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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-03-01 · 3 (3.1929) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
3 (3.1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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üom 2. August 184b außer allem Zweifel steht, bedarf.wohl keiner Ausführung. Wenn aber der Herr Antragsteller in Ermangelung alles rechtlichen und gesetzlichen Lebens, sein Bedenken etwa durch Ehrfurcht vor dem frommen Willen der Stifter und Berücksichtigung des Zartgefühls rechtfertigen zu können vermeint, dann hätte er vorher überlegen sollen, daß der Geist der milden Stift tungen ein Geist der Nächstenliebe und nicht der Ausstoßung und Verfolgung ist, und daß er die Asche jener Wohltäter gewiß dainit beleidigt, wenn er von ihnen voraussetzt, daß sie ihre Wohltätigkeit und die Grenzen des Vorurteils für immer einengen oder von der Ueberwachung und Verwaltung ihrer Vermächtnisse deii Beamten ausgeschlossen wissen wollten, dei, die Laudesgesctze und das Vertrauen seiner Mitbürger zur Ausübung dieser Funktionen berufen haben. Sämtliche mir überlassenen Aktenstücke' schließe ich ergebenst bei und bitte um seinerzeitige gefällige Rücksendung der zum hiesigen Archive gehörigen Anlagen. gez.: Ferdinand E v e r st a d t Gr. Bürgermeister der Stadt Worms." Konferenz für jüdische Bevölkerungspolitik. Am 24. Februar 1626 trat in Berlin eine Konferenz zusammen, die sich mit einer sehr brennenden Frage des deutschen Judentums befaßte und zwar mit dem unleugbaren zahlenmäßigen Rückgang der jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Zwar haben schon seit Jahrzehnten Bevölkerungspolitiker und Statistiker nachdrücklich auf diese Erscheinung, welche naturgemäß auch die Kraft des deutschen Judentums schwächen muß, hingewiesen, nun aber will man mit Nachdruck Maßnahmen gegen den Bevölkerungsrückgaiig ergreifen. Der bevölkerungspolitische Ausschuß des Preußischen Landesverbandes hatte zu dieser Berliner Konferenz eingeladeii und außer zahlreichen führenden Einzelperfönlichkeiten hatten die in Frage kommenden Organisationen fast lückenlos der Einladung Folge geleistet. Es waren vertreten: Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes, die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der jüdische Frauenbund, die Großloge für Deutschland, der soziale Ausschuß des Rabbinerverbandes, die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, die Gesellschaften „Ort" und „Ose", der Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten, der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund, der Verband der Leiter und Leiterinnen jüdischer Erziehungsanstalten, der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände, der Zentralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, die jüdische Kinderhilfe, die Agudas Jisroel, die zionistische Vereinigung für Deutschland, die Gesellschaft für Familienforfchung und die Großgemeinden Berlin, Breslau, Frankfurt a. M. und Köln. Frau Siddy 'Wronsky leitete die Verhandlungen, das Referat des durch seine Untersuchungen auf diesem Gebiete bekannten Dr. Felix Theilhaber gab Anlaß zu einer eingehenden Aussprache, als deren Ergebnis die folgende Entschließung festgehalteu wurde: Entschließung. A. Die vom bevölkerungspolitischen Ausschuß des Preußischen . Landesverbandes einberufene Konferenz über jüdische Bevölke- ' rungspolitik vom 24. Februar 1626 in Berlin erkennt einmütig Zje Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeit einer einheitlichen, 'starken, zielbewußten, umfassenden jüdischen Bevölkerungspolitik f -ur Erhaltung von K r a f t u u d Z a h l der Juden- Wi e i t an. B, Die Konferenz bejaht die Notwendigkeit des Z u s a m - w enwirkens aller im Judenturn lebendigen religiösen, ethrjchewünd wirtschaftlichen Ideen und Kräfte zu diesem Ziele und tust alle inÜ öffentlichen Leben stehenden Männer und Frauen, vor allem die Rabbiner, die Lehrer, die Aerzte, die Gememdevorstände und besonders auch die jüdische Jugend zu gemeinsamer Arbeit auf. . 0. Die Konferenz erkennt als ihre grundlegende lleberzeugung an, daß - insbesondere in einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Not --- von einer Gemeinsamkeit die gebieterische Forderung auf ihre eigene Erhaltung durch Geburtenvermehrung nur dann gestellt werden darf und kann, wenn diese Gemeinschaft bereit ist, ihr Letztes an die wirtschaftliche Hilfe und S i ch.e r st eck l.n n g der G.e.b o r e n e n zu sehen. „ Ick. Deshalb richtet die Konferenz ihren besonderen starten und eindringlichen Aufruf an die jüdischen Gemeinden, in viel höherem Umfange als bisher aktive und produktive Bevölkerungs- Politik im Sinne einer gehobenen S o z i a l po l i t i k zu treiben auf allen Gebieten des jüdischen Lebens, besonders aber: 1. in einer weitgehenden Wohnungs- und Siedlungspolüik; 2. in der Arbeits- und Berufsfürforge; 3. in ihrer eigenen Gehalts- und' Beamtenpolitlt im Sinne einer Bevorzugung der kinderreichen Familien; 4. in der Verstärkung und Zusammenfassung der jüdischen Mütter-, Kinder-, Jugendschutz- und Jugendpflegebestrebungen und derjenigen der Gesundheitsfürsorge, der Hauswirtschaft lichen Ausbildung und körperlichen Kräftigung; 5. in der Einrichtung von Jugend- und Eheberatungsstellen sowie in der Förderung aller Maßnahmen, die zur Schließung jüdischer Ehen.dienen; 0. in jeglicher Förderung der Frühehe; 7. in besonderen Erziehungsbeihilfen, besonders für jedes dritte und weitere Kind in Anerkennung der Mutterschaftsleistung a l s solcher; 8. in Anerkennung jeder Mutterschaftsleistung der Frau durch unbedingte rechtliche Gleichstellung des unehelichen mit dem ehelichen Kinde; 6. in der Begründung von Jugend- und Gemeindeheimen; 10. in der vollen Nutzbarmachung der allgemeinen öffentlichen Leistungen der Versicherungsträger und Fürsorgeverbände aut diesem Gebiet und in ihrer Ergänzung aus eigenen Mitteln in allen Fällen, in denen die genannten Stellen nicht ausreichen; 11. die vorstehend aufgeführten Maßnahmen sollen' allen Juden, gleichviel ob eingesessene oder zugewanderte, gleichmäßig zugute kommen. E. Die Konferenz erwartet, daß diese Fragen auch zunr Gegenstand eingehender Beratung in der Konferenzgemeinschaft der Großgemeinden, in den Landesverbänden und der Reichsarbeitsgemeinschaft und in den Verbänden der oben erwähnten Berufe gemacht werden. Sie beauftragt den bevölkerungspolitischen Ausschuß mit der Auswertung der Konferenzergebnisse und besonders mit der alsbaldigen Aufstellung eines bevölkerungspolitischen Gemeindeprogramms. F. Die Konferenz richtet zum Schluß einen Aufrufandie jüdische Gesamtheit zu einmütiger Mitarbeit in der jüdischen Bevölkerungspolitik. ** Zur Kritik der Zeit. In der am 3. Februar vom Mainzer Carncstal-Verein veranstalteten Fremdensitzung wurden in einem Vortrag des Schauspielers und Vortragskünstlers Ernst Hartmann, Mainz, u. a. nachfolgende, den Geist der Zeit kritisierende Worte voüder närrischen Tribüne herab gesprochen, die wir hiermit zum Abdruck bringen: Zweihundert Jahre sind es just her. Daß Lessing der Menschheit geboren. Der Duldsamkeit eherne Worte schrieb er, Doch scheinen sie längst schon verloren. Den Glauben, der den andern bewegt, Such' keiner zu verfehmenl Wer inenschlich würdig sich beträgt. Braucht niinmer sich zu schämen? Doch, wer der Toten Ruhe entehrt, Grabmäler stürzt und schändet, Der ist des menschlichen Namens nicht wert, Ilnd schaudernd der Blick sich wendet! Der Jugend gehört der komniende Tag, llnd Verhetzung führt niemals zum Glücke. Wem Deutschlands Zukunft am Herzen je lag, Baut mit die goldene Brücke! Es müßte der Haß in den eigenen Reih'n, Wohl einmal ein Ende finden! Doch habt ihr ja 25 Partei'n, T'rum taumelt ihr auch wie die Blinden. Noch geht es langsam in der Welt Die Geltung zu erhalten. D'rum sucht, was euch zusammenbätt, llnd nicht euch zu zerspalten. Z

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