Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 11 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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gering und entschuldbar erscheint — wieder stocke ich, die Worte greifen daneben und fehlen — als unsere menschliche Sprache sich der Tierheit entwand, du war solches nicht vorhanden, nicht zu bezeichnen, was im Jahre 1928 in Deutschland lebt. Sind die Gräberbesudler, die Grabsteinzertrümmerer Kinder oder Halbreife, wie in den meisten Fällen, dann tragen in noch höherem Maße die Schuld die „Erwachsenen", für die es erst recht kein Wort gibt, das verdammend genug wäre, für solche, die jugendliche Seelen derart durch Verhetzung in den letzten Gestank und Schlamm der Selbstentmenschung, und dadurch Selbstverdammung, hinabschleudern. Ich hielte so gern diese, meine wenigen Zeilen jedem vor Augen, aber soweit sind wir in Deutschland, daß ich nicht weiß, welcher Korrespondenz ich diese Zeilen anvertrauen sollte, damit sie sie verbreitete, es ist ja alles Partei. Man hieße das eine „jüdische Aktion", oder man schwiege mich tot, und so verantwortungslos ist der große Teil unserer Presse geworden, so sensationsgierig, daß sie meine Worte wohl druckten, aber nur, wenn sie sie allein drucken könnten, denn fast alles sieht nur mehr sich und nicht die Gesamtheit. Was bleibt? Die Bitte: Sprecht jedes, das diese Zeilen liest, jedes, ohne jede Ausnahme, zu allen, die euch erreichbar sind, überall über die Friedhofsschänder, es darf keine Ausnahme kein Aber oder Doch heimlicher oder offener Art geben! Macht euch und jedem klar, daß Tollwütige durch unsere Nächte streifen, die für jede Seele größte Gefahr bedeuten, vernichtet die tollwütigen Seelen der Schänder durch einen Sturmwind eisiger Verachtung. Oder soll es noch tiefer hinabgehen? Walter von Molo. Für den 18. Oktober d. I. hatte der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine von vielen Hunderten besuchte Kundgebung zum Protest gegen die Friedhofsschändungen und rohe Gewalt in das ehemalige Berliner Herrenhaus einberufen: Große Tafeln mit Dutzenden von Photographien der Grab- und Friedhofsschändungen und Synagogen-Besudelungen legten Zeugnis für den traurigen Mut und die Auffassung ab, mit der die Hakenkreuz-Jungen „Politik" treiben. Für die Reichsregierung hatte sich Reichsjustizminister Dr. Koch- Weser eingefunden, für den Landtag Präsident Bartels, für das preußische Justizministerium Staatssekretär Höllscher, für das Berliner Polizeipräsidium Polizeivizepräsident Dr. Weiß. Der Leiter der Kundgebung, der Vorsitzende des Zentralvereins, Justizrat Dr. Brodnitz, gibt eine kurze Uebersicht über die mehr als 60 Friedhofsschändungen der letzten Jahre, die eine schwere Verseuchung des deutschen Volkes bedeuten. Die Täter seien unglückliche Verhetzte, die nicht fühlen, daß sie Puppen in der Hand verantwortungsloser Drahtzieher seien. Die Grabschändungen gingen nicht nur die Juden, sondern alle Kulturmenschen an. Der Appell des Zentralvereins möge weithin in den Gemütern der deutschen Mitbürger nachwirken. Rabbiner Dr. Levi, Mainz zieht den feigen Burschen er-« barmungslos die Maske vom Gesicht, die jetzt in den rheinischen Gebieten, die vom Feinde geräumt sind, Mut zu Ausschreitungen gegen wehrlose Juden haben. Judenfeindschaft habe man in der Mainzer Gegend, wo seit tausend Jahren die jüdischen Mitbürger an Leid und Freud der Bevölkerung seelischen Anteil nahmen, nie gekannt. Jetzt müßten die deutschen Juden am Rhein mit ihren Volksgenossen nicht nur dem außenpolitischen Druck, sondern, was auch noch viel trauriger sei, dem Druck eigener Volksgenossen standhalten. Geheimrat Professor Ferdinand Blumenthal kommt aus die schweren Ausschreitungen in Bremen zurück, wo sich deutsche Behörden wegen tätlichen Angriffs auf einen brasilianischen Konsul, den man für einen Juden hielt, entschuldigen mußten. Trotz aller Ausschreitungen gegen die Juden würden diese nicht irre an der selbstverständlichen Liebe zur deutschen Heimat. Die deutschen Juden seien Deutsche ohne Bindestrich und ohne Fragezeichen. Im Namen der Reichsregierung nimmt darauf, lebhaft begrüßt, Reichsjustizminister Dr. Koch das Wort. Die Neichsregierung sei mit der Versammlung einig in der Entrüstung über die Vorfälle, die Gegenstand des Protestes sind. Sie sei einig mit den Versammelten in dem Schmerz, daß Deutsche Deutschen derartiges haben antun können. Deutsch sei, wer durch Sprache, Sitte, Kultur und Schicksalsgemeinschaft dem deutschen Vaterlande angehöre. Wenn Haß, Leidenschaft und Irrwahn, so führt der Minister unter minutenlangem, stürmischem Beifall aus, sich sogar gegen Tote kehrten, so geht das weit über jeglichen Antisemitismus hinaus. Und das ist nicht mehr ein Gegensatz zwischen Deutschen jüdischer Konfession und Antisemiten, sondern ein Gegensatz zwischen Mensch und Unmensch. Seien Sie überzeugt, daß die Reichsregierung gegenüber solchen Ausschreitungen ihre Pflicht tun wird als Hüterin der Ordnung und des Friedens und im Interesse des deutschen Ansehens im Ausland, weil sie sich selbst durch diese Ausschreitungen auf das tiefste und schmerzlichste in ihrem Rechtsgefühl beleidigt fühlt. Sie haben darum Recht getan, Ihrer: Protest in die Welt zu schicken. Die Reichsregierung schließt sich diesem Protest in jeder Hinsicht an. Nachdem der Vorsitzende der Großberliner jüdischen Gemeinde, Kommerzienrat Gerson Simon, sein Bedauern darüber ausgedrückt hatte, daß die Milde der Rechtsprechung gegenüber den Uebeltätern oft in keinem Verhältnis zur Schwere des Verbrechens stehe, nimmt Rechtsanwalt Dr. Bruno ffieij, Berlin, das Wort, um die Frage zu beantworten, weshalb die Schändung der Friedhöfe eine Angelegenheit aller ehrlichen, gerechten und anständigen Menschen sei. Als die Juden aus Spanien vertrieben wurden, nahmen sie die Grabsteine ihrer Mütter und Väter mit. Als Karl V. an das Grab Martin Luthers geführt worden sei, mit dem er im Leben in heftiger Fehde gestanden habe, sei dem Kaiser der Vorschlag gemacht worden, die Leiche Luthers m die Elbe zu werfen. Karl habe geantwortet: „Das sei ferne von mir! Gegen Tote führe ich keinen Krieg!" In sieben Fällen seien die Grabschänder Schüler höherer Lehranstalten gewesen. Wenn die Ehrfurcht vor dem Tod dahinschwindet, wird deutsches Kulturgut in Trümmer geschlagen. Landtagspräsident Bartels erklärt, daß die geschilderten Vorgänge beschämend und niederdrückend seien. Ehrfurcht vor dem Tode sei in Deutschland allgemeines Gebot: „Laß die Toten ruhen!" „Vom Toten soll man nur Gutes reden!" Bei dieser grenzenlosen Roheit gehe es im Lande Goethes und Schillers um den Preis der Menschenwürde. Es gelte jetzt eine Front aller anständigen Menschen gegen solches Rowdytum zu bilden. Strengste Bestrafung in jedem Einzelfalle sei nötig. Alle Glieder des Volkes müßten sich gegenüber solchen Roheitsdelikten für Ehre, Sitte, Würde und Pietät einsetzen. Bartels ist überzeugt, daß die große Masse des Volkes hinter dieser Kundgebung stehe. Staatssekretär Hoelscher vom Preußischen Justizministerium weist auf den Erlaß des Ministers hin, die Friedhofsschänder scharf anzufassen und in jeder einzelnen Angelegenheit Bericht zu erstatten. Er hoffe, daß dadurch ein Rückgang dieser verbrecherischen Vorgänge eintreten werde. Vizepolizeipräsident Dr. Weiß streift das „Heldenstückchen" am Rundfunk, das die Verrohung der Sitten wieder einmal gezeigt habe. Aber man müsse zugeben, daß selbst der Zuchthäusler Hauptmann von Köpenick solche Gemeinheiten verachtet hätte, deren die Kirchhofsschänder heute fähig sind. Diese Bürschchen würden den starken Arm der preußischen Polizei und des preußischen Ministers des Innern fühlen, die Hüter des Rechtes aller Staatsbürger seien. Der bekannte Schriftsteller Julius B a b schließt den Reigen der Redner. Vor dem 200. Geburtstag Lessings, des großen Apostels der Humanität, seien solche Barbareien doppelt schmerzlich für deutsches Kulturempfinden. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden Dr. Brodnitz wurde folgende Entschließung angenommen: „Die zu der Kundgebung im Herrenhaus versammelten Hunderte von deutschen Bürgern und Bürgerinnen erklären: Die Tatsache, daß Judengegner zur Durchsetzung ihrer Ziele an Stelle geistiger Waffen rohen Ueberfall, verbunden mit schweren Körperverletzungen und Sachbeschädigungen, insbesondere Schändung von Grabmälern, anwenden, ist in so bedrohlichem Maße durch die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen, daß das öffentliche Gewissen aller Teile des deutschen Volkes aufgerufen werden muß, um bei aller politischeii Verschiedenheit aus innerstem Billigkeitsgefühl heraus die dem Denken uiid Tun der Täter zugrunde liegende Gesinnung als eine Schmach für Deutschland und die deutsche Kultur zu empfiiiden. Die Versammelten rufen das gesamte Volk zur entrüsteten Ablehnung der Untaten und zur Schaffung eines Geistes auf, der bei aller Freiheit der Meinungen eine Austragung von politischen Frageii nach den Begriffen von Recht, Sitte und Anstand fordert." Nachdem die deutsche Reichsregierung und Vertreter der preußischen Landesregierung sowie anderer Behörden in nicht mißzuverstehenden Worten die unmenschlichen Gewalttaten verurteilt haben, wendet sich auch das Mitglied des Reichstages, Frau Dr. Marie-Elisabeth L ü d e r s im Namen christlicher Gesinnung gegen diese rohen Gewaltakte, und zwar in der „Vossischen Zeitung" vom 21. Oktober d. I. Sie schreibt: „Hyänen! Zweiundsechzig jüdische Friedhöfe geschändet — 650 Grabstätten demoliert — Leichenhallen besudelt — Gotteshäuser und Gräber beraubt — Altargerät zerschlagen und gestohlen — selbst vor den Ruhestätten unschuldiger Kinder nicht Halt gemacht. — Entsetzen und Scham schüttelt jeden, der mit jenen menschlichen Bestien durch die Taufe in einer Kirchengemeinschaft vereint ist. — Alle Gegenden Deutsch- 7