigen Jahres erschien nun unter dem Titel „Ein Brief aus Hessen" ein Artikel, der genau mit den gleichen Argumenten, die wir schon seit Jahren auch vertreten, für den Einheitsverband eingetreten ist. Wir fragen den Herrn Kollegen, dessen Namen wir nicht kennen, der aber nach seiner eigenen Angabe in einer Gemeinde, die zum „gesetzestreuen Verband" gehört, amtiert und deshalb mit aller Wahrscheinlichkeit zu jenem kleinen Kreis jener hessischen Lehrer gehört, die durch ihr Eintreten für den „gesetzestreuen Verband", erst diesen als solchen ermöglichten, warum er nicht schon früher mit seinen Ansichten hervorgetreten ist, warum er dann uns bekämpft und dadurch beigetragen hat, daß die Einheitsfront der jüdischen Lehrer Hessens zerstört wurde. Wir könnten noch eine Reihe weiterer Fragen stellen, doch wir wollen nur noch einmal feststellen, daß auch heute auf dieser Seite eine Wandlung sich vollzogen hat oder sich anbahnt, daß sich vielleicht in nicht allzuferner Zukunft alle hessischen Lehrer doch auf der Plattform des Landeslehrervereins zusammenfinden werden. Ihre Vertreter innerhalb des Landesverbandes haben wiederum im vergangenen Jahre an verschiedenen Sitzungen des Oberrats teilgenommen. Es fei auch an dieser Stelle anerkannt, daß der Oberrat den größten Teil seines Etats für unterrichtliche Zwecke, verwandt hat, daß die Summe (es sind genau Mk. 20 327) entweder direkt oder auf indirekte Weise der hessischen Lehrerschaft zugeflossen ist. Wir wissen, daß diese Summe durchaus nicht ausreichend ist, der Notlage der Lehrerschaft in irgend einer Beziehung zu steuern, aber wir müssen doch anerkennen, daß z. Zt., solange eben noch die schon eingangs meines Berichtes vorhandenen Zustände weiter bestehen, kein anderer Weg möglich und gangbar ist. Auch sonst haben wir versucht, der jüdischen Lehrerschaft kleinere Erleichterungen und Verbesserungen ihres Einkommens zu verschaffen. Ich erinnere an die Frage des Katechetenunterrichts, in der durch das Ausschreiben des Ministeriums gewisse Hoffnungen erweckt wurden, die sich dann größtenteils nicht verwirklichen ließen. Es sei an dieser Stelle anerkannt, daß Herr Rabbiner Dr. Merzbach es war, der sich in dieser Sache sehr bemüht hat, wenn auch der Erfolg sehr minimal war, was ja nicht seine Schuld ist. Es kann heute, wenn ein Lehrer an zwei oder an mehr Filialgemeinden (für Unterricht im Ortssitz wird nichts bezahlt) Unterricht gibt, eine Beihilfe beantragt werden, wenn an diesen verschiedenen Orten zusammen die Zahl von sechs Kindern erreicht wird. Dies ist das einzige Zugeständnis der Regierung. Eine Eingabe, die ich machte und die ersuchte auch den Unterricht am Ortssitz des Lehrers in Anrechnung zu bringen, wurde abgelehnt. Im Dezember vergangenen Jahres wurde es verschiedenen Lehrern durch einen Kostenzuschuß ermöglicht, an einem wissenschaftlichen Fortbildungskurs, den der bayrische Verband in Würzburg veranstaltete, teilzunehmen. Außer dem Berichterstatter waren noch drei hessische Lehrer in Würzburg. Wir haben es nur bedauert, daß nicht ein viel größerer Kreis hessischer Lehrer mit uns an jenem Kurs teilgenomnien hat, denn, man kann dies ohne jede Uebertreibung sagen, der Inhalt der Vorträge und die Art und Weise der Veranstaltung und des Dargebotenen waren so über jedes Lob erhaben, daß wohl kein Teilnehmer (es waren über 130 Lehrer anwesend) ohne größere Bereicherung seines Wissens und ohne die tiefsten Anregungen empfangen zu haben, jene Tagung verlassen hat. Auch an dieser Stelle sei noch einmal dem bayr. Verband für die Veranstaltung, den bayrischen Kollegen für die Einladung und unserem Landesverband für die Gewährung des Kostenzuschusses bestens gedankt. Ich bin am Schluffe meines Berichtes angelangt. Das Bild, das ich Ihnen auch in diesem Jahre von der Lage der hessischen Lehrerschaft entwerfen mußte, ist nicht allzu rosig und läßt auch nicht allzu große Hoffnungen für.eine Besserung in baldiger Zukunft aufkommen. Wir, Ihre Vertreter im Oberrat, haben uns, das dürfen wir wahrlich ohne alle Selbstüberhebung sagen, stets bemüht all das durchzusetzen und zu erreichen, was unter Maßgabe der Verhältnisse möglich war. Daß es nicht mehr war, ist sicherlich nicht unsere Schuld. Was können und sollen wir nun für die Zukunft tun? Sollen wir den bisherigen Kurs beibehalten oder das Steuer nach einer anderen Richtung herumwerfen? Sollen wir weiterhin gemeinsam mit dem Landesverband arbeiten oder, da er in seiner nunmehr dreijährigen Wirksamkeit unsere Hoffnungen noch nicht erfüllte, ihm den Rücken kehren und unsere Politik in anderer Richtung hin orientieren? Als Realpolitiker, der sich den Blick nicht durch Mißerfolge und-Rückschläge trüben läßt, kann ich Sie auch in Zukunft keinen anderen Weg führen, als den, welchen wir bisher gegangen sind. Sollte aber jemand einen besseren Weg, eine gangbarere Straße, die eher und schneller zum Ziele führt, wissen, so wollen wir gern denselben beschreiten und werden auch gerne auf die Führung verzichten. Wir haben auch heute noch, trotzdem wir stets vor falschem und unangebrachtem Optimismus warnten, den Glauben, daß eines Tages auch für die hessische Lehrerschaft bessere Zeiten kommen werden. Auch die hessische Judenheit wird eines Tages mit oder gegen ihren Willen, die Lage ihrer Lehrer so gestalten müssen, daß dieselbe nicht zurückbleibt hinter der, in welcher die übrigen Lehrer Deutschlands, durch die Gunst glücklicherer Verhältnisse, sind. Der Wille des Landesverbandes, vvr allen Dingen des Oberrates, solche Verhältnisse zu schaffen, ist auch heute noch vorhanden. Deshalb gilt es für die hessische Lehrerschaft auch noch weiterhin Geduld zu üben, auszuharren unter widrigen Umständen und nicht durch Verbitterung vorzeitig die Flinte ins Korn zu werfen. Wir, Ihre Vertreter werden auch weiterhin unsere ganze Kraft, all unser Können dafür einsetzen, Ihnen zu helfen und Ihnen ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Wir können aber dies nur dann tun, wenn wir wissen, daß hinter uns die gesamte hessische Lehrerschaft in festgefügter Einigkeit und Disziplin steht. Ihre Aufgabe ist es daher, mit uns zu arbeiten und zu kämpfen, ein jeder an seinem Platze für sich und damit zugleich für unseren Stand und für das Judentum. II. Verhandlungsbericht. Am Mittwoch, den 8. Mai, abends 8% Uhr erfolgte die Eröffnung der Tagung im Saale des Cafe „Leib", zu der die meisten Mitglieder des Vereins aus allen Teilen des Landes, sowie zahlreiche Damen und Herren der beiden israelitischen Gemeinden der Stadt Gießen erschienen sind. Der Vorsitzende, Lehrer Kahn, Alsfeld, begrüßt die stattliche Versammlung, insbesondere Herrn Rabbiner Dr. Sander, (Herr Rabbiner Dr. Hirschseld kann krankheitshalber nicht erscheinen), die Vorsteher der Religionsgemeinde und der Religionsgesellschaft: Herrn Rechtsanwalt Rothenberger und Herrn Fröhlich, sowie den Redner des Abends. Nach Worten der Begrüßung auch seitens der genannten Herren an die Versammlung erhalt Lehrer Steinhardt-Magdeburg das Wort zu seinem Vortrag: Die Krisis in der deutschen Judenheit. Redner verglich einleitend das Judentum mit einem Baume, der, einst in grauer Vorzeit gepflanzt, allen über ihn dahin brausenden Stürmen, wenn sie auch oft genug seine Zweige und Aeste geknickt und sein Laub in alle Winde zerstreut haben, Trotz geboten hat. „Stamm und Wurzel blieben unversehrt." Aber in der Gegenwart erwecke es leider den Eindruck, als ob eine unheimliche Gewalt an der Wurzel nage und die Lebenskraft des Baumes zu versiegen drohe. Die deutsche Judenheit stehe in einer schweren Krise. Zunächst in einer solchen wirtschaftlicher Art. Die 4 allgemeine wirtschaftliche Krise in unserem Vaterlande trete ganz besonders bei der deutschen Judenheit stark in Erscheinung. Zahlreiche Existenzmöglichkeiten, die bisher hauptsächlich in jüdischen Händen sich befunden haben, sind durch das Genossenschaftswesen und die großen Konzerne heute unmöglich geworden; statt der wirtschaftlichen Selbständigkeit überwiegt heute das Angestelltentum mit ungenügender Existenz, ungenügend vor allem zur Begründung einer Familie. Der jüdische Mittelstand, einst der eigentliche Träger der jüdischen Gemeinde, werde im harten wirtschaftlichen Kampfe zerrieben. Die Unbemittelten sind nicht in der Lage, die jüdische Gemeinde mit ihren Institutionen zu erhalten und bei unseren Reichen fehlt es am guten Willen dazu. So werden die kleinen und mittleren Gemeinden immer mehr entvölkert und sind nicht mehr in der Lage, sich zu erhalten, und den Großgemeinden fehlt der opferwillige Sinn, zu ihrer Erhalbeizutragen. Mischehe und Geburtenrückgang, worüber Redner gradezu erschreckende Zahlen vorliest, tragen weiter zum Zusammenbruch der kleinen Gemeinden bei, während auch in den Großgemeinden bereits die Sterblichkeitszisfer die der Geburten uberwiege Es fehle der deutschen Judenheit heute offenbar der Wille zur Selbsterhaltung. Während man in jüdisch-frommen Kreisen bislang von einer Neschomo jesseroh, gewissermaßen von einer

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