Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 11 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Bedrängnisse des jungen Juden van heute. Diese Erscheinungen aber hat es früher in solchem Ausmaß keineswegs gegeben. Es kommt das für die Berufswahl entscheidende 14., 16. oder 15. Lebensjahr. Hier sei weniger von den akademischen Berufen die Rede, da hier die Schwierigkeiten für den Juden gegenwärtig vielleicht nicht ganz so akut sind wie in Handel und Gewerbe. Wer weiß es noch nicht, daß dem jungen jüdischen Handlungsgehilfen von heute ein Leidensweg um seines Judeseins willen beschieden ist, wem ist es noch fremd, daß heute nicht mehr die Behörden, dafür aber die Großfirmen den Religionsvermeck in ihre Fragebogen eingefügt haben und jüdischen Bewerbern bei Anerkennung aller sonstigen Fähigkeiten allzu oft mit dem verbindlichen Ausdruck des Bedauerns begegnen? Gebrandmarkt sei in diesem Zusammenhang, daß sich solche nicht-jüdischen Arbeitgeber leider auf zahlreiche Beispiele jüdischer Standesgenossen berufen können, die sich ähnlich Verhalten. Auch das sind bittere Tatsachen, die unseren Eltern und Großeltern fremd gewesen sind. Wie war i h r Entwicklungsgang in vielen Fällen? Sre waren jung in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs. Sre lebten dabei billiger und waren schon vom ersten Gehilfenjahr an in der Lage zu sparen. Anfang der Mitte der zwanziger Jahre gründeten sie Ehe und Hausstand und errichteten mittels der eigenen Ersparnisse und etwaiger Zuwendungen der Frau ein selbständiges Geschäft. Die Gunst der Zeit, zäher Fleiß und Sparsamkeit, ermöglicht durch einen nur geringen Kostenaufwand für die Erfordernisse des Lebens, ließen jährliche Rücklagen zu, die sich langsam aber stetig in kleinere und mittlere Vermögen wandelten. Mit dieser Gewißheit konnte der junge Mann bereits a n f a n - gen, auf solche Zuversicht konnten die jungen Eheleute ihr Haus, ihre Familie ihr Glück gründen. Das alles war einmal und sei hier nur als Vergleichsmoment ohne jede Sentimentalität festgestellt. Die schwindenden Möglichkeiten einer auf gesunder Basis aufzubauenden Frühehe haben aber das gesamte jüdische Eheproblem und damit die Existenz des Judentums schwer gefährdet. Die Schicht jüdischen Reichtums ist dünn geworden. Für den jüdischen Angestellten sind die Wege zur Selbständigmachung, sei es mit eigenen Ersparnissen, sei es durch Heirat, mehr oder minder verschlossen. Die geringeren Zukunftsaussichten aber, verbunden mit einer allseitig fortschreitenden Mechanisierung der Arbeit und schwindenden Berufsfreude, rufen all jene seelischen Gefahren herbei, die mit oberflächlicher Vergnügungssucht beginnen und über Jahre eines gewöhnlich aller inneren Wahrhaftigkeit entbehrenden Sexualismus zur Mischehe — dies oft genug bei den Besseren — oder zur späten jüdischen „Vernunft"- (lies: Zweck¬ oder Berechnungs)-ehe führen, die ein ewiges Nebeneinander zweier Menschen bedeutet, ausgefüllt durch Geschäft und Vergnügen. Gewiß sind zahlreiche Beispiele dieser Art auch aus früherer Zeit vorhanden, und der von Kurt Tucholsky geschaffene Wendrinertypus ist mit all seinen Widerwärtigkeiten äußerst lebenswahr gesehen. Aber der innerlich bessere Teil der damaligen Jugend brauchte nicht diesen Weg zu gehen, er hatte die seelischen und praktischen Voraussetzungen, sich leichter dagegen zu wehren. Er konnte mit Zuversicht auf greifbaren Erfolg arbeiten, brachte ein gediegenes Erbgut jüdischer Tradition mit, vermochte in frühen Lebensjahren sein Haus zu gründen, so daß vieles ihn nicht zu quälen brauchte, was heute Problem des oder der Jugendlichen ist. Dies ist der Notschrei unserer jungen Männer und Mädchen: Wir sind gezwungen in der Schule, in der Lehre, am Schreibpult und in den Hörsälen um unsere seelische Existenz als Juden zu kämpfen, und dies angesichts eines bei ach so vielen Aelteren mehr und mehr schwindenden jüdischen Selbstbewußtseins Und Gemeinschaftsgefühls. Wir sind gezwungen, um die innere Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit unserer Beziehungen zu einander, um eine andere, höhere Würde des Menschlichen zu ringen, und dies angesichts einer unwürdigen Kulissenmoral und des Schwindens der letzten Gefühle von Achtung und Würde in den gesellschaftlichen Beziehungen bei ach so vielen Aelteren. Wir sind gezwungen, um zu einem bescheidenen Ziele zu kommen, mit unseren jungen Kräften einen Wirtschaftskampf durchzufechten, wie ihn vorangegangene Geschlechter nie gekannt baben — und dies mit den durch unseren Tribut am Kriege geschwächten körperlichen Kräften, in einer Zeit, deren Methoden uns den Sinn und Inhalt unserer eigenen Arbeit und damit ein Stück unserer Seele zu rauben drohen, und die bald nur noch eine Mindestzahl von Führenden und eine Vielzahl von dienenden Kräften kennen wird. Aber diese jugendlichen Notrufer beharren nicht bei Anklagen und sind nicht mutlos stehen geblieben. Sie haben selbst die Antwort schon gegeben. Wir klagen und jammern nicht, weder übsr die Zeit noch über die Zustände. Wir wollen bessern, denn unser ist die Zeit! Wo Zerstörung waltete, da begannen wir aufzubauen, wo Sturz droht, da stützen wir. Denn 4 trotz alledem und dennoch, wir glauben an uniere Zeit, denn wir glauben an uns selb st. Wir glauben an me Aufgabe unseres Judeseins, weil wir darin allein die Verwirklichung unseres Menschentums sehen. Darum suchen wir uns rn das Wissen und Wesen des Judentums hineinzuarbelten, schaffen hierzu Kurse, Gemeinschaften und Bünde. Wir glauben an eine bessere Moral und Würde in den Beziehungen derMerstchen. Darum wagen wir es, in unseren Gruppen und Bünden einander offen und ehrlich, in reiner Freude und Kameradschaft, tu echter Freundschaft, ins Auge zu sehen. Wir glauben daran, daß der physische und sittliche Fortbestand des Judentums von uns abhängen wird. Darum erstreben wir für uns^ die auf edler Freundschaft und wahrer Liebe gegründete jüdische Ehe, möge die wirtschaftliche Lage den Kampf um sie noch so sehr erschweren. Wir fürchten nicht den Kampf. Aber was wir verlangen müssen, nicht nur um unseretwillen, sondern um der Erhaltung und Hebung der jüdischen Gemeinschaft, das sind die Mittel, die zur äußeren Stützung unserer Aufgaben vonnöten sind. Wir fordern Verständnis und Mittel für die großen Ztele der Bünde jüdischer Jugend, an deren Spitze der überparteiliche, darum erzieherisch so wertvolle „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" steht. In Jugendgruppen stereinigen sich die Schüler und Lehrlinge, von hier aus finden sie ihre moralische und gesellschaftliche Stütze im Kampf nach außen; sie werden gestählt an Körper, Geist und Seele. In den Jugendvereinen nimmt dieser Weg seinen Fortgang, sie bilden ein Bollwerk gegen ein oberflächliches Sichverlieren an die Außenwelt. Hier werben die Voraussetzungen geschaffen für die spätere Mitarbeit an den mannigfachen geistigen, religiösen und sozialen Aufgaben innerhalb der jüdischen Gemeinde. Ein junger Mensch, der bewußt diese Wege der Jugend mitgegangen ist, wird kaum je der Gemeinschaft ganz verloren gehen. Viel kann und muß moch getan werden. Aber sollten die hierzu berufenen Körperschaften angesichts so viel hoffnungsfrohen Jugendstrebens und verheißungsvollen Aufbaus müßig die Hände in den Schoß legen? Nein, die Einsichtigen werden auch die Lauen zu überzeugen vermögen, daß diese Arbeit praktisch unterstützt werden muß, daß die großen Organisationen die Mittel zum Bau von Jugendheimen bereitstellen und die Bünde finanziell stützen müssen, daß man die Jugend zur Mitarbeit am sozialen und religiösen Aufbau in den Gemeinden zuläßt, damit die Gemeinden wieder zu lebendigen Organismen werden können. Ihr Alten, nehmt Interesse an all dieser Jugendarbeit, schickt euere Kinder in die Junggruppen und -bünde, helft mit am neuen gemeinsamen Aufbau, ihr werdet daran wieder selbst verjüngt werden und an den Wert und die Zukunft unseres Judentums glauben! Wir wollen das Beste für euch, für uns, und für unsere Zukunft! Kadimah, Bund Jüdischer Pfadfinder. Kadimah will ein Bund jüdischer Jugend sein, ein Pfadfinderbund. Damit sind schon Wesen, Ziel und Weg angedeutet. Unser Bund ist erwachsen aus dem Gefühl tiefster Verantwortlichkeit der jüdischen Jugend für die Zukunft des Judentums. „ Kadimah ist ein Erziehungsbund. Das Bildungsideal, das uns vorschwebt, ist der Pfadfinder. Der Pfadfinder ist der Mann der Tat, der stets Bereite, zu schaffen und zu helfen. Er fragt nicht lange, er drückt sich nicht vor schmutziger Arbeit, entschuldigt sich nicht mit Zeitmangel oder geht mit einem „Was geht mich das an" seiner Wege, er hilft, weil er helfen muß und weil er helfen kann. Denn der Pfadfinder geht mit offenen Augen durch die Welt, er sieht alles, das Schöne und das Häßliche, er nimmt Anteil an allem, er steht voll in der Wirklichkeit. Fern ist er von unklarer Romantik und wirren Vorstellungen. Im Bunde lernt der Pfadfinder, was Gemeinschaft bedeutet, er kennt seine Pflicht, er begreift auch die Forderungen der größeren Gemeinschaften des Lebens, des Staates und des Volkes. Im Pfadfinderbund soll sich der junge Mensch fernem individuellen, inneren Wachstum gemäß entfalten. Alles Werthafte, das in ihm steckt, soll zur Entwicklung gelangen. Der Tendenz seiner Struktur nach soll er als ein körperlich, geistig und sittlich gefestigter, freier Mensch leben und seinen Beruf rm Leben finden. Der jüdische Pfadfinder findet in sich und in feiner Umgebung noch einen besonderen Komplex, das Judentum. Dieser Komplex wird ihm bald zum Problem, an dessen Lösung er menschlich scheitern und zerbrechen kann. Wir glauben, Judentum, wie es ist, grundsätzlich bejahen zu müssen, wir müssen und wollen Juden sein. Den jungen Menschen, die zu uns kommen, wollen wir ihr Judentum entdecken helfen, wir wollen, daß sie wahre Juden werden, bewußt und stolz. Dabei lehnen wir es ab,