Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 11 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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lands (und Gott sei geklagt, daß es Deutschland ist), die Angehörigen aller Stämme, aller Klassen und Stände, jeden Alters teilen sich in diese grauenvolle Schmach. Hakenkreuzler, Schlageterbündler, Stahlhelmer, Gymnasiasten, Volksschüler und — junge Mädchen teilen sich in den eklen Ruhm dieser viehischen Taten. In einzelnen Städten sind 50, ja 60, ja mehr als neunzig Grabsteine umgestürzt und zum Teil zertrümmert worden. Stundenlange Arheit hat man darauf verwendet, um Denkmäler von vielen Zentnern Gewicht mit seinen ehrlosen, feigen Händen umzuwerfen. Selbst Kriegerdenkmäler mußten dieser rohen Gewalt Weichen und ihre Kränze der Raub tollwütiger Verhöhner jeden Restes christlicher Lehre und Gesinnung werden. Nachdem man an einem hohen Festtag auf den Kindergräbern die Grabplatten zerbrochen hatte, zertrampelte man die Blumenbeete der kleinen Toten. Das war nicht zu Neros Zeiten, es war auch nicht im ketzerverfolgenden Mittelalter — es war in der Zeit vom Jahre 1924 bis heute! — Es geschah auch nicht bei den Wilden — es geschah in — Deutschland. Die Täter waren auch keine entlaufenen Wahnsinnigen, sie waren gesunde Mitbürger. Es waren auch keine fanatischen Heiden — es waren — so sagt ihr Taufstein—Christen! Christen — Deutsche — Männer — Frauen — verhöhnen der:, auf dessen Namen sie getauft sind — besudeln den Ruf ihres Vaterlandes, machen ihr Geschlecht verächtlich. Wohin soll man sich wenden, um solcher Schande zu entfliehen?" So erfreulich es ist, daß einzelne führende Geister gegen diese Akte der Verrohung ihre Stimme erheben und daniit bekunden, daß diese schmähliche Angelegenheit nicht nur uns Juden, sondern das gesamte gesittete Deutschland angeht, so bleibt doch noch zu wünschen übrig, daß die Stimme dieser wenigen nicht verhallt: Der Ruf gegen diese unmenschlichen Gewalttaten muß vielmehr zu allen Kreisen des deutschen Volkes dringen und mutz bewirken, daß der Versündiguna an deutscher Kultur, wie diese Friedhofsschändungen sie darsteUen, ein Ende bereitet wird. Betrachtungen zur »Jüdisch-liberalen Weltkonferenz". Von Lazarus Friedmann, Mainz. Die in Berlin vom 18. bis 21. August tagende „Jüdisch-liberale Weltkonferenz" hat im allgemeinen bei der jüdischen Welt, sogar bei konservativ Gesinnten, günstige Eindrücke hinterlassen. Der religiöse Zug, der seit dem Weltkrieg bemerkbar ist, wird wohl durch die Tagung, indem sie zum religiösen Leben ausfordert und die Einheit des Judentums betont, weitere Fortschritte machen. Allein eine volle Befriedigung hat die Tagung nicht gebracht. Wir vermissen die Klarheit, wie und auf welche Werse der Liberalismus in der Lage wäre, das Judentum und das jüdische Leben bei der allgemeinen jüdischen Bevölkerung zu fördern. Die theoretischen Wissenschaft des Judentums, die sich seit Abraham Geiger stets weiter entwickelte, ist doch nur für Intelligente ausgebaut, die befähigt sind und Zeit haben, sich mit ihr zu befassen. Dem Durchschnitts-Juden, dem die nötigen Kenntnisse fehlen, der aber für alles Jüdische Interesse aufbringt, kann sein Judentum nur durch Positives und Lebendiges erhalten werden. Man fragt deshalb: „Was bietet der Liberalismus dem Gros des jüdischen Volkes? Welche Wege zeigt er dem einfachen Juden? Wie und wodurch soll er sein Judentum bekunden? Das treue Festhalten an dem jüdischen Gesetz, sowie an dem Zeremoniellen hat seit der Reformzeit sehr nachgelassen und ist stets im Rückgang. Was nun? Soll denn das Judentum nur im engen Kreis der jüdischen Gelehrten und Intelligenten, die sich mit dem jüdischen Wesen beschäftigen, konserviert werden? Auf diese Fragen hat die tagende Konferenz keine Antwort gegeben. Der Liberalismus ist zwar kein Freibrief, wie Dr. Leo B a e ck richtig sagte, daß jeder in religiöser Beziehung machen kann, was er will. Tatsache aber ist es, daß mancher Jude sich darauf stützt und glaubt, als Liberaler nicht verpflichtet zu sein, manche Bräuche, Zeremonialgesetze und Vorschriften zu beachten. Daß der Laie seit Entstehung des Liberalismus die Religion nur den zeitlichen Verhältnissen entsprechend behandeln will, ist kein Wunder, hatte doch Leo Baeck selbst den Gründern der Reform ebenfalls diesen Vorwurf gemacht. Diesen Irrtum zu beseitigen und Klarheit über die Verpflichtungen des positiven religiösen Lebens zu schaffen, hat die Konferenz nicht gegeben. Somit hat die Konferenz, trotz der Begeisterung und Erklärung über Erneuerung des Judeiitums in weiten Kreisen keine vollständige Befriedigung gefunden. Die Worte von Leo Baeck, daß die Religion nicht zeitgemäß ist, und deshalb nicht nach den Zeitverhältnissen umgestaltet werden kann, wird wohl von niemanden, dem seine Religion 8 wertvoll ist, bestritten werden. Nun wird aber von linksliberaler Seite die Frage gestellt werden, ob alles, was im Laufe der vielen Jahrhunderte an Gesetzen und Bräuchen entstanden, als Religion zu betrachten sei. Sind denn, nicht damals viele Verordnungen als zeitgemäße Bedürfnisse erfolgt, die als “nj , Zaun, andere wichtige Gesetze schützen sollten? Viele von diesen Verordnungen haben in der jetzigen Zeit ihren Wert dadurch verloren, weil sie weder in der Lage sind, das wichtige Gesetz zu schützen, noch ein Bedürfnis dazu vorhanden ist. (Es wird zu weit gehen. Beispiele anzuführen.) Diese Verordnungen zu erfüllen, sollte eigentlich für die heutige Zeit keine Pflicht mehr sem. Sie sind damals als zeitgemäße entstanden und können jetzt ebenso als nicht zeitgemäß aufgehoben werden, da solche jetzt nicht mehr als religiöse Pflichten anzusehen sind, die Anspruch auf Ewigkeit haben sollen. Diese und ähnliche Argumente, womit die Forderungen nach religiöser Reform verlangt werden, müssen dennoch, obwohl manches an sich vielleicht berechtigt sein mag, entschieden abgelehnt werden. Und zwar aus folgendem Grund: Wer soll denn in unserer Zeit *?p pn zwischen wesentlichen und unwesentlichen Gesetzen eine Entscheidung treffen? Wer kann dieses feststellen? Durch die gegensätzlichen Richtungen und Auffassungen im religiösen Judentum gelten leider keine Autoritäten mehr bei uns. Welche Richter besitzen wir, deren Entscheidungen bei allen jüdischen Parteien Anerkennung finden würden? Eine autoritative Persönlichkeit, die in der Lage wäre, eine Einigung in religiöser Beziehung herbeizuführen, ist m. E. undenkbar, sogar wenn wir das Glück hätten, einen zweiten (Maimonides) zu besitzen. Da wir aber keine autoritativen Kräfte haben, an die sich das zu halten gewillt ist, so kann von zeitgemäßen, religiösen Aenderungen keine Rede sein. Wir müssen daher alle Gesetze und Bräuche, auch die, die uns unwesentlich erscheinen als zur Religion gehörig betrachten. Was soll aber geschehen? Soll denn die Zerrissenheit im Judentum ewig bestehen? Das Gros der Judenheit wünscht eine Einigung, die Führer der religiösen Parteien betonen es ebenfalls in ihren Versammlungen und bei ihren Tagungen. Gibt es gar keinen Weg, um den notwendigen A ch d u s (Einheit) herbeizuführen? Wir meinen aber, wo ein ernster Wille da ist, wird wohl ein Weg zu finden sein. Er wird hoffentlch gefunden werden, weil er gefunden werden muß. Wir wollen zu dieser Angelegenheit einige markante Aeutzerungen von Dr. Baeck zitieren, die er an die Konferenz richtete. „Wir wollen begreifen, daß jetzt eine große, gewaltige Zeit des Judentums begonnen hat. Man möchte mit Renchlin sagen: Es ist eine Lust, in ihr zu leben! Neuzeit hat im Judentum begonnen, nicht zeitgemäße Zeit, aber neue Zeit. Wiedergeboren ist das Judentum, Renaissance des Judentums hat begonnen, usw." Wir wissen zKar nicht, was Baeck mit diesen Worten meinte, was ihn veranlaßte, mit solcher Begeisterung über das j e tz i g e Judentum zu sprechen. Es ist kaum anzunehmen, daß Baeck bei seinen Aeutzerungen nur an den Liberalismus allein dachte. Denn soweit hat es der Liberalismus nicht gebracht, daß man ihn als eine Renaissance des Judentums betrachten kann, da er die breiten Massen des jüdischen Volkes nicht umfaßte und nicht umfassen kann. Auch konnte Baeck dabei nicht ausschließlich an die sittlichsozialen Ideen, die von Juden zuerst der Welt verkündet wurden, gedacht haben. Wir können zwar darauf Hinweisen, daß es Juden waren, wie Marx und L a s a l l e , die die fundamentalen menschlichen Ideen der Bibel der jetzigen Welt wieder ins Bewußtsein brachten. Dennoch kann dies alles nicht als eine Wiedergeburt des Judentums betrachtet werden. Wir glauben daher annehmen zu dürfen, daß Dr. Baeck neben der erwähnten auch — vielleicht hauptsächlich — an die Palästina-Bewegung dachte, die eine wirkliche Renaissance des Judentums bedeutet. Durch diese Idee ist das jüdische Volk wieder erwacht, wieder geboren, sie ist — wie Baeck sagte — das Judentum! Millionen — nicht nur Geistesnotabeln — in allen Weltteilen, sogar m den entferntesten Ländern hat der Palästinagedanke ausgerüttelt, er ist ein Lebensnerv des Volkes geworden. Ob Baeck wirklich mit seinen Worten Palästina meinte, können wir zwar mit Bestimmtheit nicht behaupten, aber die Tatsache, ivas Palästina dem jüdischen Volk bedeutet, ist nicht zu bestreiten. Durch den Aufbau des Landes wird wohl die anscheinend unlösbare Frage, ob die Zerrissenheit des Judentums ewig bleiben soll, ihre Lösung finden. Wenn Palästina im Laufe der Zeit wirklich ein geistiges Zentrum für das jüdische Volk werden wird, so wird wohl nicht ausbleiben, daß ein S h n h e d r i o n , wie es in der alten Zeit war, wieder entstehen wird. Einer der größten Schäden, die das jüdische Volk betroffen hat, ist die Aiiflösunq des Shnhedrions gewesen. Die Zersplitterung der Juden wäre lange nicht so weit gediehen, wenn diese nm.m weiter bestanden hätte. Das Synhedrion, das noch während der talmudifchen Zeit arbeitete und aus siebzig Weisen bestand, hat die Befugnis gehabt, Gesetze sowohl schriftliche mm als mündliche HD ■JJDP mm zu interpretieren und festzulegen. Seine Entscheidung allein