Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 11 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Verbände und Vereine. war maßgebend, nicht die eines einzelnen. Nur es besaß die Autorität, nach ihm hat sich ganz Israel gerichtet. Es war auch berechtigt, neue Gesetze oder Verordnungen, die ein Erfordernis der Zeit waren, zu erteilen. Ebenso hatte es das Recht, manche altere Ueberlwferungen zu mildern oder auch gänzlich aufzuheben, wenn keine Bedürfnisse mehr Vorlagen oder wenn sie störend ins Leben eingriffen. Das religiöse Leben war im allgemeinen ein einheitliches. Auch in den späteren Jahrhunderten waren Bestrebungen zu einer Wiedereinsetzung eines Synhedrions bemerkbar, so durch Maimonides und später durch Rabbi Josef Karo, um eine Autorität, die allgemeine Anerkennung findet, wieder herzustellen. Damals aber waren die Zeitverhältnisse ungünstig. Jetstaber, wo bereits Anfänge einer hebräischen Universität in Palästina bestehen, sind Hindernisse von außenher nicht mehr zu befürchten. Es wäre daher an der Zeit, daß unsere geistigen Führer — Rabbiner und andere Gelehrte — Fühlung nehmen, um schon jetzt für die kommende Zeit Vorbesprechungen einzuleiten. Die Autorität in Israel wieder herzustellen, ist die schönste und größte Aufgabe. Und dann, nur dann, werden wir mit Baeck sagen können: „Neu geboren ist JsraeI." Aus unseren Verbandsgemeinden. Bingen. Am 26. Oktober d. I. feierte der Kultusbeamte der Israel. Religionsgemeinde, Herr Marx Wolf, sein dreißigjähriges Jubiläum im Dienste der Gemeinde. Gleichzeitig war es Herrn Wolf vergönnt, an diesem Tage seinen 65. Geburtstag zu begehen. Treue zu seinem Amte, jederzeitige Hilfsbereitschaft und unbegrenzter Eifer für die von ihm vertretene Sache zeichnen ihn aus und halfen ihm, sich das Vertrauen der ganzen Gemeinde und der Angehörigen anderer Konfessionen, überhaupt der ganzen Stadt, zu erwerben. Wenige dürfte es in Bingen geben, denen Marx Wolf im Leben nicht schon einmal gefällig war, besonders in Zeiten, die nochmals zu erleben wohl niemand herbeisehnt. Leider war es ihm nicht vergönnt, sein 25jähriges Jubiläum und seinen 60. Geburtstag im Kreise der Familie und Gemeinde zu feiern, da das unerbittliche Schicksal der Ausweisung im Jahre 1923 auch ihn betroffen hatte, und er, ferne der Heimat, die er liebte mit allen Fasern seines Herzens, weilen mußte, nachdem er durch die damaligen politischen Machthaber längere Zeit in Gefängnishaft gehalten worden war. Als die Befreiungsstunde auch für ihn schlug, eilte er freudigen Herzens wieder zurück an die gesegneten User des Rheines, deren Anblick er so lange entbehren mußte. In jugendlicher Frische waltet Herr Marx Wolf wieder feines gewohnten Amtes. Möge es ihm vergönnt sein, noch lange Jahre der Gemeinde dienen zu können! Echzell. Bei der am 21. Oktober stattgefundenen Vorstandswahl wurden die seitherigen Vorstandsmitglieder, Herr Sali Wormser und Herr Julius Simon fast einstimmig wiedergewählt. Bad Nauheim. Eine ansehnliche Festgemeinde und zahlreiche Zuschauer hatten sich am 3. Oktober, vormittags um 11 Uhr, am Bauplatz der neuen Synagoge Am Bethaus und in der Karlstratze zur Grundsteinlegung der neuen Synagoge eingefunden, zu der der Vorstand der hiesigen israelitischen Neligionsgemeinde eingeladen hatte. Die Weihestunde begann mit der Verlesung einer Urkunde durch den Vorsitzenden der israelitischen Religionsgemeinde Bad-Nauheim, Stadtverordneten Emil Rosenthal. Die Urkunde wurde dann zusammen mit den z. Zt. kursierenden Münzen, einer Flasche Wein, einer Mazze, sowie einem Bild der alten Synagoge und zwei Bad-Nanheimer Zeitungen in verschlossenem Kistchen in die in der Mauer eingelassene Oeffnung versenkt und zugemauert. Stadtverordneter Rosenthal tat im Anschluß die ersten drei Hammerschläge. Provinzial-Rabbiner Dr. Hirschfeld Gießen hielt darauf eine tief-religiöse, ergreifende Festansprache, in der er ansführte, alle Völker und Stämme strebten nach dem einen großen Gott, zu dessen Ruhm und Ehre auch dieses Haus erbaut werde. Der Redner sprach zum Schluß dem Vorstand der israelitischen Gemeinde und der israelitischen Gemeinde selbst den Dank dafür aus, daß sie diesen Bau ermöglicht hätten. Er dankte weiter den Vertretern von Staat und Stadt, in deren Obhut das Haus nach seiner Fertigstellung komme. Rabbiner Dr. Hirschfeld vollzog dann die drei Hammerschläge, ebenso Religionslehrer Oppenheimer und Maurermeister I. B. Hofmann, unter dessen Leitung der Ban ausgeführt wird. Von den Gästen führten zum Schluß noch Hammerschläge aus: Bürgermeister Dr. Ahl, Bad- und Knrdirektor v. Boehmer, Regierungsrat Dr. Grosholz, Pfarrer Schäfer als Vertreter der evangelischen Gemeinde und Beigeordneter Kissel im Namen der katholischen Religionsgemeinde und der Vertreter der Friedberger israelitischen Gemeinde, Seligmann. Mit dieser Zeremonie schloß der weihevolle Festakt. Die Delegiertentagung des hessischen Landesverbands der jüd. Jugendvereine am 14. Oktober in Wiesbaden gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung. Sie war getragen von dem klar herausgearbeiteten Referat Dr. Hans Kargers: „Die Arbeit der Jugend an der Neugestaltung der jüdischen Gesellschaft", an das sich eine hochstehende, anregende Aussprache anschloß. Oeffentlich verhandelt wurde ferner über einen Antrag, der Stellungnahme zu Vorgängen bei den Gründungsverhandlungen des Reichsverbandes der deutschen Juden und vom hessischen Genieindeverband fordert, sich einzusetzen für ein demokratisches Wahlrecht. Eine warmherzige, aus der Wirklichkeit heraus schöpfende Ansprache von Rabbiner Dr. Lazarus mit dem Thema: „Jüdische Jugend — ihr Sinn und ihr Schicksal" beschloß die Verhandlungen für die Oeffentlichkeit. Am Abend folgte geselliges Beisammensein in vergnügter, festlicher Stimmung. eingehender Bericht wird folgen. Dr. P. Gemeinnützige Institutionen. Die Jüdische Kinderheilstätte Bad Kreuznach (Verwaltungssitz Köln, Roonstraße 50) lenkt die Aufmerksamkeit auf die in ihrem Heim bald beginnenden Winterkuren. — Diese Kuren empfehlen sich ganz besonders für Kinder aus solchen Familien, die unter der Wohnungsnot unserer Zeit leiden. Wir weisen darauf hin, daß kürzlich in Marburg a. d. Lahn das erste, größere Jüdische Heilerziehungsheim in Deutschland für schwer erziehbare (nicht schwachsinnige) Knaben eröffnet worden ist. Das Heim steht unter sachverständiger, erzieherischer Leitung und — durch ständige Verbindung mit Fachärzten, voraussichtlich der Universitätsklinik in Marburg — auch unter fachärztlicher Aufsicht. Näheres, insbesondere auch über die Höhe der Verpflegungssätze, ist durch die Zentralwohlfahrtsstelle der israelitischen Religionsgemeinde in Mainz oder direkt durch die Heimleitung zu erfahren. Vücherschau. Rosenzweig, Franz. Jehuda Halevi. Zweiundzwanzig Hymnen und Gedichte. Deutsch. Berlin-Dahlem. Lambert Schneider. Leinen 15 RM., Leder 30 RM. Mit Ehrfurcht gegen das Werk, mit Strenge gegen sich selbst hat Rosenzweig Jehuda Halevis Hymnen und Gedichte in deutscher Sprache wiedergegeben, bewußt eigenwegig, wie er in dem ganz hervorragenden außerordentlichen Nachwort und in den Anmerkungen ausdrücklich betont. Eines ist sein Ziel: den hebräischen Text ohne Rücksicht auf Glätte oder leichte Verständlichkeit so treu wie möglich nach Metrum, Reim, Wortwahl und gedanklichem Inhalt im Deutschen wiederzugeben. — Liest man darin, so rührt es einen an mit Schauer vor Ur- Schöpferischeni: groß, tief und gewaltig strömt erstes Leben aus den Worten, die da zum Klingen gebracht werden m urtümlichen Harmonien, unantastbar und dennoch vertraut. Die vom Renaissance-Verlag herausgegebenen Nordau-Erinnerungen, nach seinen eigenen Aufzeichnungen von ferner Frau zusammengestellt, spiegeln das Bild eines Menschen von starkem Geist und gütigem Herzen. Von den „Konventionellen Lügen" und der „Krankheit des Jahrhunderts" an zeigen sie ihn im Kampf gegen vorgefaßte Meinungen und Schwächen, zeigen sie ihn auch in tätiger Bereitschaft für alles Wahre. Das Buch ist französisch geschrieben und nicht einwandfrei übersetzt; doch vermittelt es den Eindruck einer Persönlichkeit von weitläufiger Geistesweite und tiefverankerter Herzenskraft — also den Eindruck eines Menschen, den wir als einen der Unseren dankbar anerkennen. Frieda Weißmann. Der Bund Kameraden. Deutsch-jüdischer Wanderbund. Bundesblatt 1928, herausgegeben von Rudi Baer und Hermann Gerson. Trotz aller Todesanzeigen und -urteile ist die jüdische Jugendbewegung am Leben. Von Zeit zu Zeit gibt sie von ihrem Leben auch der Oeffentlichkeit Rechenschaft. So tuen es die Kameraden, über die an anderer Stelle dieses Blattes Näheres mitgeteilt wird, in ihrem Bundesblatt 1928. In einer breiten Heerschau entfalten sie ihren Bund vor unfern Augen. Zunächst schicken sie einige Ideologien als Pwniere voraus, die Wege zu bahnen und Brücken zu schlagen haben, zur deutschen Jugendbewegung, zur bündischen Erziehung, zur jüdischen Stellung und deutschen Aufgabe, zu Elternhaus und Schule. Dann marschieren die verschiedenen Gruppen des Bundes auf, die nach Altersstufen, Geschlecht oder Beruf geordnet sind. Und schließlich läßt man uns das Bundosleben im Lager 9