Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 1 (1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Lied eines Studenten. Mitgeteilt von S. Rothschild, Worms. Die hier monatlich erscheinende Zeitschrift „Volker, der Fiedler", Herausgeber: Chormeister Drommershausen, enthält in ihrer Mai-Nummer den in der Ueberschrift genannten Aufsatz, der sicherlich allgemeinem Interesse begegnen dürste. Frühling 1822! Ein Berliner Student wandelt sinnend die „Linden" entlang. So ganz von ungefähr stößt er auf ein cmf einem Eckstein sitzendes weinendes Mädchen. Ihn durchzuckt's: „Ist die schön, wunderschön!" Er tritt aus sie zu, sich teilnahmsvoll nach dem Grunde ihres Weinens zu erkundigen. Und seine freundlichen Worte finden Widerhall. Sie erzählt zutraulich und immer zutraulicher dem jungen Manne ihr trauriges Geschick .... Sie war Jüdin und mit ihrem Vater aus Gnesen ausgewandert; unterwegs waren beide ihrer geringen Habe beraubt worden und nach 'Berlin gekommen, um die Hilfe der dortigen Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. Bald nach der Ankunft war der Vater, niedergedrückt vor: der schweren ^-orge um den erlittenen Verlust, gestorben, und nun stand die unglückliche Tochter mittellos und von aller Welt verlassen allein in der fremden Stadt. Rührend schön war das junge Judenmädchen in seiner Hilfslosigkeit und Trauer, und aufs tiefste ergriffen von der schlichten Erzählung der Unglücklichen, faßte der Student den Entschluß, ihr zu helfen in ihrer Not. Aber wie das anfangen? Hatte er selbst doch kein Elternhaus in Berlin. Da kam ihm ein glücklicher Gedanke: seine mütterliche Freundin Nahe! Le vir: konnte und mußte ihm beistehen. Zu ihr brachte er seine Schutzbefohlene und Nahel nahm ihre junge Glaubensgenoffin bei sich auf und hielt sie bald wie ihre eigene Tochter, sorgte für ihr leibliches Wohl und erschloß ihr auch die reichen schätze ihres eigenen Herzens und Geistes. Und wer war jener Student, dem die Heimatlose eine neue Heimat, die Elternlose eine treusorgende Mutter verdankte? Es war H ei n r i ch Heine, der nachmals so berühmt gewordene Dichter, der damals in Berlin studierte und ein Jahr vorher (1821) die erste Sammlung seiner Gedichte veröffentlicht hatte. Und jene Jüdin? Es kam, was kommen mußte. Heine, der täglich in Rahels Hause verkehrte und dort mit der in so seltsamer Weise gefundenen Freundin zusammenkam, wurde immer mehr von ihrem Liebreiz entzückt; sie nahm sein Herz und seine .Phantasie völlig gefangen, und der junge, leicht empfängliche 'Dichter entbrannte in heißer Liebe für seine Mirjam, die seine Gefühle mit gleicher Glut erwiderte. Doch das Leben trat auch hier trennend zwischen zwei liebende Herzen. Heine mußte das bittere Weh erfahren, das^ in seinen bekannten Versen einen schlichten und doch so ergreifenden Ausdruck gefunden hat: Anfangs wollt' ich fast verzagen, Und ich glaubt', ich trüg es nie, Und ich Hab' es doch getragen, — Aber fragt mich nur nicht: wie? Mochte er aufseufzen: Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie ewig neu, Und wem sie just passieret, Dem bricht das Herz entzwei. Ach, das Menschenherz bricht nicht so leicht. Auch Heinrich Heines Herz brach nicht, als Mirjam nach Gnesen zurückkehrte, wo ein liebender Bräutigam ihrer harrte. Doch als sie unter heißen Tränen von Berlin Abschied nahm, widmete ihr der Dichter ein Gedicht so voll keuscher Zartheit, wie man sie leider selten bei dem „ungezogenen Liebling der Musen" findet, dessen spätere Dichtungen oft durch übel angebrachte Zynismen verunziert sind und der ja selber sagt: „Vergiftet find meine Lieder". Jenes Gedicht aber gehörte zu den schönsten Perlen deutscher Lyrik, und mag über den Dichter und Menschen Heinrich Herne auch noch so verschieden geurteilt werden, von dem Zauber dieses Liedes und seiner schlichten Schönheit wird auch heute noch jeder Leser und Hörer unwillkürlich ergriffen. Das Liedchen lautete: Du bist wie eine Blume, So hold und schön und rein: Ich schau' dich an, und Wehmut Schleicht mir ins Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen sollt', Betend, daß Gott dich erhalte So rein und schön und hold. Voll zur Geltung jedoch kommen die Verse erst, wenn sich zu dem Wort die Weise gesellt. Keines deutschen Dichters Lieder sind so oft komponiert worden wie Heinrich Hernes Lieder; wohl keines aber ist so oft „auf Flügeln des Gesangs" hinausgetragen worden in die Welt, wie das wunderbar zarte Hohelied jungfräulicher Schönheit, Reinheit und Demut: „Du bist wie eine Blume." 4 Die Entwicklung des jüdischen Museums in Breslau. Von Dr. Willy Cohn, Breslau. Wir berichteten vor einiger Zeit von dem Plane, m Breslau em jüdisches Museum erstehen zu lassen. Naturgemäß kann ein derartiges Institut, wenn es von bleibender und dauernder »Bedeutung sein soll, wenn es auf wirklich wissenschaftlichen Gesichtspunkten sich aufbaut, nicht von heut aus morgen ins Leben treten. In den vergangenen Monaten ist im Stillen eifrig gearbeitet Norden, und zu Beginn des neuen Jahres 1929 soll eine Ausstellung „Das Judentum iu der Geschichte Schlesiens", die in Breslau eröffnet werden wird, auch nach außen voii dieser Tätigkeit Kunde geben. Um auch in de^breiteften jüdischen Oeffcntlichkeit für den Museumsgedaiiken zu werben, der ja überall, wo Juden leben, sich regt, und voii dem neuen Interesse der jüdischen Gemeinschaft au ihrer Vergangenheit zeugt, läßt der Vorstand des Breslauer Museumsvereins eine Schrift herausgeben, die von bleibender Bedeutung ist. Georg Hermann leitet sie durch einen Aufsatz ein von Psomimbüchsen und alten Haggaden. Der Dichter von Jettchen Gebert spricht sich hier über jüdische Kunst aus. Nicht nur von den Gefühlswerten redet er, die die Betrachtung in die Gegenstände unseres Kultes in uns auslöst, er spricht auch von der Bedeutung, die eine derartige Sammlung für die Erkenntnis rmseres Werdens hat. So schreibt er: „Mich reizt zum Beispiel die Soziologie der jüdischen Familie heute. Mich drängt es, genau zu wissen, welchen Aiiteil haben wir deutschen Juden an den deutschen und europäischen Kulturleistungen auf künstlerischen, wissenschaftlichen, sozialen, philosophischen, merkantilen, kurz in allen schöpferischen Gebieten? Wer kann mir darüber Bescheid geben?" In eiiiem weiteren Aufsatz spricht Verwaltungsdirektor Dr. Rechnitz von der Entstehung des jüdischen Museums, an dem auch die nichtjüdische Oeffcntlichkeit bereits ein großes Interesse nimmt. Im Breslauer Schloßmuseum wird die neue Gründung, dank des Entgegenkommens des Magistrates und der Museumsleitung langsam aufgebaut. Schlesien als Völkerbrücke vom Osten nach Westen hat naturgemäß iu seinen jüdischen Kunstschätzen ganz besonders die Möglichkeit, Gegenstände zu finden, die den Einfluß der verschiedensten Kunstkreise auszeigen. Schließlich spricht noch Prof. Dr. Grotte von dem, was das neue jüdische Museum enthalten soll. Zwei Hauptgruppen wird es aufweisen, eine rein geschichtliche und eine kulturhistorische. In Drucken, Bildern, Kaufverträgen, Schutzbriefen, Judenquittungen, Familiendokumenten und königlichen Erlassen wird es das Ringen der schlesischen Juden um ihre Heimat zeigen. In der zweiten Gruppe des Museums werden kunsthistorische Gegenstände ihren Platz finden: Erzeugnisse künstlerischen Gepräges für den kultischen Dienst in Synagoge und Haus; hierher gehören kostbare Silbergeräte, wertvolle Keramik, Gläser, Zinn, 'Messing, sowie Gegenstände in Textilarbeiten. Inkunabeln und Gebetbücher mit ihrer reichen farbigen Ausmalung werden das Interesse der Besucher wecken. Alle kleineren jüdischen Ausstellungen, die nn Anschluß an große Ausstellungen der letzten Jahre der Oeffcntlichkeit zugänglich gemacht worden sind, haben gezeigt, welch' besondere Anteilnahme die nichtjüdische Umwelt unseren sichtbaren Kultgegenständen entgegenbringt. Mag dies auch oft nur aus oberflächlicher Neugier geschehen, mancher bekommt doch aus dem Sehen der Dinge einen Einblick, der ihn in seiner ganzen Stellung zum Judentum beeinflussen wird. So wird an seinem Platze das neue jüdische Museum segensreich für unsere Gesamtheit wirken. Aus unseren Verbandsgemeinden. Büdingen (Oberhessen). Am 1. Dez. 1928 beging Frau Berta Glauberg in sehr guter geistiger Verfassung und in verhältnismäßig günstiger körperlicher Rüstigkeit den 80. Geburtstag. Frau Glauberg wollte den Termin gar zu gerne verheimlichen und bat schon Wochen vorher, man möge doch von Ehrungen aller Art absehen. Dennoch sprachen zahlreiche Gratulanten — darunter auch viele Nichtjuden — bei ihr vor, und es ist manches Geburtstagsgeschenk bei ihr abgegeben worden. Möge der Greisin ein recht langer Lebensabend in ungetrübter Freude beschieden sein. Mainz. Am 27. vor. Mts. beging Herr Jakob S e l i g m a n n in körperlicher und geistiger Frische das Fest seines 78. Geburtstages. — Herr Seligmann erfreut sich im Kreise seiner Freunde und Bekannten allgemeiner Wertschätzung. Der Jubilar ist geborener Mainzer, seine Mutter war eine geborene Jailly und deren Mutter eine geborene Hannover. Letztere gehörte emer alteingesessenen Mainzer Familie an. Im Museum der ReligionS- , *