Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 2 (2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Bemerkenswert endlich ist, daß Lessings reifstes, lebendigstes und gedankentiefstes Drama „Nathan der Weise", das Hohelied der Gerechtigkeit und Menschenliebe, im Wiesbadener Staatstheater der preußischen Republik auch am 200. Geburtstage des Dichters nicht aufgeführt wird, sondern „Minna von Varnhelm", hinter dessen Geschehnissen alles überschattend „Friedericus Rex" schicksalhaft waltet. Dafür wird im städtischen Paulinenschlößchen einige Tage später der ehemalige Pastor Münchmeyer, eine verkleinerte und nicht verbesserte Auflage Stöckers, sein Lied des Hasses singen dürfen. So sicher es ist, daß kein böser Wille bei irgend einer amtlichen Stelle vorliegt, so sicher ist der Gesamteindruck nicht gerade erbaulich." Die Synagogenspeicher und der von Berthold Auerbachs Heimat. Von S. Rothschild, Worms. In heutiger Zeit, in der das Verständnis für Altertumskunde sich allmählich durchgerungen und zur Gründung von jüdischen Museen geführt, hat man kaum noch eine Ahnung davon, welch bedeutende Werte durch Verbringung auf den Synagogenspeicher dem Untergange geweiht wurden. Älte, noch wertvolle Thoramäntel, Vorhänge, die durch neue überflüssig geworden, wurden dahin gebracht, auch solche, die man für abgängig gehalten und die noch ausgebessert werden konnten; Wimpeln, die für die Familienforschung wertvolles Material geliefert, wurden, weil überzählig, dahin gebracht, um von den Ratten und Mäusen verzehrt oder von gewissenlosen Menschen gestohlen und dem Althändler überliefert zu werden. Nicht anders erging es den Urkunden, Rechnungsbüchern der Gemeinden und Vereine. Man brauchte Platz und der Synagogenspeicher war es, der alles aufnahm, auch zur Zeit, in der unsere Glaubensgenossen der Verfolgung halber den Wanderstab ergreifen mußten. Eine reizende Schilderung eines Synagogenfpeichers gibt Berthold Auerbach. Der Dichter, der in seinen Dorfgeschichten und Romanen das Leben so vieler seiner Landsleute dargestellt, hatte mit der Schilderung seines eigenen zu lange gewartet, und als das nahende Alter hierzu ernstlich mahnte, da _ war er schon ein kranker Mann, und er konnte nur wegen des bald eintrel enden Todes das Kapitel „Der Knabe auf dem Dorfe" vollenden. Hier spielt auch der B e s u ch a u f d e m Synagogenspeicher in Nordstetten eine Rolle. Ter Dichter erzählt, wie er als kleiner Knabe mit seinem Kameraden, dem späteren Schuhmacher Herzle, im Schloßgarten unter dem Birnbaum sitzt und plötzlich im tapfersten Obstessen den Gefährten mit der Frage überrascht, was denn eigentlich mit den alten, zerlesenen Geberbüchern geschehe? Man könne doch keine Düten daraus machen. Der Herzle will zuerst von der närrischen Frage nrchls wissen, dann meint er, die alten Gebetbücher würden vielleicht verbrannt oder vergraben, oder in den Neckar geworfen. Und da all diese beiläufigen und ungenauen Antworten unseren Berthold nicht befriedigten, weist ihn Herzle an seine Mutter, eine fromme und verständige Frau. „Ich fragte meine Mutter", erzählt der Dichter, „und sie sagte: „Kind, wohin gehen deine Gedanken immer? Aber ich kann dir's sagen, lieber der Decke der Synagoge ist ein Speicher und da liegen die Gebetbücher von 100 und 100 Jahren. Und der Atem der Lebenden steigt auf zu den Blättern, worauf der Atem der Verstorbenen gehaucht war und wo manche Träne hinfiel. Und die Werke der Verstorbenen und Lebenden gehen miteinander hinauf zu Gott." Ich schauderte und meine Schwester Babi sagte: „Es darf niemand da hinaufgehen, der noch nicht konfirmiert ist. Da droben sind als Ratten verkleidete Schedim (Gespenster)." Ich schauderte noch mehr, aber ich erzählte bald alles, was ich erfahren, meinem Kameraden, dem Herzle. Eines Mittags, es war ein heller Sonntag, kam der Herzle und rief: „Lauf tapfer! Komm, ich Hab' gehört, der krumme Mayerle trägt alte Gebetbücher auf den Synagogenspeicher. Komm', wir schleichen ihm nach, du bist doch nicht feig und fürchtest dich?" Ich fürchtete mich allerdings, ging aber doch mit. Barfuß, wie wir waren, konnten wir unhörbar hinterdrein schleichen und der Synagogendiener, ein kleines, buckliges Männchen, keuchte so laut, daß er das Knarren der Treppe nicht hörte. An der Tür klopfte das krumme Mayerle zuerst mit dem Schlüssel dreimal an und sprach ein uns unverständliches Gebet. Es raschelte drinnen, wie wenn der Wind die Baumblättec aufwirbelt. Die Tür ging auf und da lag alles voll Papier. Zerfallene Einbände und Messingbuckeln erschienen wie sich duckende und blinzelnde Kobolde, die am Boden lauerten. Das Mayerle sprach nochmals ein Gebet und — jetzt muß einer von uns aufgeschrien haben. Ich weiß nicht, war's der Herzle oder ich. Der Mayerle schrie um Hilfe, wir aber waren schlecht genug, davon zu 4 rennen und rannten fort bis hinaus in den Wald, ohne uns darum zu kümmern, was aus dem Mayerle geworden. Später hörten wir, daß der Mayerle halbtot herunterkam und erzählte, es seien wirkliche Schedim dagewesen, die hätten einen Lärm gemacht wie tausend Trommler. Nie in seinem Leben gehe er mehr allem auf den Synagogenspeicher, nicht wenn man ihm das Schloßgut dafür schenkte. Mich dauerte das Mayerle, ich wollte ihm bekennen, daß wir hinter ihm gewesen, aber der Herzle duldete es nicht und schalt mich, daß ich nichts für mich behalten könne, was tnir leider geblieben ist bis auf den heutigen Tag." Vogelschutz bei den Juden. Von M. Einer. Am 5. Schöpfungstage sprach Gott: „Es wimmle das Wasser von lebenden Wesen, und Vögel sollen fliegen über die Erde unter der Ausdehnung des Himmels." So schuf der Allgütige die Fische und andere im Wasser lebende Tiere und die Vögel in den Lüften. Und Gott segnete sie. So steht es in unserer Thora zu lesen! Von jeher haben sich im Judentum die Vögel des Schutzes und der Liebe der Menschen erfreuen dürfen. Ein Midrasch erzählt die Geschichte eines Menschen, der keinen Freund hatte! Als er starb, sollte er verurteilt werden, keinen Anteil am künftigen Leben zu erhalten. Wo Gott auch anfragte, überall hörte er nur Ungünstiges über den Verstorbenen. Schon schien sein Schicksal besiegelt, siehe, da meldete sich ein liebliches Vöglein: „Das war ein guter Mann!" trillerte es zum Erstaunen der himmlischen Heerscharen. „Einmal hat er mir im rauhen Winter Futter gegeben! Ohne ihn wäre ich dem Hungertode verfallen, und auch vor bitterer Kälte schützte er mich! Gesegnet sei sein Andenken!" Und das Vöglein sang in allen Tönen des Toten Loblied und bat und flehte für ihn! Da erbarmte sich der Herr und der Mann, den alle Menschen verworfen hatten, wurde erlöst um eines Vögleins willen. Diese Erzählung beweist, wie hoch der Vogelschutz irr Israel eingeschätzt wurde. In der Sidroh Beschalach wird von der Not der Kinder Israel in der Wüste erzählt, das Volk war des Mannahs überdrüssig geworden, da kamen auf Gottes Befehl jeden Tag Wachteln vom Himmel, und es konnte an ihnen seinen Hunger und sein Verlangen nach Fleischnahrung nach Herzenslust stillen! Diese Stelle des Wochenabschnittes kann ebenfalls als Hinweis auf den Vogelschutz ausgelegt werden, indem man nämlich hierin eine Verpflichtung erblicken kann, der Vögel stets in Darkbarkeit zu gedenken dafür, daß sie die Erhaltung unserer Vorfahren bedingten. Und daß gerade die Erzählung voll den Wachteln immer in der kältesten Zeit des Jahres zur Vorlesullg kommt, das mag für uns eine stumme und doch eindringliche Mahnung und Aufforderung sein: Gedcllket der hungernden Vögel im Winter! Verbände und Vereine. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden hat das erste Heft ihrer vorläufig zweimonatlich erscheinenden „Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege" herausgegeben. Die Zeitschrift stellt eine Zusammenfassung der bisherigen periodischen Veröffentlichungen der Zentralwohlfahrtsstelle dar: des „Nachrichtendienstes" und der „Zedakah". Zweck der Zeitschrift ist die umfassende wissenschaftliche und auf die Bedürfnisse der Praxis abgestellte Bearbeitung aller Gelnete der jüdischen Wohlfahrtspflege; der Zusammenharig mit der allgemeinen Wohlfahrtspflege soll dabei weitgehend gewahrt werden. — Bestellungen nimmt die Zentralwohlfahrrsstelle der deutschen Juden, Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158 (Telephon- Bismarck 1064 und 1065, Postscheckkonto: Berlin Nr. 140617) entgegen. Der Abonnementspreis beträgt NM. 8.— jährlich; für jüdische Gemeinden, Organisationen, Vereine, Anstalten ulld persönliche Mitarbeiter RM. 4.— jährlich. Das jüdische Museum e. V. Breslau veranstaltet in der Zeit vom 3. Februar bis zum 7. März 1929 im „Museum für Kunstgewerbe und Altertümer, Breslau, Graupenstr. 14" seine erste öffentliche Ausstellung: „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens". Es ist dies die erste umfassende Darstellung von Judaica, die bisher im Osten Deutschlands auf diesem Gebiete gezeigt worden ist.