Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 12 (12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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mehr auf, so geschah es, daß er in der fürstlichen Schloßkirche am Tage Matthäi 1737 — 21. September — über Matth. 9 von der Liebe Jesu in Ausnehmung der Sünder predigte und darin die Ausnahme und bessere Versorgung der Proselyten befürwortete. Diese Anregung nahm Geheimrat Wieger aus, legte ein Gutachten dem Negierungskollegium vor, welches es dem Landgrafen Ernst Ludwig unterbreitete. Dieser stiftete anläßlich seines 50jähr. Regierungsjubiläums einen bedeutenden Fonds für die Missionszwecke und sicherte ihr noch eine jährliche Einnahme zu. Die restierenden Salzburger Emigrantengelder, der Erlös aus dem Klingelbeutel am monatlichen - Bettage, freiwillige Beiträge in- und ausländischer Personen wie fromme Stiftungen wurden hierzu verwendet. Auch die Stadt Frankfurt a. M. beteiligte sich dabei mit einem ansehnlichen Betrage. Im 17. Jahrhundert flössen Mittel aus anderen Kassen zu, wie aus dem Schul- und Pädagogensonds. Nachdem Fresenius seine „wichtige und gesegnete Arbeit" begonnen hatte, mußte er im Austrage des Landgrafen verschiedene Fürstenhöse und Städte besuchen, wie auch Dänemark, Nieder- und Obersachsen, um weitere Betriebsmittel herbeizuschassen.) Neben Fresenius teilten sich der Präsident des Konsistoriums, zwei Assistenten, ein Missionar und ein Oekonom in die Leitung der Anstalt, lieber den inneren Betrieb der Anstalt berichtet Dr. Diehl ausführlich; es dauerte lange, brs die „alten Jrrtümer" widerlegt und die „rechtschaffene Erkenntnis" begriffen wurde. — Im Herbst 1739 erhielten die Proselytenanstalten ein eigenes Heim, jetzt Luisenstraße 18. Nach der ersten Taufe im neuen Hause glaubte man in christlichen Kreisen an eine Glanzzeit, aber Ernst Ludwigs Nachfolger, Ludwig VIII., fand bei allem Wohlwollen mancherlei Bedenken an der ganzen Einrichtung; man plante, die Anstalt eingehen zu lassen, wie den Verkauf des Hauses. Fresenius wurde 1745 nach Gießen versetzt infolge Ungnade des Landgrafen; sein Nachfolger wie das nachgelassene Interesse des Landgrafen konnten den morschen Bau nicht ausrecht erhalten. 1753 gehörte er schon der Vergangenheit an. Der Name „Proselytenkasse" mutzte durch Verfügung des Landgrafen vom 26. November 1753 umgeändert werden, und damit war das Haus verschwunden. Eine recht bezeichnende Mitteilung bringt Diehl aus Seite 627: „Die Weibs-Personen sind mit Nähen, Spinnen und mit Woll-Arbeit, desgleichen mit der letzteren auch die Manns-Personen, soweit diese sich dazu schicken, vor auswärtige Fabriquen, mithin ohne Abbruch der hiesigen Waisen-Kinder Interesse, wie weniger nicht mit sonstig allerhand Handwerker, welche die Mannsleute schon gelernt, oder noch erlernen können, in der Stadt bei denen Meistern ihre Nahrung zu erwerben angehalten werden." Die Taufe und Verheiratung neuer Eheleute sollten in der Stadtkirche verrichtet werden, „um allen Eclat zu verhüten". Die Psingstkollekte für die Proselytenanstalten wurde mit der Bezeichnung „vor einige nottürstige Mitbrüder und Mitschwestern angekunden", um kein Aergernis zu erregen. — Diese Leiter wie auch viele anderen des Missionswerkes waren im jüdischen Schrifttum bewanderte Theologen; ihnen war das Wort: „Jeder Israelit hat Anteil am jenseitigen Leben" nicht unbekannt. Aus der Geschichte hätten sie auch von der Ewigkeit des jüdischen Volkes wissen müssen. Ihr Eifer machte sie aber blind. Wir sollten durch Erziehung und Unterricht die stark belagerte Festung uneinnehmbar machen. Aus unseren Verbandsgemeinden. Friedberg i. H. Nach 47jähriger Tätigkeit als Haushälterin bei dem im 90. Lebensjahre stehenden Herrn M. Stahl starb am 14. Nov. 1928 Frl. Hannchen Weinberg im 81. Lebensjahre. In seltener Treue und in unermüdlichem Fleiße führte sie den seit 47 Jahren durch den Tod der Frau verwaisten Haushalt. Gelegentlich ihres 45jähr. Jubiläums wurde ihrer auch vom Reichspräsidenten in Form eines Diploms ehrend gedacht. Bei der Beerdigung widmete Lehrer Seelig der Entschlafenen einen ehrenden Nachruf. Gießen. Hier fand am 21. v. M. die alljährliche Tagung des Landesverbands Hessen-Nassau und Hessen des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt, die in Anwesenheit von 79 Vertretern aus allen Teilen des Bezirks und des Direktors Dr. Ludwig Holländer als Vertreter des Hauptvorstandes einen besonders guten Verlaus nahm. In fünfstündigen Verhandlungen wurde sie zu einer eindrucksvollen Kundgebung für den Willen zur Vertiefung der bisher bewährten Arbeitsmethoden und zur Angleichung der Tätigkeit an die stets wechselnde Agitation unserer politischen Gegner. Direktor Dr. Holländer berichtete eingehend über die augenblickliche Lage, die Stellung und Haltung der politischen Parteien zu jüdischen Dingen, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Boykott und alle sonstigen lebenswichtigen Einzelsragen, um dann die Wege auszuzeigen, die zur Aufklärung und Gegenwehr Erfolg versprechen. Vorher hatte der 6 Syndikus des Landesverbands Hessen-Nassau, Dr. Marx, die Frage „Geist oder Seele?" aus Grund der Ereignisse im Landesverband während des Jahres 1928 dahin beantwortet, daß die geistigen Grundlagen und Produkte unferer Arbeit (Broschüren, „Morgen", „C.-V.-Zeitnng") selbstverständlich unverändert bleiben und noch immer weiter ausgebaut werden sollten, daß daneben aber, auch in politisch ruhigeren Zeiten, der feelischen Stimmung der Bevölkerung, die die Gegner geschickt für sich zu gewinnen suchen, stärker als bisher Rechnung getragen werden müsse. Der Referent machte eingehende Vorschläge für die praktische Arbeit, die mit den Darlegungen Dr. Holländers Gegenstand lebhafter und sachlicher Aussprache waren. Gießen. Der israelitische Frauenverein veranstaltete Sonntag, den 11. November, als Wohltätigkeitssest einen Familienabend. Der Besuch war ein außergewöhnlich großer. Die Lose der Tombola, die 400 wunderschöne, teils wertvolle Gewinne auswiesen, waren fehr begehrt. Alle Gewinne waren gestiftet, ebenso die Kuchen, die zum Kaffee von jungen Mädchen verkauft wurden. Die Kapelle? Söhne unserer Mitglieder, erfreute durch ihre gute Musik besonders die Jugend,' der sie zum Tanze noch ausspielte. Darbietungen aller Art, wie Gesang, Tänze und Vorträge, fanden allgemeinen Beifall. Der klingende Erfolg war ein ebenfalls sehr befriedigender, so daß viel Gutes mit demselben getan werden kann. — Am 22. November veranstaltete der isr. Frauenverein einen Vortragsabend. Vortragender war Herr Dr. Ritter, Dramaturg des Gießener Stadttheaters. Seine hochinteressanten Ausführungen über „Jüdische Stücke im modernen Theaterspielplan" fanden bei den sehr zahlreich Erschienenen allergrößten Beifall. Lich (Oberhessen). Es ist schwer, das Alter der Gemeinde sestzustellen. Nur die Größe des Friedhofes kann unter dem Gesichtspunkt einer normalen Sterblichkeit darüber Ausschluß geben. Nach diesem dürste die Gemeinde über 200 Jahre alt sein. Im 17. und 18. Jahrhundert war die Gemeinde arm, da hohe Steuern an die Standesherrschast abgesührt werden mußten. Doch am Anfang des 19. Jahrhunderts sieht man schon Ansätze zur Vermögensbildung. Die alte Synagoge war baufällig geworden, man mußte sich zum Ankauf eines Anwesens entschließen. Es wurde eine Zeichnungsliste aufgelegt, in der u. a. schon eine Spende von 150 Gulden zu finden ist, eine zur damaligen Zeit hohe Summe. Die Synagoge wurde am Sabbat Schoftim 1811 eingeweiht. Ueber 111 Jahre hat sie ihre Dienste getan. Es kamen Zeiten, wo man glaubte, die Gemeinde würde sich anslösen, doch setzte kurz vor dem Weltkriege Zuzug ein, so daß die alte Synagoge zu klein wurde. Hier zeigte sich, daß der Opsersinn, den unsere Väter vor 111 Jahren hatten, noch vorhanden war. Im Jahre 1922, in den schweren Jnslationsjahren, ist es der Gemeinde gelungen, ein neues Gotteshaus erstehen zu lassen. Die Einweihung bildet ein Ruhmesblatt für unsere Gemeinde, zeigte sie doch das gute Einvernehmen mit der christlichen Bevölkerung. Der 21. Oktober 1922 wurde von der ganzen Bevölkerung gefeiert. Und so wollen wir atu Sabbat Chanukkah ein neues Seser einweihen, weil durch das hohe Alter der Sesorim ein Ersatz dringend geboten war. Auch der Frauenverein hat es sich nicht nehmen lassen, zu diesem Anlaß ein neues Brauchos zu stiften, dasselbe wurde in der Kunstwerkstatt von Fräulein Fränze Goldschmidt in Halberstadt hergestellt und wird in seiner schönen Ausführung ein Schmuckstück in unserer Synagoge sein. — Allen Familien, deren Altvorderen hier gelebt haben, sei zugerusen: Vergeßt die Gräber eurer Vorfahren nicht! Laßt sie wieder Herstellen, damit kommenden Geschlechtern ein ehrwürdiger Friedhof überliefert wird! Der Vorstand der Gemeinde ist gerne bereit, die Wiederherstellung der Gräber besorgen zu lassen. Mainz. Der jüdische Jugendverein veranstaltet am Samstag, den 8. Dezember, abends 8% Uhr, im Gutenbergkasino seine Chanukkahseier. Das Programm, das von Mitgliedern bestritten wird, verleiht ihr einen stimmungsvollen Rahmen. Die Jugend will den Festabend aber nicht allein begehen, sondern erwartet auch rege Beteiligung der Erwachsenen, damit er gewissermaßen eine Familienfeier innerhalb der Gemeinde werde. Tombola und Tanz werden zum Schluß für Alt und Jung Ueberraschungen und Freude schassen. Niederwöllstadt. Unter starker Beteiligung der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung fand die Beerdigung unseres ältesten Mitgliedes Isaak Frank am 4. November statt. Dre Leichenrede hielt Lehrer Markus aus Assenheim. Verbände und Vereine. Die Einlösungssrist für die Gewinnlose der Wertlotterie zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden Frankfurt a. M., Holzgraben 2, II, ist bis zum 15. Januar 1929 verlängert worden. Der Landesverband Rheinland—Westfalen des Zentral- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V. feierte